# taz.de -- Parlaments-Abschied: Die letzte Linke
       
       > Nach fast 20 Jahren zieht sich die Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete
       > Antje Möller aus der ersten Reihe zurück. Sie scheide nicht im Streit,
       > sagt die letzte prominente Vertreterin des ehemaligen Fundi-Flügels.
       
 (IMG) Bild: Nicht müde: Antje Möller und der Mit-Grüne Anjes Tjarks am Bürgerschaftswahlabend 2011.
       
       Am Tag vor ihrem 56. Geburtstag ist Schluss. Wenn die Grünen-Fraktion in
       der Hamburgischen Bürgerschaft am 25. März turnusgemäß ihren Vorstand neu
       wählt, stellt Antje Möller sich nicht mehr zur Wahl. Die letzte Linke in
       der ersten Reihe der Hamburger Grünen gibt ihren Vorstandsposten als
       Parlamentarische Geschäftsführerin auf, für den Rest der Legislaturperiode
       ist sie nur noch einfache Abgeordnete. „Ich will mich beruflich außerhalb
       des Parlaments neu orientieren“, sagt Möller und lässt offen, was das
       bedeutet.
       
       Ob sie zur nächsten Bürgerschaftswahl im Februar 2015 überhaupt wieder
       kandidieren will, sei noch nicht entschieden, sagt die profilierte
       Innenpolitikerin: „Ich konzentriere mich jetzt mehr auf meinen Wahlkreis
       und auf die Flüchtlingspolitik. Da gibt es reichlich zu tun.“ Das klingt,
       als könnte es für Innensenator Michael Neumann (SPD) künftig noch
       ungemütlicher werden. Denn in der Hamburger Politik ist Antje Möller dafür
       bekannt und – so sagen manche – berüchtigt, dass sie vor und sehr oft auch
       hinter den Kulissen vehement für Flüchtlinge und MigrantInnen streitet.
       
       Antje Möller wirkt nicht müde oder gar resigniert. Zur Halbzeit der
       Wahlperiode sei „einfach ein guter Zeitpunkt, andere Leute neue Impulse
       setzen zu lassen“, sagt sie. Im September wird sie 20 Jahre lang
       Bürgerschaftsabgeordnete sein, 14 Jahre davon in führenden Funktionen – als
       Fraktionsvorsitzende, als Stellvertreterin, seit 2011 als Chefin vom
       Dienst. Sowas kann schlauchen, aber es ist nicht Möllers Art, damit zu
       kokettieren oder sich zu beklagen.
       
       Sie vermisse „manchmal die inhaltliche Auseinandersetzung“, sagt sie
       stattdessen, es gebe zunehmend „weniger Debatte und mehr Flurfunk“. Für
       Möller, die ihre Worte immer mit Bedacht wählt, kommen solche Aussagen
       Unmutsäußerungen schon sehr nahe. Es gebe keinen internen Streit, stellt
       sie klar, aber Politik sei „schon weniger vorausblickend und sehr viel
       pragmatischer“ geworden.
       
       Nun weiß Möller das Machbare in der Politik durchaus zu schätzen. Aber die
       gelernte Stadt- und Regionalplanerin hat immer auch die großen Linien im
       Blick: „Man muss die Menschen einbinden, und das geht nur mit Diskurs.“
       Gerade die Volksgesetzgebung in Hamburg mit Volksentscheiden habe die
       Notwendigkeit der Debatte verstärkt, sagt Möller, das neue
       Bürgerschaftswahlrecht mit direkt gewählten Abgeordneten in den 17
       Wahlkreisen ebenfalls. Das bringe „neue Herausforderungen“ mit sich und
       erschwere Hinterzimmerpolitik – dass sie das gut findet, daran lässt Möller
       keinen Zweifel.
       
       Zu einer führenden Vertreterin der Partei-Linken – die damals noch Fundis
       hießen – wurde Möller in den 1990er Jahren: Während der rot-grünen
       Koalition 1997 bis 2001 gab es im Senat heftige Kontroversen über die harte
       Abschiebepolitik des damaligen SPD-Innensenators Hartmuth Wrocklage. Die
       damalige GAL-Fraktionschefin Möller stritt an vorderster Front und in
       nächtelangen Sitzungen für mehr Humanität – aber selten erfolgreich. Das
       belastet sie bis heute, ihren Kampfgeist aber schmälert es nicht.
       Beharrlich ist sie noch immer, was vor allem Männer manchmal anstrengend
       finden.
       
       Die große Zäsur kam 1999. Wegen des Kosovo-Krieges verließen fünf
       Abgeordnete des linken GAL-Flügels die Partei und saßen bis 2001 als
       „Regenbogen“ in der Bürgerschaft und in Opposition zu Rot-Grün. Möller
       blieb Grüne, erhielt von der taz den Titel „Restlinke“. Der Bruch damals
       sei „ein harter Einschnitt gewesen“, sagt Möller, politisch und persönlich.
       Zwei der Abgewanderten sitzen inzwischen für die Linkspartei im Plenarsaal
       des Hamburger Rathauses, Animositäten gibt es nicht.
       
       Mit der Koalition der Hamburger Grünen mit der CDU hat Möller immer ein
       wenig gefremdelt, ihre Wunschvorstellung war das nicht. Aber sie blieb
       loyal bis zum Bruch des Bündnisses – und das scheiterte 2010 eben nicht an
       ideologischen Fragen oder speziell der Innen- und Flüchtlingspolitik,
       sondern am Rücktritt Ole von Beusts und einem verlorenen Volksentscheid
       über die Schulreform.
       
       Antje Möller hat all das mitgemacht, weil sie eine leidenschaftliche
       Politikerin und eine überzeugte Grüne ist. Von ihrer Art gibt es nicht mehr
       viele.
       
       21 Feb 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Sven-Michael Veit
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