# taz.de -- Diskussion Antisemitismus in Berlin: Die abnormale Normalität
> Angriffe gegen Juden treten auch im weltoffenen Berlin auf: Wie soll die
> Stadtgesellschaft damit umgehen?
(IMG) Bild: Gemma Michalski schildert den antisemitischen Vorfall an einer Berliner Schule auf ihren Sohn
von [1][MALAIKA RIVUZUMWAMI]
Mitten im Berliner Szenebezirk Prenzlauer Berg, wo vermeintlich die Welt
zwischen Soja-Latte und Kinderwägen absolut idyllisch ist, lädt
taz.meinland zur Diskussionsrunde ein. Nach fast fünfzig Veranstaltung
könnte dies schon Routine sein, doch das Thema des heutigen Abends ist
sensibel. In der Lounge der GLS Sprachschule soll heute über Antisemitismus
gesprochen werden. In einer Stadt mit viel Geschichte, die sich
mittlerweile als weltoffen und tolerant verkauft, bleibt trotzdem die
Frage: Ist Berlin das auch für Juden?
Den runden Tisch besetzten Marina Chernivsky, Kompetenzzentrum für
Prävention und Empowerment der [2][ZWST], Dervis Hizarci, [3][Kreuzberger
Initiative gegen Antisemitismus], Benjamin Steinitz,[4][ Recherche- und
Informationsstelle Antisemitismus], Gemma Michalski, Mutter eines
Betroffenen, Samuel Schidem, [5][Stiftung Topographie des Terrors],
Sigmount A. Königsberg, Antisemitismusbeauftragter [6][der Jüdischen
Gemeinde zu Berlin] und Julia Förster, [7][„Gesicht zeigen!“]. Jan
Feddersen, taz, moderierte den Abend.
Armin Langer von der [8][Salaam-Schalom Initiative] sagte am Nachmittag
leider aus gesundheitlichen Gründen ab.
## Kein Einzelfall: Antisemitismus in Schulen
Dass an diesem Abend nicht über lang vergangene Geschichte, sondern über
tägliche Konfrontation innerhalb der Gesellschaft gesprochen wird, ist
schon direkt zu Beginn klar. Gemma Michalski erzählt die Geschichte ihres
Sohnes, ihrer Familie. Nach einem Schulwechsel an eine Gemeinschaftsschule
in Friedenau, wird ihr Sohn von seinen Mitschüler*innen beleidigt,
attackiert und bedroht, weil er im Religionsunterricht erzählt, dass er
Jude ist.
An der Gemeinschaftsschule lernen 850 Kinder, drei von vieren haben eine
andere Muttersprache als Deutsch, etwa die Hälfte davon mit türkischen
Wurzeln oder arabischstämmig. Genau deswegen hatte die Familie die Schule
ja ausgesucht. Zuvor war der Junge auf ein Gymnasium in Potsdam gegangen.
„Er war der Einzige, der anders war“, erzählt seine Mutter. Im April dieses
Jahres zogen seine Eltern nach drei Monaten Schikane den Schlussstrich: ihr
Kind verlässt die Schule.
Unterstützung der Schule? Fehlanzeige. Immer wieder wurden sie von der
Schulleitung vertröstet. Es handele sich schließlich nur um einen
Privatstreit, Teenager eben, die Kinder müssten lernen sich zu
identifizieren, denn „ihr Kind müsse sich schließlich daran gewöhnen anders
zu sein, weil er Jude ist.“
Ein Vorfall, der mitnichten ein Einzelfall ist. Weder in Friedenau, auch
wenn es keinesfalls ein Brennpunkt ist, noch in Berlin oder in Deutschland.
Doch in die öffentlichen Debatte schafft es das Phänomen meist nur
punktuell. Zahlreiche Initiativen, NGOs und engagierte Personen arbeiten
gegen die Ideologie, doch Vorurteile scheinen tief verwurzelt zu sein.
Zudem werden sie scheinbar auch von Generation zu Generation weitergegeben.
Oder wie sonst kann es sein, das Jugendfreunde sich erst mit dem Wissen
über die eigene Religion abwenden?
Marina Chernivsky sieht genau darin eine große Problematik: „Was mich immer
wieder wütend und sprachlos macht ist, dass Jude sein scheinbar
provoziert.“
## Umgang mit Antisemitismus als zu komplex für Schulen?
Das Thema ist komplex und Ressentiments und sensationelle Berichterstattung
erschweren eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Problem. Dass
heutzutage ein israelbezogener Antisemitismus existiert, der sich an
Halbwissen über den Nahost-Konflikt entzündet und sich mit
Verschwörungstheorien vermengt, erschwert die Lage.
„Der Nahost-Konflikt hat doch nichts auf einem Berliner Schulhof zu suchen!
Das Problem ist doch, dass es eine große Akzeptanz von Antisemitismus in
unserer Gesellschaft gibt“, meint jedoch Samuel Schidem. Die Frage sei ja
schließlich auch, ob solch eine schwerwiegende politische Thematik zwischen
den Schulhofmauern überhaupt schon verstanden werden kann.
Es gäbe eine Form der Überforderung mit dem Nahost-Konflikt und der
Einwanderungssituation adäquat umzugehen, meint Benjamin Steinitz. „Wir
dokumentieren viele antisemitistische Straftaten. Die Sichtbarmachung ist
jedoch schwierig.“ Denn nach deutschem Gesetz werden diese Straftaten unter
rechtsextremistischen Taten geführt oder werden als Diskriminierung
kategorisiert. „Wer will mir den erzählen, dass ein Brandanschlag auf eine
Synagoge in Wuppertal kein Antisemitismus ist? Menschen, die den erleben,
haben doch immer noch das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen!“
Doch wo fängt man an Antisemitismus entschieden zu problematisieren und
wenn die Schule keinen Ort darstellt, wo in unserer Gesellschaft muss man
dann ansetzten? Für Julia Förster steht fest, die Schule kann aus diesem
Prozess nicht ausgeschlossen werden, denn die Schüler*innen müssen eben
genau dort abgeholt werden, wo sie stehen. „Es herrscht viel Unwissenheit
über das Thema Religion, sei es die Eigene oder von Anderen.“
Man könne die Schule als Lehrkörper nicht komplett aus seiner Verantwortung
ziehen, gleichzeitig sie auch nicht überfordert zurücklassen. Die
Lehrer*innen sind für solche Konflikte bisher auch nicht genügend
ausgebildet, zudem fehlt auch die Zeit. „Wenn ich mit Aussagen konfrontiert
werde, wie: 'Juden sind scheiße', dann kann ich nicht einfach zum nächsten
Punkt übergehen. Dann muss auch mal über den Nahost-Konflikt gesprochen
werden.“
## Frühestmögliche Sensibilisierung notwendig
Dass die Lehrkörper zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht in der Lage sind
alleine solche Debatten zu führen und zu sensibilisieren ist ein bekanntes
Problem. Nicht nur im Bereich Antisemitismus wird immer wieder die
Ausbildung und Schulung der deutschen Lehrer*innen kritisiert. Doch auch
staatliche Einrichtungen, Stiftungen und Förderungen gingen oftmals einen
falschen Ansatz an, fügt Samuel Schidem hinzu.
In seinen Augen ist eine Schule nicht nur nicht die richtige Adresse für
ein pädagogisches, sondern selbst Teil des Problems. „Es gibt so viele
'Kuschelinitiativen' in Deutschland. Wo fangen die mit ihrer Arbeit an? An
Gymnasien mit hippen und modernen Schülern. Aber wir erreichen doch nicht
die Schüler, die solche Meinungen in ihren Alltag integrieren.“
Statt sich zu erst auf einen Ort festzulegen, an welchem über die Thematik
gesprochen und aufgeklärt werden soll, muss vielleicht auch über die
Entstehung gesprochen werden. Denn scheinbar gibt es in der Gesellschaft
einen Nährboden, der viel Raum und Möglichkeiten lässt, um dieses Verhalten
entstehen zu lassen. „Wir haben eine Normalität, die abnormal ist. Dem
können wir nur mit Bildung, Beratung und Begegnung entgegenwirken“, meint
Dervis Hizarci. Um dieser Abnormalität entgegenwirken zu können, müsse mit
Vorurteilen aufgeräumt werden. Vor allem solle aber die Gesellschaft
erkennen, dass Antisemitismus nicht ein Problem von Anderen ist. Augen und
Ohren zu halten, dass müssen wir endlich lernen, wirft die Gemeinschaft
weit zurück.
Die Sensibilisierung muss sehr viel früher anfangen, immer wieder fällt das
Stichwort „Erziehung“. Auch Gemma Michalski und ihr Mann haben die
ehemalige Schule ihres Sohnes immer wieder gebeten, mit den Kindern zu
sprechen. Es ging ihnen nicht um Bestrafung, sondern um einen gemeinsamen
Weg durch Aufklärung.
Dervis Hizarci, selbst Lehrer an einer Kreuzberger Schule, sieht nicht in
solchen Fällen die Pflicht eines jeden Mitmenschen angesprochen: „Man
schützt die Schwächeren, dass ist doch die Aufgabe eines Lehrers. Wenn das
ein Lehrer nicht tut, ist die Qualifikation seines Berufs fragwürdig. Wenn
das jemand auf der Straße nicht tut, ist seine Aufgabe sich als Bürger zu
hinterfragen.“
## Prävention statt Intervention
Laut Umfragen geben mehr als 70 Prozent der Befragten Juden in Deutschland
an, im letzten Jahr körperliche Gewalt erlebt zu haben. Eine Zahl, die in
unserem Alltag keinerlei Bedeutung findet. Es wirkt, es würde hier von
einer absoluten Minderheit gesprochen werden. Auch wenn am Tisch gescherzt
wird, dass die Wahrscheinlichkeit einen jüdischen Bekannten im
Freundeskreis haben, so hoch ist wie ein Sechser im Lotto, gibt es eine
jüdische Gemeinschaft.
Doch gerade die Jugendlichen würden oftmals den Kontakt an diesen Stellen
verlieren. In Berlin beispielsweise sind etwa 60 Prozent der jüdischen
Menschen über 50 Jahre alt. „Für Teenager entsteht doch da keine Begegnung,
die Leben doch einfach nur nebeneinander her. Ja, man kann eine Moschee
besuchen, aber wo bleibt denn da der Austausch?“, merkt Sigmount A.
Königsberg an. Einer von vielen Faktoren, warum die Jugendlichen sich wenig
mit ihrer eigenen Herkunft und Glaubensfragen beschäftigen. So fällt es
auch schwer, eigenständig Vorurteile aus dem Weg zu räumen.
An diesem Abend werden viele Themenbereiche angesprochen, auf
unterschiedlichsten Ebenen diskutiert. Man merkt immer wieder: die Thematik
ist schwierig, komplex und sensibel. Prävention, Intervention und Politik -
nur wenige Schlagworte, die besprochen wurden und Taten fordern. Die
historische Angst ist ein nicht zu vergessender Grundstein. Sie wird von
Generation zu Generation weitergetragen.
Zum Abschluss soll bei all den Schwierigkeiten in die Zukunft geschaut,
Wünsche geäußert werden. Benjamin Steinitz wünscht sich mehr Schutz für die
Opfer, mehr polizeiliche Aufklärungsarbeit, Sigmount A. Königsberg mehr
Empathie für alle Gruppierungen und Marina Chernivsky eine wirksame
Reflexion über Vergangenes.
8 Sep 2017
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Malaika Rivuzumwami
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