# taz.de -- Reportage Kairo-Reise Okt. 2010: Impressionen aus Kairo und El-Fayoum
> Beate Seel, Nahost-Redakteurinder taz, begleitete die Kairo-Reise im
> Oktober 2010.
(IMG) Bild: Der Nil in Kairo
Hohe, unverputzte Backsteinbauten säumen die engen Straßen. Hier und da
sind die Wände einer Loggia weiß, türkis oder in einem hellen, kühlen
blaugrün getüncht und teils mit Tüchern als Schutz gegen die Sonne
verhängt. Hinter den Wohnhäusern ragen die ockerfarbenen, steilen Hänge der
Muqattam-Berge auf. Vor den Gebäuden hocken Familien, vor allem Frauen und
Kinder, zwischen offenen Mülltüten und sortieren ohne Atemschutzmaske und
Handschuhe den Abfall der ägyptischen Hauptstadt Kairo.
## Am Rande Kairos: Müll-Recycling per Hand
An den Wänden lehnen hohe Lagen von Altpapier oder Pappe, anderswo stapeln
sich Blechkanister, Stoßstangen oder die Innenverkleidung von
Kühlschränken. Männer packen Plastikflaschen in große Säcke, die sie für
den Abtransport zu den Recyclingfirmen fest verschnüren und auf bunt
bemalte Pickups hieven, deren Ladung doppelt so hoch ist wie die
Karosserie.
Es ist ein ständiges Hin- und Her, Autos hupen, um sich einen Weg zu bahnen
oder um einen Eselskarren zur Seite zu drängen. Dazwischen gehen sauber
gekleidete Frauen, die ihre Kinder von der Schule abholen. Am Straßenrand
liegt eine tote Ratte, auf der Fliegen sitzen; daneben guckt der gerupfte
Hals eines Huhns aus einer dreckigen schwarzen Plastiktüte. Nein, man
möchte hier nicht immer so genau hinsehen, am liebsten Mund und Nase
verschließen und auch nichts anfassen.
Wir, eine Gruppe im Rahmen der taz-Reisen in die Zivilgesellschaft, sind
mit unserem kundigen Begleiter Magdi Gohary in Manshieyet Nasser unterwegs,
einem Viertel am Rande Kairos, wo der nachts eingesammelte Müll recycelt
wird. Wie viele Menschen hier leben, weiß niemand, es sollen etwa 50.000
sein. Rund Zweidrittel von ihnen gehören der Minderheit der koptischen
Christen an. Krankheiten sind hier endemisch, Hepatitis, Anämie, Diabetes
verbreitet, die durchschnittliche Lebenserwartung wird auf fünfzig Jahre
geschätzt.
Und plötzlich, in einer kleinen Seitenstraße, öffnet sich eine ruhige grüne
Oase mit schattenspendenden Bäumen im Innenhof. In dem L-förmigen
zweistöckigen Gebäude ist ein Recyclingprojekt für Mädchen ab 13 und junge
Frauen untergebracht, die aus Altpapier handgeschöpfte Bögen und Karten
herstellen und damit Geld verdienen. Der Rohstoff ist umsonst, Chemikalien
werden nicht verwendet. Und „nebenbei“ erhalten die Mädchen eine
Ausbildung. Das Projekt der „Vereinigung für den Schutz der Umwelt“ (A.P.E.
www.ape-egypt.com), das von ausländischen Beratern und Geldgebern
unterstützt wird, hat 1994 mit sechs Mädchen begonnen, heute sind es
vierzig.
„Wenn wir den Eltern gesagt hätten, die Mädchen sollen hier Lesen und
Schreiben lernen, hätten sie sich geweigert, ihre Töchter zu schicken“,
sagt Hoda Faik, die Leiterin der Papierrecyclingeinheit. Die junge Frau in
Jeans, kurzärmeligem bunten T-Shirt und Pferdeschwanz fügt hinzu: „Jetzt
kommen sie her, um eine Ausbildung zu erhalten, zu arbeiten, Geld zu
verdienen und nebenbei werden sie alphabetisiert“. Manchmal gibt es auch
Englischunterricht oder Computerkurse. Für die jungen Frauen bietet sich
eine Chance auf ein besseres Leben, mehr Selbstbewusstsein und eine höhere
Wertschätzung in ihren Familien.
In einer luftigen, halboffenen Halle sind mehrere Mädchen damit
beschäftigt, das bereits von Heftklammern befreite, zerkleinerte und
aufgelöste Papier mit Schöpfrahmen aus der Masse zu heben und anschließend
zu pressen. Gefärbt wird mit pflanzlichen Mitteln wie Reisschalen oder
Hibiskusblüten, was dem fertigen Papier seine typische Struktur und zarte
Muster verleiht. In einem kleinen Laden werden die Papierbögen,
Geschenktüten und Karten ausgeste
## Hoffnungsträger Fair Trade
Vertrieben werden die Produkte von Fair Trade Egypt (FTE,
[1][www.fairtradeegypt.org]), deren Geschäftsräume auf der Nil-Insel
Zamalek in Kairo liegen. 37 Produktionseinheiten mit 2.700
MitarbeiterInnen, 60 bis 70 Prozent davon Frauen, arbeiten heute mit FTE
zusammen, berichtet die Geschäftsführerin Mona El Sayed,. "Unser
wichtigster Aktivposten ist die Zusammenarbeit mit den Produzenten", fügt
sie hinzu. Es gebe eine ständige Kommunikation, Besuche, Telefonate, auch
auf die Qualität werde geachtet, denn schließlich werden die Waren auch in
die USA, Niederlande oder nach Deutschland geliefert.
El Sayed hat ihren Kooperationspartner Feluka in der Bundesrepublik
([2][www.feluka.de]) bereits zwei Mal besucht und sich Messen in Berlin und
Hamburg angeschaut, „um zu sehen, womit wir konkurrieren“. Ihre Wünsche für
die Zukunft: Mit 100 statt mit 37 Produktionseinheiten zusammenzuarbeiten
und Umsatz von 1,5 Mio ägyptische Pfund (196.146 Euro) 2009 innerhalb der
nächsten drei Jahre auf 10 Mio Pfund (1.307.693 Euro) zu erhöhen, was einer
Steigerungsrate von über 600 Prozent entspricht. Im Laden von FTE, der im
gleichen Gebäude wie das Büro untergebracht ist, gibt es neben dem
handgeschöpften Papier aus der Müllstadt auch Holzarbeiten, Körbe, Schmuck,
Textilien und Keramik.
Letztere stammt aus der Oase El Fayoum, die etwa 100 Kilometer südwestlich
von Kairo liegt und für ihre traditionelle Töpferei bekannt ist. In dem
Dorf Tunis besuchen wir die Werkstatt von Rawya Abd el Kader. Den
Ausstellungs- und Verkaufsraum der 34-jährigen mit dem eng anliegenden
braunen Kopftuch und dem langen bestickten, orangefarbenen Kleid, betritt
man über eine schmale, grün berankte Veranda. In den Regalen stehen Teller,
Schüsseln und Schalen, Becher und Krüge mit Motiven aus der Flora und Fauna
der Umgebung in kräftigen Erdfarben oder Türkis. Feine Zeichnungen eines
Zweiges, auf dem Vögel sitzen, oder eines Fisches, der eine Katze anschaut,
verzieren die Gebrauchswaren, die alle Unikate sind.
El Kader hat ihr Handwerk als Kind bei der Schweizerin Evelyn Porret
gelernt, die 1976 eine Töpferschule in Tunis gründete und Begabte förderte.
Als die beiden sich später trennten, verbrachte El Kader eine schlaflose
Nacht. Ihr Mann hatte das Angebot, in Kairo auf einer Baustelle zu arbeiten
und schlug ihr vor, mitzukommen und sich eine Stelle als Hausangestellte zu
suchen. „Sollte das alles umsonst gewesen sein, meine Ausbildung, meine
Karriere?“, fragte sie sich und lehnte am nächsten Morgen den Vorschlag ab.
Heute ist sie Chefin eines Familienunternehmens, das von Fair Trade
unterstützt wird. Auch ihr Mann arbeitet hier, die ältere Tochter Sarah
entwirft schon eigene Motive für das Bemalen der Rohlinge. Das Wohnhaus der
Familie neben der Werkstatt ist inzwischen fertig renoviert. Rawya Abd el
Kader ist eine Frau, die Widrigkeiten und Widerstände überwunden hat.
## Eine Oase für Satire: das Karikaturen-Museum in El-Fayoum
Tunis ist derzeit in Mode und hat sich den Ruf eines Künstlerdorfs
erworben. So steht hier das einzige Karikaturenmuseum in der arabischen
Welt, eine Privatinitiative des Gründers Mohamed Abla und eine ägyptische
Antwort auf den Streit um die Mohammed-Karikaturen im Jahr 2005 (siehe
[3][taz-Artikel von Karim El-Gawhary] vom 29.4.09). Interessierte aus aller
Welt können im Fayoum-Kunstzentrum, einer gepflegten Anlage von
Lehmhäusern, auch an Kursen von Malerei bis zur Performence teilnehmen
([4][www.ablamuseum.com]).
Genau genommen ist El Fayoum eine Halboase, die durch einen Kanal mit dem
Nil verbunden ist. Vom Dach unseres kleinen traditionellen Hotels aus
entfaltet sich ein Panorama in Pastelltönen: das helle Ocker der meist
zweistöckigen Gebäude, das staubige Oliv der Palmen, das frische Grün der
Felder zum Karun-See hin, dessen zartes Blau mit dem des Himmels
korrespondiert. Auf den Weiden stehen Esel, Ziegen, Schafe, Kühe und
Wasserbüffel, Ibisse und Wiedehopfe picken im Rasen der Gärten, die von
blühenden Büschen umgeben sind. Am Abend sitzen wir im Garten des Hotels,
entspannen uns bei Gesprächen und lassen den Tag ausklingen.
Große Pläne für El Fayoum hat Mohammed El Madany, der im Provinzrat für die
Koordination von Projekten zuständig und Geschäftsführer einer Umwelt-NGO
([5][www.faoda.org]) ist. Der engagierte Agronom möchte den Ökotourismus
entwickeln und träumt von "Urlaub auf dem Bauernhof". 250 Betriebe hätten
bereits ihr Interesse an ökologischer Landwirtschaft angemeldet, demnächst
werde mit der Ausbildung zum Biobauern begonnen.
Als Beispiel führt er uns zum El Masri Park, der von zwei Brüdern betrieben
wird. Die Anlage ist seit 2004 als Biohof registriert. Mit Hilfe von zehn
Mitarbeitern werden hier Mangos, Orangen, Mandarinen, Weintrauben, Gemüse
und Kräuter für den lokalen Markt angebaut. Hinter den Wirtschaftsgebäuden
grasen die Tiere. Und nun will Besitzer Omar El Masri Zimmer für Gäste
einrichten, die auf dem Hof mitarbeiten können, wenn sie möchten. Agronom
El Madany setzt bei Projekten wie diesem auf Privatbesitz,
Familienbetriebe, Eigeninitiative und Fortbildung. „Die Regierung ist das
eine, die Bevölkerung das andere“, merkt er an.
## Anthroposophischer Musterbetrieb SEKEM
In einer ganz anderen Liga als der Al Masry Park spiel[6][t SEKEM], der
ägyptische Marktführer im biodynamischen Anbau. Auch dieses Projekt geht
auf eine Privatinitiative zurück. Ibrahim Abouleisch, 1937 in Ägypten
geboren, lebte lange in Österreich, wo er Pharmazie und Medizin studierte
und die Anthroposophie kennenlernte. Bei einem Besuch in seiner Heimat
beschloss er, etwas für sein Land zu tun und rief 1977 das Projekt ins
Leben. Heute ist es eine Holding von sechs Gesellschaften, die ihre
Produkte in alle Welt exportiert. 2003 erhielt Abouleisch dafür den
alternativen Nobelpreis.
Wer hier hübsche Kräuter- oder Teetütchen erwartet, muss umdenken. In einer
riesigen, blitzsauberen Halle liegen große Säcke in hohen Regalen, die nach
Produkt und Empfänger, unter anderem Demeter, sortiert sind (siehe die
Sekem-Website auf deutsch: [7][www.sekemshop.de]). Angebaut werden in der
Tat Kräuter für Tee, medizinische und kosmetische Zwecke, aber auch
Baumwolle, Obst und Gemüse. Und für die Düngung sowie Milchprodukte und
Eier werden Kühe, Schafe und Legehennen gehalten.
Der Mutterbetrieb von Sekem liegt in der Nähe der Stadt Bilbeis nordöstlich
von Kairo. Aus der Hauptstadt kommend, vorbei an neuen, sterilen
Schlafstädten mitten im staubigen Nichts, finden wir uns gleich am
Empfangsbereich in einer Explosion von Grün und Blüten wieder. An dem
einstöckigen, weiß verputzten Bau mit abgerundeten Mauern prangt das
Wahrzeichen von Sekem, ein altägyptisches Symbol für lebensspendende
Sonnenkraft. Die Straßen und Wege durch das weitläufige Gelände, die an
einem Wald und Palmenhainen vorbeiführen, sind von Eukalyptusalleen
gesäumt, und hinter Mäuerchen aus Stein oder Lehm liegen die Felder.
Unsere Führerin an diesem Tag ist Yvonne Floride. Die Erzieherin und ihr
Mann, ein Maschinenschlosser, stammen aus Deutschland und sind klassische
Aussteiger. Auf der Suche nach einem anderen, selbstbestimmten Arbeiten und
Leben landete das Paar mit den beiden Kinder - heute sind es vier - eher
zufällig vor 24 Jahren bei Sekem, damals ein Team von dreißig Leuten.
Heute werden in der Kantine täglich 2.500 Essen zubereitet. Floride hat die
erste Schule auf dem Gelände mit aufgebaut. Inzwischen gibt es alle elf
Jahrgänge und einen Kindergarten, auch für Behinderte, die nach den
Prinzipien der Anthroposophie betrieben werden. Alle Einrichtungen, auch
berufsbildende Zweige, die Tagesklinik und die Apotheke stehen der
Bevölkerung der Dörfer der Umgebung mit etwa 30.000 Menschen zur Verfügung.
Die nächsten Projekte sind eine eigene Universität sowie Stromerzeugung aus
erneuerbaren Energien wie Sonne und Wind. Vermisst Floride manchmal die
Zeit, als Sekem noch ein Projekt in den Anfängen und eine überschaubare
Gruppe war, wo jede jeden kannte? "Nein, den alten Zeiten trauere ich nicht
nach," entgegnet sie auf die Frage. "Wenn es nicht ständig vorwärts gehen
würde, wären wir heute nicht mehr da." Floride und ihr Mann wollten
ursprünglich drei Jahre bei Sekem bleiben. Sie sind immer noch da und
denken nicht daran, wegzugehen.
## Debatten innerhalb der demokratischen Opposition
Veränderungen auf ganz großer Ebene, nämlich Demokratie für Ägypten, strebt
eine Gruppe von Intellektuellen an, mit der wir an einem Abend in den
Räumen des unabhängigen Merit-Verlags verabredet sind. Von unserem Hotel in
der Innenstadt von Kairo aus gehen wir zu Fuß, um das Stehen in den
allgegenwärtigen Dauerstaus zu vermeiden.
Der späte Nachmittag bis in die Abendstunden hinein ist Haupteinkaufszeit.
Stinkende Blechlawinen wälzen sich durch die Straßen; die Fahrer hupen wie
verrückt, als würde das etwas ändern. Für Fußgänger ist es eine wahre
Kunst, eine Straße zu überqueren. Die Fahrzeuge halten an roten Ampeln in
der Regel nur, wenn ein Polizist mit einem Block zum Aufschreiben der
Verkehrssünder danebensteht. Die Straßen säumen heruntergekommene ehemalige
Prachthäuser, deren einst hellen Mauern unter einer grauen, Jahrzehnte oder
Jahrhunderte alten Patina verschwinden.
Auch die Räume des Merit-Verlags liegen in einem solchen Gebäude. Vom
düsteren Treppenhaus aus geht es in eine Wohnung, die schon bessere Tage
gesehen hat. Im Vorraum stehen die publizierten Bücher. 500 Werke sind seit
Gründung vor zehn Jahren erschienen, einige wurden konfisziert, die höchste
Einzelauflage liegt bei 1.000 Exemplaren.
„Wir veröffentlichen Ideen, die kein Geld bringen“, sagt Verleger Mohammed
Hashim, der kettenrauchend an seinem mit Papieren und Büchern überladenen
dunklen Holzschreibtisch im nächsten Zimmer sitzt. In einer Vase stehen
drei verwelkte weiße Chrysanthemen. Der Putz bröckelt von den hohen,
vergilbten Wänden, zwei zerschlissene Sofas mit geschwungenen Rücklehen,
die vom Sperrmüll zu stammen scheinen, stehen auf einem fadenscheinigen
blauen Teppich, in eine Ecke ist ein kleiner Computerarbeitsplatz und ein
vollgestopftes Bücherregal gequetscht.
Schriftsteller, Filmemacher und Künstler drängen sich in den kleinen Raum,
um mit uns bei Bier und Tee zu diskutieren. Thema sind die bevorstehenden
Parlamentswahlen am 28. November und die Nachfolge des 82-jährigen
Staatschefs Hosni Mubarak, der seit 29 Jahren an der Macht ist. In diesem
Jahr stehen auch Präsidentschaftswahlen an.
„Die gemeinsame Basis aller hier im Raum ist die Ablehnung der Erbfolge“,
sagt Hashim und bezieht sich damit auf die Frage, ob Präsidentensohn Gamal
seinem Vater im Amt nachfolgt. Und alle hängen mit der „Front für
Veränderung“ zusammen, die wegen der verbreiteten Fälschungen zu einem
Boykott der Wahlen aufgerufen hat. Die Front hat ein Sieben-Punkte-Programm
veröffentlicht, in dem unter anderem ein Ende des Ausnahmezustands, freie
Wahlen und eine unabhängige Beobachtung gefordert wird.
Georges Izhak (siehe [8][Interview] in Rubrik [9][„Literatur zum
Einlesen“]), einer der Gründer der 2004 ins Leben gerufenen Kifaya-Bewegung
(„Es reicht!“), die sich an der „Front für Veränderung“ beteiligt, weist
darauf hin, dass auch ein Teil der Muslimbrüder die sieben Punkte
unterstützt. Die vermutlich größte ägyptische Oppositionspartei
([10][www.ikhwanweb.com]) ist offiziell verboten, weswegen ihre Mitglieder
als Unabhängige kandidieren. Bei den Parlamentswahlen 2005 erhielten sie 88
von 508 Sitzen.
„Wir können die politische Kraft der Muslimbrüder nicht ignorieren“, sagt
Izhak, der ein Zusammengehen der verschiedenen Oppositionsströmungen
begrüßt hätte. Doch die Führung der Muslimbrüder hat sich für eine
Teilnahme an der ersten Runde der Wahlen entschieden, mit den Argumenten,
den Wahlkampf für die Mobilisierung zu nutzen und Wahlfälschungen zu
entlarven.
Doch nicht alle teilen die Meinung Izhaks. „Die Muslimbrüder verfolgen eine
Agenda des internationalen Islam, sie haben eine rückständige Struktur und
wollen zurück zum religiösen Staat“, kritisiert Filmemacher Magdi Ahmad Ali
und setzt noch eins drauf: „Mit Faschisten kann man nicht
zusammenarbeiten.“ Verleger Hashim sekundiert: „Alles, was die religiöse
Bewegung, den Iran und den Teufel schwächt, ist gut.“ Die Debatte wird
lebhaft, alle reden durcheinander, aber miteinander. „Bei uns gab es von
Anfang an Differenzen und Gemeinsamkeiten“, erklärt Izhak den Gästen.
## ...und innerhalb der Muslimbrüder
Wenige Tage später treffen wir den Muslimbruder Abdulmonem Mahmoud. Er ist
Journalist, derzeit aber im Streik wegen eines Besitzerwechsels seiner
Zeitung Al Dustur. Seine Mitgliedschaft bei den Muslimbrüdern läßt er
ruhen, weil er Differenzen mit der Führung hat. „Ich bin der Meinung, alle
Parteien hätten die Wahlen boykottieren sollen“, sagt Mahmoud, der bereits
drei Mal im Gefängnis saß, zuletzt im Jahr 2007. Und er tritt für eine
Trennung von Politik und Religion ein.
„Die Konservativen haben die Mehrheit in der Führung“, analysiert der
eloquente junge Mann. „Der kontinuierliche Druck auf die Muslimbrüder, die
Jahrzehnte lange Atmosphäre der Angst, haben zur Herausbildung einer
geschlossenen Gruppe geführt, die sich nicht öffnen kann.“ Wenn es von
außen Druck auf eine politische Öffnung gebe und das Regime eine gewisse
Zurückhaltung an den Tag lege, würden auch die Chancen der Reformer
steigen. „Ist es im Interesse des Westens, wenn solche korrupten Regimes
wie das ägyptische weiter bestehen?“, fragt Mahmoud rhetorisch.
Doch „der Westen“ hat auch kein Interesse daran, dass die Muslimbrüder bei
freien Wahlen an die Macht kommen könnten - eine Karte, die das Regime
selbst gerne ausspielt. Und die Debatte unter den Intellektuellen zeigt,
dass solche Befürchtungen auch in den Reihen der laizistischen Opposition
bestehen. „Das Regime hat Interesse an einer religiösen Orientierung, damit
die Religion die Köpfe beherrscht“, sagt Mahmoud, „Ägypten war immer
religiös und das Regime spielt mit Gefühlen der Menschen, die sowieso
vorhanden sind.“
Religion als Opium für das Volk, damit es nicht rebelliert, gegen die
steigenden Preise, die Arbeitslosigkeit, die unfähige Bürokratie, die
Korruption oder das tägliche Verkehrschaos. Stress, Lethargie und
politische Depression sind die Folgen. „Die Kultur der politischen
Veränderung ist seit 50 Jahren verschwunden“, hatte Izhak bei der Debatte
im Merit-Verlag gesagt.
Und so verlaufen die Wahlen wenig überraschend. Auf YouTube und Facebook
sind Videos von Fälschungen und Auseinandersetzungen in den Wahllokalen zu
sehen, über Twitter wird informiert, für welche Summen man seine Stimmen
verkaufen kann. (siehe: [11][taz-Artikel von Karim El-Gawhary vom Wahltag,]
29.11.10). Die Regierungspartei NDP gewinnt in der ersten Runde 209 von 221
Sitzen, der Rest geht an kleinere Parteien oder unabhängige Kandidaten, von
denen sich üblicherweise einige der Regierungsfraktion anschließen.
Die Muslimbrüder und die liberale Wafd-Partei entscheiden sich daraufhin
für einen Boykott der Stichwahl. Mubarak hat nun ein quasi handverlesenes
Parlament. Das ist eine bequeme Voraussetzung für die Präsidentschaftswahl,
denn die Parlamentsfraktionen nominieren die Kandidaten.
Positivere Worte für das Regime findet ein ägyptischer Reiseführer, der uns
an einem Tag begleitet. „Mubarak hat dafür gesorgt, dass es keinen Krieg
gegeben hat“, entgegnet er auf eine entsprechende Frage. „Und sein Sohn
Gamal kommt nicht aus dem Militär. Er hat in den USA Chemie studiert, das
ist schon besser.“ Es entwickelt sich eine kleine Diskussion. „Es gibt
viele, die kein Interesse an Wahlen haben, weil schon alles organisiert
ist“, konzidiert er. „Alles ist nur eine Show.“
## Die Verantwortung der Medien
Über die politische Lage, den Streik bei Al Dustur und die Pressefreiheit
diskutieren wir auch mit jungen Journalisten der unabhängigen privaten
Zeitung Al Masri al Youm ([12][www.almasryalyoum.com/en]), die 2005
gegründet wurde und eine Auflage von 300.000 Exemplaren hat.
Khaled Omar erläutert gleich die roten Linien. „Wir können nichts über die
Armee schreiben oder über Fragen der nationalen Sicherheit, was natürlich
eine Frage der Definition ist“, sagt er. „Und über den Präsidenten kann man
nur bestimmte Dinge schreiben, zum Beispiel die öffentliche Debatte über
die Nachfolge aufgreifen.“ Angesichts einer „Gesellschaft im Zerfall“ müsse
auch über Differenzen „delikat“ berichtet werden. „Wir können nichts
veröffentlichen, was die Spaltungen in der Gesellschaft vertieft. Wir
müssen auf Deeskalation statt auf Eskalation setzen“, sagt Omar. Die jungen
Journalisten wollen die bestehenden Grenzen der Berichterstattung testen
und die Presselandschaft verändern. „Inzwischen sind viele unabhängige
Zeitungen entstanden“, sagt Omars Kollege Ahmad Harbia. „Die Decke wurde
immer höher.“
Der Wahrheit zuliebe soll abschließend erwähnt werden: bei dieser Reise
bleibt neben den vielen Begegnungen mit engagierten Menschen auch Zeit für
die touristischen Sehenswürdigkeiten dieser Metropole der
arabisch-islamischen Welt: Die Pyramiden besuchen wir ebenso wie die
Altstadt mit ihren prächtigen Häusern und Moscheen aus der Zeit der
Fatimiden (909-1171) und Mamluken (1250-1517).
Und bei unseren Streifzügen durch Kairo bringt Reiseleiter Magdi Gohary uns
Geschichte und Geschichten der Stadt nahe, auf seine lebhafte, anschauliche
Art. Da er selbst eine Wohnung im Zentrum hat, ist er nie in Verlegenheit,
wenn wir uns angesichts der spätsommerlichen Hitze mal ausruhen wollten.
Immer weiß er von einem nahegelegenen kleinen Cafe, wo wir im Schatten
sitzen und uns bei heißen oder kalten Getränken erfrischen können. Vor dem
Schlafengehen treffen wir uns gelegentlich im Innenhof des Hotels, in dem
auch Alkohol ausgeschenkt wird.
Unsere Reise, die mit einer Fahrt auf dem Nil in einer traditionellen
Feluka begonnen hatte, geht mit einem Abendessen auf der Terrasse eines
Restaurants in den Al-Azhar-Gärten mit einem grandiosen Panoramablick über
die nächtliche Stadt zu Ende.
26 Feb 2013
## LINKS
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(DIR) [2] http://www.feluka.de/
(DIR) [3] /pt/2009/04/29/a0091.nf/text
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(DIR) [11] /pt/2010/11/29/a0060.nf/text
(DIR) [12] http://www.almasryalyoum.com/en
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