# taz.de -- Löhne im Umbruch: Definitionsversuche der Demokratie
       
       > Demokratie ist ein abstrakter Begriff. Wie man ihn konkretisieren kann,
       > wurde in Löhne, Ostwestfalen, diskutiert.
       
 (IMG) Bild: Was aus dem Bahnhof in Löhne werden soll, ist noch unklar
       
       von [1][VOLKAN AĞAR] 
       
       Einst tummelten sich Reichsbürger in Löhne, heute steht die Stadt für
       zivilgesellschaftliches Engagement. Beim Besuch von taz.meinland
       diskutieren die Löhner über Vergreisung in der Politik und die Rolle von
       Zivilgesellschaft – und fragen sich, wie man den abstrakten Begriff der
       Demokratie mit Leben füllen kann. 
       
       Schon auf den kurvenreichen Landstraßen Ostwestfalens war klar: Hier zeigt
       sich das bevölkerungsreichste Bundesland der Republik, Nordrhein-Westfalen,
       von einer besonderen Seite. Vorbei an goldgelben Rapsfeldern und
       verschlafenen Bauernhöfen war das Ziel am hundertjährigen Bahnhof von Löhne
       erreicht. Eine ehemalige Wartehalle bot Raum – „den schönsten bisher“, wie
       Moderator Jan Feddersen den Gekommenen versicherte – für eine Debatte über
       die Frage: „Weiß die Demokratie, was ich will?“. 
       
       ## „Allee des Grundgesetzes“ statt Reichsbürger 
       
       Volker Hegemann, Lehrer von Beruf, machte taz.meinland auf das
       zivilgesellschaftliche Engagement in Löhne aufmerksam. Dieses ist nicht von
       ungefähr. „[2][Gemeinsam für Vielfalt]“ – ein Bündnis, dem auch Hegemann
       zugehört – gründete sich vor fünf Jahren, um gegen Reichsbürger vorzugehen,
       die sich damals in Löhne organisierten. 
       
       Es sei kein Zufall, dass deren Mitglieder gerade in Löhne ein Büro
       eröffneten und sogenannte „offene Rechtsberatungen“ anboten. Schließlich
       seien die Reichsbürger gut vernetzt mit Schlüsselpersonen aus der
       rechtsextremen Szene und Kameradschaften in Westfalen, erzählt Hegemann. 
       
       Sein Bündnis schaffte es damals, über 350 Menschen für eine Demonstration
       zu mobilisieren – für Löhne eine beachtliche Zahl. Die Bürogebäude der
       Reichsbürger, die „Botschaft Germanitien“, sei später von Behörden
       geschlossen worden – unter anderem wegen Steuerhinterziehung. 
       
       Für ihr Engagement gegen die Reichsbürger belohnte das „Bündnis für
       Demokratie und Toleranz“ die Löhner mit einem Preis. Weil „Gemeinsam für
       Vielfalt“ diesen den Bürger*innen widmen wollte, entstand die Idee der
       „[3][Allee des Grundgesetztes]“. In jener Allee pflanzte das Bündnis im
       Herbst 2016 einen Apfelbaum für jeden Artikel des Grundgesetzes. 
       
       ## Prozess noch nicht abgeschlossen
       
       Später, im Januar 2017 wurden die Patenbriefe übergeben, an Schulen und
       Religionsgemeinden, Vereine und auch eine Landtagsabgeordnete. „Das
       Interesse an weiteren Bäumen ist groß“, sagt Hegemann. Das sei gut, denn es
       zeige, dass Demokratie in Löhne als Prozess verstanden werde, und nicht als
       ein abgeschlossenes Projekt. 
       
       Andererseits, zeigt sich der Lehrer kurz enttäuscht, habe man es nicht
       geschafft, alle Aktiven und Betroffenen in Löhne an den runden Tisch von
       taz.meinland zu bringen. Weder Geflüchtete, noch VertreterInnen der
       Moscheegemeinden sind heute da. Dabei habe Löhne in puncto interkultureller
       Dialog bereits große Schritte gemacht. Als Beispiel nennt er die gemeinsame
       Patenschaft evangelischer, katholischer und muslimischer Gemeinden für den
       Baum in der „Alle des Grundgesetzes“, der das Grundrecht der
       Religionsfreiheit symbolisiert. 
       
       Dass noch nicht alles perfekt läuft, findet auch ein Mann aus dem Publikum,
       der seinen Namen nicht nennen will: „Es waren auch Pfarrer, die gegen die
       jesidische Gemeinde Stimmung machten“, sagt er. Hintergrund: Für ein
       eigenes Kulturzentrum erwarben Vertreter der jesidischen Glaubensgemeinde
       2015 das Wasserschloss Ulenburg von der Diakonischen Stiftung
       Wittekindshof. In Löhne waren damals viele überrascht über den Kauf, manche
       reagierten besonnen, andere jedoch mit Unmut. Hegemann bestätigt das, sieht
       die positiven Reaktionen jedoch in der Überzahl. 
       
       ## Abstraktum Demokratie 
       
       Zuvor, bei der Begrüßung der rund 50 Gäste, stelle Hegemann fest, dass
       „Demokratie“ auch ein abstrakter Begriff sei. Der Besuch von taz.meinland
       solle deshalb dazu dienen, diesen Begriff in und für Löhne zu
       konkretisieren. „Demokratie sollte nicht nur eine Staatsform, sondern eine
       Lebensform sein“ versucht dies Isabell Gottschling von den Falken, „eine
       Gegenwelterfahrung in einer Welt, die oft nicht antwortet und in der man
       sich stumpf fühlt“. Steven Link von den „Jungen Ratsmitgliedern“ fordert,
       man müsse Politik „wieder interessant“ machen und sie auf „Probleme der
       Leute vor Ort“ ausrichten, statt auf Beschlüsse im Bundestag zu
       beschränken. 
       
       Ramona Kämper, die sich bei „Löhne gegen Rechtsextremismus und
       Rechtspopulismus“ engagiert, findet dass die EU eigentlich „eine klasse
       Idee“ sei, „weil man heute nur auf dieser Ebene Dinge regeln“ könne, auch
       globale Unternehmen regulieren. Schade sei, dass die EU jetzt auseinander
       brösele, obwohl das Ziel eigentlich eine „Eine-Welt Regierung“ sein solle –
       weil man eigentlich immer weiter zusammenwächst. 
       
       ## Jugend gegen Verkrustung 
       
       Viele junge Menschen sitzen in der Wartehalle des Löhner Bahnhofs, darunter
       zahlreiche Mitglieder der „[4][Jungen Ratsmitglieder]“ (JURATS). Ihnen
       bereitet das hohe Durchschnittsalter in den kommunalen Gremien
       Bauchschmerzen. Deshalb wollen sie zu den Kommunalwahlen 2020 mit einer
       eigenen Liste antreten, um die verkrusteten Strukturen der Parteipolitik
       aufzuweichen, erzählt Link. Ein Mann aus dem Publikum, der sich als
       Unterstützer der JURATS vorstellt, findet, dass Parteien auf kommunaler
       Ebene entbehrlich seien, denn da gehe es um Bedürfnisse von Personen vor
       Ort, und nicht um Parteiprogramme: „Es gibt keinen christlich-sozialen
       Fahrradweg und auch keine sozialistische Bedarfsanstalt“. 
       
       Gertrud Robbes, die sich zunächst als Vertreterin der Arbeiterwohlfahrt
       vorstellte und auf die Kritik der jungen Erwachsenen hin ihr
       parteipolitisches Engagement für die SPD im Kreistag bekannt gibt,
       widerspricht: Es müsse zwar vieles bei den Parteien geändert werden,
       dennoch funktioniere Politik nicht ohne sie. „In einer Demokratie gibt es
       eben bestimmte Spielregeln“, findet sie. Dazu gehören auch Übereinkünfte
       zwischen Parteien, die notwendig seien. 
       
       Trotz Vorsätze der Konkretion, bleibt die Debatte in Löhne abstrakt. So
       einig sich die jungen Kritiker*innen der Parteipolitik in ihrer
       Gegnerschaft sind, so wenig können sie fassbare Wünsche, Probleme und
       Lösungsvorschläge für Löhne äußern. „Was wollt ihr eigentlich?“, fragt
       Moderator Feddersen deshalb immer wieder, und: „Wieso sollten junge
       Menschen überhaupt bessere Politik machen als ältere?“ Gottschling von den
       Falken antwortet mit einer Gegenfrage: „Wieso nicht?“ Ein junger Mann aus
       dem Publikum mit schwarzer Käppi und Brille, der sich als Nikita vorstellt,
       stimmt ihr zu: „Es kommt ja nicht immer auf Erfahrung an. Man kann sich ja
       steigern!“, sagt er. 
       
       ## Das Eine kann nicht ohne das Andere 
       
       Was folgt, sind versöhnliche Wortmeldungen: „Wieso ein ‚Entweder, oder’?“
       fragt Martina Wessel aus dem Publikum. Es sei wichtiger darüber zu
       sprechen, was die Anwesenden im Löhner Bahnhof verbindet. „Sowohl, als
       auch“ statt „Entweder, oder“ ist auch das Fazit des nächsten
       Diskussionskomplexes: Zivilgesellschaftliches Engagement oder
       Parteipolitik? Das Eine könne schließlich nicht ohne das Andere,
       formulieren viele Anwesende jeweils in eigenen Worten und mit verschiedenen
       Beispielen. 
       
       Ein Herr, der zu den Ältesten im Wartesaal gehört, kauft diese harmonischen
       Feststellungen nicht ab. Er fordert die jungen Menschen auf, es einmal mit
       Basisdemokratie zu probieren – denn dann seien gute Kompromisse gewiss –
       wenn auch nach stundenlangen und anstrengenden Debatten. 
       
       ## Eine Kathedrale der Zivilgesellschaft 
       
       Alle sind sich einig: „Wir müssen weiterdiskutieren“. Wieso diesen Bahnhof
       dann nicht zu einer „Kathedrale der Zivilgesellschaft“ küren, fragt
       Moderator Feddersen deshalb. Tatsächlich ist dies der Plan der Initiative
       „Löhne umsteigen!“, die ihren Namen von Erich Maria Remarques Roman „Im
       Westen nichts Neues“ hat. Dort kommt der Imperativ als Aufruf an Rekruten
       des ersten Weltkrieges vor. Einst war der Löhner Bahnhof der größte Güter-
       und Verschiebebahnhof Ostwestfalens. Ab den 1960ern büßte er an
       logistischer Bedeutung ein. 
       
       Weil er zu schön ist, um vergessen zu werden, schloss sich Irene Esser,
       Besitzerin eines Bioladens, mit anderen zusammen und gründete die
       Initiative. „[5][Löhne umsteigen!]“ stehe auch für einen „Umstieg in ein
       ökologisch und sozial gerechtes Miteinander“, erzählt sie. Gerade sei das
       Gebäude noch in privater Hand, schon bald solle es in den Besitz einer
       Bürgergenossenschaft übergehen. 
       
       Ein Begegnungsort, nicht nur für politische Debatte, sondern auch für
       verschiedene Kulturen. Nächste Woche schon findet das interkulturelle
       Frühlingsfest mit syrischen Geflüchteten und den Jesid*innen vom
       Wasserschloss statt – pünktlich zum jesidischen Neujahrsfest Newroz.
       
       23 Apr 2017
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /!a34613/
 (DIR) [2] http://loehnegegenrechts.wordpress.com/
 (DIR) [3] http://www.westfalen-blatt.de/OWL/Lokales/Kreis-Herford/Loehne/2670860-Paten-der-Allee-des-Grundgesetzes-erhalten-Urkunden-Schirmherrin-sagt-ab-Loehne-bleibt-in-guter-Verfassung
 (DIR) [4] http://www.jurats.de/
 (DIR) [5] http://www.loehne-umsteigen.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Volkan Ağar
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA