# taz.de -- Jugendliche in Hannover: iPhone 6 und faule Pflaumen
> Was denken Jugendliche über die Gesellschaft? Wie gehen sie mit Rassismus
> um? Wir waren an einer Berufsschule in Hannover.
(IMG) Bild: Diskussion am runden Tisch: Wie stellen sich die Berufsschüler*innen ihre Gesellschaft vor?
von [1][MALAIKA RIVUZUMWAMI]
Rassismus ist allgegenwärtig, auch in der jungen Generation. Ausgrenzungen
und Anfeindungen gehören scheinbar ebenso an den Berufsschulen zum Alltag.
Genügend Stoff für taz.meinland, um nach Hannover zu reisen und an der
[2][Berufsbildenden Schule 2] mit den Auszubildenden zu diskutieren.
Mit dem Blick auf ihr Smartphone, einem eher gelangweilten Gesichtsausdruck
und einem zwar netten, aber auffordernden Lächeln ihrer Lehrer*innen
betraten die meisten Schüler*innen den Raum. Offenbar wünschen sich viele
die Pausenglocke mehr herbei, als eine Tageszeitung aus Berlin, die mit
ihnen über das Thema Rassismus diskutieren will.
Der runde Tisch in der Mitte scheint zudem mehr abschreckend, als einladend
zu wirken. Kurz vor Veranstaltungsbeginn ist der Tisch zwar fast
vollständig besetzt, die jungen Männer dominieren jedoch. Die Damen im Raum
scheuen sich: erst nach längerem Bitten, Gelächter und Beifall von den
Mitschüler*innen setzt sich schließlich eine weitere junge Frau auf den
letzten freien Stuhl. Während der Veranstaltung bewiesen sie dann: gegen
die Platzhirsche hatten sie einiges zu sagen und erhielten auch noch
Unterstützung aus dem Publikum.
## 53 Nationen, 53 Meinungen?
Die Einladung nach Hannover kam von Seiten der Schüler*innen, die uns
Anfang des Jahres innerhalb ihres Projektes „Schule ohne Rassismus – Schule
mit Courage“ [3][in der Rudi-Dutschke-Straße besuchten].
Jugendliche aus 53 verschiedenen Nationen gehen auf die Berufsbildende
Schule. Noch befinden sie sich mitten in ihrer Ausbildung. Doch was kommt
danach? Wie wollen die jungen Menschen, die die zukünftigen Gestalter*innen
der Republik sein werden, ihr Land gestalten? Wie wollen sie für die offene
Gesellschaft innerhalb und außerhalb ihres Schulgeländes eintreten?
Fragen und Themen, die an diesem Vormittag im Restaurant der Schule
besprochen werden. Beim Thema offene Gesellschaft sind sie sich am Tisch
einig: ein Leben miteinander, nicht aneinander vorbei, die Menschen
wahrnehmen und akzeptieren. Die Umsetzung dessen, finden viele aber eher
schwierig.
Die Flüchtlingskrise, die Umbrüche in Europa, die AfD: Auch an der
Berufsschule beschäftigen diese Themen seit Monaten die Lernenden. Dass sie
eben nicht, wie oft klischeehaft behauptet wird, alle AfD-Wähler*innen
seien, wird deutlich betont. Viele sind der Meinung, dass die AfD gezielt
auf Personen zugehe, die im Allgemeinen unzufrieden sind. Deshalb müsse die
Politik diese Unzufriedenheit im Land in den Griff bekommen.
## Vorurteile gegenüber Geflüchteten
Doch immer wieder wird auch deutlich: sie selbst sind auch nicht zufrieden.
Emrah Ulus, als Kind mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland
gekommen, sagt: „Einerseits versteh ich AfD-Wähler schon. Aber wenn hier
Leute herkommen und Scheiße bauen, dann werde ich auch sauer! Anderseits
kann man sie nicht alle in einen Topf werfen. Nur weil eine Pflaume faul
ist, sind es nicht alle“.
Pauschalisieren will hier niemand. Die Schüler*innen sind sich wohl
bewusst, dass sie ein sehr privilegiertes Leben führen, denn Unterstützung
gibt es von allen Seiten, wenn man sie nur annimmt. Während der
Veranstaltung sorgt die sogenannte [4][Nafri-Debatte] für Streit. Für die
einen ist der Begriff „Nafri“ eine unmögliche Aussage und der Beweis, dass
Politik und Medien den Hass in Deutschland schürten. Eine weitere Schülerin
meint: „Aber wir kürzen doch alles ab. Das stört sonst auch niemanden!“
„Wenn ich durch die Stadt laufe und Flüchtlinge sehe, die ein iPhone 6
haben, dann wundere ich mich“, gibt ein Schüler aus dem Publikum zu. Die
Berufsschüler*innen selbst sind in unserer Gesellschaft mit ihren
Berufswünschen nicht sehr angesehen. Fleischer*innen oder Bäcker*innen
stehen selbst innerhalb von Jugendgruppen nicht für eine besondere
Coolness. Nicht nur erhalten sie oftmals wenig Wertschätzung, sondern auch
eine schlechte Bezahlung. So entsteht auch Neid auf andere.
## Fake News und Politikverdrossenheit
Rassismus ist ein Thema, sowohl auf dem Schulgelände oder in der Freizeit,
als auch in ihren Betrieben: Mitarbeiter*innen aus dem Ausland, die von
Vorgesetzten nicht ernst genommen werden und mit Vorurteilen zu kämpfen
haben. Kai Wellhausen, Auszubildender Fleischer, berichtet aus seinem
Betrieb: „Oft höre ich Kollegen rassistische Dinge sagen. Dann frage ich:
Warum sagst du so etwas? Hast du schlechte Erfahrungen mit Ausländern
gemacht? Meistens kommt dann einfach die Antwort: Nö, ich mag die einfach
nicht.“
Genau diese Berichte machen deutlich: die Vorwürfe sitzen in den Köpfen
fest, beschäftigten uns alle. Generationsübergreifend. Einige Schüler*innen
geben jedoch auch zu, sich nicht so richtig für Politik zu interessieren.
Die wichtigen Dinge schnappen sie zwar auf – doch manche Aussagen machen
deutlich, dass sie sie auch ungefiltert weitergeben. So entstehen
Meinungen, die auf [5][Fake News ]aufgebaut sind.
Dass die Medien ein Grund für den steigenden Fremdenhass seien, steht für
viele im Raum fest. Denn oft werde gehetzt, würden Unwahrheiten verbreitet
oder Geschehnisse nur von einer Seite aus betrachtet.
Mit dem Läuten der Schulglocke ist die Diskussion beendet. Das Thema hat
zwar viele zum Sprechen gebracht, doch das Klingeln, das Freiheit
verspricht, ist zumindest heute noch lauter als der Wunsch nach einer noch
längeren politischen Debatte. Doch taz.meinland möchte im Sommer wieder
kommen – ob wir dürfen, überlegt sich die Lehrerschaft noch.
23 Mar 2017
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