# taz.de -- Über das Stadtbild Hagens : Wandel als Zustand?
       
       > Ein meinland-Gespräch mit den Bürger*innen Hagens über Gegenwart und
       > Zukunft der Stadt.
       
 (IMG) Bild: Erster Eindruck: Perfekt zum Durchfahren das „Tor zum Sauerland“ 
       
       von [1][THILO ADAM] 
       
       „Ich find’s phantastisch, dass Hagen die Stadt ist, die immer knapp
       verkackt“, sagt eine junge Zuhörerin zum Schluss des meinland-Gesprächs in
       Hagen. Nach einer Diskussion, in der es oft um Identität, um eine
       attraktive Erzählung für die Neue-Deutsche-Welle-Stadt ging, meint sie das
       nicht ironisch. „Am Hauptbahnhof kann man sich ja nicht nur Junkies
       anschauen, sondern auch das berühmte Fenster von Prikker“, sagt sie, „das
       wir dann an Weihnachten aber wieder nett mit Deko verhängen.“ 
       
       Der Charme konsequent vergebener Chancen: Zumindest für diesen Abend
       konnten sich gut einhundert Hagener im Kulturzentrum Pelmke darauf als
       zeitgemäßes Narrativ für ihre Stadt einigen – schmunzelnd. 
       
       ## Zwischen Postindustrie und Prädigitalisierung
       
       Hier, wo man sich regelmäßig über die Selbstverortung als Ruhrgebietler,
       Südwestfale oder Sauerländer streitet, definiert sich sonst vieles über den
       betrübten Blick zurück auf bessere Zeiten. Zwischen Postindustrie und
       Prädigitalisierung ist zurzeit also vielleicht wieder ganz Ähnliches
       spürbar, wie das, was den Mäzen, Theoretiker und Hagener Karl Ernst Osthaus
       vor gut einhundert Jahren Wandel als produktiven Zustand begreifen ließ.
       Osthaus holte nicht nur den niederländischen Jugendstilkünstler Jan Thorn
       Prikker in die Stadt, sondern prägte maßgeblich den kulturellen Aufbruch in
       die Moderne – mit einer Mischung aus Vision und Pragmatismus. 
       
       In der Pelmke gibt es viel Applaus, als der Theatermacher Werner Hahn
       ebensolchen Pragmatismus auch im Hinblick auf die aktuellen Probleme der
       Stadt fordert. „Man merkt so oft: wir haben’s eigentlich nicht im Griff“,
       sagt Hahn, „aber das darf uns nicht aufschrecken.“ 
       
       Damit spielt er auch auf die Integration von Zuwanderern an. Etwa 4600
       Menschen aus Rumänien und Bulgarien leben in Hagen, fast drei Viertel davon
       kamen erst innerhalb der letzten zwei Jahre. Das hat vor allem mit
       günstigem Wohnraum vor Ort zu tun. „Eigentümer, die lange nicht investiert
       haben, können gerade Gewinn machen“, sagt der städtische Jugendamtsleiter
       Reinhard Goldbach. Teilweise bedeute das aber miserable Wohnbedingungen für
       die neu Zugezogenen, in manchen Wohnungen fließe weder Wasser noch Strom. 
       
       ## Salat statt Melting Pot
       
       Bisher wurden drei solcher Häuser für unbewohnbar erklärt. „Ein Tropfen auf
       den heißen Stein", sagt Goldbach, „wir verschieben Probleme bloß; von
       Duisburg nach Gelsenkirchen, von Wehringhausen nach Altenhagen.“ Für seine
       Mahnung zu selbstkritischer Analyse und Besonnenheit erntet der
       Stadtvertreter in der Pelmke Beifall. Deren Geschäftsführer Jürgen Breuer
       beobachtet aber auch, „dass die Stimmung gerade kippt“. 
       
       Sein Kulturzentrum steht mitten in Wehringhausen, einem der Stadtteile, die
       besonders von Zuwanderung aus Osteuropa betroffen sind. „Die Buntröcke, die
       Zigeuner sind’s wieder gewesen“: Im Internet lese man immer mehr
       Vorverurteilungen und Hetze gegen die Neuen, sagt Breuer. Dabei hat Hagen
       als ehemalige Industriestadt eine lange Einwanderungsgeschichte. 
       
       Der Kulturmanager Ihsan Alisan, selbst aus einer Gastarbeiterfamilie,
       meint: „In der Zeit, als meine Eltern hier ankamen, waren die Menschen den
       Neuankömmlingen ohne großen Integrationsplan ausgesetzt.“ Seinem Gefühl
       nach habe Hagen damals erfolgreich eine Vorreiterrolle ausgefüllt. Aus der
       Erfahrung als Migrantenkind könne er nur „dafür werben, alle Menschen
       einzubinden und aktiv mitgestalten zu lassen“. Den interkulturellen Status
       Quo in Hagen beschreibt Alisan trotzdem lieber als „Salat“, denn als
       Melting Pot, „weil hier nichts einfach so zusammenschmilzt.“ 
       
       ## Fehlende Unterstützung für die Engagierten
       
       Außer, wie fast überall, der Kulturetat, möchte man hinzufügen. Die Stadt
       hat seit vielen Jahren massive Geldsorgen. Ein Umstand, der am runden Tisch
       der taz weitgehend ausgeklammert blieb, bis sich Rita Viehoff aus dem
       Publikum meldet. „Es wird immer weiter zusammengestrichen, ein Vorwärts
       gibt es nicht“, sagt sie. Nach über zwanzig Jahren als Leiterin des
       städtischen Kulturbüros sei sie deshalb 2012 frustriert zurückgetreten.
       „Ich finde nicht in Ordnung, dass alles auf dem Rücken der Engagierten
       ausgetragen wird“, so Viehoff. Von denen allerdings, auch das zeigt unsere
       meinland-Runde, gibt es in Hagen reichlich. 
       
       Nur ein Beispiel aus dem Publikum: Gemeinsam mit Freunden aus der
       Graffiti-Szene geht Elena Grell seit fast einem Jahr dreimal die Woche zu
       Kindern und Jugendlichen an stadtbekannten Problemplätzen. Es wird
       gespielt, gemalt, gebastelt und ganz nebenbei Deutsch gelernt. Die Gruppe
       „Kunst vor Ort“ ist nicht als Verein organisiert, die meisten sind keine
       ausgebildeten Sozialarbeiter, das Projekt gilt trotzdem als Erfolg. Jetzt
       würden sie gerne eine Jugendkunstschule gründen. 
       
       „Solche großartigen Initiativen gehen unter“ sagt Schauspieler Werner Hahn,
       der das Theater Hagen diesen Sommer nach 35 Jahren verließ, „wenn wir, die
       bestehenden Institutionen, immer nur lautstark Geld fordern“. Hinter
       Strukturen könne man sich auch verstecken, meint er. Wie Rita Viehoff
       vermisst er ein Konzept, „dass das was sich hier entwickelt auch
       langfristig tragfähig wird“. 
       
       ## Stadt als Labor 
       
       Auch, ob Eva Rapp-Fricks Ideen Zukunft haben, muss sich noch zeigen. Die
       Vorsitzende des Karl-Ernst-Osthaus-Bundes beschreibt Hagen als Labor, „hier
       kann man unter dem Mikroskop beobachten, was gesellschaftlich machbar ist“.
       Für neue Hagener Impulse will sie künftig digitale Vordenker aus ganz
       Deutschland an die hundert Jahre alten Osthaus-Stätten einladen, um dessen
       (nicht ganz belegten) Wahlspruch „Kultur durch Wandel – Wandel durch
       Kultur“ am Ort seines Wirkens zeitgemäß interpretieren zu lassen. Das
       bleibt wohl, dreist gemutmaßt, so abstrakt, wie es klingt. Zumindest
       kurzfristig dürfte aus dem Versuch keine Vision hervorgehen, die das immer
       noch dürftige Image Hagens überstrahlt. 
       
       Dass es aber vielleicht dennoch in absehbarer Zeit keine „Herausforderung“
       mehr ist hier zu bleiben (Jürgen Breuer), das lag in der Pelmke in der
       Luft. So viele Menschen aller Generationen waren gekommen, um über ihre
       Stadt zu sprechen, dass viele Wortmeldungen aus Zeitgründen nicht mehr
       gehört werden konnten. Dem Gehörten war aber zu entnehmen, dass die Hagener
       allergrößtenteils jetzt schon gerne hier leben – freiwillig. Damit
       beantwortet sich vielleicht auch die Frage nach der Hagener Identität: „Im
       kleinen Trotzdem“, sagt Ishan Alisan, „steckt unser Wir-Gefühl“.
       
        4 Sep 2017
       
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