# taz.de -- Fernab der Vollbeschäftigung: Eine Stadt auf sozialen Irrwegen
       
       > Bremen ist bekannt für seine vier Stadtmusikanten, leider auch für die
       > erste Geige beim Thema Arbeitslosigkeit.
       
 (IMG) Bild: Wartezeiten vor dem Jobcenter? In Bremen keine Seltenheit
       
       von [1][ANNIKA MARETZKI] 
       
       Nirgends in Westdeutschland ist die Arbeitslosenzahl höher als in Bremen.
       Auch bei Minijobs und Leiharbeit ist die Hansestadt Spitzenreiter. In der
       Nähe des Bremer Hauptbahnhofs steht das Haus des Deutschen
       Gewerkschaftsbundes. Hier war taz.meinland zu Besuch, um herauszufinden:
       Was ist die Lösung? Ist Bremen auf dem sozialen Irrweg? Was ist die Zukunft
       der Arbeit? 
       
       Ideen für die Stadt gibt es bereits: Die Stärkung öffentlich geförderter
       Beschäftigung und Umverteilung durch Arbeitszeitverkürzung stehen im Raum.
       Am Runden Tisch sitzen neben Moderator Jan Feddersen lokal Engagierte:
       Annette Düring, Sprecherin des [2][DGB-Bremen], Margareta Steinrücke, von
       Attac und der [3][AG ArbeitFairTeilen], Regine Geraedts, als Vertreterin
       der [4][Arbeitnehmerkammer], Angelo Caragiuli vom Forum für Arbeit e.V. und
       Jörn Hermening, Ortsamtleiter Bremen-Hemelingen, ehemaliger
       Quartiersmanager. 
       
       ## Prekäres Leben in Bremen?
       
       Zu Beginn war man sich einig: Bremen ist lebenswert und wunderschön. Wie in
       allen größeren Städten existierten „ähnliche soziale Problemlagen“ glaubt
       Regine Geraedts, „dazu zählt auch Langzeitasarbeitslosigkeit“. Dennoch
       dürfe man die Bremer Probleme mit Langzeitarbeitslosen, Minijobber*innen
       und Leiharbeiter*innen „nicht kleiner reden, als sie sind“, fand Margareta
       Steinrücke. 
       
       „50 Ablehnungen machen etwas mit Menschen“, pflichtete Jörn Hermening bei.
       Arbeitslose seien keine homogene Masse, unter ihnen befänden sich
       promovierte Historiker und Ungelernte, 16-Jährige Realschulabsolvent*innen
       und 58-Jährige kurz vor der Rente. Diese Vielfalt zwinge zur Abkehr vom
       derzeitigen „Schubladendenken“ bei arbeitspolitischen Maßnahmen. 
       
       Auch die zunehmende soziale Entmischung zwischen den Stadtvierteln macht
       Bremen zu schaffen. Viele Kinder in den benachteiligten Quartieren wachsen
       bereits in Abhängigkeitsverhältnis zum Jobcenter auf. Der frühere Bremer
       Quartiersmanager Jörn Hermening sieht daher den Staat in der Pflicht, auch
       in sozialen Wohnungsbau in „besseren Vierteln“ sowie in die Schulen der
       benachteiligten Quartiere zu investieren. „Niemand wird in Tenever dümmer
       geboren, als in Oberneuland.“ 
       
       ## Strukturbruch und bildungspolitische Experimente
       
       Doch was sind die Ursachen für die prekäre Arbeitssituation? Laut
       DGB-Sprecherin Annette Düring haben „Stahlkrise und andere Strukturbrüche
       hier maßlos eingeschlagen“. Bremen habe Arbeitsplätze für
       Geringqualifizierte verloren, aber die Menschen sind geblieben. „Man kann
       sie ja nicht wegschicken“, stellt Regine Geraedts von der
       Arbeitnehmerkammer fest. 
       
       Es folgten bildungspolitische Experimente wechselnder Bürgerschaften. Junge
       Erwachsene bekämen Abschlüsse, „die ihren Namen nicht Wert sind“, sagt
       Annette Düring. Viele würden zudem bereits vor dem Abschluss aufgeben „und
       das in einem Land, wo Abschlüsse für den Beruf absolut notwendig sind“. Die
       zahlreichen Ungelernten sind auch in Bremen ein Großteil des Problems, ihre
       Arbeitslosigkeit verfestigt sich mit jeder weiteren Absage. 
       
       Aber auch soziokulturelle Fragen spielen eine Rolle. „Ein Junge, der in
       unserem Betrieb seine Ausbildung anfing, wurde als einziger mit einem
       Ausbildungsplatz in seiner migrantischen Community nicht gefeiert. Er hat
       seine Ausbildung nach kurzer Zeit abgebrochen“, erzählt Angelo Caragiuli. 
       
       ## Öffentliche Beschäftigungsmaßnahmen als Allheilmittel
       
       Was ist nun zu tun? Auf dem Podium herrscht Einigkeit: Der öffentliche
       Beschäftigungssektor müsse ausgeweitet werden, denn „Arbeit haben wir in
       Deutschland genug“, so Jörn Hermening. Bei öffentlichen
       Beschäftigungsmaßnahmen sei allerdings nicht an Ein-Euro-Jobs zu denken.
       Miete, Lebensunterhalt und Krankenversicherung sollten sich Arbeiter*innen
       in solchen Maßnahmen selbst erarbeiten können. 
       
       Hermening geht weiter und fordert einen „dritten Arbeitsmarkt“. Erwerbslose
       sollen beispielsweise Stadtpflege und Seniorenarbeit übernehmen und dafür
       gerecht entlohnt werden. Er kritisiert, dass befristete Maßnahmen alle
       darauf abzielten, Arbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren,
       „aber das ist nicht bei allen möglich.“ 
       
       „Es ist Quark zu denken, dass alle in öffentliche Beschäftigungsmaßnahmen
       müssen“, stimmt Regine Geraedts von der Arbeitnehmerkammer zu. Für sie ist
       Qualifizierung weiterhin der Schlüssel. Aber Umschulungen verlangen dem
       Arbeitslosen einiges an Nerven, Mühen und Geld ab. Im Durchhalten müsse man
       die Erwerbslosen deshalb finanziell unterstützen. 
       
       ## Arbeitszeitverkürzungen als Trend der Zukunft
       
       Margarete Steinrücke kritisiert die bisherigen Ansätze: „Wir haben hier in
       Bremen 500 Plätze in öffentlichen Beschäftigungsmaßnahmen bei 16.000
       Langzeitarbeitslosen.“ Sie spricht sich für einen „New Deal“ in Europa aus,
       der, ebenso wie sein historisches US-Vorbild, öffentliche
       Beschäftigungsmaßnahmen mit Arbeitszeitverkürzung über alle Lohngruppen
       hinweg kombiniert. Hierdurch solle Arbeit bei vollem Lohnausgleich
       umverteilt werden. Bereits John Maynard Keynes, so Steinrücke, habe für das
       Jahr 2030 eine 15-Stunden-Woche vorhergesagt. 
       
       Auch Angelo Caragiuli vom Forum für Arbeit e.V. sieht in der
       Arbeitszeitverkürzung eine Chance für die Zukunft. „Streben nach
       technologischem Fortschritt passiert nicht um des Fortschritts Willen,
       sondern um mit weniger Arbeitseinsatz den gleichen Wohlstand zu erhalten“,
       sagt er. Seine Forderung also: gerechtere Umverteilung. 
       
       „Aber beschäftigt das die, die jetzt nicht beschäftigt sind?” fragt Jörn
       Hermening. Langzeitarbeitslosen sei aufgrund weiterhin fehlender
       Qualifikationen damit jedenfalls nicht geholfen. Dass der gegenwärtige
       Trend hin zu kleineren, etwa Teilzeit-Beschäftigungsverhältnissen bisher
       mit geringerem Verdienst einhergeht, hält er zudem für ein ungelöstes
       Problem. 
       
       „Immer wird über uns geredet und nicht mit uns”, beklagt sich ein
       Langzeitarbeitlose aus dem Publikum. 
       
       Ein Gast aus dem Publikum fragt ebenfalls frustriert von der bisherigen
       Diskussion: „Muss eigentlich jeder arbeiten?“ Die
       Vollbeschäftigungsgesellschaft sei nicht die Lösung und auch nie das
       wissenschaftliche Ideal gewesen, meint er. Vielmehr müsse man überlegen,
       wie Erwerbslose dauerhaft sozial und kulturell an der Gesellschaft
       teilhaben könnten. 
       
       ## Bedingungsloses Grundeinkommen
       
       Dafür sei das bedingungslose Grundeinkommen, so Margarete Steinrücke, zwar
       „eine nachvollziehbare Idee“, würde aber „am Problem der fehlenden
       Anerkennung in unserer erwerbsorientierten Gesellschaft scheitern.“ Das
       Grundeinkommen sei nur in Kombination mit Arbeitsumverteilung sinnvoll. 
       
       Angelo Caragiuli merkt an: Junge Leute aus wohlhabenden Familien hätten
       bereits jetzt so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen. „Sie können
       sich leisten alles auszuprobieren“, aber sie brechen Studien und
       Ausbildungen trotzdem vermehrt ab. 
       
       Am Ende waren sich alle einig: Öffentliche Beschäftigungsmaßnahmen sind
       wünschenswert, Arbeitszeitverkürzungen unumgänglich und Qualifizierung ist
       in jedem Alter anzustreben. 
       
       Aber wie das alles politisch umsetzen? Bei der Schlussrunde geht der Blick
       gen Berlin. Margarete Steinrücke hofft auf eine Bremer Bundesratsinitiative
       zur Arbeitszeitverkürzung; Jörn Hermening fordert: „Der Bund muss bei der
       öffentlich finanzierten Beschäftigung Geld in die Hand nehmen“. Denn
       eigentlich, so sind sich alle einig, fehlt Bremen für die großen
       Investitionen eigentlich das Geld.
       
       21 Aug 2017
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Annika Maretzki
       
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