# taz.de -- Wohnpolitik in Delmenhorst: Grundversorgung? Fehlanzeige.
       
       >  Im Delmenhorster Wollepark leben rund 200 Menschen ohne Wasser und Gas.
       > Die Bewohner*innen fühlen sich im Stich gelassen.
       
 (IMG) Bild: Wohnraum verschwindet, die Ohnmacht gegenüber der Stadt bleibt 
       
       von [1][THILO ADAM] 
       
       „Endlich kommt der Schandfleck weg“, sagte der Delmenhorster
       Oberbürgermeister Axel Jahnz (SPD) im April. Damals rückten Bagger an, um
       erste Wohnblöcke im Wollepark abzureißen. Kurz darauf stellten die
       Stadtwerke in den Blöcken 11 und 12 rund 350 Menschen Wasser und Gas
       ab,Nebenkosten waren monatelang nicht bezahlt worden. Die Folge war
       bundesweites Medieninteresse. Teilweise geriet die Berichterstattung
       hysterisch, angesichts der Bilder und Zustände, die man in Deutschland für
       ausgeschlossen hielt. 
       
       An einem Runden meinland-Tisch wollte die taz nun mit Betroffenen und
       Akteuren, mit der Stadt und Bewohner*innen über die Lage im Wollepark
       sprechen, entdramatisieren und dabei für Dialog und gegenseitiges
       Verständnis werben. Das gestaltete sich allerdings schon im Vorfeld
       schwieriger, als erwartet. 
       
       Auf der Suche nach Expert*innen zur sozialen Infrastruktur vor Ort, zu
       Sanierungsplänen und zum alltäglichen Miteinander im Wollepark stießen wir
       auf rege Gesprächsbereitschaft. Immer verbunden jedoch mit dem Bescheid,
       erst die Zusage von Vorgesetzten und der Stadt abwarten zu müssen. 
       
       ## Ein Redeverbot der Stadt 
       
       Nur ein Beispiel: Susanne Ahrens war als Vertreterin des Sanierungsträgers
       GEWOBA lange angekündigt. Keine Stunde vor Veranstaltungsbeginn dann
       plötzlich die Meldung: Sie dürfe leider nicht kommen, sehr bedauerlich,
       Gründe seien bei der Stadt zu erfragen. 
       
       Deren Pressesprecher wiederum, seit Wochen mit der taz im Austausch über
       die geplanten Gäste, erfuhr angeblich erst durch unsere Nachfrage vom
       Auftrittsverbot. Kurz: Die Suche nach Diskutierenden für den Tisch in
       Delmenhorst war so kompliziert, wie bei keiner der fast fünfzig anderen
       [2][taz.meinland-Stationen]. 
       
       Keine guten Bedingungen also für ein lösungsorientiertes Gespräch. Dennoch
       ist die Atmosphäre im Irish Pub direkt am Wollepark dann erstmal so urig
       wie herzlich. Auch zwei Roma-Familien aus den Problemblöcken sind im
       Publikum. „Schlimmer als bei Tieren“, beschreiben sie die Zustände in den
       Fluren. Exkremente und Müll gebe es überall und ohne Wasser keine
       Gelegenheit die Kinder zu waschen. Geschockt ist niemand im Raum, alle
       kennen die Bilder. 
       
       Fritz Brünjes, als Fachbereichsleiter der Stadt Delmenhorst unter anderem
       verantwortlich für die Ressorts Bauen und Planen, weist die Verantwortung
       mit Blick auf die Rechtslage von sich:„Eigentum verpflichtet. Auch wenn
       Eigentümer ihre Pflichten verletzen, haben sie immer noch Rechte.“ Die
       Stadt könne erst einschreiten, wenn „ein bestimmter Punkt“ überschritten
       sei. 
       
       Dazu werde es im Wollepark unweigerlich kommen, gibt auch Brünjes zu, nur
       sei man aktuell noch nicht soweit. Allerdings: Der Winter naht, 200
       Menschen aus den Problemblocks brauchen bis dahin eine neue Wohnung – mit
       Gas und Wasser. Die sollen immerhin, verspricht die Stadt, unter anderem
       mit Hilfe der örtlichen Wohnungsbaugesellschaft GSG rechtzeitig gefunden
       werden. 
       
       ## Das Stichwort Integration 
       
       Wie aber konnte die Lage überhaupt dermaßen eskalieren? Ein Zuhörer meint:
       „Schon vor zehn Jahren wollte ich meine Tante im Block 8 nicht mehr
       besuchen, weil alles so brüchig war.“ Reagiert hat man nur bedingt. Nummer
       8 ist inzwischen saniert, anderswo hat man das wegen unklarer, teils
       dubioser Besitzverhältnisse verpasst. 
       
       Katastrophal sind die Verhältnisse trotzdem längst nicht überall. Zumindest
       nicht im nördlichen Block von Elisabeth Moos. Kalt lässt sie der Zustand
       nur wenige Straßen weiter südlich aber auch nicht. Seit 24 Jahren wohnt die
       Russlanddeutsche hier, seit 15 ist sie Bewohnervertreterin. Die Probleme
       seien eng mit dem Stichwort Integration verknüpft. „Idioten gibt es in
       jeder Nation“, sagt sie, „natürlich auch im Wollepark. Wir dürfen aber
       nicht grundsätzlich sagen, hier leben schlechte Menschen.“ 
       
       Auch sie kam zunächst als Fremde nach Delmenhorst. Eine Erfahrung hat sie
       dabei besonders verinnerlicht: „Man muss die Menschen mischen, damit das
       Zusammenleben klappt.“ Im betroffenen Viertel gelinge das kaum. Die
       Kulturen blieben unter sich. Besonders Angebote zur Sprachförderung
       vermisst Moos heute vor Ort. 
       
       ## Das Ehrenamt allein schafft den Müll nicht weg
       
       In den letzten Jahren kamen viele Menschen aus Osteuropa in die Gebäude.
       Ihre Integration wird vor allem mit EU-Geldern finanziert, den
       erfolgreichen Antrag hat die Diakonie gestellt. Bei der ist auch Eva Bernau
       beschäftigt. Als Quartiersmanagerin arbeitet sie seit März im Wollepark,
       jeden Tag mittendrin, im Nachbarschaftsbüro. 
       
       Sie tut sich schwer, für ihre ersten Eindrücke vom Leben in den maroden
       Gebieten Worte zu finden. „Wie ein Viertel aussieht, beeinflusst stark, wie
       sich die Menschen darin verhalten“. Zwar lobt sie den „unheimlichen
       ehrenamtlichen Einsatz“ im Park, fordert aber auch: „Beim Thema Müll muss
       es voran gehen.“ 
       
       Das schlägt auch Anne Frerichs, Pfarrerin im Stadtteil Düsternort, vor.
       „Niemand ist da so empfindlich wie die Deutschen“. Vielleicht müsse die
       Stadt die nächsten paar Jahre den Müll einfach häufiger wegfahren.
       „Sauberkeit erleichtert Integration“, so ihre Hoffnung. 
       
       Aber hat der Wollepark überhaupt eine Zukunft? Zumindest die der maroden
       Blöcke scheint schon lange besiegelt. Hat die Stadt denn nun einen Plan für
       das Gebiet? Visionen verbreitet Stadtvertreter Fritz Brünjes auch am
       meinland-Tisch nicht. Es scheint, als fühle sich die Stadt in ihrer
       reagierenden Rolle wohl. „Wir dürfen das Viertel nicht in seiner Gesamtheit
       stigmatisieren“, sagt er, die Blöcke 11 und 12 klammert Brünjes in seiner
       Betrachtung dabei gerne aus. 
       
       Um Fälle wie diese in Zukunft zu vermeiden, setzt er stattdessen auf die
       neue niedersächsische Landesregierung. Ein Wohnungsaufsichtsgesetz nach
       Vorbild von NRW und Bremen solle die Stadt in die Lage versetzen,
       frühzeitig einzugreifen, wenn Eigentümer Wohnungen verfallen lassen. 
       
       Das bleibt aber vorerst Zukunftsmusik, den Menschen im Wollepark nutzt die
       Aussicht wenig. Kaum besprochen wird zudem, wie man sie in die Lage
       versetzt, ihre Vermieter für Pflichtverletzungen effektiv zur Rechenschaft
       zu ziehen. 
       
       ## Keinen Plan für den „Schandfleck“
       
       In zu vielen Fragen herrscht Ratlosigkeit. Eva Bernau beteuert glaubhaft
       die sozialen Bemühungen im Gebiet: Gemeinschaftsgarten, Fahrradwerkstatt,
       Geben-und-Nehmen-Laden, Alphabetisierungstreffs, Nähkurs; Elisabeth Moos
       erzählt von aufmüpfigen arabischen Flüchtlingskindern und hilfloser
       Polizei; Fritz Brünjes vom gescheiterten Versuch via Amtsgericht eine
       Notverwaltung einzurichten; Anne Frerichs von Ressentiments in
       Schulklassen. Niemand möchte, dass es so bleibt wie es ist, konkrete
       Veränderungspläne gibt es aber auch nicht. 
       
       Die Anwohner-Familien im Publikum werden unruhig. Stühle rücken, es wird
       getuschelt, übersetzt. Nicht nur die Jüngsten schweifen ab, wenn am Tisch
       ordnungsrechtliche Details verhandelt werden. „Ganz schön unhöflich“,
       finden manche Zuhörer*innen die wachsende Unruhe. Es gibt wohl weiterhin
       viel zu besprechen im Wollepark, in Delmenhorsts „Schandfleck“.
       
       21 Aug 2017
       
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