# taz.de -- Der Schlüssel zum Pogrom
       
       > Wilhelm Solms, Mitgründer der Gesellschaft für Antiziganismusforschung
       > und Literaturwissenschaftler, über dämonisierende und romantisierende
       > Bilder von Sinti und Roma in Romanen, Märchen und in der Gesellschaft
       
       VON GABRIELE GOETTLE
       
       Wilhelm Solms, Literturwissenschaftler, seit 1977 Prof. f. Neuere deutsche
       Literatur u. Mediendidaktik an d. Philipps-Univerität Marburg. 2001
       emeritiert. Er studiert Germanistik u. Musikwissenschaft an d. Univ.
       München u. an d. Hochschule f. Musik in Wien. Promotion mit Studien zu
       Goethes „West-östlicher Divan“. Seine Forschungs- u.
       Publikationsschwerpunkte sind d. Literatur d. 19. Jahrhunderts, Goethe,
       Grimms Märchen, Zigeunerbilder in d. Literatur u. Antiziganismus. Er war
       1998 Mitgründer d. „Gesellschaft für Antiziganismus-Forschung“, seit 2002
       ist er Vorsitzender. Wilhelm Solms wurde 1937 in Lich/Oberhessen geboren.
       Sein Vater war Land- u. Forstwirt auf dem Familienbesitz (1940 im Krieg
       gefallen ), die Mutter übernahm dann seine Aufgaben. Wilhelm Solms ist
       verheiratet mit einer Ärztin u. hat vier Kinder. 
       
       Ich treffe Herrn Solms in einem Hotel in Berlin, wo er sich für ein paar
       Tage aufhält, um die Gedenkstätte Sachsenhausen und die dortige Ausstellung
       über das Schicksal der ermordeten Sinti und Roma zu besuchen. „Der
       Antiziganismus“, sagt er, „reicht ja von einfachem Misstrauen, Ablehnung,
       Ausgrenzung und Vertreibung bis hin zur Verfolgung, Deportation und
       Vernichtung der ‚Zigeuner‘ durch die Nazis.“ Ich möchte gerne wissen, wie
       er zur Antiziganismusforschung kam. Er schlägt elegant die Beine
       übereinander und erzählt:
       
       „Ich habe Ende der achtziger Jahre in Marburg eine Ringvorlesung
       organisiert, und da habe ich u. a. auch Herta Müller eingeladen und ich war
       unglaublich bewegt von ihrer Lesung. Ein Jahr später, Ende Oktober 1989,
       haben wir dann eine große Tagung gemacht über die rumäniendeutsche
       Literatur, vor allem über die Aktionsgruppe Banat. Die Schriftsteller haben
       über die politische Situation in Rumänien aufgeklärt, über Verfolgungen,
       Verhaftungen, Folter, angebliche Suizide. Herta Müller erzählte von dem
       ungeheuer brutalen Vorgehen der Securitate, des rumänischen Geheimdienstes
       unter Ceausescu. Und dann bin ich mit ihr nach Rumänien gefahren, im März
       1990, wir haben dort verschiedene Interviews gemacht. Wir waren in
       Temeschwar, in Brasov, also Kronstadt, Hermannstadt usw., und während
       dieser Reise wurde ich auf das „Zigeunerproblem“ aufmerksam. Beispielsweise
       waren wir in einer chemischen Fabrik. Wir wollten Fotos machen. Es hat so
       unerträglich gestunken, uns wurde sofort schlecht. In dieser desolaten
       Fabrik haben nur Roma gearbeitet unter miserabelsten Bedingungen. Sie wurde
       später stillgelegt.
       
       Dann war ich in Bukarest, und da hat ein kleiner Junge gebettelt, er hat an
       meiner Jacke gezerrt, er war sehr lästig. Ich wollte mich schon aufregen,
       dann sagte ich mir: Moment mal! Ich habe ihm etwas Geld gegeben und bin ihm
       dann eine Stunde lang in einigem Abstand gefolgt. Was ich da gesehen habe,
       das war sehr brutal. Die Erwachsenen, Männer wie Frauen, haben ihm den
       Ellbogen ins Gesicht gerammt, ihn weggestoßen, getreten, angespuckt. Er hat
       das alles scheinbar gleichgültig hingenommen. Es war seine alltägliche
       Erfahrung. Also wie dieses Kind behandelt wurde, hat mich sehr erschüttert.
       Ich konnte das nicht vergessen. Als ich wieder in Deutschland war, hat
       Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, einen
       Aufruf gestartet zum Dialog. Dazu gab es eine Tagung im Taunus. Ich habe
       teilgenommen, auch Ines Köhler-Zülch. Sie war wissenschaftliche
       Mitarbeiterin bei der Enzyklopädie des Märchens und ist die Frau von Tilman
       Zülch, dem Vorsitzenden der Gesellschaft für bedrohte Völker – der zu den
       wichtigsten Wegbegleitern Romani Roses gehört. 25 Sinti haben an der Tagung
       teilgenommen und nur drei Nichtsinti. Ich hatte auch noch mein Manuskript
       zu Hause liegen lassen und musste frei sprechen, was natürlich Anlass zum
       Witzeln war, denn die Sinti haben ja eigentlich die Tradition der rein
       mündlichen Überlieferung. Aber ich war gut vorbereitet, und es ging
       tadellos.
       
       ## Die Moral von der Geschicht
       
       Damals war ich Vizepräsident der Europäischen Märchengesellschaft. Sie
       veranstaltet u. a. Fachtagungen und fördert die Kunst des Märchenerzählens.
       Ich habe dann eine Tagung gemacht und das Thema ‚Zigeunermärchen‘ gewählt,
       um vor allem die Märchenerzählerinnen anzulocken. Ich habe den Unterschied
       erklärt zwischen authentischen, von Roma mündlich erzählten Geschichten und
       den ‚Zigeunermärchen‘. Bei Letzteren gibt es nämlich ‚die Moral von der
       Geschicht‘, am Schluss angehängt, man nennt es das Epimythion. Und man muss
       fragen: Ist die Moral der Geschichte die Moral, die sich konsequent aus der
       erzählten Geschichte ergibt? Bei sehr vielen Märchen ist die Antwort: nein.
       Woraus bezieht also dann die Moral ihr Urteil? Sie ist das Ergebnis des
       Vorurteils des Aufzeichners, Bearbeiters, Übersetzers, der die von Roma
       erzählten Märchen also verfälscht hat. Diese Verfälschung und die
       Vorurteile werden eben immer weitergegeben, auch von unseren
       Märchenerzählerinnen. Der Daniel Strauß und andere haben dann
       Lehrerhandreichungen geschrieben, damit das auch im Unterricht Eingang
       findet. Dann hatten wir eine Podiumsdiskussion mit Lektoren und haben
       tatsächlich erreicht, dass der Rowohlt Verlag seine „Zigeunermärchen“
       eingestampft hat.
       
       Man hat sie ersetzt durch eine vierbändige Ausgabe von Märchen. Sehr
       berühmt sind die Märchen von Lajos Àmi (1886–1963). Er war der größte
       Märchenerzähler Ungarns und zugleich einer der wenigen bekannt gewordenen
       ‚Zigeuner-Erzähler‘. Lesen und schreiben hatte er nie gelernt, seinen
       großen Schatz an Märchen hat er in seinem Gedächtnis aufbewahrt. Erwähnen
       müssen Sie auch noch den besonders in Schweden berühmten Johan Dimitri
       Taikon (1879–1950), einen schwedischen Rom – er konnte 300 Zaubermärchen
       auswendig, Hunderte von Anekdoten. Wo er hinkam, so die Berichte, war es
       wie ein Volksfest. Er hat hinterher Geld gesammelt und es gespendet für
       Bildungseinrichtungen seiner Leute. Ich habe dann auch Seminare mit
       Studierenden zum Thema gemacht.
       
       Der direkte Austausch mit Sinti und Roma war mir immer sehr wichtig. Ich
       habe Daniel Strauß kennengelernt, ein großartiger Mensch. Unsere
       Zusammenarbeit ist optimal. Er hat im Dokumentations- und Kulturzentrum
       Deutscher Sinti und Roma gearbeitet, und es hat sich eine gute,
       freundschaftliche Beziehung entwickelt. Sein Vater hatte einen Zirkus, ein
       Karussell betrieben. Sie sind viel umhergereist, und der Daniel war deshalb
       in zwanzig verschiedenen Grundschulen und hat nur die Hauptschule
       absolviert. Aber was der leistet, was der kann und weiß, das ist enorm, der
       steckt so gut wie jeden Wissenschaftler in die Tasche, jeden Politiker
       sowieso! Er ist Vorsitzender des Landesverbandes der Sinti und Roma von
       Baden-Württemberg und macht sehr gute politische Arbeit. Es gibt zwei
       namhafte Sinti in Deutschland. Der eine ist Daniel Strauß, der andere ist
       Romani Rose. Daniel Strauß und ich haben in all den Jahren viel zusammen
       gemacht, zum Beispiel RomnoKher gegründet, ein Kulturhaus in Mannheim für
       Bildung und Antiziganismus. Es wurde 2007 eröffnet. Vor einem Monat hat es
       eine Kulturwoche veranstaltet, und da wurde auch zum ersten Mal an mehrere
       Personen der „Schnuckenack Reinhardt“-Preis verliehen. Auch mir wurde diese
       Ehre zuteil. Der Franz „Schnuckenack“ Reinhard (1921–2006) war Geiger und
       Komponist, sehr populär. Er war ein Vetter von Django Reinhard.
       
       ## Tsiganologie
       
       Und Daniel Strauß und ich, wir haben auch zusammen 1998 die erste
       Gesellschaft für Antiziganismusforschung in Deutschland gegründet, weil das
       Dokumentationszentrum ausschließlich Dokumentation des Völkermordes macht.
       In der Gesellschaft haben sich dann Antiziganismusforscher aus
       verschiedenen Disziplinen wie Geschichtswissenschaft, Politologie,
       Pädagogik, Europäische Ethnologie und Literaturwissenschaft
       zusammengefunden. Wir alle arbeiten ehrenamtlich. Ich habe zuvor darum
       gekämpft, die Antiziganismusforschung an der Universität zu etablieren, so
       wie es ja auch die Antisemitismusforschung gibt in Berlin. Wir haben
       gesagt, das ist eine historisch fundierte, interdisziplinäre Wissenschaft.
       Die damalige Kultusministerin von Hessen war meine Fürsprecherin, sie war
       dreimal beim Rektor, hat auf die schlimme Vergangenheit der Uni Marburg
       hingewiesen, an der ja die führenden Köpfe der Euthanasie lehrten. Dreimal
       gab es eine Ablehnung. Aber wir haben es auch alleine geschafft. Wichtig
       ist noch zu sagen, worum es bei der Antiziganismusforschung geht: Nicht die
       Sinti und Roma sind das Objekt der Forschung – wie bei der Tsiganologie,
       der ‚Zigeunerforschung‘, die an rassistische Forschung anknüpft – Objekt
       der Forschung ist die negative Einstellung der Mehrheitsbevölkerung den
       Sinti und Roma gegenüber (weiterführende Informationen:
       [1][www.antiziganismus.de], Anm. G. G.).
       
       Also man kann nichts werden mit Antiziganismusforschung, das zeigt sich
       auch am Beispiel von Udo Engbring-Romang. Ein unglaublich guter Mann, sehr
       verdienstvoll! Er ist Historiker, hat ein Standardwerk verfasst und ist so
       hoch qualifiziert, dass sie ihn rausgeboxt haben. Er ist nicht Professor
       geworden. Hat jetzt eine halbe Stelle an der Volkshochschule. Manchmal
       allerdings gibt es auch kleine Fortschritte. Der Daniel Strauß hat zum
       Beispiel erreicht, dass Baden-Württemberg einen Staatsvertrag geschlossen
       hat, als erstes Bundesland bisher. Als Vorsitzender des Landesverbands
       Deutscher Sinti und Roma hat er zusammen mit dem Ministerpräsidenten
       Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) 2013 einen Staatsvertrag unterzeichnet.
       Und dieser Staatsvertrag erkennt nicht nur an, dass Sinti und Roma seit
       mehr als 600 Jahren in diesem Land leben, sondern auch, dass sie als
       geschützte Minderheit – ebenso wie deutsche Friesen, Dänen, Sorben – ein
       Recht auf die Förderung ihrer Kultur und ihrer Sprache, der Romanes, haben.
       Und das ist nicht nur eine Versicherung, das ist auch eine Verpflichtung!
       Die fördern jetzt Forschungen über die Kultur der Sinti und Roma und über
       den Antiziganismus. Und auch diese Kulturwoche unlängst konnte mit den
       Mitteln des Staatsvertrags vom November 2013 realisiert werden.
       
       Wir müssen uns aber darüber klar sein, dass in der Gegenwart
       Fremdenfeindlichkeit und Antiziganismus wieder stark zugenommen haben.
       EU-Länder sträuben sich gegen die Zuwanderung osteuropäischer Roma aus den
       neuen Mitgliedsländern – auch von ‚Zigeunerflut‘ ist die Rede – obgleich
       sie lediglich ihr Recht als EU-Bürger auf Freizügigkeit wahrnehmen. Sie
       werden unter Generalverdacht gestellt, kriminalisiert, als Betrüger,
       Bettler, Sozialschmarotzer gekennzeichnet und nach Möglichkeit abgeschoben.
       Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es eine völlige Gleichgültigkeit
       gibt, gegenüber den elenden Lebensbedingungen der osteuropäischen
       ‚Zigeuner‘, die mit dem Untergang des Kommunismus massenhaft Arbeit und
       Lebensgrundlagen verloren haben. Ungerührt wurde 1998 die Vertreibung der
       Roma und Aschkali aus dem Kosovo bei uns hingenommen. Ebenso
       desinteressiert wird heute die Rückführung von Roma registriert. Herr
       Kretschmann, der eben noch, wie erwähnt, den Staatsvertrag unterschrieb,
       hat die Abschiebung zahlreicher abgelehnter Asylbewerber, in der Mehrheit
       Roma, nach Serbien und Mazedonien gerechtfertigt. Die entsprechende
       Gesetzesänderung war aber erst durch seine Zustimmung im Bundesrat zur
       Reform des Asylrechtes möglich geworden. Die beiden Westbalkanstaaten
       gelten – wie auch Bosnien-Herzegowina – seit Anfang November 2014 als
       „sichere Herkunftsländer“, und damit stand der Sache nichts mehr im Wege,
       obgleich in diesen Ländern die Roma massiver Diskriminierung und Verfolgung
       unterworfen sind.
       
       ## Goethes Toleranz
       
       Vor Diskriminierung sind sie allerdings auch bei uns nicht sicher. Letzte
       Umfragen in Deutschland haben eine offene Ablehnung von Sinti und Roma bei
       mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ergeben. Dabei wissen die Leute nicht
       mal, dass Sinti seit der Aufklärung einen festen Wohnsitz bei uns haben.
       Man muss sich das mal vorstellen: Mehr als 80 Prozent der befragten Sinti
       bei uns klagen über Diskriminierungserfahrungen! Die Studie von Markus End
       – ‚Antiziganismus in der deutschen Öffentlichkeit‘ – ist 2014 vom
       Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma veröffentlicht
       worden und sie beleuchtet auch die Berichterstattung in den deutschen
       Medien und im Internet. Qualitätsmedien ebenso wie Boulevardmedien
       verbreiten regelmäßig durch diskriminierende Berichte Vorurteile über Sinti
       und Roma. Auch die meist stereotype Bildauswahl bedient eifrig die
       antiziganistischen Vorurteile. Antiziganismus ist in allen Schichten der
       Gesellschaft anzutreffen. Er unterliegt nicht – ganz im Gegensatz zum
       Antisemitismus – der Political Correctness, sondern er äußert sich
       weitgehend selbstverständlich und ganz offen. Niemand hat etwas zu
       befürchten, wenn er sich negativ äußert. Antiziganismus ist eine Ideologie,
       und sie wird dann gefährlich, wenn ihr Nahrung gegeben wird. Wenn zum
       Beispiel die Regierung beschließt, dass unsichere Herkunftsländer sicher
       sind.
       
       Die Forderung nach Toleranz genügt nicht. Ich halte mich da an Goethe. Der
       sagt: ‚Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein:
       Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.‘ Toleranz kann
       jederzeit in Intoleranz umschlagen. Und ich sage deshalb, der Staat ist
       dafür verantwortlich, er hat dafür zu sorgen, dass alle Individuen seinen
       Schutz genießen, anerkannt und geachtet werden.
       
       ## Die Verbunkos-Musik
       
       Deutschland ist es den Toten und Überlebenden schuldig, sie mit besonderer
       Sorgfalt zu schützen. Und eine der Möglichkeiten, das für Sinti und Roma
       umzusetzen, ist beispielsweise das Kennenlernen ihrer großen Kultur und
       ihrer Leidensgeschichte, die zugleich unsere Geschichte ist, im
       Schulunterricht, an Universitäten usw. Ich habe das mit Erfolg in vielen
       Veranstaltungen vorgeführt. Und da zeige ich eben nicht nur ihre Musik,
       sondern auch unsere ‚Zigeunerbilder‘ in Musik und Literatur. Angefangen mit
       einem deutschen Volkslied, in dem sich so gut wie alle Klischees finden
       lassen. Jeder kennt es: ‚Lustig ist das Zigeunerleben … brauchen dem Kaiser
       kein Zins zu geben …‘ Hinter dieser Verklärung des nackten Elends wird
       versteckt, dass sie herrenlos, rechtlos und vogelfrei sind. Für vogelfrei
       erklärt wurden sie aufgrund eines bloßen Gerüchts. Als die ‚Zigeuner‘
       einwanderten, sind sie vor den Türken geflohen. Einer der Chronisten hat
       aber niedergeschrieben, die Türken hätten sie als Spione vorausgeschickt
       bei ihrem Vorstoß zur Eroberung des christlichen Abendlandes. Und dieser
       Vorwurf wurde aufgegriffen und führte ab 1498 zu den Beschlüssen des
       Reichstags, wo sie für vogelfrei erklärt und somit der Verfolgung und
       Tötung ausgeliefert wurden. Entsprechend sprunghaft nahmen die negativen
       Darstellungen in Sprichwörtersammlungen und Chroniken zu.“ (König Friedrich
       I. von Preußen erließ 1770 ein „Geschärftes Edikt wegen derer Zigeuner“ und
       ordnete an, alle festgenommenen Frauen und Männer ab dem 16. Lebensjahr
       sind zu hängen. Anm. G. G.) „Und wissen Sie, wie lange diese Erklärung, die
       sie zu Vogelfreien machte, Bestand hatte? Von 1498 bis 1860. Das
       Grundmuster der Verfemung, Dämonisierung und Verfolgung der Zigeuner zieht
       sich durch die Geschichte bis zur Gegenwart.
       
       Ein Beispiel für Musik von ‚Zigeunern‘ möchte ich aber auch erwähnen. János
       Bihari (1764–1825), ein ungarischer Rom und berühmter Geiger, hat
       unglaublich viel komponiert. Er brauchte keine Noten, andere haben es
       aufgezeichnet. Er ist ein Beispiel dafür, wie stark die Kultur der
       Minderheit die der Mehrheit beeinflusst. Er wurde sogar 1814 eingeladen, um
       vor dem Wiener Kongress zu spielen. Er hatte enormen künstlerischen
       Einfluss. Aus der Verbindung von ungarischer Musik und der Musik der
       ‚Zigeuner‘ ist im 18. Jahrhundert die mitreißende Verbunkos-Musik
       entstanden, die nicht erst Liszt und Brahms, sondern schon Haydn, Mozart
       und Beethoven inspiriert hat. Sie hat den für die Wiener Klassik typischen
       Charakter der Diskontinuität, den abrupten Wechsel von Rhythmus, Lautstärke
       und Tempo, mit geprägt. Ebenso ist der Flamenco ursprünglich aus der
       Verbindung der andalusischen, der maurischen und der Gitano-Kultur
       entstanden. Ein weiteres Beispiel für die produktive Verbindung
       verschiedener Kulturen ist der mit dem Namen von Django Reinhardt
       verbundene Jazz-Gitan, er nutzt Elemente des afroamerikanischen Jazz, des
       Valse Musette, eines französischen Walzers, des andalusischen Flamenco und
       der osteuropäischen ‚Zigeunermusik‘.
       
       ## Tanzende Zigeunerin
       
       Über die ‚Zigeunermärchen‘ habe ich vorhin ja schon kurz gesprochen, über
       die authentischen und die verfälschten mit der angehängten Moral, die damit
       ein bestimmtes ‚Zigeuner‘-Bild transportieren. Auch in der Literatur gibt
       es zahllose ‚Zigeuner‘-Bilder. Das wohl bekannteste, das uns in vielen
       Gedichten und Erzählungen und auch auf vielen Kitschgemälden begegnet, ist
       das der tanzenden, leicht verhüllten Zigeunerin. So Cervantes’ Pretiosa,
       Goethes Mignon, Mérimées Carmen und Victor Hugos Esmeralda. Ein anderes
       tritt in Form des Tiervergleichs auf: Brentanos Mitidika ist schlank ‚wie
       ein brauner Aal‘, dagegen ähnelt ihre Großmutter einem ‚Stachelschwein‘.
       Raabes ‚Zigeuner‘ streckt ‚seine linke, braune Pfote aus‘, Löns verpasst
       einer ‚Zigeunerfigur‘ ein ‚Raubtiergesicht‘. Bei Hauptmann sind die Männer
       ‚aufdringlich wie Fliegen‘ und die Frauen verhalten sich wie ‚diebische
       Raben‘. Die ‚Zigeunerin‘ in Hesses ‚Narziss und Goldmund‘ sieht aus ‚wie
       ein Fuchs oder Marder […] mit Nachtaugen‘. In Bergengrüns Erzählung ‚Die
       Zigeuner und das Wiesel‘ heißt es vom Blick des Wiesels, er sei von
       ‚zudringlicher Neugier mit ängstlicher Scheu gepaart, wie es der Wiesel und
       Zigeuner Art ist‘. Und Schnurres ‚Zigeunerjunge‘ Jenö riecht wie ein
       Wiedehopf. Diffamierendes können wir auch im ‚Till Eulenspiegel‘ von
       Hauptmann lesen : ‚Braune Rangen, halbnackte, umstanden den Wagen des
       Gauklers, jeder Diebstahl im Blick‘. Und über die ‚Zigeunerinnen‘: ‚Vetteln
       kamen heran, die wie diebische Elstern sich lauernd nieder hockten.‘ Als
       Brentano, in dessen Werken ein ganzes Dutzend ‚schöner Zigeunerinnen‘
       auftritt, 1810 in Böhmen mit Roma zusammentraf, schrieb er den Brüdern
       Grimm: ‚die Zigeuner sind alle zum Galgen reif und gar nicht romantisch‘.
       Die ‚Zigeunerbilder‘ sind ein dunkles Kapitel in der deutschen Literatur.
       
       Es gibt eigentlich nur ganz wenige Beschreibungen, die man positiv nennen
       kann. Beispielsweise Grimmelshausen in seiner ‚Courage‘, wo er mit den
       Vorurteilen der Leser spielt , oder Kleist mit seiner Gerichtsnovelle
       ‚Michael Kohlhaas‘, da hat die ‚Zigeunerin‘ der Rolle der Dea ex Machina.
       Ganz toll! Und dann finde ich auch Günter Bruno Fuchs gut. Und Johannes
       Bobrowski, ‚Levins Mühle‘. Aber der Klassiker in den Schulbüchern ist eben
       leider ‚Jenö war mein Freund‘ von Wolfdietrich Schnurre, ein schlimmes
       Ding! Gut gemeint vielleicht, aber voller althergebrachter Klischees. Ganz
       schlimm aber ist auch Martin Walsers Drehbuch zum „Tatort“-Krimi ‚Armer
       Nanosh‘ von 1988. Der Kriminalroman erschien ein Jahr später und ist
       zurückgezogen worden. Aber der „Tatort“ wird immer wieder gezeigt. Ich habe
       mal was geschrieben über die dreizehn deutschsprachigen Nobelpreisträger,
       die es gibt. Neun davon haben über ‚Zigeuner‘ geschrieben. Da gibt es z. B.
       ‚Zigeunerfreunde‘, die verkitschen, wie Hesse. Und Grass gehört übrigens
       auch dazu, er ist zwar ein Unterstützer der Sinti und Roma, aber er hat
       auch seine Zigeunerromantik, spricht immer vom ‚europäischen Volk‘. Und es
       gibt ‚Zigeunerfeinde‘ wie Hauptmann, der ist ganz schlimm! Aber es gibt
       auch ganz andere, die bei der Realität bleiben, wie die viel geschmähte
       Elfriede Jelinek, die in ihrem Stück ‚Stecken, Stab und Stangl‘ den
       Rohrbomben-Mordanschlag auf Roma im österreichischen Oberrath sehr
       ausführlich thematisiert hat. Damals, 1995, sind vier Roma ums Leben
       gekommen. Und auch Herta Müller gehört dazu, sie hat schon in den 90er
       Jahren in der FAZ einen hervorragenden Artikel geschrieben über eine Reise
       durch Rumänien und die rumänischen ‚Zigeuner‘.
       
       Zusammenfassend möchte ich sagen, sowohl die romantisierenden als auch die
       dämonisierenden oder rassistischen Bilder, die auf die ‚Zigeuner‘
       projiziert werden, sind keine objektiven Abbilder der Sinti und Roma und
       ihrer Lebensrealität. Sie sind Gegenbilder zum Bild des abhängigen,
       arbeitsamen und disziplinierten Staatsbürgers. Sie spiegeln dessen Hass,
       Neid und Sehnsucht wider, seine Ambivalenz zwischen Verachtung und
       Faszination. Himmler hat sehr gerne ‚Zigeunermusik‘ gehört und er wollte ja
       auch 30 ‚reinrassige Stämme‘ in einer Art Homeland am Südufer des
       Neusiedler Sees ansiedeln. Hitler hat das aber abgelehnt. Also
       ‚Zigeunerliebe‘ und Völkermord sind kein Gegensatz.
       
       Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch, welchen
       Niederschlag das in der Nachkriegszeit gefunden hat. Nach der
       Massenvernichtung tauchten plötzlich in den kleinbürgerlichen Schlafzimmern
       der 50er Jahre diese Wandbilder mit verlockenden Zigeunerinnen auf. Es
       handelte sich um sogenannte Schlafzimmerbilder, die man über dem Ehebett
       aufgehängte. Es wurde auf den Bildern vollkommen unbefangen eine
       ‚Zigeunererotik‘ in Szene gesetzt, eine, die man ihnen unterstellt, die
       aber in Wirklichkeit Ausdruck einer Wunschfantasie ist. Es geht um das
       verführerische und wilde Weib, verlockend und fremd zugleich. Und mit
       ziemlich entblößtem … Das habe ich auch für Literatur und Märchen
       beschrieben, dass sie gern in Lumpen gehüllt werden, weil Lumpen eben auch
       Durchblicke gestatten. Diese Schlafzimmerdekoration ist ein unglaubliches
       Beispiel dafür, wie sehr die Verbrechen des Dritten Reichs ignoriert
       wurden.
       
       ## Asoziale und Kriminelle
       
       Der Umgang mit den realen Personen, den überlebenden Sinti und Roma nach
       dem Krieg, war von keiner Einsicht in irgendeine Schuld getrübt. Zwar hatte
       man an ihnen einen Völkermord begangen, was von namhaften Historikern bis
       heute bestritten wird – bis zu einer halben Million Menschen aus aller
       Herren Länder wurden systematisch umgebracht. Dennoch hat man Überlebende,
       die aus den Lagern in die deutschen Städte und Gemeinden zurückkehrten,
       sogleich wieder polizeilich erfasst, in ‚Zigeunerlagern‘ abgesondert und
       schikaniert. Man hat sie aus der Gruppe der Opfer des Faschismus
       ausgeschlossen und damit aus der Gruppe derer, die Aussicht auf
       ‚Wiedergutmachungszahlungen‘ hatten. Viele bemühten sich vergeblich,
       Anträge wurden in der Regel negativ beschieden. Das Argument der Richter
       und Gutachter war, sie seien nicht als Ethnie verfolgt und ins KZ
       verschleppt worden, sondern als Asoziale, als Arbeitsscheue und Kriminelle.
       Im Rahmen einer Präventivmaßnahme sozusagen. Damit hat man sie dann auch
       noch betrogen und zwar doppelt: Um ihre Anerkennung als Opfer der
       NS-Rassenpolitik und um ihren Anspruch auf eine ihnen zustehende
       finanzielle ‚Wiedergutmachung‘. Beides mussten sie sich als
       Bürgerrechtsbewegung durch energische Proteste und Hungerstreiks selber
       erkämpfen. Erwähnen muss man auch noch, dass viele der NS-Täter nach dem
       Krieg wieder in Amt und Würden eingesetzt wurden, zum Beispiel bei der
       Polizei, im Justizwesen oder auch als Ärzte im öffentlichen Dienst. In
       Marburg musste der Bruder vom alten Herrn Strauß eines Tages wegen der
       ‚Wiedergutmachung‘ aufs Gesundheitsamt, und dort stand er plötzlich dem
       Arzt aus Auschwitz gegenüber.
       
       Am Schluss möchte ich noch sagen, dass in Zeiten sprunghaft ansteigender
       Fremdenfeindlichkeit deutlich gemacht werden muss, dass aus der Verbindung
       alter und neuer Vorurteile sehr schnell ein lebensgefährliches Feindbild
       entsteht und dass bei dessen Etablierung in der Mehrheitsgesellschaft Staat
       und Medien unübersehbar sekundieren.“
       
       26 Jan 2015
       
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