# taz.de -- Reisebericht Tunesien 2019: Impressionen einer Reise in die Zivilgesellschaft Tunesiens
> Mathias Walter war im Oktober 2019 mit der taz in Tunesien und erinnert
> sich dabei an seine erste Begegnung mit dem Land 1961. Ein vergleichender
> Bericht.
(IMG) Bild: Douiret, Moschee Jemaa Kedima
Als ich vor 58 Jahren das erste Mal durch Tunesien reiste war alles
einfach: Ich war noch sehr jung, fühlte mich so arm, wie die Menschen um
mich herum, war begeistert von der Fremdartigkeit des Orients mit seinen
Minaretten, Muezzins, Souks. Die Gastfreundschaft mit einer Büchse Sardinen
bei einem freundlichen Soldaten oder einer Mischung aus Öl und Mehl bei der
Wanderung mit einer Gruppe Kameltreiber war überwältigend. Mein Bruder und
ich erkundeten das Land in der Tradition der Jugendbewegung von unten.
Wir wussten damals noch nicht, wie reich wir waren mit unserem deutschen
Pass, mit unserer Ausbildung, unseren wirtschaftlichen und
gesellschaftlichen Perspektiven und einem dynamisch wachsenden Heimatland
im Rücken. Wir machten uns nicht wirklich klar, dass wir als Deutsche so
beliebt waren, weil wir als Feinde des Koloniallandes Frankreich galten,
gegen das im Sommer 1961 in Bizerta die letzte militärische
Auseinandersetzung ausgefochten wurde.
Ankunft
Das hat sich alles sehr geändert. Am Flughafen Tunis angekommen bist du als
deutscher Tourist erst einmal die leichte Beute von schlecht bezahlten
Kellnern und Taxifahrern. Alles ist plötzlich so billig: Eine Simcard mit
25 Gigabyte Datenvolumen für nur 30 Dinar (10 Euro), ein ordentliches Essen
für zwei Personen für 70 Dinar (23 Euro), eine Taxifahrt in die Innenstadt
für 30 Dinar (wieder nur 10 Euro)! Wie reich wir sind und wie arm das Land
ist merkst du erst, wenn du mitbekommst, dass du für das Essen und die
Taxifahrt das Dreifache des üblichen Preises bezahlt hast.
Gruppe
Im Hotel Carlton an der Avenue Bourgiba trifft die Reisegruppe auf die
Leiterinnen der Reise: Edith und Renate. Man stellt sich vor: eine
Programmiererin, eine Anthropologin, ein Meereswissenschaftler, ein
Psychoanalytiker, die Betreiberin eines Umweltbüros, eine Sozialarbeiterin
und drei Lehrer*innen. Interessante Mischung. Die Gruppendynamik beginnt
nicht sofort, aber auf Dauer stellt sich heraus, dass alle doch ihre
Besonderheiten haben. Der eine mehr, die anderen weniger. Trotzdem bleiben
wir knapp zwei Wochen lang alle ziemlich manierlich und finden uns zum Teil
sogar sehr nett. Was uns eint ist die Frage, wie dieses Land Tunesien
funktioniert wohin es geht, wie die Leute leben, was in Politik und
Gesellschaft passiert.
Dafür haben Edith und Renate im Verlaufe der Reise die unterschiedlichsten
Gesprächspartner organisiert.
Gesprächspartner
Interessant sind sie alle. Aber wirklich beeindruckt bin ich von den
Anhängern Karuis. Der Geschäftsmann, der ganz ruhig und zurückhaltend
anfängt aber mit einem wütenden Ausbruch gegen die sogenannten “moderaten“
Islamisten seine Rede beendet. Der Vorsitzende der Schwulenvereinigung
Chams, der, ganz Politiker, die populistischen Aktionen Karuis als
notwendiges Übel beschreibt, das im Interesse der Sache hinzunehmen ist.
Oder meine Nachbarin im edlen Restaurant Dar El Jed. Sie ist im Weinhandel
tätig und für sie kommt nur Karui und seine Partei in Frage. Ganz anders
die Aktivisten im Jugendhaus in Tunis Le Kram und die Vertreterin der
„Femmes Démocrates“: Sie sind jung und man kann mit Ihnen nur hoffen, dass
ihre Sache Erfolg haben wird: die Modernisierung Tunesiens. Niemand spricht
sich für Kais Saied aus, der jetzt mit über 70 Prozent gewählt worden ist.
Überraschend die Unklarheit der Intellektuellen: ehemalige
Parlamentsmitglieder und Kandidaten für des neue Parlament. Sie werden in
der Präsidentenwahl „blanc“ votieren.
Alle beschreiben die Situation Tunesiens trotz oder wegen der Revolution
von 2011 als wirtschaftlich katastrophal und unterstreichen damit die
Analyse der deutschen Korrespondenten in Tunis. Aber sie sprechen alle frei
und ohne Angst vor Konsequenzen durch eine autoritäre Staatsmacht. Darin
zeigt sich das schönste Ergebnis der Revolution von 2011. Viele ihrer
Projekte werden von NGOs, der EU, der GIZ und anderen ausländischen
Organisationen ermöglicht. Der tunesische Staat investiert nicht in die
Zivilgesellschaft.
Hotels
Ein Land zeigt sich in seinen Hotels. Großstädtisch International aber
nicht zu protzig das Carlton im Zentrum des modernen Tunis für jede Art von
Touristen. Mit inzwischen schäbigem Prunk für die Reichen präsentieren sich
die Hotels in Kairouan, Gafsa und Tataouine. In Gafsa und Tataouine liegen
sie weit außerhalb der Stadtzentren, als müsste man sich vor dem Leben dort
verstecken.
Dagegen ganz mutig das Hotel Arischa in Houmt Souk. Im Gegensatz zu den all
inclusive Touristenghettos versucht man dort (wenn auch mit Baumängeln) an
die Tradition der Karawansereien anzuknüpfen. Die schönste Unterkunft
fanden wir in Douiret, wo einige Frauen die alten in Fels gehauenen
Unterkünfte der Einwohner mit viel Liebe und Herz und der Unterstützung der
Umweltorganisation ASNAP zu wohnlichen und schönen Quartieren ausgebaut
haben. Während in allen anderen Hotels die schlecht bezahlten Angestellten
im besten Fall höflich oft aber mürrisch und unfreundlich waren,
überraschten uns in Douriet unsere Gastgeberinnen mit einer völlig
ungewohnten Herzlichkeit.
Land und Leute
Vor 58 Jahren wirkte Tunesien noch sehr traditionell. Auf den Straßen
bewegten sich die Menschen auf Eseln, Kamelen und Mauleselkarren. Die auch
damals vorhandene Armut verbarg sich hinter einem orientalischen Flair und
wirkte für uns ganz natürlich. In ihren weißen Dschallabija und farbigen
Tüchern um den Kopf repräsentierten die Männer einen gewissen Stolz. An
Frauen kann ich mich in der Öffentlichkeit kaum erinnern.
Das hat sich grundlegend geändert.
Auf den Straßen dominieren neben Mittelklassewagen heute verbeulte
Lieferwagen, uralte aber noch fahrtüchtige Mofas und Mopeds und Taxis.
Neben traditionell mit Kopftüchern gekleideten Frauen sieht man vor allem
junge Frauen, die ihre Schönheit stolz zeigen. Die Männer in den Cafés und
bei den verschiedenen Arbeiten wirken dagegen oft ärmlich. Die regionalen
Unterschiede sind riesengroß. Während in Port El Kantaoui elegant gepflegte
Architektur und mediterrane Atmosphäre herrscht, zeigt sich auf den Märkten
in der Phosphatregion bei Gafsa die krasse Armut in den Ruinen einer auf
Ausbeutung der Menschen und der Natur basierenden Industrie. Überall liegt
Plastik und Müll herum. Mopeds und Mofas, oft nur noch in völlig
skelettiertem Zustand, sind die einzigen Anzeichen fortgeschrittener
Mobilität. Darauf fast nur Männer, die auf dem Markt einkaufen.
Ein anderer Gegensatz: Tunis und Kairouan. Tunis ist eine quirlige
Großstadt mit einer uralten internationalen Medina. Das Zentrum ist voller
junger Leute und in der Medina kommt man zwischen den Menschenmassen kaum
durch. Am Abend wirkt die Stadt allerdings so verlassen wie die
Fußgängerzonen in Deutschland zur gleichen Zeit. Dagegen Kairouan: Ich habe
die Stadt noch als die weiße Stadt in Erinnerung. Trotz ihrer historischen
Bedeutung ist nur noch die große Moschee und das Grab des Barbiers des
Propheten beeindruckend. Die Stadt selbst strahlt für mich nichts mehr aus.
Eine Straße von Tor zu Tor durch die Medina, ein Kamel, das Wasser in den
ersten Stock pumpt, vielleicht noch einige Moscheen, die wir nicht gesehen
haben. Kairouan war für mich ein Wunder. Davon ist nichts geblieben. Oder
habe ich das übersehen?
Die Fahrt mit dem Bus
Das Land ist ein einziger Olivenhain. Ahmed, unser Fahrer bugsiert uns mit
Vorsicht und Eleganz über die zumeist sehr guten Straßen, durch enge und
quirlige Städte, durch vom Regen überflutete und von herabgestürzten
Steinen fast blockierte Gebirgstäler. Wenn es nichts zu sehen gibt, kann
man sich in seinem Sitz beruhigt zurücklehnen und den Ausführungen Adels,
unseres Führers, zuhören. Mit klarer Stimme und verständlichem Deutsch ist
er in allen Situationen präsent, übersetzt, dirigiert, navigiert und lässt
uns witzig und immer engagiert an seinen profunden Kenntnissen teilhaben.
Wenn man mal von der einen Regenfahrt bei den Speicherburgen absieht, habe
ich die Fahrten mit dem Bus alle sehr genossen. Es gab immer etwas zu
sehen, auch wenn die Wüste noch so eintönig schien. Ich hatte das Land
nicht so grün in Erinnerung, wie es sich weitgehend präsentierte. Überall
Olivenbäume und im Süden dann noch die Dattelpalmen. Das tut den Augen gut
und revidiert das Bild vom sonnenverbrannten Wüstenstaat.
Preise, Handeln, Geld
Am Anfang zwei Rechnungen: Die zwölf Tage in der Zivilgesellschaft
Tunesiens haben mich etwas mehr als 2000 Euro gekostet. Das ist das
Jahresgehalt eines Kellners in einem Touristenhotel im Süden Tunesiens.
Wenn die Saison lang genug war und die Gäste mit dem Trinkgeld nicht allzu
knauserig waren.
Vor zwanzig Jahren musste ein Tourist für einen Dinar umgerechnet ca. 80
Eurocent bezahlen. Heute zahlt er 30 Eurocent. Das heißt, dass der Tourist
fast dreimal so reich ist und das Land in seinem Außenwert um fast zwei
Drittel verarmt ist.
Da erscheint es nur logisch, wenn der Taxifahrer vom Touristen das
Dreifache des üblichen Preises verlangt. Und ich fühle mich nicht mehr
geneppt, wenn ich für meinen einfachen Stock 50 Dinar bezahlt habe. Es
macht auch keinen Spaß mehr einen Preis auf Biegen und Brechen nach unten
zu handeln. Warum soll ich dem sowieso schon Unterlegenen noch ein paar
Cent seines Verdienstes nehmen?
Reiseleitung
Kann man Edith und Renate als „Reiseleiterinnen“ bezeichnen? Nein! Sie
waren unsere Guides in die Geschichte und Politik Tunesiens. Sie sind
Aktivistinnen der Zivilgesellschaft, mit der sie uns bekannt machen wollen.
Sie sind parteiisch und haben ihre festen Meinungen.
Das war zwar manchmal nicht ganz einfach, war aber die Voraussetzung dafür,
dass wir uns intensiv mit den Fragen auseinandersetzten, die sie uns
präsentierten: Die Rolle der Islamisten, die Stellung der Frauen, die
Situation der Homosexuellen, die Revolution von 2011 und ihre Folgen, das
Überleben der Juden in Djerba, die nach wie vor vorhandene Ausbeutung durch
die industrialisierten Länder, der Reichtum weniger und die Armut und
wirtschaftliche Perspektivlosigkeit der großen Masse, der Kampf gegen
Korruption und Kleptokratie, die politische Auseinandersetzung zwischen
Karui und Kais Saied.
11 Feb 2020
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