# taz.de -- taz-Suche nach „entarteter Kunst”: Zurück ins Bewusstsein
       
       > Die Harry-Fischer-Liste verzeichnet 16.000 Werke meist jüdischer und von
       > den Nazis verfemter Künstler. Die taz hat die Liste nun digitalisiert. 
       
 (IMG) Bild: Seite 71: Werke Emil Noldes im Bestand des Schlesischen Museums Breslau 1936.
       
       Über Jussuf Abbo ist kaum etwas bekannt. 1888 in Palästina geboren,
       studierte Abbo ab 1911 an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin. Der
       Bildhauer und Grafiker wurde Mitglied des Deutschen Künstlerbunds. Abbo
       lebte bis 1935 in Deutschland. Dann flieht der Palästinenser jüdischen
       Glaubens vor der Rassenverfolgung nach London. 
       
       Zwei Jahre später durchkämmten NS-Kunstkommissionen alle staatlichen Museen
       und konfiszierten Werke der „Verfallskunst”, darunter 23 Grafiken und
       Drucke von Abbo. Als „entartete Kunst” sollten seine Werke nicht mehr in
       Deutschland zu sehen sein, so wie Hunderte Werke verfemter Künstler wie
       Otto Dix, Emil Nolde, Paul Klee, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner
       oder Lyonel Feininger. 
       
       Doch im Gegensatz zu diesen ist Abbo nahezu vergessen – so wie viele der
       1.421 geschmähten Künstler. Die Werke und ihre Urheber sollten aus dem
       Gedächtnis der Deutschen getilgt werden. Jetzt sind sie wieder da. Seit dem
       1. November bietet die taz auf taz.de eine [1][Suchmaschine] (siehe unten),
       mit der sich alle Künstler, deren Arbeiten als „entartet” in der
       sogenannten Harry-Fischer-Liste aufgeführt sind, finden lassen. 
       
       ## 16.000 Kunstwerke, mit bürokratischer Akkribie aufgelistet
       
       Die Liste entstand 1941/42 in Joseph Goebbels NS-Propagandaministerium und
       erfasst nahezu alle Werke der „entarteten Kunst”, ihre Urheber, Verkäufer
       und ihren Verbleib. Rund 16.000 Kunstwerke und -mappen, samt Künstlernamen,
       Titel, Technik und Raubnummer, oft mit Namen des Kunsthändlers und ihre
       Deviseneinnahmen. 
       
       Die komplette Liste tauchte zwar 1997 in London wieder auf, ist aber erst
       seit diesem Jahr öffentlich zugänglich. Kurz bevor der sogenannte
       Gurlitt-Skandal die Öffentlichkeit erreichte, kam Hans Prolingheuer in den
       Besitz einer Kopie. Als erstmals Bilder aus der Sammlung von Cornelius
       Gurlitt präsentiert wurden, schossen Spekulationen ins Kraut. 
       
       Anlass für den Dortmunder Kirchenhistoriker, in einem Index sämtliche
       Künstler zu erfassen, deren Werke aus den Museen entfernt wurden.
       Prolingheuer hat dem taz-Ressort Reportage und Recherche dieses Suchsystem
       zur Verfügung gestellt, um es einer möglichst großen Öffentlichkeit
       zugänglich zu machen. Er ist Grundlage der Suchmaschine, die in
       Zusammenarbeit mit OpenDataCity entstanden ist. 
       
       ## Wertvolle Grafiken für 140 Euro auf Ebay 
       
       Der Blick in die vergilbten Seiten, die Maschinenschrift, die akkuraten
       handschriftlichen Einträge, die Namen der Kunsthändler, lassen das Ausmaß
       dieses Staatsraubs erahnen, der bis heute nicht gesühnt ist. „Entartete
       Kunst” kann legal gehandelt werden. Hitlers Gesetz von 1938, das den
       Raubzug rechtlich erlaubte, wurde in der Bundesrepublik nie kassiert. 
       
       Auf 39 Seiten hat Prolingheuer Namen zusammengetragen; der des verfemten
       Jussuf Abbo ist der erste. Abbos Werke hingen in Hamburg, Mannheim,
       Chemnitz. Heute werden seine Grafiken für 140 Euro bei Ebay angeboten. Zur
       Herkunft der Werke findet sich nichts. Ein Blick in die Liste könnte
       erhellend sein. 
       
       Jussuf Abbo starb 1953 in London. Zuletzt soll er sich mit Gelegenheitsjobs
       verdingt haben. 
       
       THOMAS GERLACH
       
       13 Nov 2014
       
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