# taz.de -- Ein Brief an einige Leser:innen (3) : Beobachtungsstärker denn je
       
       > Wir bekommen viel Lob für unsere Corona-Berichterstattung – aber auch
       > viel Kritik. Wir versuchen, auf einiges zu antworten. Diesmal:
       > Nervosität.
       
 (IMG) Bild: Ein verqueres Schild schief zu halten unterstützt das Querdenken – mutmaßlich. Eine Frau und ihr Schild auf einer Demo in Stuttgart am 09.05.2020
       
       Von [1][JAN FEDDERSEN] 
       
       Als Redaktion erhalten wir seit vielen Jahren viel Zuspruch, ja, manchmal
       sogar Liebeserklärungen. Wenn es euch nicht gäbe! Wäre eine Redaktion ein
       einzelner Mensch und hätte ein Antlitz, würde es, hörte er diesen Satz, vor
       Demut erröten. 
       
       Ja, tatsächlich ist unser ganzes Haus – mal mehr, mal etwas weniger –
       erfüllt von einem Selbstbewusstsein, eben nicht abhängig zu sein von einem
       Konzern, von übergeordneten Gremien oder von einer Zentrale, die die
       Leitlinien vorgibt. Die taz ist die taz – und schreibt, was sie für richtig
       hält. Was aber nichts daran ändert, dass wir unsere Kolleg:innen in Schutz
       zu nehmen haben, wenn uns Post erreicht, in der von der hierzulande
       „gleichgeschalteten Presse“ die hässliche Rede ist. 
       
       Die Wahrheit, wie wir sie wahrnehmen, ist: Selbst nerdige Blättchen ganz
       rechts oder ganz links sind nicht auf einen Nenner zu bringen. Davon
       abgesehen, dass der Terminus „gleichgeschaltete Presse“ totalitären und
       tödlichen Verhältnissen wie unter dem Nationalsozialismus vorbehalten
       bleiben sollte. 
       
       ## Nicht nur eine Auffassung
       
       Dass die überregionalen Medien, auch die taz aktuell durch einen sehr
       klugen, weil fein recherchierten Text unseres Kollegen Erik Peter unter dem
       Titel „[2][Alu mit Bürgerrechtsfassade]“, die Demonstrationen wider die
       Corona-Bewegungseinschränkungen kritisch hinterfragen, ist noch kein
       Hinweis auf Gleichgeschaltetheit: womöglich nur einer auf die Bizarrität
       der pseudotapferen Grundrechtshüter im Aluhütespektrum selbst. 
       
       Das allerdings heißt nicht, dass die taz zu den Grundrechtseinschränkungen
       intern nur eine Auffassung hätte: Aber die einen sagen so, die anderen so.
       Wie es zu einer Zeitung eben gehört, die auf ihre Meinungspluralität zu
       Recht eine Menge hält. Nur bleibt uns als taz-Redaktion eben nicht
       verborgen, dass in der Bundesrepublik kein demokratie- und
       partizipationseinschüchterndes Klima wie momentan in Ungarn oder Polen
       herrscht. 
       
       Es kommt eben immer auf das Framing an – und wenn Landespolitiker in
       Nordrhein-Westfalen (Armin Laschet), Baden-Württemberg (Winfried
       Kretschmann) oder Rheinland-Pfalz (Malu Dreyer) darauf dringen, dass die
       Grenzen etwa zu Luxemburg, Frankreich, den Niederlanden oder Belgien wieder
       geöffnet werden sollen, weil EU eben wenigstens Schengengrenzenfreiheit
       heißt, dann ist das noch lange keine imperiale Strategie, sondern eine
       Idee, die viel mit Nachbarschaft zu tun hat und die die in diesen
       Bundesländern tonangebenden Politiker:innen unbedingt ernst zu nehmen haben
       – und die taz dies zu registrieren und zu berichten. 
       
       ## Corona überstrahlt alles, leider
       
       Die taz muss eben berichten, was ist. In Zusammenhänge bringend,
       erläuternd, analysierend. Ob in ökonomischer Hinsicht oder aus jenen
       Perspektiven, die oft übersehen werden. Erreichen uns Briefe, die uns eben
       für diese journalistische Arbeit am Gründlichen danken, sind diese wie
       Supersmoothies für die Seele – für die aktuell dann doch überarbeiteten
       Menschen in der Redaktion. 
       
       Ebenso sind sich alle in der Redaktion vollkommen im Klaren darüber, dass
       „Corona“ politisch alles überstrahlt, meist sogar zu Unrecht. Fragen des
       Klimawandels etwa, sie haben ein viel zu geringes Gewicht. Aber das liegt
       nicht an uns, das liegt ausschließlich an dem, was die Pandemie an Angst
       stiftet. 
       
       Etwas kühler formuliert: Wie gern würden wir journalistisch aufbereiten,
       dass „Corona“ nur eine Erfindung sei und in Wahrheit nur eine sich
       erratisch verbreitende Art der Grippe. Allein: Die Bilder, die wir
       recherchieren, besagen, dass „Corona“ eben nicht zu unterschätzen ist, im
       Gegenteil. 
       
       ## Anzeigen und Redaktion – getrennte Bereiche
       
       Wir als taz-Redaktion bilden uns insofern Tag für Tag eigene Urteile –
       unabhängig von Interessen, die an uns herangetragen werden. Das gilt auch
       für Anzeigen, für die Platz in der Zeitung und auf taz.de gekauft wird.
       Eine Leserin beschwerte sich Anfang Mai 2020 über die doppelseitige Annonce
       eines Motorenölherstellers. Muss diese in der taz sein?, fragte sie etwas
       giftig. 
       
       Wir sagen: Das Geschäft unserer Kolleg:innen in der [3][Anzeigenabteilung]
       ist das eine, das andere, als Redaktion sich nur über die Erlöse zu freuen:
       Stärken diese doch die redaktionelle Arbeit, die auf keinen Konzern, auf
       keine Firma – und schon gar nicht auf eine solche aus der Autoölbranche
       Rücksicht nimmt: Die getrennten Bereiche – Anzeigen und Redaktion – leben
       gut mit- und unabhängig voneinander. Darin sind sich, allen
       Meinungsunterschieden zum Trotz, alle seit Gründung dieser Zeitung so einig
       wie über nichts sonst.
       
       11 May 2020
       
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