# taz.de -- Inklusion im Saarland: Grundrecht statt Großzügigkeit 
       
       > Menschen mit Behinderungen sollen an der Gesellschaft teilhaben, frei und
       > unabhängig sein können. Doch wie kann Inklusion tatsächlich erreicht
       > werden? 
       
 (IMG) Bild: Diskussion am runden Tisch: Wie soll eine inklusive Gesellschaft aussehen?
       
       von [1][LAILA OUDRAY] 
       
       Baumstämme, dutzende Säcke voller Brennholz, schwere Maschinen: Der
       Innenhof der [2][Behindertenwerkstatt Saarwork] im saarländischen
       Neunkirchen zeigt deutlich, dass hier hart gearbeitet wird. Die Werkstatt
       besteht aus mehreren großen Industriehallen. In einer von ihnen fand die
       taz.meinland-Veranstaltung „Inklusion: Das neblige Schlagwort“ statt. 
       
       Gemeinsam mit den geladenen Gästen sollte diskutiert werden, wie es mit der
       Inklusion im Saarland bestellt ist und was noch dringend getan werden
       müsse. Das Thema lockte viele Zuhörer an: An die 100 Menschen – sowohl mit
       als auch ohne Behinderung – kamen an diesem Freitagmorgen zusammen. Bereits
       eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung war die Halle gefüllt.
       Einige Zuhörer mussten stehen oder in den anliegenden Büros sitzen. In der
       Halle selbst wurden Europaletten um den runden Tisch in der Mitte
       aufgestellt – der Sitzbereich für das Publikum. 
       
       ## Leistung und Schutz: Wie passt das zusammen? 
       
       Gerd Bost, der Leiter von Saarwork, stellte zu Beginn die
       Behindertenwerkstatt vor. Ihm war es wichtig zu betonen, dass die
       Beschäftigung hier Arbeit sei. Die Produkte, die hier hergestellt werden,
       würden in der Industrie und im Handel tatsächlich gebraucht. Es sei keine
       Beschäftigungstherapie, sondern vollwertige Arbeit. 
       
       Damit war das erste Thema der Diskussionsrunde gesetzt: Jörg Denne,
       Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft der saarländischen
       Werkstatträte, stimmte Bost zu und verlangte eine bessere Vergütung der
       Arbeit in Werkstätten. Im bundesweiten Durchschnitt verdienten Mitarbeiter
       dort etwa 180 Euro, zu wenig für ein selbstbestimmtes Leben. Torsten
       Allerchen, Werkstattrat bei Saarwork, verwies auf das Nachbarland
       Frankreich, wo der Mindestlohn auch für die Beschäftigten in Werkstätten
       gelten würde. Dafür gab es lauten Applaus vom Publikum. 
       
       Doch den Mindestlohn einfach auch diesen Angestellten zu zahlen, sei nicht
       so einfach: Die Mitarbeiter genießen besonderen Schutz. So könnten sie auch
       bei geringerer Leistung nicht gekündigt werden. Gerd Bost machte deutlich:
       „Die Mitarbeitenden werden von den Umsatzerlösen der Firma bezahlt. Wenn
       der Lohn steigen soll, müsste die Politik entweder die Differenz bezahlen
       oder die Produktivität muss steigen. Dann müsste ich aber Menschen feuern,
       die langsamer arbeiten, auch wenn sie nicht anders können. Das will ich
       nicht.“ Die Werkstatt sei Arbeit, aber eben auch angepasst an die
       Fähigkeiten des Einzelnen. 
       
       Anett Sastges-Schank, Landesbeauftragte für Inklusion in Schulen und
       Kindertageseinrichtungen, betonte, das Problem sei, dass die Wirtschaft
       immer noch festlegt, was Leistung tatsächlich sei. Das gelte auch in den
       Schulen. Jürgen Bender, saarländischer Pflegebeauftragter, schlägt vor:
       „Wenn Rentner und Hartz IV-Empfänger etwas dazu verdienen dürfen, dann
       könnte man das auch für die Werkstätten einführen.“ Mehrleistungen oder
       Prämien sollen somit nicht vom Lohn abgezogen werden. Wieder Applaus und
       zustimmendes Gemurmel von den anderen Diskussionsteilnehmern. 
       
       ## Politische Teilhabe muss einfacher sein
       
       Auch die politische Arbeit wurde kritisiert: Sie müsse barrierefrei sein.
       Dafür müsse, so Diethard Geber, Vorsitzender der Landesarbeitsgemeinschaft
       der Werkstätten im Saarland, die leichte Sprache in der Politik weiter
       verbreitet werden: „Erst, wenn ich etwas verstehe, kann ich es auch ändern.
       Die Behördensprache muss einfacher werden.“ Doch nicht nur die Sprache
       steht der politischen Teilhabe im Weg. Es seien die eingeschränkten
       Befugnisse, wie Dunja Fuhrmann, Behindertenbeauftragte der Stadt
       Saarbrücken, deutlich macht. 
       
       Die Behindertenbeauftragten der Kommunen und des Landes sind nicht auf
       hauptamtlicher Basis angestellt. „Die Interessen zu vertreten ist kein
       Nebenjob. Man muss Überzeugungsarbeit leisten, Netzwerken, Ansprechpartner
       sein. Das braucht Zeit.“ Bender, der ehrenamtlicher Pflegebeauftragter ist,
       stimmt zu: „Ich bin jeden Tag unterwegs, auch am Wochenende. Das kann ich
       nur schaffen, weil ich Rentner bin und mir meine Zeit selbst einteilen
       kann.“ 
       
       Doch nicht nur die mangelnde Zeit führt zu Konflikten. Ehrenamtliche
       Beauftragte haben weniger Interventionsmöglichkeiten: Sie haben weder Rede-
       noch Antragsrecht. „Ich kann Empfehlungen ausschreiben, aber ich weiß, dass
       sie in den Müll geworfen werden. Da mache ich mir Mühe für nichts“, erzählt
       Fuhrmann. Sie hoffe, dass mit der neuen Regierung zumindest die Stelle des
       Landesbeauftragten hauptamtlich werde. 
       
       Politische Gestaltung zu ermöglichen, ist vor allem für Fuhrmann eine
       wichtige Angelegenheit: „Ich weiß, dass Leute schon genervt von mir sind.
       Wenn ich mit der Oberbürgermeisterin von Saarbrücken spreche und sie mir
       sagt: 'Gucken Sie doch mal, was wir schon alles geschafft haben' – soll ich
       da klatschen? Die Politik ist dazu verpflichtet. Es gibt die entsprechenden
       Gesetze. Der Polizist klatscht doch auch nicht, wenn ich mich an die
       Geschwindigkeitsbegrenzung halte.“ Ein leidenschaftliches Plädoyer, das für
       viel Applaus sorgt. 
       
       ## Fordern, denn das ist ihr Recht 
       
       Grundrecht statt Großzügigkeit: Diese Haltung teilten alle
       Diskussionsteilnehmer. Gerber fasst zusammen: „Wir müssen konkreter
       fordern, denn was uns gut tut, hilft allen.“ Die Erfahrungen des Publikums
       scheinen diese These zu stützen. Ein Mann aus der Nachbargemeinde Ottweiler
       erzählt, dass er Schwierigkeiten habe, nach der Arbeit in der Werkstatt
       nach Hause zu fahren, weil die Busse zu selten fahren. 
       
       Geber greift diesen Punkt auf und erzählt von Menschen mit Behinderungen,
       die Jobangebote ablehnen müssten, weil sie nicht zur Arbeit fahren könnten.
       Viele weitere Wortmeldungen folgen. Sie erzählen von Bahnhöfen, die für sie
       nicht erreichbar sind. 
       
       Diese Mängel seien aber nicht nur ein Problem für Menschen mit
       Behinderungen, sondern für alle, die kein Auto haben. Von einer
       [3][Barrierefreiheit] an Bahnhöfen würden auch andere Gesellschaftsgruppen
       profitieren: Mütter und Väter zum Beispiel, die mit Kinderwagen unterwegs
       sind. 
       
       Zwei Stunden lang wurde intensiv und wahrhaftig über Inklusion diskutiert,
       nicht nur die Teilnehmer am runden Tisch, sondern vor allem auch das
       Publikum. Menschen, die von ihrem Leben als Mensch mit – oder ohne –
       Behinderungen erzählten. 
       
       Nicht immer waren sie einer Meinung. Doch alle arbeiten gemeinsam an einer
       inklusiven Gesellschaft, ganz nach dem Motto: „Jeder, wie er kann.“ Oder,
       wie eine Mitarbeiterin von Saarwork treffend zusammenfasste: „Wenn einem
       Schuhgröße 40 zu groß ist, nimmt man eben die 39. Das heißt aber nicht,
       dass der Fuß jetzt schlechter ist.“
       
       19 Mar 2017
       
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