# taz.de -- Obdachlose am Rand der Gesellschaft: Mehr Empathie und Akzeptanz
       
       > Vom Rand in die Mitte. Wir diskutierten im Warmen Otto in Berlin: Wie
       > offen sollte eine Gesellschaft gegenüber Obdachlosen sein? 
       
 (IMG) Bild: Im „Warmen Otto“ in Berlin-Moabit diskutierten Wohnungslose, Engagierte und Interessierte
       
       von [1][MALAIKA RIVUZUMWAMI] 
       
       „Einfach mal daneben knien, nicht nur sagen hier haste mal ’nen Euro und
       jetzt geh aus dem Weg!“ Viel zustimmendes Nicken geht durch den Raum, als
       ein freiwilliger Mitarbeiter der Berliner Bahnhofsmission ausspricht, was
       sich viele Wohnungslose wünschen: Empathie und Akzeptanz. 
       
       Hell erleuchtet, ein mit Blumen voll gestelltes Schaufenster: Mitten in
       Moabit liegt der „Warme Otto“. Eine Aufenthaltsmöglichkeit in einer warmen,
       ruhigen und geschützten Atmosphäre für Wohnungslose. Eine Kleiderkammer,
       warme Suppen und heiße Getränke werden angeboten. 
       
       An diesem kalten Donnerstagabend in der ehemaligen Berliner Eckkneipe soll
       diese „Randgruppe“ in unser Sichtfeld gebracht werden, denn sie lebt mitten
       unter uns. Grund für die taz, mit ihnen zu diskutieren und sie zu Wort
       kommen zu lassen. Bis zur Bundestagswahl im September tourt taz.meinland
       deshalb durch die Republik. Wir wollen wissen: Was ist hier eigentlich los? 
       
       ## Auf der Suche nach der Verantwortung 
       
       Laut Schätzungen von Hilfsorganisationen gibt es in Berlin zwischen 3.000
       und 6.000 Menschen ohne festen Wohnsitz. Eine Dunkelziffer von Menschen,
       die mitten unter uns leben, aber viel zu selten zu Wort kommen. Müsste eine
       offene Gesellschaft nicht bedeuten, dass wir genau diese Menschen
       wahrnehmen und in unserer Mitte aufnehmen? Oft werden sie als Menschen
       abgestempelt, die sich aufgegeben haben, die nicht mithalten konnten und
       selbst gar nicht anders wollen. 
       
       Die Frage nach der Verantwortung taucht im Laufe des Abends immer wieder
       auf – einige meinen der Sozialstaat müsse es doch richten können oder wir
       sollten schlichtweg besser aufeinander aufpassen. Dieter Puhl, Leiter der
       Bahnhofsmission vom Berliner Bahnhof Zoo, stellt fest: „Geht es hier um die
       Frage nach der Zuständigkeit oder darum was die Leute wirklich von uns
       brauchten?“ Zustimmendes Gemurmel geht durch den Raum. 
       
       Bei Kaffee und Tee sind rund 40 Menschen gekommen, sechs
       Gesprächsteilnehmer waren eingeladen – es erscheinen, krankheitsbedingt,
       allerdings nur die Hälfte. Die taz-Meinungschefin Nina Apin moderiert den
       Abend und hat die Gesprächsrunde organisiert. Immer wieder wird von
       einzelnen Schicksalen gesprochen. Es wird schnell deutlich, wie viel jeder
       einzelne zu einer offeneren Gesellschaft beitragen kann. Seien es Spenden,
       ehrenamtliches Engagement bei Hilfsorganisationen oder die direkte
       Unterstützung in der Nachbarschaft. 
       
       Doch es gibt nicht nur Zustimmung: Immer wieder stehen Hilfsaktionen vor
       großen Hürden. Eine Rewe-Filiale am Moabiter Hansaplatz hat der
       Obdachlosenhilfe seit dem 1. Januar untersagt, ihren Parkplatz für die
       Essensausgabe zu nutzen. Hört die Hilfe vor der eigenen Haustür auf? Oder
       sind die Berührungsängste einfach zu groß? 
       
       ## Berührungsängste verlieren und Empathie zeigen 
       
       Zwar macht sich große Entrüstung breit, gleichzeitig auch Verunsicherung.
       Denn die Frage, wie man es besser machen kann, bleibt unbeantwortet. Die
       Diskussion wird emotional – auch Betroffene melden sich zu Wort:“ Wir
       bekommen Hilfe und das ist schön. Dafür bin ich dankbar. Doch trotzdem
       werden wir immer noch übersehen und vor den Augen aller vergessen!“. Bodo
       arbeitet im Warmen Otto mit, kümmert sich vor allem um die Kleiderkammer.
       Eigentlich war er ein stiller Zuhörer, führte uns zu vor durch die
       Räumlichkeiten. 
       
       Am Ende des Abends wird klar: Alle wissen, dass keine Stadt, erst recht
       keine Metropole, Obdachlosigkeit verhindern oder beseitigen kann. Aber das
       Berliner Hilfesystem ist nicht auf der Höhe der Zeit. Seit Langem schon
       hält es nicht mehr Schritt mit neuen Problemen wie wachsender Wohnungsnot,
       dem starken Zuzug von EU-Ausländern, der Unterbringung von Flüchtlingen. 
       
       Doch darum geht es auch nicht. Vielmehr um darum, dass die Gesellschaft
       einen Weg findet, Berührungsängste zu verlieren und Empathie zu zeigen. Um
       die Menschen vom Rand in unsere Mitte zu holen, wird es sowohl eigene
       Initiativen, als auch staatliche Hilfen benötigen.
       
       10 Mar 2017
       
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