# taz.de -- Diskussion zu Bekenntnisschulen: Der Taufschein entscheidet
> In Bonn ist ein Streit über Bekenntnisschulen entbrannt. Wie sehr, wurde
> auf der taz.meinland-Veranstaltung deutlich.
(IMG) Bild: Was spricht für und gegen Bekenntnisschulen? Moderator Volkan Ağar fragt nach
von [1][LAILA OUDRAY]
„Jesus sagte: ‚Lasset die Kindlein zu mir kommen‘. Es ist heuchlerisch,
dass gerade Schulen, die von sich sagen, dass sie christlich sind,
bestimmte Kinder ausschließen.“ Hochemotional war der Abend in Bonn im
Gremiensaal der „Deutschen Welle“, an dem etwa 45 Eltern, LehrerInnen und
Interessierte über Bekenntnisschulen diskutierten.
Bekenntnisschulen sind konfessionsgebundene, staatliche Schulen. In
Nordrhein-Westfalen sind diese Grundschulen – als einziges Bundesland – in
der Verfassung verankert. Seit einem Urteil des Oberverfassungsgerichts in
Münster ist zudem klar: Die Schulen dürfen Kinder der entsprechenden
Konfession bei einer Anmeldung bevorzugen. Gerade diese Regelung sorgt für
Streit – Streit, der sich auch an diesem Abend deutlich abzeichnete.
Auf dem Podium saßen Markus Goller, Vater und Befürworter von
Bekenntnisschulen, Andrea Gersch vom katholischen Schulreferat, Franz Klein
und Susanne Fuchs-Mwakideu, deren Kinder von einer Bekenntnisschule
abgelehnt worden sind und Max Ehlers, Vertreter der Initiative „[2][Kurze
Beine-Kurze Wege]“.
## Selektion ist Diskriminierung
Schon als Moderator [3][Volkan Ağar], taz.meinland-Redakteur, die ersten
Fragen an das Podium stellte, wurde deutlich: Das Thema wühlt auf. Franz
Klein fragte: „Wie soll ich meinem sechsjährigen Sohn erklären, dass er
nicht auf die Schule gehen darf, auf die seine Freunde gehen? Das ist
Diskriminierung.“ Auch Susanne Fuchs-Mwakideu kennt dieses Gefühl: ihre
Tochter kann nicht auf die Grundschule in der Nachbarschaft gehen.
Die Erfahrungsberichte berühren Andrea Gersch sichtlich. Sie hat
Verständnis für die Enttäuschung der Eltern. Sie betonte allerdings, dass
Bekenntnisschulen die Pluralität der Elternschaft abdecken würden. Markus
Goller, der erst vor Kurzem für den Erhalt der Katholischen Grundschule in
Buschdorf kämpfte, stimmt ihr zu. Ihm sei wichtig, dass sein Sohn einen
Erfahrungsraum des christlichen Glaubens habe und „einen Ort, wo ein Lehrer
zu seinem Bekenntnis stehen kann.“
Dagegen argumentierte Klein, dass ihm vorgeschlagen worden sei, seinen Sohn
für die Aufnahme taufen zu lassen: „Das habe ich nicht gemacht. Ich habe zu
viel Respekt vor der Religion. Mir sind aber zwei Fälle bekannt, wo Eltern
ihre Kinder haben taufen lassen, um sie auf die Schule zu bekommen“.
Verblüffung ist bei dieser Aussage auf den meisten Gesichtern abzulesen.
## Gemeinschafts- statt Bekenntnisschule?
Das Problem verschärfte sich, als in NRW die Grundschulbezirke abgeschafft
wurden. Kinder, die in der Nähe der Schule wohnten, wurden zugunsten
konfessionszugehöriger Kinder abgelehnt – auch, wenn diese weiter weg
wohnten. Max Ehlers erinnerte sich: „Da haben selbst konservative Politiker
gesagt, dass das nicht ein darf.“
Unmittelbar nach der hitzigen Diskussion auf dem Panel, öffnete Ağar die
Diskussion für das Publikum. Sofort reckten sich viele Hände in die Höhe.
Immer mehr Menschen wollten erzählen, wie sie zum Thema stehen und welche
Erfahrungen sie gemacht haben. „Christliche Werte und Tugenden werden auch
auf einer Gemeinschaftsgrundschule gelehrt“, betonte eine Frau im Publikum
in Hinblick auf die Aussage von Goller.
Max Ehlers zitierte zur Bestätigung aus der Landesverfassung, in der
festgeschrieben stehe, „dass auf der Grundlage christlicher Bildungs- und
Kulturwerte in Offenheit für die christlichen Bekenntnisse und für andere
religiöse und weltanschauliche Überzeugungen“ gelehrt werden soll.
Goller entgegnete, dass es einen Unterschied zwischen „gelehrt“ und
„gelebt“ gäbe und christliche Feste wie Sankt Martin auch bestehen bleiben,
sollten sich Eltern beschweren. Klein erwiderte, dass ihm kein Fall bekannt
ist, wo christliche Feiern abgeschafft worden sind. Er warf ihm energisch
vor, dass dieser keine Ahnung hätte, wie es in einer
Gemeinschaftsgrundschule tatsächlich aussehe.
## Hitzige Diskussionen
Während der Diskussion riefen die Anwesenden immer öfter rein und empörten
sich laut. Vor allem, wenn Andrea Gersch sprach, wurde es unruhig. Zwei
Frauen in der ersten Reihe widersprachen ihren Äußerungen und sahen sich
darin nicht allein: der Großteil des Publikums sprach sich eindeutig gegen
Bekenntnisschulen aus.
Vor allem die Tatsache, dass Bekenntnisschulen staatlich finanziert werden,
sorgte für Unmut. „Ich hätte nichts dagegen, wenn diese Schulen von der
Kirchensteuer finanziert werden würden“, meinte eine Frau im Publikum.
Gersch hielt dagegen, dass in Deutschland ein solidarisches Steuerprinzip
herrsche: „Ich zahle für die Oper, auch wenn ich sie nicht nutze.“
„Das ist kein Vergleich. Ich muss nicht in die Oper gehen, aber der
Schulpflicht muss ich nachgehen“, entgegnete eine Frau aus dem Publikum.
## Blick in die Zukunft
Der Abend sorgte allerdings nicht nur für Streit, sondern auch für die
Entwicklung von Visionen – Überlegungen, wie man die Religionsausübung in
den Schulalltag so integriert, dass beide Seiten zufrieden sind. Eine junge
Frau erinnerte sich an ihre Grundschulzeit, in der es ihr offen stand, zum
katholischen, evangelischen oder zum Ethikunterricht zu gehen. Sie habe
sich immer wieder neu entscheiden können.
Einen besonderen Einblick in einen integrativen Schulalltag gewährte ein
Mann aus Kenia. Er erzählte, wie er als Christ auf eine muslimische
weiterführende Schule ging. Am Montag hätten alle ein christliches Gebet
gefeiert, am Freitag beteten sie nach dem islamischen Ritus.
Diese Vorstellungen gaben diesem hitzigen Abend einen versöhnlichen
Abschluss. Obwohl die Fronten verhärtet sind, konnten sich die meisten mit
dem Konzept einer staatlichen Schule, die allen offen steht und in der alle
Religionen ihren festen Platz haben, anfreunden. Viele verließen zwar
aufgeregt, aber nicht wütend den Raum.
7 May 2017
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## AUTOREN
(DIR) Laila Oudray
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