# taz.de -- Braunkohleförderung in der Lausitz: Die Kohle im Dorf lassen?
> Die Fronten in der Lausitz sind verhärtet. Wir waren in Schleife und
> brachte erstmals allen Seiten an einen Tisch – und sie sprachen sogar
> miteinander.
(IMG) Bild: Widerstandsikone: Die Sorbin Edith Henk, 76, will, dass kein Dorf mehr dem Abbau zum Opfer fällt
von [1][PAUL TOETZKE]
Als die Glocken der Schleifer Kirche neunmal läuten, ist noch längst nicht
alles besprochen. Kaum jemanden zieht es zurück in die eisige Nacht. Vor
dem Altar wird weiterdiskutiert. Torsten Pötzsch, Oberbürgermeister von
Weißwasser, drückt einer Antikohleaktivistin sein Kärtchen in die Hand. Ein
junger Mann fragt, ob man nicht einfach mit Vattenfall gemeinsam Bäume
pflanzen könne. Dazwischen schüttelt Pfarrerin Jadwiga Mahling unentwegt
Hände. „Das war ein Riesenerfolg“, sagt sie.
Es gibt Redebedarf in der Lausitz. Hier, wo die Braunkohle jahrzehntelang
die Basis einer ganzen Gesellschaft war. Wo Abbaugebiete immer noch ganze
Dörfer verschlucken und an anderer Stelle wieder ausspucken. Und wo die
Frage nach dem Kohleausstieg Ängste schürt und Menschen gegeneinander
aufhetzt.
Wir müssen reden – sagt die taz. Bis zur Bundestagswahl im September tourt
taz.meinland durch die Republik. Wir wollen wissen: Was ist hier eigentlich
los? Warum wird so viel geschrien und so wenig diskutiert?
Diesmal in Schleife, zwischen Cottbus und Görlitz. Auch hier ist die Kohle
noch eine der wichtigsten Einkommensquellen. Jahrelang finanzierte
Vattenfall die Infrastruktur ganzer Dörfer mit. Statt leer stehender Häuser
also gepflegte Gärten und frisch bemalte Feuerwehrwachen – die Lausitz hat
sich arrangiert mit der Kohle. Doch auch in Schleife sind die Bewohner von
einer neuen Umsiedlung bedroht, sollte das Abbaugebiet Nochten II kommen.
In die evangelische Ortskirche Schleife lud die taz am Dienstag zum
Gespräch. Es ging um die Lausitz in 25 Jahren. Und um Alternativen,
Antworten der Politik und die Meinungen der Betroffenen.
## Ungläubige Gesichter, verschränkte Arme
Die kleine Kirche ist voll, etwa 120 Menschen sind gekommen – teilweise aus
bis zu 100 Kilometer Entfernung. Unter ihnen sieben geladene
Gesprächsteilnehmer. Doch reden sollten vor allem die, die das alles
angeht. Dazwischen die beiden Moderatoren, die taz-Redakteure Jan Feddersen
und Martin Kaul, der den Kontakt nach Schleife herstellte.
Zunächst ungläubige Gesichter, verschränkte Arme. Man ist skeptisch. „Mal
schauen, was die aus Berlin uns erzählen wollen.“ Rüdiger Siebers ist
Vertreter von LEAG, früher Vattenfall. Man kennt ihn hier. Er ist fast
immer dabei, wenn es um die Kohle geht. Eigentlich gebe es hier gar kein
Problem, sagt er, das sei „hineinprojiziert“. Die Frage sei nur: Schluss,
weil die Kohle zu Ende geht oder weil es die Politik will?
Ein schnelles Ende, fordert Jana Bosse. Sie ist Klimaschutzaktivistin und
Mitglied bei Lausitzcamp und Ende Gelände. Die Bürgerbewegung besetzte
Pfingsten das Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe. Das habe gezeigt, wie
wichtig den Menschen ihre Umwelt ist, sagt Bosse. „Angesichts der Schäden
kann es nicht so weitergehen.“
## Die Wir-lassen-uns-nicht-reinreden-Haltung
Im Publikum ist man skeptisch – auch weil die meisten Aktivisten von außen
angereist sind. „Da kommen Fremde in unsere Heimat und sagen uns, was wir
hier zu tun haben“, erklärt einer der Bewohner. Es ist dieselbe
Wir-lassen-uns-nicht-reinreden-Haltung, die der taz zunächst entgegentritt.
„Umweltsünder – das haben diese Menschen nicht verdient, dass so über sie
geurteilt wird“, sagt Christine Herntier, parteilose Oberbürgermeisterin
der Kreisstadt Spremberg. Sie spricht für die ältere Generation. Ob sie
einem neuen Abbaugebiet zustimmen würde, lässt sie auf Nachfrage offen. Sie
sei optimistisch, dass das nicht nötig sein wird.
Adrian Rinnert wohnt seit einigen Jahren in der Lausitz. Er hat das Projekt
Strukturwandel Jetzt! mitgegründet. „Wir wollten wissen, was hier los ist“,
sagt er, „aber wir haben zuerst gar keine Antworten bekommen.“ Inzwischen
setzt sich das Bündnis gegen das neue Abbaugebiet ein, von dem mindestens
1.700 Menschen betroffen wären. Für den Ausstieg aus der Kohle wünscht er
sich einen Kompromiss.
## Eine skurrile Situation, die eigentlich alles sagt
Wenig später steht neben ihm ein Wirt, der erst nicht reden will und dann
nach Aufforderung von Rinnert leise sagt, er würde gerne umgesiedelt
werden. Es ist still. Es scheint, als wisse die ganze Kirche Bescheid. Eine
skurrile Situation, die eigentlich alles sagt. Ein Wirt, der sich nicht
traut, zu sagen, dass er sich ein neues Abbaugebiet wünscht. Und ein
Zugezogener, der versucht, einen Kompromiss zu finden.
„Die gespaltenen Meinungen ziehen sich durch Dörfer hindurch, durch
Familien, über den Gartenzaun hinweg“, sagt ein Bewohner. Irgendwie sind
hier alle Betroffene.
Eine Frau mit roten Haaren habe mit den Demonstranten reden wollen. „Aber
die waren alle vermummt“, schildert sie, „denen ist egal, was wir hier
denken.“
Mit dabei ist auch Widerstandsikone Edith Penk. Die 76-Jährige gehört zur
Minderheit der Sorben. Sie trägt traditionelle Tracht, auf der Brust einen
Antikohlesticker. „138 weggebaggerte sorbische Dörfer sind genug!“, ruft
sie. Man solle unter den Truppenübungsplätzen nach Kohle schauen. „Wir
wollen doch alle Frieden?“ Applaus.
## Die lieben Arbeitsplätze
Doch es geht auch um Arbeitsplätze. „Ich gehe davon aus, dass ich nicht bis
zum Ende mit der Kohle arbeiten werde“, sagt ein junger Mann, Bauingenieur
bei Vattenfall. Was man nun brauche, seien eigene Initiativen. Auch
Sozialarbeiter Ernst Opitz von Impuls e. V. sieht Handlungsbedarf. „Wir
können nicht mehr warten, Ideen müssen jetzt umgesetzt werden.“
Daraufhin kommt wieder der Einwurf, die Entscheidungen würden ja eh von
außen getroffen – trotz lokaler Initiativen. Es ist das Gefühl,
vernachlässigt, nicht gehört zu werden von „denen“. Der Hass auf die
etablierten Parteien, er scheint hier immer wieder durch.
Aber welche Initiativen könnten der Lausitz helfen? „Die Zukunft liegt in
der Grenzregion“, sagt Martin Herche, Generalintendant der evangelischen
Kirche, „Polen und Tschechen teilen dieselben Sorgen wie wir.“ Er wünscht
sich eine Europäische Modellregion wie Bürgermeisterin Herntier und OB
Pötzsch.
In der Kirche wird zugehört, geklatscht und widersprochen. Eine
Verständigung aller Beteiligten, ohne Einmischung von außen.
Korrektur: Ursprünglich schrieben wir im fünften Absatz, dass die
evangelische Ortskirche Schleife ebenfalls dem geplanten Braunkohletagebau
Nochten II zum Opfer fallen wird. Dies ist falsch. Die Kirche liegt nicht
im Areal des Tagesbaus Nochten II und bleibt erhalten. Von Abbaggerung
bedroht sind jedoch Teile des Gemeindegebiets. Wir bitten für diesen Fehler
um Entschuldigung. (msc)
14 Mar 2017
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(DIR) Paul Toetzke
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