# taz.de -- Im Gespräch mit Bodo Ramelow: Heimat, (k)ein linkes Konzept
       
       > Der erste linke Ministerpräsident Bodo Ramelow stellt sich den Fragen
       > unserer taz-RedakteurInnen. Muss die Linke den Heimat-Begriff für sich
       > beanspruchen?
       
 (IMG) Bild: Bodo Ramelow (Linke) beim Besuch der Klosterkirche St. Maria und St. Georg in Thalbürgel
       
       von [1][ANN-KATHRIN LIEDTKE] 
       
       „Soll ich denen nach dem Mund reden? Ich rede Klartext!“ Der selbstbewusste
       Gang, seine offensive, direkte Art zu Sprechen finden – gerade im aktuellen
       Wahlkampf – viele wahrscheinlich erfrischend. Er ist der erste
       Ministerpräsident der Linkspartei und für seine GegnerInnen vermutlich
       ähnlich schwer zu fassen wie für seine ParteikollegInnen: Bodo Ramelow.
       Seit 2014 regiert Rot-Rot-Grün in Thüringen und löste damit die jahrelange
       Regentschaft der CDU ab. 
       
       Anna Lehmann und Jan Feddersen von der taz diskutierten mit dem
       thüringischen Ministerpräsidenten im Speicher Erfurt, einer alternative
       Bar, die mit Kronleuchtern, unverputzten Wänden und Kerzen an Kreuzberger
       Szenekneipen erinnert – und doch im Herzen Erfurts liegt. Die
       taz-ModeratorInnen fragten den Ministerpräsidenten: Was muss eine Partei
       wie die Linke bieten, damit sie über ihre wenigen Prozent hinaus populär
       werden kann? Was sind die Probleme in Thüringen? 
       
       Auch Thüringen hat – wie die meisten Bundesländer – mit dem Aufschwung der
       AfD zu kämpfen. Die Partei schreibt hier zweistellige Zahlen. Unbekannte
       stellten auf den Baugrund einer Moschee in Erfurt-Marbach Holzpflöcke auf,
       auf denen Teile von Schweinekadavern aufgespießt wurden und am 28. Oktober
       2015 fand auf dem Domplatz eine Kundgebung der AfD statt. Das katholische
       Bistum Erfurt schaltete daraufhin kurzerhand das Licht der Severikirche ab.
       „Keine Erleuchtung für dunkle Themen“, erklärt Ramelow das Vorgehen. „Ich
       finde, das war eine mutige Entscheidung.“ 
       
       ## Angst vor Überfremdung 
       
       Ereignisse, die besonders kurios erscheinen, wenn man bedenkt, dass die
       Migrantenquote in diesem Bundesland eine der niedrigsten in Deutschland
       ist. 
       
       „Das sind keine Rassisten, das sind keine Nazis. Da zeigen sich vor allem
       Ängste vor Benachteiligung und Überfremdung. Aber ich frage mich: Wo sind
       die denn?“, sagt Ramelow. „Manchmal schaue ich aus meinem Fenster und
       schließe eine Wette ab: Wie lange es dauert, bis jemand mit Kopftuch vorbei
       geht?“ 
       
       „Und,“ fragt Lehmann. „Wie lange dauert es?“ „Nicht lange“, antwortet der
       Ministerpräsident. „Aber das Witzige ist: wenn, dann sind es katholische
       Kopftücher.“ Lachen im Saal. Die Ängste der Bevölkerung bleiben trotz
       solcher Beobachtungen. Ernst nehmen solle man sie dennoch. 
       
       Denn geschürt wird die Angst durch Vorkommnisse wie die in der
       Silvesternacht in Köln. „Das ist ein Problem. Über organisierte
       Diebesbanden wollen Linke nie reden. Man muss darüber reden, dass Menschen
       hierher kommen, die wir nicht hier haben wollen. Das muss man aushalten“,
       meint Ramelow. 
       
       ## Ein linker Heimat-Begriff 
       
       Doch warum sind die ThüringerInnen so frustriert, wenn doch eigentlich
       alles gut läuft? Was tun, um den subjektiven Ängsten entgegenzuwirken? Ein
       Ansatz, so Moderator Jan Feddersen, könnte in der Umdeutung oder
       Vereinnahmung des Heimatbegriffs durch die Linken sein – statt diesen den
       Rechten zu überlassen. 
       
       „Linke können mit dem Begriff 'Heimat' nichts anfangen. Das habe ich selbst
       nie verstanden und halte das für einen schweren Fehler im linken Spektrum,“
       bestätigt Ramelow. „Man darf ihn nicht mit Rückwärtsgewandtheit verbinden,
       mit blond, deutsch, Schäferhund.“ 
       
       Ramelow wir noch deutlicher: „Ich rede Klartext. Wenn's sein muss sage ich
       dem Nazi: Wenn er wissen will, wer ihm seinen Arsch im Alter abwischt, dann
       muss ihm klar sein, dass er vielleicht einen Menschen mit dunkler Hautfarbe
       braucht, der ihm dabei hilft. Tut mir leid, wenn das zu direkt war. Aber so
       ist es.“ 
       
       ## Abgehängtes Thüringen? 
       
       Ramelow plädiert allerdings vor allem dafür, dass man mit Menschen, die
       sich rechter Politik gegenüber offen zeigen, im Gespräch bleiben muss. Man
       müsse sie nicht „mögen“, aber doch akzeptieren. Damit stellt sich der
       Ministerpräsident gegen viele – auch aus der eigenen Partei, die einen
       Dialog grundsätzlich ablehnen. 
       
       Ein großes Problem sieht Ramelow zudem im Abgehängt-Sein des Ostens im
       Gegensatz zu Westdeutschland. Die Löhne seien niedriger, die
       Aufstiegschancen geringer. „Die alte DDR ist wieder zu sehen!“, sagt
       Ramelow und wird energisch. „Benachteiligte Regionen in ganz Deutschland
       sollen den gleichen Anspruch haben. Wir brauchen ein
       Benachteiligungsprogramm!“ 
       
       Der linke Ministerpräsident, so wird an diesem Abend erneut deutlich, steht
       nicht stellvertretend für seine Partei. Eine Spitzenkandidatur lehne er
       dabei vollkommen ab. Landespolitik liege ihm mehr. „Ich sage, Thüringen ist
       mein Land. Hier habe ich meine Heimat gefunden.“
       
       12 Sep 2017
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ann-Kathrin Liedtke
       
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