# taz.de -- Landflucht aus dem Hinterland: Stadt, Land, Fluss: „Dat löppt“
       
       > Verschlafene Provinz? Oberndorf an der Oste kämpft mit Landflucht und
       > Mobilität – und zeigt zivilgesellschaftliches Engagement.
       
 (IMG) Bild: Frauen übernehmen das Ruder am Runden Tisch von taz.meinland
       
       von [1][TORBEN BECKER] 
       
       Zunächst erscheint Oberndorf bei Stade als verschlafene Provinz. Doch der
       Schein trügt. taz.meinland war am 04. Juli 2017 hier, um über die Vor- und
       Nachteile des Landlebens zu diskutieren und entdeckte eine bunte Landschaft
       zivilgesellschaftlichen Engagements. 
       
       Direkt und aufgeschlossen: Der norddeutsche Schnack lässt Eis in
       Sekundenschnelle schmelzen. Hinterm Deich schmückt eine kleine Kirche den
       Dorfkern. Im Nachbarhaus leuchten eher unkonventionell Neon-Herzen und
       locken mit den Freuden der Nacht. „So was findste nur in Oberndorf“,
       versichert uns nicht ganz ohne Stolz ein Anwohner. 
       
       In Oberndorf setzen sich Initiativen und Netzwerke für regionale Wirtschaft
       und gegen Politikverdrossenheit ein. Mit taz.meinland wollen sie über ihre
       Arbeit, politische Teilhabe und regionales Selbstbewusstsein diskutieren. 
       
       Treffpunkt war die [2][Mocambo], das älteste noch im Dienst befindliche
       Fahrgastschiff der Bundesrepublik – Baujahr 1872. Bis voriges Jahr war die
       Mocambo ein altes marodes Schiff. Petra und Sven Kanje haben den Kahn aber
       in liebevoller Arbeit restauriert. Heute ankert es an der Anlegestelle in
       Oberndorf. Die Oste fließt vorbei. 
       
       Am frühen Abend hat sich das Unterdeck bereits gefüllt. Bei Wein, Bier und
       vertieften Gesprächen schaukelte man sich auf der Mocambo in
       Diskussionslaune. 
       
       ## Nicht hintenüber fallen
       
       Schon in der Vorstellungsrunde war der Tenor der Diskussionsrunde gefunden:
       Die Stärkung eines Selbstbewusstseins der Region – ein neues Wir-Gefühl,
       daran wird hier gearbeitet. Ein Plädoyer, das sich Renate Bölsche
       (Arbeitsgemeinschaft Osteland), Eleonore Lemke (BUND Cuxhaven), Monika
       Mengert (Geschäftsführerin Energie Oldendorf), Barbara Schubert
       (Dorfentwicklung Oberndorf), Edda Renelt (Kulturmühle Osten) und Ursula
       Männich-Polenz (Mitglied im Gemeinderat Oldendorf-Himmelpforten für die
       Grüne) teilten. taz.meinland-Redakteurin Malaika Rivuzumwami moderierte die
       Diskussionsrunde. 
       
       Die Frauenrunde war sich einig: Ein großes Defizit ist, dass sich im
       zivilgesellschaftlichen Bereich zwar sehr viele Frauen engagieren, diese
       aber in den Gemeinde- und Kreisräten stark unterrepräsentiert seien, so
       Renate Bölsche. Dafür müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dies
       kann nur geschehen, wenn sich mehr Menschen und insbesondere mehr Frauen in
       der Politik für die Region einbringen. Dazu gehört, dass die Männer ihren
       Frauen den Rücken stärken müssen, forderte Männich-Polenz. 
       
       Das ist die Voraussetzung, die großen Themen der Region gemeinsam zu
       bearbeiten: beispielsweise die selbstverwaltete Stromversorgung. Die
       Initiative „Regionalstrom Osteland“ möchte mit eigener Energie eine
       lebenswerte und nachhaltige Region schaffen und mitgestalten. Mit der
       Selbst- und Refinanzierung erneuerbarer Energien verspricht sich die
       Initiative im Verbund mit der lokalen Bevölkerung eine größere
       Unabhängigkeit von Großkonzernen. Diese verfolgten ohnehin den Kurs des
       neoliberalen immer „Größer, Schöner, Weiter“, so eine Wortmeldung aus dem
       Publikum. 
       
       Dörfer müssen und können aber keine Städte werden. Es sei unverhältnismäßig
       weitere Wohn- und Gewerbegebiete auszuweisen. Vielmehr müssten die
       Dorfkerne saniert und wiederbelebt werden, so Männich-Polenz. „Wir müssen
       schauen, dass auch im Dorfkern die Zukunft ist.“ Dazu gehört auch die
       digitale Infrastruktur: „Das schnelle Internet, soll ja auch hier kommen,
       ich klopfe auf Holz.“ Ungläubiges Lachen blieb hier nicht aus. 
       
       ## Osteland: Komm, mach mit!
       
       Die Lösung besteht in einem umfangreichen Netzwerk aller Initiativen und
       Aktivist*innen. So kann das Gesamtnetzwerk ein ernstzunehmender politischer
       Faktor sein und gleichsam den einzelnen Anliegen mehr Schlagkraft
       verleihen. Gleichzeitig sahen die Diskutierenden darin den Nutzen, dass das
       Osteland als ländliche Region nicht hintenüber falle. 
       
       Alles andere als abgehängt ist das Engagement im Bereich Agrar- und
       Klimawandel, der „die größte Herausforderung unserer Zeit sei“, so Eleonore
       Lemke. Sie setzt sich für eine nachhaltige Rohstoffnutzung ein und möchte
       dies auch folgenden Generationen durch Bildungs- und Jugendarbeit
       vermitteln. Denn auch für die Zukunft gilt: „Der Salat kommt nicht aus der
       Mikrowelle.“ 
       
       ## Wenn et löppt, wieso wollen dann so viele wech? 
       
       Eine Besucherin aus dem Publikum sah die marode Infrastruktur in der Region
       als wachsende Besorgnis. Es ist ruhig auf dem Land, klar. Aber
       verständlicherweise möchte niemand von der Außenwelt abgeschnitten sein –
       zustimmendes Nicken kam aus der Runde. 
       
       Des Weiteren fehlt es nach der Grund- und Schulausbildung an Institutionen,
       welche der Jugend vor Ort Perspektiven bieten. Dafür müssen sie in die
       größeren Städte. Jedoch lernen einige die ländlichen Regionen während ihren
       Ausbildungszeiten in den Großstädten schätzen und kommen wieder zurück. Das
       bringe auch frischen Wind ins Dorf, denn die Rückzügler*innen haben ein
       anderes Verständnis von Engagement als manch alte Dorfeingesessenen, so
       Männich-Polenz. 
       
       Zivilgesellschaftliches Engagement ist aber kein Selbstläufer. Auch in der
       Politik, in den Gemeinde- und Kreisräten muss dessen Mehrwert zunehmend
       geschätzt werden. Ein Gast plädierte für den konstruktiven Austausch von
       offenen Einheimischen und nicht-arroganten Zugezogenen. Ein Gleichgewicht
       zwischen Neuem und Altem muss entstehen. „Dafür müssen wir es schaffen,
       auch die Alteingesessenen mitzunehmen.“ 
       
       ## Man kennt sich
       
       Schnell bekommt man hier ein Gespür für das Wir-Gefühl der
       Dorfgemeinschaften. Man kennt und schätzt sich. Auch wenn an diesem Abend
       die letzten Gesprächsfetzen über der Oste verhallen, wird man weiterhin von
       den vielen Engagierten aus dem Osteland hören. 
       
       Mit Forderungen und Appellen an die taz und die politische Großstadt im
       Gepäck verließen wir Oberndorf und seine Ader des Lebens. Abschließend kam
       der Appell aus dem Publikum, dass sich kein Städter eigenständig für die
       ländliche Region einsetzen würde, das müsse aus eigenem Antrieb geschehen.
       Was in der Stadt jedoch passieren muss, ist, aufmerksam auf das
       überregionale Gewicht der lokalen Initiativen zu machen. Hierfür wollen wir
       von taz.meinland weiterhin ein Bewusstsein schaffen.
       
        6 Jul 2017
       
       ## LINKS
       
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