# taz.de -- Debatte: Atomausstieg: Wolkenmacher, Windräder, Wasser
> Wie lebt es sich mit dem Atomkraftwerk vor der Tür? taz.meinland hat in
> Ichenhausen nachgefragt.
(IMG) Bild: Hitzige Debatte, viele Fragen offen: Wie geht es weiter mit dem Atommeiler Gundremmingen?
von [1][MALAIKA RIVUZUMWAMI]
Die Atompfeiler mit ihren dicken Rauchwolken sieht man schon aus weiter
Ferne. Von Kindern oftmals als „Wolkenmacher“ bezeichnet, steht das
Kernkraftwerk Gundremmingen in der bayrischen Landschaft. Es ist die
leistungsstärkste und erste atomare Großanlage in Deutschland.
Doch das Atomkraftwerk ist auch aus anderen Gründen bekannt: am 13. Januar
1977 kommt es zu einem schweren Störfall. Der damals größte zivile
Atommeiler der Welt wird so verstrahlt, dass er nicht mehr genutzt werden
kann – die Ruine steht noch heute. Es war einer der schwersten
Zwischenfälle bei der Nutzung von Atomenergie in Deutschland.
Heute ist die Situation eine Andere: Block B des Kernkraftwerks läuft noch
bis Ende diesen Jahres, Block C soll erst Ende 2021 stillgelegt werden. Ein
langer und schwieriger Prozess. Immer noch bleiben Fragen offen:
Umweltorganisationen, Parteien und Einzelpersonen zweifeln daran, dass die
Sicherheit der Anlage gewährleistet werden kann.
## Wie lebt es sich mit einem Atomkraftwerk vor der Tür?
Das Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente vor Ort ist noch bis 2046
genehmigt. Doch wie lebt es sich mit einem Atomkraftwerk vor der Tür? Im
gemütlichen Gasthof Adlerwirt in Ichenhausen, im Landkreis Günzburg, traf
sich taz.meinland mit Bürger*innen aus der Region, um über verpasste
Chancen, politische Trägheit und ihr jahrelanges Engagement zu sprechen.
Zunächst erörterten die geladenen Gäste [2][Dr. Herbert Barthel] (Bund
Naturschutz in Bayern e.V. ),[3][ Georg Abt] (Stadtrat SPD in Ichenhausen),
[4][Maximilian Deisenhofer] (Kreisrat und Bezirksvorstand Bündnis 90/Die
Grünen in Schwaben) und [5][Thomas Wolf] (Mahnwache Gundremmingen) zusammen
mit Moderator [6][Torben Becker] (Redakteur taz.meinland) die momentane
Situation.
Artikel 152 der Verfassung des Freistaates Bayern besagt:“Die geordnete
Herstellung und Verteilung der wirtschaftlichen Güter zur Deckung des
notwendigen Lebensbedarfes der Bevölkerung wird vom Staat überwacht. Ihm
obliegt die Sicherstellung der Versorgung des Landes mit elektrischer
Kraft.“
## Deutschland ist ein Stromüberflussland
Bis 2021 sollen in Deutschland insgesamt sechs Atomkraftwerke abgeschaltet
werden. Viele meinen, dass in diesem sehr hoch gesteckten Ziel das
Scheitern schon vorprogrammiert ist, dass es heißt: „Wir schaffen es doch
nicht!“
In der Region Günzburg haben die Städte jahrzehntelang auf das
Atomkraftwerk gebaut. Es garantierte sichere Arbeitsplätze und dies
bedeutete damals auch ein gutes Einkommen - die Städte sind reich geworden.
Durch diesen Verlust kommen auch Ängste auf, die man ernst nehmen muss.
Einige behaupten, dass hier bald das Licht ausgeht. Denn es wird oft
beteuert, dass der Strom aus Gundremmingen tatsächlich gebraucht wird.
Deutschland hat jedoch kein Problem mit Versorgungsnot, Deutschland ist ein
Stromüberschussland. Gleichzeitig ist es aber auch einer der großen
Exporteure von Strom. Und viele meinen genau darum geht es: die Wirtschaft.
Man will den Konzernen nicht das Geschäft kaputt machen.
## Verpasste Chancen
Mittlerweile gibt es in Deutschland eine halbe Millionen Arbeitsplätze im
Bereich erneuerbare Energien. Arbeitskräfte, die den neuen Wandel mitgehen.
„Man hat in den letzten Jahren zu viele Chancen verpasst, sich auf einen
Atomausstieg einzustellen. Das kostet uns jetzt viel Zeit“, meint
Maximilian Deisenhofer.
Thomas Wolf stimmt ihm zu. Er glaubt nicht daran die Auflösung des
Zwischenlagers noch erleben zu dürfen: „Es geht ja nur darum, Geld zu
machen. Solange man mit dem AKW Geld machen kann, wird es bleiben!“
Die Suche nach Alternativen sorgt aber auch für Streit. „Was gibt es für
Alternativen, um das Licht hier brennen zu lassen?“ wird aus dem Publikum
gefragt. Die Antwort kommt prompt: Windräder. „Wie kriegen wir die Kritik
und den Hass auf die Windenergie weg, um zu zeigen das es eigentlich nur
verlorene Liebe an die Atomkraft ist?“ fragt Dr. Herbert Barthel in die
Runde.
## Warum sind Windräder nicht einfach schön?
Für Georg Abt liegt das Problem in der Sichtweise: „Warum sagen wir nicht
einfach, Windräder sind schön? Wenn man sich denkt, das ist ungefährlich
und regenerativ, muss man doch nicht von Landschaftsverschandelung
sprechen“.
Diesen Denkanstoß im ländlichen Raum durchzusetzten, wäre eine enorme
Leistung. Denn die meisten glauben, der grundsätzliche Tenor hier sei:
Windenergie wollen wir nicht. Genauso wie keinen Zubau an erneuerbaren
Energien, egal zu was man sich in Paris verpflichtet habe.
Vor allem die Bürgermeister im ländlichen Raum, würden vielem im Wege
stehen. Denn das Aufstellen von Windräder bedeutet meist erst einmal Ärger
im Ort. „In unserem Landkreis speziell“, betont jemand aus dem Publikum,
„wird es Aufstand geben“. Man müsste schon ein hohes Maß an Energie
aufwenden, um alle mit ins Boot zu holen.
## Wind vs. Wasser
Hier in Bayern sind viele noch sehr konventionell. Den Ärger will keiner.
Ein Gegenvorschlag zum Wind, kommt direkt aus dem Publikum: Warum denn
nicht auf Wasserkraft setzten, bei so vielen Seen? Aber neunzig Prozent der
Flüsse und Seen in Bayern sind mittlerweile schon verbaut.
Außerdem ist der ökologische Fußabdruck von Windenergie deutlich geringer
als der von Wasserkraft. „Wir können doch nicht anfangen, unser Land
komplett zu zerstören indem wir die Widlwassergebiete und den maximal
geschützt Raum auch noch bebauen. Das sind doch genau die Orte, wo wir mit
unseren Kindern hingehen!“, sagt ein Mann aus dem Publikum.
Man müsse sich einfach endlich dieser Aufgabe stellen und die Energiewende
angehen. Aber vernünftig. Neben den bisher wenigen Alternativen vor Ort
sorgt man sich vor allem um die Sicherheit in der Region: Schutz vor
Naturkatastrophen und terroristischen Angriffen.
## Grundremmingen ist nicht sicher
Drei Gutachten mit zwei verschiedenen Aussagen lassen Zweifel an der
Sicherheit des Siedewasser-Reaktors vom Typ Fukushima aufkommen. Ein erstes
Gutachten bezweifelte bereits 2013 die Sicherheit des größten deutschen
Atomkraftwerks. Eine zweite Untersuchung aber kam 2016 zu dem Schluss, dass
das AKW sicher ist.
Beide Untersuchungen wurden vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegeben.
Gutachten Nummer drei liegt nun vor und stellt fest: Gundremmingen ist
nicht sicher. Das von der grünen Bundestagsfraktion in Auftrag gegebene
Gutachten listet Verstöße gegen deutsche AKW-Sicherheitsanforderungen auf.
Demnach erfülle das Not- und Kühlwassersystem nicht die notwendigen
Voraussetzungen zur Störfallbeherrschung. Bei Erdbeben oder anderen starken
Erschütterungen wie bei Explosionen, Flugzeugabstürzen oder
Terrorangriffen, wäre die Gefahr einer Kernschmelze groß.
## „Das haben wir immer so gemacht“
Die Blöcke B und C sollten eigentlich gleichzeitig stillgelegt werden, doch
das Atomgesetz erlaubt nun, dass sie beide zu unterschiedlichen Zeitpunkten
abgeschaltet werden können. Technische und rechtliche Überprüfungen wurden
gefordert, doch die Genehmigung liegt nun einmal vor.
Nun können nur noch rechtliche Schritte eingeleitet werden. Doch dieser Weg
ist lang und solche und ähnliche Lösungen haben in Bayern noch nie zum
Erfolg geführt. Es wird aber vor allem kritisiert, dass man nicht früher
bei anstehenden Entscheidungen eingebunden wurde.
„ Man kann hier so gut argumentieren wie man will, es wird nicht richtig
diskutiert. Das ist doch das Problem im ländlichen Bereich. Nachher heißt
es einfach: Das haben wir immer so gemacht! Dann wird man doch dazu
gezwungen, den juristischen Weg zu gehen“, merkte eine Dame aus dem
Publikum an.
## Letzter Schritt: Bundesverfassungsgericht
Zurzeit laufen zwei Mahnverfahren vor Gericht. Eines gegen die Genehmigung
die Reaktoren zu unterschiedlichen Zeitpunkten abstellen zu lassen und ein
Antrag auf Widerruf gegen das erlaubte Zwischenlager. Gegen ein genehmigtes
AKW zu klagen, ist allerdings eine Herausforderung: „Ein Gesetz
anzufechten, geht nur übers Bundesverfassungsgericht und dazu fehlt uns die
Unterstützung und das nötige Kleingeld.“, erklärt Georg Abt.
Erst vor ein paar Tagen wurde eine neue Petition vom Bund Naturschutz in
Bayern an den Bayerischen Landtag übergeben. Eine sofortige Abstellung
beider Atomreaktoren aufgrund von unzureichender Sicherheit wird gefordert.
Die ersten Unterschriften werden schon am Abend in den Reihen gesammelt.
Um nun noch etwas zu ändern, muss der Druck aus der Bevölkerung kommen -
darüber ist man sich am runden Tisch einig. Die Kommunalpolitik hat jedoch
hier vor Ort extrem wenig Einfluss, beschwert sich Maximilian Deisenhofer.
Es würden viele Informationen vorenthalten werden, da es als ein
landespolitisches Thema eingestuft wird.
## Es lebt sich gut in der Lethargie
Daher sei vor allem die Bevölkerung gefragt. Doch für viele vor Ort sei das
Thema durch, das Interesse schon längst erloschen. Denn auch heute Abend
diskutiere man ja schließlich wieder in einer doch elitären, interessierten
Runde, merkt Georg Abt an.
Eine Dame aus dem Publikum kann dem nur zustimmen: „Das ist das
Hauptproblem. Es heißt doch immer: Ihr mit euer Schwarz-Seherei. Die Leute
verdrängen einfach. Die wollen hier leben und deswegen befassen sie sich
nicht mit dem Thema. Ein Großteil der Bevölkerung fühlt sich in ihrer
Lethargie wohl!“.
## Pläne, Wünsche und Visionen?
Eine konkrete Lösung, lässt sich an diesem Abend nicht finden. Zu viel
hängt von höherer Ebene ab, auch wenn es darauf ankommt den Druck von unten
wachsen zu lassen. Doch Wünsche und Visionen sollen mit nach Berlin
genommen werden.
Thomas Wolf hat eine Vision: Deutschland wird in Zukunft regenerativ
versorgt. „Auch wenn wir mit rasendem Tempo Mist bauen und die Jungen
später sagen werden, was wir für Idioten waren. Das geht doch alles so
einfach - der Wandel wird kommen“.
Auch Maximilian Deisenhofer hat sogar noch höher gesteckte Ziele für 2017.
Denn neben der vollständigen Stilllegung des AKW´s und einem mindestens
zehn Prozentigen Wahlergebnis im September, wünscht er sich eine Rückkehr
von taz.meinland. Letzteres lässt sich wohl am einfachsten in die Tat
umsetzten, denn wir werden Gundremmingen sicherlich nicht nur von Berlin
aus weiterhin im Auge behalten.
13 Jul 2017
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## AUTOREN
(DIR) Malaika Rivuzumwami
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