# taz.de -- Syrischer Oppositioneller über Verwaltung: „Ingenieure statt Helden“
       
       > Nader Othman, Vizepremier der oppositionellen Interimsregierung, über
       > gewählte Provinzräte, Ersatzteile und den Aufbau einer Demokratie.
       
 (IMG) Bild: Zwei Männer der Freien Syrische Armee in den Straßen von Aleppo im Januar 2015
       
       taz: Herr Othman, was tun Sie konkret für die Menschen in Syrien? 
       
       Nader Othman: Die Interimsregierung versucht, in den von der Opposition
       kontrollierten Gebieten Dienstleistungen anzubieten und eine zivile
       Verwaltung wiederaufzubauen. Nach vier Jahren haben die Leute es satt, mal
       von dieser, mal von jener Brigade regiert zu werden, sie wissen zivile
       Verwaltung sehr zu schätzen.
       
       Wo in Syrien sind Sie präsent? 
       
       Mit unseren Leuten erreichen wir etwa 40 Prozent des syrischen
       Staatsgebietes. Große Teile der Provinzen Aleppo und Idlib, Gebiete um Homs
       und Hama, im Süden die Provinzen Daraa und Quneitra, das Umland von
       Damaskus.
       
       In diesen Gebieten kämpft auch die Nusra-Front, ein Al-Qaida-Ableger. Die
       gemäßigten Rebellen unterliegen ihr inzwischen vielerorts. 
       
       Die Nusra-Front lässt unsere Mitarbeiter gewähren. Sie können vor Ort
       Stromnetze reparieren oder die Wasserversorgung wiederherstellen. Nusra
       weiß, dass unsere Leute nur kommen, um den Menschen zu helfen.
       
       Wer arbeitet in Syrien für die Interimsregierung? 
       
       Wir haben etwa 3.000 Angestellte in Syrien. Die Hälfte von ihnen sind
       Mitglieder der lokalen Räte, die anderen sind Ingenieure und Techniker. Wir
       arbeiten mit 464 Lokalen Räten und Stadtverwaltungen zusammen und haben 55
       Direktorate gegründet – für Wasser, Strom, Telekommunikation, Gesundheit
       und Bildung. Unsere Experten waren früher beim Assad-Regime angestellt. Sie
       kennen die Netzwerke, die Probleme und die Ersatzteile, die man zur
       Reparatur braucht.
       
       Wer finanziert Ihre Organisation? 
       
       Kein Land unterstützt uns direkt, wir hatten nur eine einmalige Spende von
       Katar. Natürlich gibt die Welt viel Geld aus für Syrien, aber die
       Regierungen gehen dabei lieber über große NGOs, die 40 Prozent des Geldes
       für ihre Verwaltung brauchen. Diese NGOs wollen gerne mit den lokalen Räten
       im Land arbeiten. Deshalb versuchen wir, die Räte professioneller zu machen
       und Leute auszubilden, die zur Verantwortung gezogen werden können. Dafür
       müssen sie in einem demokratischen Prozess gewählt oder ernannt werden.
       
       Wie sollen denn mitten im Krieg demokratische Strukturen entstehen? 
       
       Wir haben freie und demokratische Wahlen für acht Provinzräte organisiert.
       Als Letzter wurde der Provinzrat von Hama gewählt, das ist erst ein paar
       Wochen her. Es war ein voller Erfolg und wir sind stolz, denn die Leute
       praktizieren etwas, das ihnen jahrzehntelang verwehrt war. Eine freie Wahl
       in Syrien nach 50 Jahren Diktatur, das ist eine starke Botschaft.
       
       Wie ist das abgelaufen? 
       
       Es hat eineinhalb Jahre gedauert, denn wir haben einen langwierigen
       Auswahlprozess gestartet, um jeden ins Boot zu holen. Alle einflussreichen
       Gruppen vor Ort – ethnische, religiöse und militärische, Stämme,
       Berufsgruppen, Geschäftsleute – haben wir aufgefordert, sich zu beteiligen.
       Sie haben eine Versammlung gebildet, die dann Vertreter für den Provinzrat
       nominierte. Die Wahlen waren nach internationalen Standards transparent und
       demokratisch.
       
       Wo trafen sich die Vertreter? 
       
       Logistisch war es extrem schwierig, denn die Lage in den
       rebellenkontrollierten Gebieten ist wegen Assads Luftangriffen sehr
       unsicher. Man kann keine 400 Leute versammeln, ohne dass das Regime davon
       erfährt. Deshalb fanden die meisten Wahlen außerhalb Syriens statt, in der
       Türkei und in Jordanien. Für manche Provinzräte brauchte es drei Wahlgänge,
       das kostete jedes Mal 200.000 Dollar.
       
       200.000 Dollar pro Wahlgang? Könnte man das Geld nicht sinnvoller für
       humanitäre Hilfe verwenden? 
       
       Ein Teil des Geldes für die Wahlen haben wir von Ländern bekommen, die
       Demokratie fördern wollen. Und mit effektiven und demokratisch
       legitimierten Strukturen kann man den Menschen viel besser helfen! Früher
       gab es immer wieder Ärger und Chaos, denn manche Orte hatten drei Räte.
       Jetzt haben wir acht gewählte Provinzräte, die transparent sind und zur
       Rechenschaft gezogen werden können. Außerdem betrachten die Leute unser
       Ministerium für Lokalverwaltung jetzt als Legitimitätsquelle.
       
       Wirklich? Die Aktivisten vor Ort stehen der Interimsregierung doch zum Teil
       kritisch gegenüber. 
       
       Anfangs gab es viel Widerstand. Aber auch die Aktivisten sind Teil der
       Versammlung. Am Ende haben die Wahlen Qualität hervorgebracht. Denn die
       gewählten Vertreter suchen sich für ihr Team Leute mit professionellem,
       nicht unbedingt revolutionärem Hintergrund. Erst wollten alle, dass der
       Held der Chef ist. Aber der Held kann meistens keine technischen Probleme
       lösen. Das haben die Menschen inzwischen verstanden. Sie haben genug von
       den Revolutions- und Facebook-Helden, sie wollen jetzt kompetentes
       Personal, das den Alltag verbessert.
       
       Warum dauerte es so lange, bis die Opposition den Syrern konkret hilft? 
       
       Sie machen die Interimsregierung für die Versäumnisse der Nationalen
       Koalition verantwortlich, das ist nicht fair. Die Regierung hat bei Null
       angefangen. Wenn jemand einen Laden eröffnet, misst man den Erfolg nicht im
       ersten Jahr. Wir haben mit einer Gruppe von Ministern angefangen, sie
       mussten ein Team bilden, auf Geld warten, die internen Regularien und
       Strukturen aufbauen. Wir sind keine Regierung, die von einer früheren
       übernimmt, nein, wir hatten nichts.
       
       Jetzt sind die 50 Millionen US-Dollar aus Katar aufgebraucht, Sie stehen
       vor dem finanziellen Aus. 
       
       Ja, wir haben einen Plan, Projekte und gewisse Strukturen im Land und
       warten jetzt auf Unterstützung. Unsere höchste Priorität ist es, mit der
       Regierung nach Syrien hineinzugehen, wir warten seit Ewigkeiten auf eine
       Flugverbotszone, aber sie kommt nicht. Wir haben uns entschieden, trotzdem
       zu gehen, aber mit einem anderen Ansatz, denn es ist sehr gefährlich.
       
       Das Regime würde uns liebend gerne ausradieren, und die Sicherheit unserer
       Mitarbeiter liegt uns am Herzen. Deswegen stehen wir in engem Kontakt mit
       den Rebellen vor Ort. Die haben auch etwas gelernt – dass sie nicht
       regieren und verwalten können, sondern nur kämpfen. Deshalb begrüßen sie es
       zunehmend, wenn wir uns in ihren Gebieten um die Verwaltung kümmern. Wir
       halten uns, so gut es geht, aus den politischen Diskussionen heraus. Was
       wir wollen, ist, den Menschen helfen und Syrien als Land retten.
       
       7 Apr 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kristin Helberg
       
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