# taz.de -- Bürgerentscheid im Ländle: Äh ja, äh nein, ich mein'... Jein!
> Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus? In Nürtingen wurden die Chancen und
> Risiken direkter Demokratie auf kommunaler Ebene diskutiert.
(IMG) Bild: Weiß das „Volk“ immer besser Bescheid? In Nürtingen diskutierte taz.meinland über diese Frage
von [1][TORBEN BECKER]
Im Juni gab es im baden-württembergischen Nürtingen einen Bürgerentscheid.
Trotz aufwendiger Vorbereitungen war die Beteiligung der Bürger*innen
gering. So kamen am 10. Juli in der Alten Seegrasspinnerei, einem
alternativen Nürtinger Lebenszentrum für Klein und Groß, rund 80 Menschen
zusammen, um am Runden Tisch von taz.meinland über Versäumnisse, Chancen
und Ausblicke nach dem Bürgerentscheid zu diskutieren. Die taz.meinland
Redakteur*innen Malaika Rivuzumwami und Paul Toetzke moderierten das
Gerspäch.
Zunächst erörterten die geladenen Gäste [2][Sarah Händel] (Mehr Demokratie
e. V.), [3][Andreas Mayer-Brennenstuhl] (Initiative Nürtingen ist bunt),
[4][Florine Mahmud] (Vorsitzende Jugendrat Nürtingen) und [5][Thaddäus
Kunzmann] (Demografiebeauftragter des Landes) den Inhalt des Entscheids,
danach beteiligten sich die Besucher*innen rege am Gespräch. Gegenstand der
Abstimmung war der Bau zweier Unterkünfte für Geflüchtete, die in der Nähe
von Friedhöfen errichtet werden sollten. Die Haupteinwände gegen das
Vorhaben variierten zwischen Lärmbelästigung und menschenunwürdiger
Unterbringung.
## Ja oder Nein – Sag schon!
Bereits zu Beginn der Diskussion stellte sich heraus, dass viele
Bürger*innen mit der vereinfachten Beantwortung auf das vielschichtiges
Thema unzufrieden waren: „Dass eine sehr komplizierte Fragestellung nur mit
Ja oder Nein beantwortet werden soll, halte ich für fragwürdig“, so ein
Wortmeldung aus dem Publikum.
Viele befanden sich in einem Wahldilemma, denn sie befürworteten den Bau
der Unterkunft, nicht aber nach der vorgelegten Planung. Welche Möglichkeit
blieb den Unentschlossenen? Unabhängig vom Ausgang des Bürgerentscheids
fühlten sie ihre Positionen nicht berücksichtigt.
Florine Mahmud schilderte ihre Erfahrungen mit der Resonanz des Entscheids
bei der jugendlichen Bevölkerung der Stadt: „Ich habe mitbekommen, dass die
Menschen mit beiden Optionen nicht zufrieden waren. Es haben sich schon
mehr Menschen damit auseinandergesetzt, als die, die dann wählen waren.“
Sie vermutet, dass aus der Gefühlslage heraus viele die Abstimmung
boykottierten.
Andreas Mayer-Brennenstuhl sieht darin den Knackpunkt, denn die
Befindlichkeiten der Menschen seien natürlich sehr unterschiedlich. Um dies
zur Geltung zu bringen, rief die Initiative „Nürtingen ist bunt“ auf,
ungültig abzustimmen. Anstelle eines Kreuzes sollten die Wähler*innen den
Bürgerentscheid mit einem K wie Kompromiss versehen. Dieser Kompromiss
sollte den Grundstein für weitere Verhandlungen legen. Immerhin 3,5 %
wählten also K.
„Das ist in meinem Sinn aktive Demokratie“, so Mayer-Brennenstuhl. Darüber
hinaus fühlten sich viele der Entscheidungsberechtigten von dem Thema nicht
angesprochen, weil es in ihren Alltagsrealitäten eine geringe bis gar keine
Rolle spiele. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 30% Prozent. Die
Gegner*innen des Bauvorhabens, zumindest der bisherigen Planung, kamen auf
18%. Sie hätten 20% gebraucht, um eine neue Ausformulierung des Vorhabens
anzustoßen. Welche Bedeutung hat ein solcher Entscheid nun als
demokratisches Instrument?
## Direkte vs. Repräsentative Demokratie?
Aktive Demokratie gestalte sich zuvorderst im Gemeinderat, so Thaddäus
Kunzmann. Hingegen müsse aber gefragt werden, ob es überhaupt im
demokratischen Interesse wäre, dass eine 20%-Minderheit über eine
allgemeine Meinungsbildung bestimmen könne. Sarah Händel widersprach
beredt: „Ein 100%iges Ja. Das ist demokratisch.“ Es könne an diesem Abend
nicht darum gehen, die Modelle der direkten und der repräsentativen
Demokratie gegeneinander auszuspielen. Indes müsse man nach der optimalen
Kombinationsmöglichkeit der beiden Systeme fragen.
Fakt ist, dass demokratische Anteilnahme mehr als der zyklische
Wahlurnengang ist. Bürger*innen müssen die Chance in einer Demokratie
haben, an politischen Verhandlungsprozessen teilzuhaben. Die korrigierende
Funktion des Bürgerentscheids ist dabei aber keine absolute. Denn die
Anliegen der jeweiligen Interessensgemeinschaften werden immer von der
Gemeinschaft als Ganzes beantwortet – entweder im Ausgang des Entscheids
oder in den darauffolgenden Diskussionen. „Deswegen ist die Gefahr der
rechten Übernahme nicht groß. Denn die Gemeinschaft als Ganze trägt die
Antwort und den Ausblick auf die Zukunft“, stellte Sarah Händel fest.
Auf Politikverdrossenheit lässt sich das Thema nicht reduzieren. Vielmehr
herrsche eine „Politiker-Verdrossenheit“, so eine energische Wortmeldung
aus dem Publikum. Darin bestehe der Fluch aber auch die Chance in der
repräsentativen Demokratie. Über direkte Einflussnahme ließe sich die
Dominanz der Repräsentant*innen ausgleichen.
## Demokratie als Muskel
2016 fanden Bürgerentscheide nur in 27 - und damit in weniger als 4% der
insgesamt 1101 - Gemeinden in Baden-Württemberg statt. Das sei zu wenig um
eine direkte demokratische Kultur zu entwickeln, resümiert Sarah Händel.
„Bei der direkten Demokratie ist der Vorteil, dass wir nicht nur
Repräsentanten wählen, sondern uns immer wieder fragen, wo wir stehen.“
Auch wenn der Bürgerentscheid als Instrument nicht flächendeckend
angenommen wurde, stößt er Neues an. Ein Mann aus dem Publikum, der sich
als Gemeinderatsmitglied vorstellte, forderte, dass der Gemeinderat nicht
einfach Themen und Anliegen durchdrücken dürfe. Man müsse „immer zuerst auf
die Bürger zugehen. Das ist Demokratie.“
Bürgerentscheide bringen stets einen enormen Aufwand mit sich – sowohl
finanziell, als auch gesellschaftlich. Aber: „Der Preis für Demokratie kann
nie zu hoch sein,“ es gelte die Demokratie zu stärken und sei wichtig, dass
es nicht nur um Bürgerentscheide geht, sondern um die meinungsbildenden
Prozesse an sich, so Andreas Mayer-Brennstuhl.
Demokratie sei ein Muskel, der sich in jedem einzelnen Menschen
entwickelte. Das sei das entscheidende Kriterium dafür, inwieweit die
Bevölkerung der Souverän sei. In diesem Hinblick kann der Muskel aber nicht
ohne die notwendigen demokratischen Leibesübungen gestärkt werden. Die
Forderung des Abends war eindeutig. Für einen demokratischen
Meinungsbildungsprozess müssen alle Themen geöffnet werden. Das geeignete
Instrument hierfür sind direkte Abstimmungen, die als Korrektive in der
repräsentativen Demokratie aufgehen können.
In ihrem Abschlussplädoyer unterstrich Sarah Händel diese Balance zwischen
repräsentativer Demokratie und direkter Einflussnahme auf Bundesebene – das
große Vorbild: die Schweiz. „Je höher die Ebene der Abstimmung, desto
besser werden bei Volksbegehren partikulare Interessen integriert. Es ist
wichtig, dass wir aus der Gesellschaft heraus politische Themen einbringen
können. Hier muss jetzt was passieren – die Bevölkerung hat die Kraft, die
politische Agenda mitzubestimmen. Davon muss sie Gebrauch machen!“
11 Jul 2017
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Torben Becker
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