# taz.de -- Deutsche und Dänen: Keimzelle für Bewegung
       
       > In Flensburg sorgt man sich um den Rechtsruck im Nachbarland.
       > taz.meinland diskutierte mit den Menschen vor Ort.
       
 (IMG) Bild: Eng bei einander. Die dänische und deutsche Flagge in der Flensburger Innenstadt
       
       von [1][MALAIKA RIVUZUMWAMI] 
       
       Der Himmel ist bewölkt, sogar ein paar Schneeflocken fallen an diesem
       kalten, grauen Tag in der nördlichsten Stadt Deutschlands. Flensburg zeigt
       sich von seiner rauen Seite. Doch nur das Wetter ist herb, die Menschen
       friesisch herzlich. Die Stadt an der Flensburger Förde, vor den Türen
       Dänemarks, ist eine Mischung aus weltoffener Hafen- und Handelsstadt und
       traditioneller Beschaulichkeit, geprägt von ihrer unmittelbare Beziehung
       zum Wasser. 
       
       Im Zuge der sogenannten Flüchtlingskrise im Hochsommer 2015 blickte die
       Republik auf den Bahnhof in Flensburg: Dänemark verweigerte den
       Geflüchteten die Durchreise nach Schweden. Viele Menschen mussten in
       Flensburg ausharren. Doch sie wurden mit Engagement und Unterstützung
       empfangen. Spätestens seitdem steht Flensburg für Integration und
       Willkommenskultur. 
       
       Weltoffenheit vs. Grenzschließung 
       
       Immer weniger Flüchtlinge erreichen Deutschland, doch das Thema Integration
       bleibt wichtig. Die Flensburger stoßen an Grenzen: Dänemark hat wieder
       Grenzkontrollen eingeführt, zur Terrorismusabwehr. Ein Bild, das den
       weltoffenen Flensburgern widerstrebt, die Region im alltäglichen Leben
       prägt. taz.meinland hat am Dienstagabend mit den Menschen in Flensburg
       darüber diskutiert. 
       
       Viele der BesucherInnen in der neu erbauten Aula der Ostseeschule in
       Flensburg überqueren täglich die Grenze zu Dänemark. Im Raum scheint die
       Meinung eindeutig: Man wünscht sich eine offene deutsch-dänische Grenze,
       sieht sich mehr als eine gemeinsame Region statt zwei voneinander getrennte
       Ländern. Doch die Landesgrenze lässt sich nicht wegdiskutieren. 
       
       Der runde Tisch am Abend ist groß: Peter Hansen, Leiter Region
       Sonderjylland-Schleswig, Stephan Kleinschmidt, Vorsitzender des Ausschusses
       für kulturelle und regionale Entwicklung, Thomas Andresen, Bürgermeister
       von Apenrade, Christian Dirschauer, Landtagskandidat der SSW, Cornelius
       Tiedemann, stellvertretender Chefredakteur des Nordschleswiger, Nassir
       Hag-Bahri, der von Syrien nach Flensburg flüchtete, und Jörg Goy, dessen
       Einladung wir gefolgt sind. 
       
       Die Angst im Nachbarland 
       
       Im Fokus steht der Umgang mit der Angst im Nachbarland, die
       Entsolidarisierung der Gesellschaft, dem aufkommenden Rechtspopulismus, der
       sich jedoch nun lauter meldet als früher. Schon seit den 70er Jahren gibt
       es einen starken Rechtsdrall in Dänemark, doch mittlerweile ist die rechte
       Dänische Volkspartei eine der tragenden Parteien der Regierung. 
       
       „Wir sind ja eigentlich nicht so unterschiedlich, doch irgendwie schon ein
       bisschen. Die Unterschiede werden momentan vor allem durch die
       Symbolpolitik dieser Grenzkontrollen deutlich. Genau wie die Machtlosigkeit
       der lokalen Politik, denn gegen die Entscheidung in Kopenhagen kann sie
       nicht viel unternehmen.“ Herr Klatt, Professor an der Universität
       Sonderborg, greift auf, was hier scheinbar viele denken. Die Ängst und
       Sorgen der Menschen werden von rechten Kräften ausgenutzt, nicht nur in
       Dänemark, sondern in ganz Europa. 
       
       „Es ist doch eine Grenzkontrolle light! Und trotzdem ein Rückschritt in der
       Zeit“, meldet sich ein Gast aus dem Publikum. Die Grenze ist nicht zu –
       täglich überqueren sie immer noch 16.000 Pendler. Doch erst vor wenigen
       Wochen wurden auch andere Töne laut: Soren Espersen, stellvertretender
       Vorsitzender der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei (DF), hat
       territoriale Veränderungen zwischen Dänemark und Deutschland für
       wünschenswert erklärt. 
       
       Neue Grenzziehung? 
       
       Die zweitstärkste Kraft im dänischen Parlament unterstützt die
       Minderheitsregierung der rechtsliberalen Venstre Partei und wünscht sich
       „ein Dänemark bis zur Eider“. Die Grenze selbst aber, nach dem Ersten
       Weltkrieg in einem komplizierten Abstimmungsverfahren zwischen Südschleswig
       (deutsch) und Nordschleswig (dänisch) gezogen, hat seit Jahrzehnten keiner
       mehr in Frage gestellt. 
       
       Eine Idee, die man mit Bedenken zur Kenntnis nimmt. Denn sie fällt zusammen
       mit einer schwierigen Entwicklung.: „Bei den Kontrollen geht es
       ausschließlich um die äußere Erscheinung, daher ist die Grenze für mich ein
       Ausdruck einer neuen politischen Entwicklung in Europa, die ich sehr
       bedenklich finde!“, meint Katrin Hoop, Projektleiterin von „Oplev
       Sydslesvig“ und Mitarbeiterin bei „Refugees Welcome Flensburg“. 
       
       „Ein bisschen Diskriminierung gibt es nicht und ich kann Diskriminierung
       auch nicht schön reden!“ Simone Lange, ist seit Januar Oberbürgermeisterin
       in Flensburg und vertritt eine Politik, die Integration erleichtern soll.
       Schönreden lassen sich die Probleme sicherlich nicht. Doch sie können
       angegangen werden. Protest muss möglich sein, man will sich nicht von
       territorialen oder gedachten Grenzen ins Stocken bringen lassen. 
       
       Ein positives Zeichen 
       
       Ulrich Dehn, Schulleiter der Ostseeschule meint: „Egal, ob die Heimwehr an
       der Grenze steht, wir müssen ein positives Zeichen setzten.“ Seine Idee:
       gemeinsame Sonntagsausflüge, an denen die Grenze so oft wie möglich an
       unterschiedlichen Stellen überquert wird – sich also von der Grenze nicht
       hindern lassen. „Ich demonstriere gerne“, erwidert Frau Lange direkt. Doch
       nicht nur bei ihr sorgt die Idee für ein Schmunzeln. 
       
       Vielleicht ist an diesem Abend nicht nur ein Dialog, sondern auch ein Keim
       entstanden, der für Bewegung sorgt. Ob die Grenzen nun bald in einem
       friedlichen Marsch überquert werden, bleibt abzuwarten. Doch eins steht
       fest: die Flensburger wollen an ihr nicht festhalten und taz.meinland wird
       weiterhin gespannt in die Stadt im hohen Norden blicken.
       
        8 Mar 2017
       
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