# taz.de -- Reisebericht Palästina/Jerusalem 2015: Reise nach Jerusalem und in die Westbank
> Im Oktober besuchte eine TAZ-Reisegruppe die Westbank. Der Teilnehmer und
> Fotograf Arne Andersen beschreibt hier einige persönliche Eindrücke der
> Fahrt.
Wut in der Einkaufsstraße
Die Nablus Road ist eine quirlige Einkaufsstraße in Ost-Jerusalem, die ich
entlangschlendere. Die Straße hat etwas von ihrer Lebendigkeit eingebüßt
seit die Palästinenser der Westbank nicht mehr nach Ost-Jerusalem dürfen.
Plötzlich stellt sich mir eine ca. 40 jährige Palästinenserin in den Weg.
Die Zionisten sollen verschwinden. Ich stelle klar, dass ich kein Israeli,
sondern Deutscher bin, mit dem Ergebnis, dass erneute Tiraden auf mich
einprasseln. Die Deutschen seien neben den Amerikanern die schlimmsten, sie
würden immer nur Israel unterstützen. Ich erkläre ihr, dass ich kein
Bewunderer Frau Merkels sei und die deutsche Israel-Politik hochgradig
kritikwürdig finde. Langsam beruhigt sie sich, wir schütteln die Hände, ich
darf sie fotografieren.
Nachdenklich bleibe ich zurück. Nach knapp vierzehn Tagen Reise (mit der
TAZ) durch die Westbanks kann ich sie gut verstehen. Ihre hilflose Wut, die
mich zum Ventil nahm, durchzieht die palästinensische Gesellschaft und
zeigt sich am deutlichsten an den Messerattacken, die momentan den Konflikt
zwischen Palästina und Israel bestimmen.
Die Mauer muss weg
Dennoch gibt es neben der Wut auch zarte Ansätze der Zivilgesellschaft in
Palästina, die Hoffnung machen.
Einer dieser Inseln der Zivilgesellschaft ist der Ort Bil’in nahe Ramallah.
Seine knapp 2000 Einwohner leben größtenteils von der Landwirtschaft. Doch
durch den Bau der israelischen Sperranlagen verloren sie knapp 60 % ihrer
agrarischen Nutzfläche und zahlreiche ihrer Olivenhaine. Wie an anderen
Stellen auch wurde die Sperranlage nicht auf der Grünen Linie gebaut, die
die Grenze zwischen der Westbanks und Israel darstellt, sondern weit auf
palästinensisches Gebiet. Neben einem juristischen Vorgehen vor dem
obersten israelischen Gericht, demonstrierten seit 2005 die Dorfbewohner
jeden Freitag gegen den Bau der Mauer. Dabei setzten sie auf gewaltlosen
Widerstand.
Abdullah Abu Rahma, Koordinator des Bil'in Popular Committee Against the
Wall und Träger der Carl-von-Ossietzky-Medaille 2008, erklärte uns, welchen
Eindruck dieser Protest auch auf die Israelis hatte: „Sie kannten uns nur
als Steinewerfer, denen man gut mit Tränengas oder scharfer Munition
begegnen kann. Doch wir ketteten uns an unsere Olivenbäume. Das Militär
wusste nicht, wie es reagieren sollte, diese Form des gewaltlosen
Widerstandes überforderte sie.“ Auch auf Grund der internationalen Proteste
entschied das oberste israelische Gericht, dass die Mauer versetzt werden
müsse. Doch auch die nun versetzte Mauer liegt immer noch nicht auf der
Grünen Linie und schneidet die Bauern weiterhin von einem Teil ihrer
Nutzflächen ab. Im Februar wurde Abdullah Abu Rahma zu einer viermonatigen
Bewährungsstrafe und einer Geldstrafe von 1.500 Euro verurteilt, weil er
sich Bulldozern des Militärs in den Weg gestellt hatte.
Doch die friedlichen Proteste gehen weiter. Wir konnten uns bei einem
Spaziergang zur Mauer mit seinen zahlreichen Graffitis überzeugen, dass der
Widerstand lebt. Allerdings zeigt ein Blick über die Mauer auch das rapide
Wachstum des von ultraorthodoxen Siedlern gegründeten Modiʿin Illit mit
ihren inzwischen ca. 60.000 Einwohnern. Es bleibt die Frage, welche Chancen
haben die Bewohner von Bil’in ihr Land jemals zurückzuerhalten.
Hausbesetzungen, Altstadtsanierung und Zorn
Ein anderes Projekt der Zivilgesellschaft ist das Hebron Rehabilition
Committee (HRC). In der der 2. Intifada schlossen die Israelis die
palästinensischen Geschäfte in der Haupteinkaufsstraße Shuhada Street in
der Altstadt von Hebron und bis heute dürfen sie die Palästinenser nicht
betreten. Und auch unser Guide von der HRC, Walid Abu-Hallawa, musste
zurückbleiben. Touristen und Einheimische mieden die Altstadt, die von
Israelis kontrolliert wurde, damit verödete sie. 400 zumeist
nationalreligiöse Siedler, die – wie wir erfuhren – von 1500 Soldaten
geschützt wurden, bemächtigten sich der verlassenen Häuser.
In dieser Situation beschloss das HRC sich dem kulturellen Erbe der
Altstadt zu widmen, um die alte arabische Bausubstanz zu retten. Mit einer
Beschäftigungsinitiative sanierte sie zahlreiche Gebäude und Ladenlokale um
die Altstadt wieder mit Leben zu füllen. Leider konnten wir das
beschriebene quirlige Leben nicht beobachten, denn nahezu 100 Prozent der
palästinensischen Händler hatten sich einem „Tag des Zorns“ gegen die
Übergriffe der Israelis angeschlossen.
Fadi Alloun – In Jerusalem nichts Neues
Einer dieser Übergriffe betraf den 18jährigen Fadi Alloun, der von
israelischen Polizisten kaltblütig erschossen wurde
([1][www.youtube.com/watch?v=AGGp4eh2oUk]), nachdem er vor einer Gruppe
orthodoxer Juden floh. Auf eine spontane Einladung des Vorsitzenden eines
Volkskomitees in Ost-Jerusalem besuchten wir den Vater. Was sagt man dem
Vater, wenn man ihm bei einem Kondolenzbesuch gegenübersteht? Wie verhält
man sich, wenn er erzählt, dass die Israelis der Mutter, die in Jordanien
weilte, die Einreise zur Beerdigung ihres Sohnes verweigert? Ich spüre, wie
sich ein Palästinenser fühlen muss: Wut, Verzweiflung, Trauer. Kann hier
noch Versöhnung gelingen?
Unter Siedlern
Für mich ab er am beeindruckendsten war der Besuch in der israelischen
Siedlung Kfar Adumim. Natürlich blühte und grünte es, die schmucke und
gepflegte Siedlung hat – wie alle israelischen Siedlungen – kein
Wasserproblem. Ein Sprecher der Siedler, Ezra Korman, erklärte uns frank
und frei, die Palästinenser hätten hier zwar die letzten 200 Jahre gelebt,
der israelische Anspruch sei mit 4000 Jahren aber wesentlich älter, so dass
es ihm leid tue um sie, aber das Gebiet gehöre zu Israel.
Bei diesem Zynismus kamen viele Mitglieder der Reisegruppe Zweifel, ob
Appelle der EU oder der UN nach Aufgabe und Räumung der Siedlungen
ausreichen. Viele Menschen in der Westbank haben sich – wie die Besuche auf
der Reise zeigten – auf dem Weg gemacht, sich mit Mitteln des gewaltlosen
Widerstands den Besatzern zu widersetzen. Angesichts der selbst erlebten
zahlreichen Schikanen, so verweigerten uns z.B. kurz vor Nablus israelische
Soldaten die Einreise in die Stadt, die wir dann nur über Schleichwege
erreichen konnten, oder, wenn ich in Nablus (in der von der
palästinensischen Regierung kontrollierten A-Zone) nachts durch das
Geknatter eines Apache Hubschraubers wach werde und danach israelische
Soldaten mit der MP im Anschlag durch die Stadt schleichen sehe, kann ich
die eingangs beschriebene Wut verstehen.
[2][www.andersen-fotografie.de]
14 Dec 2015
## LINKS
(DIR) [1] http://www.youtube.com/watch?v=AGGp4e2oUhk
(DIR) [2] http://www.andersen-fotografie.de
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