# taz.de -- Reisebericht Palästina/Israel 2013: Tränen über Palästina
       
       > Impressionen einer Reise in ein geschundenes Land. Von Hans D. Gerhard,
       > Teilnehmer der taz-Reise im April 2013.
       
 (IMG) Bild: Über dem Eingang zum Aida-Flüchtlingslager bei Bethlehem: der größte Schlüssel der Welt als Symbol des Rückkehr-Willens 
       
       Kopfvoll mit Informationen bestückt, beginne ich in Jenin im Norden des
       Westjordanlands (Westbank) meinen Palästinatrip mit einer TAZ-Reisegruppe. 
       
       Leider ist in Deutschland eine Symmetrie der Berichterstattung über den
       Konfliktherd Heiliges Land nicht gegeben; im Fokus steht tendenziell meist
       Israel, über Palästinaerfahren wir oft nur etwas, wenn dort ein größerer
       Aufstand entflammt oder eine verirrte Scud-Rakete aus Gaza bei Sderot
       niedergeht. 
       
       Ich möchte hinter die Kulissen schauen: Sind die Israelis wirklich
       menschenverachtende Wesen, die nichts aus ihrer Geschichte gelernt haben
       und alles tun, um eine Zwei-Staaten-Lösung zu verhindern oder sind sie
       Menschen wie du und ich? Sind (laut einer Befragung von 520 jüdischen
       Schulkindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren) die Araber wirklich in der
       Mehrzahl Kriminelle und Mörder, Monster mit einem Tierschwanz, grünen
       Haaren und einem Narbengesicht, die kein Rechtauf ihr Land haben und
       vertrieben oder umgebracht werden müssen oder sind sie Menschen wie du und
       ich? 
       
       Wir besuchen im inzwischen verstädterten Flüchtlingslager das Freedom
       Theatre, das mit der Agenda „Kunst gegen Besatzung“ gegründet worden war.
       Mit Theaterspiel, Film, Musik und vielerlei Workshops soll Jugendlichen
       eine Auszeit von ihrer Alltagstristesse geboten werden. Zwei Jahre nach dem
       ungeklärten Mord am Gründer des Theaters steckt dieses in einer
       Identitätskrise-auch angesichts der Widerstände konservativer
       Palästinenser. 
       
       In Ramallah, Hauptsitz der palästinensischen Autonomiebehörde, dem
       arabischen Pendant zu Tel Aviv - also einer dynamischen, pulsierenden
       Boomtown, wo es offener und liberaler zugeht als anderswo in der Westbank-
       zeigt uns der renommierte Fotograf Majdi Hadid eine informative, von der
       UNO erstellte Dokumentation über den Gesamtkomplex Nahostkonflikt. Sie
       lässt uns erahnen, wie viel Deprimierendes wir auf unserer Reise noch
       erfahren werden. Bei einem gemeinsamen Abendessen erzählt uns Majdi auch
       von einem von ihm initiierten Künstlersymposium in Ramallah, zu dem er
       trotz großer Probleme auch Israelis einladen konnte. Er teilt unser
       Erstaunen darüber, wie überrascht und desinformiert sich diese über die
       wahren Verhältnisse in den O.P.T. (Occupied Palestinian Territories)
       gezeigt hatten. Doch ist dies kein Wunder, weil die meisten Israelis kaum
       je die Checkpoints passiert haben - ja, gar nicht wissen wollen, was „da
       drüben“ vor sich geht. 
       
       ## Mut der Verzweiflung 
       
       Im Dorf Bil'in treffen wir Abdullah Abu-Rahma vom „Popular Committee“.
       Dieser Ort macht seit Jahren weltweit von sich reden durch die jeden
       Freitag stattfindenden, auch von israelischen und internationalen
       Friedensaktivisten begleiteten gewaltlosen Kundgebungen gegen die die
       lokalen Bauern von großen Teilen ihrer lebenswichtigen Olivenhaine und
       Äcker abschneidende Mauer. 
       
       Abdullah, der für sein Engagement bereits eineinhalb Jahre im Gefängnis
       saß, führt uns dorthin und erzählt von Leid und Tod, verursacht durch
       Tränengas, Hartgummigeschosse und scharfe Munition der Mauerwächter. Die
       vor den der Mauer vorgelagerten Stacheldrahtverhauen massenhaft
       herumliegenden Tränengashülsen sprechen eine beredte Sprache. Stolz fügt er
       aber hinzu, Bilin sei der erste Ort gewesen, der beim Obersten Gerichtshof
       eine Rückverlegung der Mauer erreicht habe, hinter der auf Hügelkuppen
       strahlendweiß die verharmlosend Siedlung genannte Stadt Modein Ilit mit
       ihren 43000 Einwohnern aufscheint. 
       
       Bevor Abdullah die ganze Reisegruppe in sein Haus zum Mittagessen empfängt,
       zeigt er uns in seinem Garten zehntausende gesammelter Tränengashülsen und
       einen eisernen T-Träger, in den eingesperrt, er sich vor israelische
       Bulldozer hatte legen lassen. 
       
       ## „Papa, warum wollen die Israelis hinter einer Mauer leben?“
       
       Beim Verlassen Ramallahs passieren wir den Checkpoint Qalandja. Die 540
       Checkpoints und die Abriegelungen an den Übergängen nach Israel und in der
       gesamten Westbank auferlegen den Palästinensern zeitraubende, schikanöse,
       demütigende und oft Gefahr bringende Kontrollen. Hier, wo die
       Apartheid-Mauer neben spektakulären Malereien und Graffittis in
       eindringlichen Inschriften die Wünsche, Hoffnungen, aber auch die
       Verzweiflung der Palästinenser geradezu herausschreit: „We´ll tell our
       children, what Israel had done to us!“ 
       
       Die Mauer sollte nach Aussage ihrer Erbauer eine vorübergehende
       Schutzeinrichtung sein. Das erinnert mich fatal an den zynischen Ausspruch
       eines uns Deutschen wohlbekannten Chefs eines totalitären Landes: „Niemand
       hat die Absicht, eine Mauer zu bauen!“ Dessen Mauer war allerdings nur halb
       so hoch wie die israelische, welche zudem mehr als doppelt so lang sein
       wird als die „Green Line“, die 1949-er Waffenstillstandslinie. Dies
       bedeutet, dass sie völkerrechtswidrig zu 85 Prozent auf konfisziertem
       palästinensischem Gebiet errichtet wurde und viele Siedlungen umschließt. 
       
       Die geplante Fragmentierung der Westbank durchschneidet das Agrarland der
       Palästinenser und behindert den Zugang zu ihren Olivenhainen, zu Schulen,
       Krankenhäusern, Märkten, Behörden und Moscheen. Als mir ein Araber von der
       Frage seines kleinen Sohnes berichtet: „Papa, warum wollen die Israelis
       hinter einer Mauer leben?“, erschließt sich mir der ganze kafkaeske Irrsinn
       dieses israelischen Konstrukts. 
       
       ## Das Dorf, das es gar nicht gibt 
       
       Das Westjordanland, das nur gut zwei Drittel so groß ist wie der bayerische
       Regierungsbezirk Unterfranken, ist seit dem Oslo-Abkommen 1993 in drei
       unterschiedlich verwaltete Zonen geteilt. Wir besuchen im Jordantal in der
       zivil und militärisch von Israel kontrollierten C-Zone das zersiedelte und
       von den Israelis nicht anerkannte und auf keiner ihrer Landkarten
       verzeichnete Dorf Jiftlik, das in seiner unbeschreiblichen Ärmlichkeit ohne
       Strom und Wasser auch irgendwo in der Dritten Welt liegen könnte. 
       
       Mit Nizar, einem Mitarbeiter von Medico International sitzen wir bei einem
       Glas Tee mit Bauern in deren Hof zusammen und bekommen bestätigt, wie
       gezielt und koordiniert die Israelis alles tun, um das fruchtbare und
       strategisch wichtige Jordantal „palästinenserfrei“ zu machen und die
       ansässigen Araber in dicht bevölkerte Enklaven zu verdrängen. In der Nähe
       von Jiftlik stehen dreisprachige Warntafeln: „Vorsicht! militärisches
       Übungsgelände!“ 
       
       Nizar nennt uns einen anderen beliebten Vorwand zur Beschlagnahme von
       palästinensischem Land: Man erklärt es einfach zu einem Naturreservat. Der
       Anschauungsunterricht bei einem gemeinsamen Spaziergang sagt mehr als alle
       Worte. Gegenüber den saftiggrünen, starkstromgesicherten Weinpflanzungen
       israelischer Siedler fallen uns von bräunlichem Gestrüpp überwucherte
       Felder auf. Wem die gehören? „Uns Palästinensern“, klärt Nizar uns
       resigniert auf: „Die Juden lehnen jedes Gesuch zum Bau von Brunnen und
       Zisternen genauso ab wie den von Häusern und Stallungen." 
       
       Er führt uns zu einem von den Kontrahenten gesprengten, notgedrungen
       illegal errichteten Brunnen. Mehrere Jahre lang unbebautes Land fällt
       praktischerweise automatisch dem Staat Israel zu. Dieser leitet das Wasser
       des Jordan und das der Aquiferen, der Grundwasserspeicher, zu sich ab und
       verkauft es dann aus Tankwagen teuer an die Palästinenser, die im Schnitt
       pro Person täglich mit knapp 70 Litern auskommen müssen. Da lässt sich bei
       täglich etwa 300 Litern in den Siedlungen schon mal leicht ein Swimmingpool
       füllen. 
       
       Heute und morgen sind wir nahe bei christlichen Palästinenserfamilien
       untergebracht, was uns weitere aufschlussreiche Gespräche bringt und
       Einblicke in deren Alltag gewährt. 
       
       ## Permit zum Wäscheaufhängen 
       
       In Bethlehem besichtigen wir nach einem Bummel durch die sehenswerte
       Altstadt und einem Treff mit einer Traumatherapie-Initiative, die hier ein
       reiches Betätigungsfeld hat, obligatorisch die Geburtskirche, deren
       ursprüngliches Portal von den Kreuzfahrern verkleinert wurde, damit die
       Mameluken nicht zu Pferd ins Innere reiten konnten. In der winzigen
       Geburtsgrotte erleben wir eine von sechs Franziskanern gestaltete Andacht. 
       
       Natürlich versäumen wir nicht einen Gang zu „Anastas Haus“, das auf drei
       Seiten u-förmig von der reich bebilderten Mauer umschlossen ist.Claire, die
       Hausfrau, schildert mit Galgenhumor, dass sie bei den Besatzern zum
       Aufhängen ihrer Wäsche dort oben um eine Genehmigung ersuchen muss! Denn
       das Israelische Militär hat verboten, auf das Dach des Hauses zu gehen,
       damit niemand die Israelis über die Mauer hinweg beobachten kann. 
       
       Nachmittags nimmt uns die auch in Deutschland bekannte Autorin Fatma
       Mukarkar, die Mutter unseres Stadtführers Kamal, auf einen Hügel in ihren
       Garten mit, wo die Israelis gerade die Mauer quer hindurchziehen. Mit
       Erbitterung berichtet sie, dass sie einen palästinensischen Bulldozerfahrer
       zur Rede gestellt hatte, der dabei war, ihrer Familie, also Menschen seines
       eigenen Volkes, die Olivenbäume herauszureißen. Wer könnte sich nicht auch
       in diesen Mann hineinversetzen, als er antwortete: „Geben Sie mir das Geld,
       um meine acht Kinder durchzubringen?“ Nur eine alltägliche Demütigung. 
       
       ## Müll auf Palästinenserköpfe 
       
       Es gärt in der Westbank! Nach dem Tod eines krebskranken Palästinensers,
       dem die Israelis im Gefängnis die medizinische Betreuung verweigert haben
       sollen und dem Hungerstreik anderer Gefangener werden von überallher
       Demonstrationen und Zusammenstöße gemeldet. In Ha´aretz lese ich, dass
       bereits zwei Jugendliche im Alter von 16 und 18 Jahren erschossen wurden.
       Und wir sind in Hebron angekommen, dem absoluten Hotspot, Ausgangspunkt der
       durch die Repressalien und die Separationspolitik der Israelis
       provozierten, oft blutigen Auseinandersetzungen - sicher die dunkelste Zeit
       in der Geschichte der 5500 Jahre alten Stadt. 
       
       So verschiebt sich der Fokus unseres Interesses vom Besuch der
       Sehenswürdigkeiten wie dem streng in Synagoge und Moschee getrennten
       Gotteshaus über Abrahams Grab zwangsläufig auf die aktuellen explosiven
       Vorgänge. Mit Walid Abu-Alhalaweh vom Hebron Rehabilitation Committee,
       einer NGO, die sich sehr für Erhalt und Restaurierung der Altstadt
       engagiert, erkunden wir deren palästinensischen Teil. In den Obergeschossen
       über den Läden der Araber in den ehedem von orientalischem Leben erfüllten
       Basarstraßen haben sich circa 500 Siedler eingenistet, von 1500 Soldaten
       beschützt. 
       
       Die Siedler aus den oberen Stockwerken hatten die Menschen in der Straße
       mit Pflastersteinen, Flaschen und Müll beworfen, was diese aus Selbstschutz
       dazu bewog, die Straße mit dichtmaschigen Drahtgeflechten volierengleich zu
       überspannen und ihre Fenster und Balkone zu vergittern. Menschen in
       Käfighaltung. Neugierige Touristen werden schon mal von den Radikalen
       verunglimpft und mit Eiern und Tomaten „begrüßt“. 
       
       Palästinensische Kinder, die auf ihrem Weg zur Schule ein israelisches
       Gebiet queren, müssen von jungen Freiwilligen aus vieler Herren Länder vor
       den Beschimpfungen und den Steinen der Siedler beschützt werden. Die
       Atmosphäre aus Furcht, Hass und Unterdrückung hat Hebron zu einer
       Geisterstadt verkommen lassen: Seit 2000 wurden 1800 Läden geschlossen,
       viele Familien sind geflohen. 
       
       ## Wenn Menschen für den Abriss ihrer Häuser zahlen müssen 
       
       Just heute beginnt in Hebron wieder der Zyklus der Gewalt: Steine werfende
       Palästinenserkinder, brennende Autoreifen gegen Militärposten, Barrikaden,
       Tränengas, Hartgummigeschosse, todbringende Schüsse. Arabische Jugendliche
       gelten ab 16 Jahren als strafmündig und kommen vor ein Militärgericht,
       jüdische ab 18 Jahren vor ein Zivilgericht. Kleine Feinheiten. Ich frage
       einen der schwerbewaffneten Soldaten, was für ein Gefühl er habe, wenn er
       hier einen solchen Dienst versieht: „Ich habe kein Gefühl, ich erfülle
       meine Pflicht!“ Dieses Diktum kommt nicht nur uns Deutschen bekannt vor. 
       
       Walid zeigt uns, dass an strategischen Punkten der Altstadt gezielt Häuser
       enteignet und/oder abgerissen werden, um Platz zu schaffen für israelische
       Militärposten; im Zuge der schleichenden Judaisierung erleiden
       dazwischenliegende Gebäude bald das gleiche Schicksal. Das israelische (!)
       Komitee gegen Hauszerstörungen schätzt, dass seit 1967 etwa 27000 Gebäude
       der Palästinenser dem Abriss anheimfielen, wobei der ursprüngliche Vorwand,
       damit Attentäter zu bestrafen, schon längst entfallen ist. Der Gipfel der
       Perversion ist, dass die auf den Trümmern ihrer Häuser sitzenden Menschen
       bald eine Rechnung für deren Abriss erhalten. 
       
       ## Siedlungen, der Tod einer Zwei-Staaten-Lösung 
       
       Finale Impressionen in Jerusalem, der mythischen und legendären Stadt, die
       von Israelbesuchern (zusammen mit Bethlehem) in einem Tag abgehakt wird.
       Auch wir besuchen - je nach Interessenlage - die berühmten
       Sehenswürdigkeiten. Ich nehme mir viel Zeit, um an der Westmauer (früher
       Klagemauer) die fröhlich-ernsten Feiern anlässlich Bar Mizwa zu
       beobachten-Festlichkeiten, welche die religiöse Mündigkeit 13-jähriger
       Jungen würdigen. 
       
       Mit einem Mitarbeiter vom Alternative Information Center unternehmen wir
       eine ausgedehnte Bustour durch die städtischen Außenbezirke, die uns die
       ganze Perfidie der israelischen Siedlungspolitik erkennen lässt, zum
       Beispiel an der Siedlung genannten Stadt Maale Adumin mit etwa 40000
       Einwohnern. Bei Realisierung des Bebauungsplans E1 schöbe sich zwischen
       Ramallah und Bethlehem einBesiedelungsriegel, der auch die Lücke zwischen
       Maale Adumin und den jüdischen Vierteln Ostjerusalems schlösse, was
       gleichsam einer Zweiteilung der Westbank gleichkäme. 
       
       Eine unabsehbare Zahl von zwingburgengleich auf Bergrücken thronenden,
       mauerumgürteten Siedlungen und 120 als Kristallisationspunkte für spätere
       Ansiedlungen dienende und oft zunächst nur aus ein paar Wohncontainern
       bestehende sogenannte Outposts überziehen die Westbank. Sie sind die
       Heimstatt konservativer oder schießwütiger ultraradikaler, hasserfüllter
       Juden. 
       
       Diese werden von Staats wegen mit vielerlei Vergünstigungen wie billigen
       Krediten und Steuerermäßigungen zum Niederlassen geködert und danach von
       reichlich vielen Soldaten bewacht, die bei aggressiven Ausfallerscheinungen
       der Siedler großzügig wegschauen. Gerade vermeldete Ha´aretz, dass ein in
       der Nähe einer Siedlung friedlich seine Ziegen hütender 84 Jahre alter
       Hirte von Siedlern zusammengeschlagen wurde und mit Knochenbrüchen im
       Hospital liege. 
       
       ## Die Westbank als Sandwich 
       
       Niemand sollte glauben, die israelische Politik sei nicht seit Jahrzehnten
       mit ausgefeilter Logistik geplant. ich denke da an den bereits 1973
       getätigten verräterischen Ausspruch Ariel Sharons: „Wir werden aus den
       Palästinensern einen Sandwich machen. Zwischen die beiden Hälften werden
       wir einen Streifen jüdischer Siedlungen legen und dann einen zweiten und
       dann einen weiteren quer über die ganze Westbank. Nach 25 Jahren kann das
       niemand mehr rückgängig machen, weder die UN noch die USA!“ 
       
       Judäa uns Samaria sind aus biblischer Sicht der Juden eigenes Land:„Eretz
       Israel“. So istdie israelische Vertreibungspolitik erfolgreich: Laut UN ist
       allein im Jordantal die Zahl der Palästinenser seit 1967 von 250000 auf
       rund 56000 geschrumpft. 
       
       Für meine feste Überzeugung, dass es nie zu einer Zwei-Staaten-Lösung
       kommen wird, finde ich während meines Aufenthalts überall desperate
       Zustimmung. Chancen dafür wurden von allen Seiten vertan; die Korruption
       innerhalb der PLO, der Disput zwischen Fatah und Hamas und die blamable
       Zurückhaltung und Nibelungentreue der Amerikaner zu Israel waren und sind
       zusätzlich kontraproduktiv. 
       
       Nach einem Bummel über die Stadtmauer gerate ich am Damaskus-Tor
       unversehens in einer Demo zwischen die Fronten einer immer größer werdenden
       Zahl aufgebrachter Palästinenser und etwa zwei Dutzend Polizisten, die von
       deren Wortführer beschimpft werden. Mit Mühe kämpfe ich mich aus dem
       Getümmel, nicht ohne auf meinem Rücken mit Stockschlägen von den
       offensichtlich auch in einer Stresssituation befindlichen Polizisten
       Bekanntschaft zu machen. 
       
       Ein Land wie Israel, das bezüglich der Okkupation der Westbank, des
       Siedlungsbaus, der Segregations- mauer, der Beschlagnahme von Privatbesitz,
       des Abrisses von Gebäuden, der Wasserverteilung und des Status von
       Jerusalem gegen alle Resolutionen der Vierten Genfer Konvention, der
       UN-Vollversammlung, des UN-Sicherheitsrates, des Haager Abkommens und des
       Internationalen Gerichtshofs verstößt, delegitimiert sich selbst und
       scheint in einen politischen Autismus verfallen zu sein. Es entbehrt
       weltweit zunehmend des Verständnisses und der Sympathie der Völker.
       
       11 Jun 2013
       
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