# taz.de -- Rheinland-Pfalz gegen Baden-Württemberg: (K)eine Brücke schlagen
> Bauen oder nicht bauen? Eine Brücke sorgt für Streit: die badische Stadt
> Karlsruhe kämpft um eine gemeinsame Lösung.
(IMG) Bild: Brücken statt Mauern bauen: In Karlsruhe streitet man über den Bau einer neuen Rheinbrücke
von [1][PAUL TOETZKE]
Schon beim Fahren durch die Innenstadt Karlsruhe fällt der immense Verkehr
auf. Eine Baustelle reiht sich an die nächste – Straßensanierung,
Gleisausbau, Umleitungen. Für viele Berufspendler ist der Verkehr in der
baden-württembergischen Stadt zum Problem geworden. Ein Großteil von ihnen
kommt zudem aus den benachbarten Orten in Rheinland-Pfalz. Und nicht jeder
kann auf den öffentlichen Verkehr oder das Fahrrad ausweichen.
Seit Jahren wird deshalb über eine zweite Rheinbrücke diskutiert. So soll
sich der Verkehr besser verteilen und eine Sanierung der alten Brücke
möglich gemacht werden. Doch nicht alle sind von der Idee begeistert.
Umweltschützer und Anwohner protestieren gegen den Bau einer neuen Brücke,
deren Kosten noch immer nicht klar sind. Sie fordern stattdessen einen
Ausbau und eine Verbesserung des öffentlichen Verkehrs.
## Gegner und Befürworter an einem Tisch
Wie geht es weiter? Kann es einen Kompromiss geben? taz.meinland war zu
Besuch in Karlsruhe-Knielingen, nur unweit der umstrittenen Rheinbrücke, um
mit den Menschen aus der Region über diese Fragen zu diskutieren. Im
Brauhaus 2.0 versammelten sich Experten, Interessierte, jung und alt
gemischt – knapp 100 Menschen insgesamt. Viele der Gäste hatten sich
vorbereitet, in ihren Händen Ordner, Dokumente mit aktuellen Zahlen zum
Thema – das offensichtlich immer noch für großen Andrang sorgt.
Am runden Tisch saßen sowohl Befürworter als auch Gegner einer weiteren
Rheinbrücke. Schon im Vorhinein war klar: es könnte hitzig zugehen an
diesem Abend. Zunächst ging es jedoch um die Frage nach einem Kompromiss.
Moderator und taz.meinland-Redakteur [2][Jann-Luca Zinser ]wollte von den
Gästen wissen, wie eine mögliche Einigung aussehen könnte.
Eberhard Fischer vom Bündnis [3][ProErsatzbrücke ]wünscht sich nördlich der
alten eine Ersatzbrücke am Standort der jetzigen Brücke. Sie soll bei
Bedarf, beispielsweise bei erhöhtem Verkehrsaufkommen, zugeschaltet werden
können. Das sei der beste und günstigste Weg – auch für die Umwelt, so
Fischer.
## Die Natur steht hinten an
Steffen Weiß vom Aktionsbündnis [4][Zweite Rheinbrücke] kann sich eine
Ersatzbrücke nur als Ergänzung vorstellen. Zusätzlich sei eine zweite
Rheinbrücke zwischen Wörth und Karlsruhe nötig, um das erhöhte
Verkehrsaufkommen zu stemmen. Armin Osterheld vom [5][BUND Südpfalz] ist
gegen die zweite Rheinbrücke, denn sie würde schließlich in einem der
größten Biospährenreservate Europas gebaut werden. „Das spielt hier keine
Rolle“, beklagt er sich. Man diskutiere nun schon seit etwa 30 Jahren und
eine Lösung sei immer noch nicht in Sicht.
Peter Hauck ist Vorsitzender der Bürgerinitiative Pro2, die auch für eine
zweite Rheinbrücke kämpft, und Betriebsratvorsitzender der
Mineralölraffinerie Miro. Er müsse seinen Mitarbeitern garantieren können,
dass sie pünktlich zur Arbeit kommen können. Deswegen plädiert er für eine
Sanierung der alten Brücke und den Bau einer weiteren.
## „Das muss auch in Berlin ankommen!“
Die Runde komplett macht an diesem Abend Hartmut Weinrebe, vom [6][BUND
Mittlerer Oberrhein]. Er beklagt die geringe überregionale Aufmerksamkeit
für das Thema. Schließlich gebe es hier ein riesiges Artensterben von
nationaler Bedeutung. Er fordert: „Das muss auch in Berlin ankommen“.
Schon die Eingangsrunde zeigt, wie verhärtet die Fronten sind. Doch in
einem Punkt sind sich eigentlich alle einig: die öffentlichen
Verkehrsverbindungen müssen verbessert werden. Eine Zuschauerin erzählt von
ihren Erfahrungen. Die Straßenbahn sei fast immer verspätet und die Taktung
viel zu niedrig. Das müsse gerade zu Berufszeiten optimiert werden. „Jetzt
ist die Politik gefragt.“
Eberhard Fischer stimmt zu. „Wenn wir weiterhin immer nur Straßen bauen,
dann versagen wir bei der Energiewende“, gibt er zu Bedenken. Das sei eine
kurzsichtige Verkehrspolitik. Vielmehr müssten Radverkehrswege ausgebaut
werden. Inzwischen sei man mit dem Fahrrad sowieso schneller als mit dem
Auto.
Ein Mann aus dem Publikum meldet sich zu Wort. Er kommt aus Maximiliansau,
dem ersten Ort in Rheinland-Pfalz hinter der Brücke. „Wir haben genug“,
ruft er wütend, während seine Stimme immer lauter wird. Er wohne dort seit
28 Jahren und der Verkehr sei inzwischen unerträglich. „Oder ist ihnen die
Knoblauchkröte wichtiger als ein Kind?“, fragt er mit Bezug auf den Protest
von UmweltschützerInnen, die sich gegen eine zweite Rheinbrücke aufgrund
von Artenschutz aussprechen.
## Rheinland-Pfalz gegen Baden-Württemberg
Linksrheinische BewohnerInnen gegen rechtsrheinische, Rheinland-Pfalz gegen
Baden-Württemberg – immer wieder wird dieser Konflikt deutlich. Während die
pfälzische Seite bislang den Bau einer zweiten Brücke fordert, wehrt sich
die badische Stadt. Doch der Druck wird größer. Immer wieder melden sich
Menschen aus dem Publikum zu Wort, die von Karlsruhe auf die andere Seite
gezogen sind, weil dort die Mietpreise deutlich günstiger sind. Als
PendlerInnen sind sie besonders abhängig von einer guten Verbindung.
Steffen Weiß und Peter Hauck geben an, die Interessen der PendlerInnen zu
vertreten. Für die sei eine weitere Brücke nötig, denn man könne nicht
einfach die Schichtzeiten verändern. Peter Hauck erklärt, dass ein
Transport durch LKWs für die Raffinerie unausweichlich ist. Eberhard
Fischer argumentiert daraufhin, dass das Problem nicht mehr die Pendler
seien. Stattdessen würden immer mehr LKWs aus den Benelux-Staaten die
Brücke benutzen. „Das Ding gehört längst bemautet“, findet er.
## In den Medien fehlt die Transparenz
Eine Diskussion, die sich irgendwie im Kreis dreht – und das schon seit
vielen Jahren. Viele ZuhörerInnen beklagen die ungenügende Transparenz. In
den lokalen Medien werde für eine zweite Brücke geworben, doch objektive
Informationen bekomme man nicht. Eine junge Frau gibt an, einen Brief von
Siemens bekommen zu haben, der sie aufgefordert habe, für eine weitere
Brücke zu stimmen. „Dabei würde ich gern einfach ‘mal einen Brief mit
Informationen zu dem Thema bekommen“, sagt sie.
Tatsächlich kursieren immer wieder verschiedene Zahlen und Fakten. „Wie
viel würde das Ganze überhaupt kosten?“, fragt jemand. Berhard Fischer
rechnet mit 150 Millionen Euro plus X. Es seien viele Fehlinformationen im
Umlauf. Aber er glaubt „trotz Donald Trump an den Menschen als ein
vernünftiges Wesen“. Sein Einschub sorgt für ein paar Lacher im Publikum.
Steffen weiß fügt hinzu: „Wo wir gerade bei Donald Trump sind: Die Grünen
hatte einmal ein tolles Plakat hier. Da stand darauf: Baut Brücken statt
Mauern. Auch darum geht es.“
## Alles nur für die Wirtschaft?
Doch soll eine zweite Rheinbrücke wirklich nur dem Wohl der Menschen in der
Region dienen? Eberhard Fischer merkt an, dass so ein Bauvorhaben vom Bund
nur genehmigt werde, wenn es eine Relevanz für das gesamtdeutsche
Verkehrsaufkommen habe. Sonst dürfe der Bund so ein Projekt nicht
finanzieren. Ein älterer Herr aus dem Publikum zückt ein Dokument. Einen
Satz aus einem Untersuchungsbericht hat er sich fett angestrichen. Er
zitiert: „Beim Bau einer zweiten Rheinbrücke geht es vor allem um die
Realisierung des Just-in-time-Prinzips von Daimler Benz.“
Also doch nur alles für die Wirtschaft? Im Publikum herrschen verschiedene
Meinungen. Klar ist: das Thema Rheinbrücke ist hochkomplex und eine Lösung
scheint derzeit nicht in Sichtweite. Zuletzt gibt ein Zuschauer noch zu
bedenken: „Es ist eine Illusion zu glauben, dass mit einer Lösung der Lärm
weniger wird. Wenn der Stau endet, ist auch die letzte Stunde der Ruhe zu
Ende.“
26 May 2017
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(DIR) [6] http://www.bund-mittlerer-oberrhein.de/
## AUTOREN
(DIR) Paul Toetzke
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