# taz.de -- Reportage Kairo-Reise Okt. 2010: Impressionen aus Kairo und El-Fayoum
       
       > Beate Seel, Nahost-Redakteurinder taz, begleitete die Kairo-Reise im
       > Oktober 2010.
       
 (IMG) Bild: Der Nil in Kairo
       
       Hohe, unverputzte Backsteinbauten säumen die engen Straßen. Hier und da
       sind die Wände einer Loggia weiß, türkis oder in einem hellen, kühlen
       blaugrün getüncht und teils mit Tüchern als Schutz gegen die Sonne
       verhängt. Hinter den Wohnhäusern ragen die ockerfarbenen, steilen Hänge der
       Muqattam-Berge auf. Vor den Gebäuden hocken Familien, vor allem Frauen und
       Kinder, zwischen offenen Mülltüten und sortieren ohne Atemschutzmaske und
       Handschuhe den Abfall der ägyptischen Hauptstadt Kairo. 
       
       ## Am Rande Kairos: Müll-Recycling per Hand
       
       An den Wänden lehnen hohe Lagen von Altpapier oder Pappe, anderswo stapeln
       sich Blechkanister, Stoßstangen oder die Innenverkleidung von
       Kühlschränken. Männer packen Plastikflaschen in große Säcke, die sie für
       den Abtransport zu den Recyclingfirmen fest verschnüren und auf bunt
       bemalte Pickups hieven, deren Ladung doppelt so hoch ist wie die
       Karosserie. 
       
       Es ist ein ständiges Hin- und Her, Autos hupen, um sich einen Weg zu bahnen
       oder um einen Eselskarren zur Seite zu drängen. Dazwischen gehen sauber
       gekleidete Frauen, die ihre Kinder von der Schule abholen. Am Straßenrand
       liegt eine tote Ratte, auf der Fliegen sitzen; daneben guckt der gerupfte
       Hals eines Huhns aus einer dreckigen schwarzen Plastiktüte. Nein, man
       möchte hier nicht immer so genau hinsehen, am liebsten Mund und Nase
       verschließen und auch nichts anfassen. 
       
       Wir, eine Gruppe im Rahmen der taz-Reisen in die Zivilgesellschaft, sind
       mit unserem kundigen Begleiter Magdi Gohary in Manshieyet Nasser unterwegs,
       einem Viertel am Rande Kairos, wo der nachts eingesammelte Müll recycelt
       wird. Wie viele Menschen hier leben, weiß niemand, es sollen etwa 50.000
       sein. Rund Zweidrittel von ihnen gehören der Minderheit der koptischen
       Christen an. Krankheiten sind hier endemisch, Hepatitis, Anämie, Diabetes
       verbreitet, die durchschnittliche Lebenserwartung wird auf fünfzig Jahre
       geschätzt. 
       
       Und plötzlich, in einer kleinen Seitenstraße, öffnet sich eine ruhige grüne
       Oase mit schattenspendenden Bäumen im Innenhof. In dem L-förmigen
       zweistöckigen Gebäude ist ein Recyclingprojekt für Mädchen ab 13 und junge
       Frauen untergebracht, die aus Altpapier handgeschöpfte Bögen und Karten
       herstellen und damit Geld verdienen. Der Rohstoff ist umsonst, Chemikalien
       werden nicht verwendet. Und „nebenbei“ erhalten die Mädchen eine
       Ausbildung. Das Projekt der „Vereinigung für den Schutz der Umwelt“ (A.P.E.
       www.ape-egypt.com), das von ausländischen Beratern und Geldgebern
       unterstützt wird, hat 1994 mit sechs Mädchen begonnen, heute sind es
       vierzig. 
       
       „Wenn wir den Eltern gesagt hätten, die Mädchen sollen hier Lesen und
       Schreiben lernen, hätten sie sich geweigert, ihre Töchter zu schicken“,
       sagt Hoda Faik, die Leiterin der Papierrecyclingeinheit. Die junge Frau in
       Jeans, kurzärmeligem bunten T-Shirt und Pferdeschwanz fügt hinzu: „Jetzt
       kommen sie her, um eine Ausbildung zu erhalten, zu arbeiten, Geld zu
       verdienen und nebenbei werden sie alphabetisiert“. Manchmal gibt es auch
       Englischunterricht oder Computerkurse. Für die jungen Frauen bietet sich
       eine Chance auf ein besseres Leben, mehr Selbstbewusstsein und eine höhere
       Wertschätzung in ihren Familien. 
       
       In einer luftigen, halboffenen Halle sind mehrere Mädchen damit
       beschäftigt, das bereits von Heftklammern befreite, zerkleinerte und
       aufgelöste Papier mit Schöpfrahmen aus der Masse zu heben und anschließend
       zu pressen. Gefärbt wird mit pflanzlichen Mitteln wie Reisschalen oder
       Hibiskusblüten, was dem fertigen Papier seine typische Struktur und zarte
       Muster verleiht. In einem kleinen Laden werden die Papierbögen,
       Geschenktüten und Karten ausgeste 
       
       ## Hoffnungsträger Fair Trade
       
       Vertrieben werden die Produkte von Fair Trade Egypt (FTE,
       [1][www.fairtradeegypt.org]), deren Geschäftsräume auf der Nil-Insel
       Zamalek in Kairo liegen. 37 Produktionseinheiten mit 2.700
       MitarbeiterInnen, 60 bis 70 Prozent davon Frauen, arbeiten heute mit FTE
       zusammen, berichtet die Geschäftsführerin Mona El Sayed,. "Unser
       wichtigster Aktivposten ist die Zusammenarbeit mit den Produzenten", fügt
       sie hinzu. Es gebe eine ständige Kommunikation, Besuche, Telefonate, auch
       auf die Qualität werde geachtet, denn schließlich werden die Waren auch in
       die USA, Niederlande oder nach Deutschland geliefert.
       
       El Sayed hat ihren Kooperationspartner Feluka in der Bundesrepublik
       ([2][www.feluka.de]) bereits zwei Mal besucht und sich Messen in Berlin und
       Hamburg angeschaut, „um zu sehen, womit wir konkurrieren“. Ihre Wünsche für
       die Zukunft: Mit 100 statt mit 37 Produktionseinheiten zusammenzuarbeiten
       und Umsatz von 1,5 Mio ägyptische Pfund (196.146 Euro) 2009 innerhalb der
       nächsten drei Jahre auf 10 Mio Pfund (1.307.693 Euro) zu erhöhen, was einer
       Steigerungsrate von über 600 Prozent entspricht. Im Laden von FTE, der im
       gleichen Gebäude wie das Büro untergebracht ist, gibt es neben dem
       handgeschöpften Papier aus der Müllstadt auch Holzarbeiten, Körbe, Schmuck,
       Textilien und Keramik. 
       
       Letztere stammt aus der Oase El Fayoum, die etwa 100 Kilometer südwestlich
       von Kairo liegt und für ihre traditionelle Töpferei bekannt ist. In dem
       Dorf Tunis besuchen wir die Werkstatt von Rawya Abd el Kader. Den
       Ausstellungs- und Verkaufsraum der 34-jährigen mit dem eng anliegenden
       braunen Kopftuch und dem langen bestickten, orangefarbenen Kleid, betritt
       man über eine schmale, grün berankte Veranda. In den Regalen stehen Teller,
       Schüsseln und Schalen, Becher und Krüge mit Motiven aus der Flora und Fauna
       der Umgebung in kräftigen Erdfarben oder Türkis. Feine Zeichnungen eines
       Zweiges, auf dem Vögel sitzen, oder eines Fisches, der eine Katze anschaut,
       verzieren die Gebrauchswaren, die alle Unikate sind.
       
       El Kader hat ihr Handwerk als Kind bei der Schweizerin Evelyn Porret
       gelernt, die 1976 eine Töpferschule in Tunis gründete und Begabte förderte.
       Als die beiden sich später trennten, verbrachte El Kader eine schlaflose
       Nacht. Ihr Mann hatte das Angebot, in Kairo auf einer Baustelle zu arbeiten
       und schlug ihr vor, mitzukommen und sich eine Stelle als Hausangestellte zu
       suchen. „Sollte das alles umsonst gewesen sein, meine Ausbildung, meine
       Karriere?“, fragte sie sich und lehnte am nächsten Morgen den Vorschlag ab.
       Heute ist sie Chefin eines Familienunternehmens, das von Fair Trade
       unterstützt wird. Auch ihr Mann arbeitet hier, die ältere Tochter Sarah
       entwirft schon eigene Motive für das Bemalen der Rohlinge. Das Wohnhaus der
       Familie neben der Werkstatt ist inzwischen fertig renoviert. Rawya Abd el
       Kader ist eine Frau, die Widrigkeiten und Widerstände überwunden hat. 
       
       ## Eine Oase für Satire: das Karikaturen-Museum in El-Fayoum
       
       Tunis ist derzeit in Mode und hat sich den Ruf eines Künstlerdorfs
       erworben. So steht hier das einzige Karikaturenmuseum in der arabischen
       Welt, eine Privatinitiative des Gründers Mohamed Abla und eine ägyptische
       Antwort auf den Streit um die Mohammed-Karikaturen im Jahr 2005 (siehe
       [3][taz-Artikel von Karim El-Gawhary] vom 29.4.09). Interessierte aus aller
       Welt können im Fayoum-Kunstzentrum, einer gepflegten Anlage von
       Lehmhäusern, auch an Kursen von Malerei bis zur Performence teilnehmen
       ([4][www.ablamuseum.com]). 
       
       Genau genommen ist El Fayoum eine Halboase, die durch einen Kanal mit dem
       Nil verbunden ist. Vom Dach unseres kleinen traditionellen Hotels aus
       entfaltet sich ein Panorama in Pastelltönen: das helle Ocker der meist
       zweistöckigen Gebäude, das staubige Oliv der Palmen, das frische Grün der
       Felder zum Karun-See hin, dessen zartes Blau mit dem des Himmels
       korrespondiert. Auf den Weiden stehen Esel, Ziegen, Schafe, Kühe und
       Wasserbüffel, Ibisse und Wiedehopfe picken im Rasen der Gärten, die von
       blühenden Büschen umgeben sind. Am Abend sitzen wir im Garten des Hotels,
       entspannen uns bei Gesprächen und lassen den Tag ausklingen.
       
       Große Pläne für El Fayoum hat Mohammed El Madany, der im Provinzrat für die
       Koordination von Projekten zuständig und Geschäftsführer einer Umwelt-NGO
       ([5][www.faoda.org]) ist. Der engagierte Agronom möchte den Ökotourismus
       entwickeln und träumt von "Urlaub auf dem Bauernhof". 250 Betriebe hätten
       bereits ihr Interesse an ökologischer Landwirtschaft angemeldet, demnächst
       werde mit der Ausbildung zum Biobauern begonnen. 
       
       Als Beispiel führt er uns zum El Masri Park, der von zwei Brüdern betrieben
       wird. Die Anlage ist seit 2004 als Biohof registriert. Mit Hilfe von zehn
       Mitarbeitern werden hier Mangos, Orangen, Mandarinen, Weintrauben, Gemüse
       und Kräuter für den lokalen Markt angebaut. Hinter den Wirtschaftsgebäuden
       grasen die Tiere. Und nun will Besitzer Omar El Masri Zimmer für Gäste
       einrichten, die auf dem Hof mitarbeiten können, wenn sie möchten. Agronom
       El Madany setzt bei Projekten wie diesem auf Privatbesitz,
       Familienbetriebe, Eigeninitiative und Fortbildung. „Die Regierung ist das
       eine, die Bevölkerung das andere“, merkt er an. 
       
       ## Anthroposophischer Musterbetrieb SEKEM
       
       In einer ganz anderen Liga als der Al Masry Park spiel[6][t SEKEM], der
       ägyptische Marktführer im biodynamischen Anbau. Auch dieses Projekt geht
       auf eine Privatinitiative zurück. Ibrahim Abouleisch, 1937 in Ägypten
       geboren, lebte lange in Österreich, wo er Pharmazie und Medizin studierte
       und die Anthroposophie kennenlernte. Bei einem Besuch in seiner Heimat
       beschloss er, etwas für sein Land zu tun und rief 1977 das Projekt ins
       Leben. Heute ist es eine Holding von sechs Gesellschaften, die ihre
       Produkte in alle Welt exportiert. 2003 erhielt Abouleisch dafür den
       alternativen Nobelpreis. 
       
       Wer hier hübsche Kräuter- oder Teetütchen erwartet, muss umdenken. In einer
       riesigen, blitzsauberen Halle liegen große Säcke in hohen Regalen, die nach
       Produkt und Empfänger, unter anderem Demeter, sortiert sind (siehe die
       Sekem-Website auf deutsch: [7][www.sekemshop.de]). Angebaut werden in der
       Tat Kräuter für Tee, medizinische und kosmetische Zwecke, aber auch
       Baumwolle, Obst und Gemüse. Und für die Düngung sowie Milchprodukte und
       Eier werden Kühe, Schafe und Legehennen gehalten. 
       
       Der Mutterbetrieb von Sekem liegt in der Nähe der Stadt Bilbeis nordöstlich
       von Kairo. Aus der Hauptstadt kommend, vorbei an neuen, sterilen
       Schlafstädten mitten im staubigen Nichts, finden wir uns gleich am
       Empfangsbereich in einer Explosion von Grün und Blüten wieder. An dem
       einstöckigen, weiß verputzten Bau mit abgerundeten Mauern prangt das
       Wahrzeichen von Sekem, ein altägyptisches Symbol für lebensspendende
       Sonnenkraft. Die Straßen und Wege durch das weitläufige Gelände, die an
       einem Wald und Palmenhainen vorbeiführen, sind von Eukalyptusalleen
       gesäumt, und hinter Mäuerchen aus Stein oder Lehm liegen die Felder. 
       
       Unsere Führerin an diesem Tag ist Yvonne Floride. Die Erzieherin und ihr
       Mann, ein Maschinenschlosser, stammen aus Deutschland und sind klassische
       Aussteiger. Auf der Suche nach einem anderen, selbstbestimmten Arbeiten und
       Leben landete das Paar mit den beiden Kinder - heute sind es vier - eher
       zufällig vor 24 Jahren bei Sekem, damals ein Team von dreißig Leuten.
       
       Heute werden in der Kantine täglich 2.500 Essen zubereitet. Floride hat die
       erste Schule auf dem Gelände mit aufgebaut. Inzwischen gibt es alle elf
       Jahrgänge und einen Kindergarten, auch für Behinderte, die nach den
       Prinzipien der Anthroposophie betrieben werden. Alle Einrichtungen, auch
       berufsbildende Zweige, die Tagesklinik und die Apotheke stehen der
       Bevölkerung der Dörfer der Umgebung mit etwa 30.000 Menschen zur Verfügung. 
       
       Die nächsten Projekte sind eine eigene Universität sowie Stromerzeugung aus
       erneuerbaren Energien wie Sonne und Wind. Vermisst Floride manchmal die
       Zeit, als Sekem noch ein Projekt in den Anfängen und eine überschaubare
       Gruppe war, wo jede jeden kannte? "Nein, den alten Zeiten trauere ich nicht
       nach," entgegnet sie auf die Frage. "Wenn es nicht ständig vorwärts gehen
       würde, wären wir heute nicht mehr da." Floride und ihr Mann wollten
       ursprünglich drei Jahre bei Sekem bleiben. Sie sind immer noch da und
       denken nicht daran, wegzugehen. 
       
       ## Debatten innerhalb der demokratischen Opposition
       
       Veränderungen auf ganz großer Ebene, nämlich Demokratie für Ägypten, strebt
       eine Gruppe von Intellektuellen an, mit der wir an einem Abend in den
       Räumen des unabhängigen Merit-Verlags verabredet sind. Von unserem Hotel in
       der Innenstadt von Kairo aus gehen wir zu Fuß, um das Stehen in den
       allgegenwärtigen Dauerstaus zu vermeiden. 
       
       Der späte Nachmittag bis in die Abendstunden hinein ist Haupteinkaufszeit.
       Stinkende Blechlawinen wälzen sich durch die Straßen; die Fahrer hupen wie
       verrückt, als würde das etwas ändern. Für Fußgänger ist es eine wahre
       Kunst, eine Straße zu überqueren. Die Fahrzeuge halten an roten Ampeln in
       der Regel nur, wenn ein Polizist mit einem Block zum Aufschreiben der
       Verkehrssünder danebensteht. Die Straßen säumen heruntergekommene ehemalige
       Prachthäuser, deren einst hellen Mauern unter einer grauen, Jahrzehnte oder
       Jahrhunderte alten Patina verschwinden. 
       
       Auch die Räume des Merit-Verlags liegen in einem solchen Gebäude. Vom
       düsteren Treppenhaus aus geht es in eine Wohnung, die schon bessere Tage
       gesehen hat. Im Vorraum stehen die publizierten Bücher. 500 Werke sind seit
       Gründung vor zehn Jahren erschienen, einige wurden konfisziert, die höchste
       Einzelauflage liegt bei 1.000 Exemplaren.
       
       „Wir veröffentlichen Ideen, die kein Geld bringen“, sagt Verleger Mohammed
       Hashim, der kettenrauchend an seinem mit Papieren und Büchern überladenen
       dunklen Holzschreibtisch im nächsten Zimmer sitzt. In einer Vase stehen
       drei verwelkte weiße Chrysanthemen. Der Putz bröckelt von den hohen,
       vergilbten Wänden, zwei zerschlissene Sofas mit geschwungenen Rücklehen,
       die vom Sperrmüll zu stammen scheinen, stehen auf einem fadenscheinigen
       blauen Teppich, in eine Ecke ist ein kleiner Computerarbeitsplatz und ein
       vollgestopftes Bücherregal gequetscht. 
       
       Schriftsteller, Filmemacher und Künstler drängen sich in den kleinen Raum,
       um mit uns bei Bier und Tee zu diskutieren. Thema sind die bevorstehenden
       Parlamentswahlen am 28. November und die Nachfolge des 82-jährigen
       Staatschefs Hosni Mubarak, der seit 29 Jahren an der Macht ist. In diesem
       Jahr stehen auch Präsidentschaftswahlen an. 
       
       „Die gemeinsame Basis aller hier im Raum ist die Ablehnung der Erbfolge“,
       sagt Hashim und bezieht sich damit auf die Frage, ob Präsidentensohn Gamal
       seinem Vater im Amt nachfolgt. Und alle hängen mit der „Front für
       Veränderung“ zusammen, die wegen der verbreiteten Fälschungen zu einem
       Boykott der Wahlen aufgerufen hat. Die Front hat ein Sieben-Punkte-Programm
       veröffentlicht, in dem unter anderem ein Ende des Ausnahmezustands, freie
       Wahlen und eine unabhängige Beobachtung gefordert wird. 
       
       Georges Izhak (siehe [8][Interview] in Rubrik [9][„Literatur zum
       Einlesen“]), einer der Gründer der 2004 ins Leben gerufenen Kifaya-Bewegung
       („Es reicht!“), die sich an der „Front für Veränderung“ beteiligt, weist
       darauf hin, dass auch ein Teil der Muslimbrüder die sieben Punkte
       unterstützt. Die vermutlich größte ägyptische Oppositionspartei
       ([10][www.ikhwanweb.com]) ist offiziell verboten, weswegen ihre Mitglieder
       als Unabhängige kandidieren. Bei den Parlamentswahlen 2005 erhielten sie 88
       von 508 Sitzen. 
       
       „Wir können die politische Kraft der Muslimbrüder nicht ignorieren“, sagt
       Izhak, der ein Zusammengehen der verschiedenen Oppositionsströmungen
       begrüßt hätte. Doch die Führung der Muslimbrüder hat sich für eine
       Teilnahme an der ersten Runde der Wahlen entschieden, mit den Argumenten,
       den Wahlkampf für die Mobilisierung zu nutzen und Wahlfälschungen zu
       entlarven. 
       
       Doch nicht alle teilen die Meinung Izhaks. „Die Muslimbrüder verfolgen eine
       Agenda des internationalen Islam, sie haben eine rückständige Struktur und
       wollen zurück zum religiösen Staat“, kritisiert Filmemacher Magdi Ahmad Ali
       und setzt noch eins drauf: „Mit Faschisten kann man nicht
       zusammenarbeiten.“ Verleger Hashim sekundiert: „Alles, was die religiöse
       Bewegung, den Iran und den Teufel schwächt, ist gut.“ Die Debatte wird
       lebhaft, alle reden durcheinander, aber miteinander. „Bei uns gab es von
       Anfang an Differenzen und Gemeinsamkeiten“, erklärt Izhak den Gästen. 
       
       ## ...und innerhalb der Muslimbrüder
       
       Wenige Tage später treffen wir den Muslimbruder Abdulmonem Mahmoud. Er ist
       Journalist, derzeit aber im Streik wegen eines Besitzerwechsels seiner
       Zeitung Al Dustur. Seine Mitgliedschaft bei den Muslimbrüdern läßt er
       ruhen, weil er Differenzen mit der Führung hat. „Ich bin der Meinung, alle
       Parteien hätten die Wahlen boykottieren sollen“, sagt Mahmoud, der bereits
       drei Mal im Gefängnis saß, zuletzt im Jahr 2007. Und er tritt für eine
       Trennung von Politik und Religion ein. 
       
       „Die Konservativen haben die Mehrheit in der Führung“, analysiert der
       eloquente junge Mann. „Der kontinuierliche Druck auf die Muslimbrüder, die
       Jahrzehnte lange Atmosphäre der Angst, haben zur Herausbildung einer
       geschlossenen Gruppe geführt, die sich nicht öffnen kann.“ Wenn es von
       außen Druck auf eine politische Öffnung gebe und das Regime eine gewisse
       Zurückhaltung an den Tag lege, würden auch die Chancen der Reformer
       steigen. „Ist es im Interesse des Westens, wenn solche korrupten Regimes
       wie das ägyptische weiter bestehen?“, fragt Mahmoud rhetorisch. 
       
       Doch „der Westen“ hat auch kein Interesse daran, dass die Muslimbrüder bei
       freien Wahlen an die Macht kommen könnten - eine Karte, die das Regime
       selbst gerne ausspielt. Und die Debatte unter den Intellektuellen zeigt,
       dass solche Befürchtungen auch in den Reihen der laizistischen Opposition
       bestehen. „Das Regime hat Interesse an einer religiösen Orientierung, damit
       die Religion die Köpfe beherrscht“, sagt Mahmoud, „Ägypten war immer
       religiös und das Regime spielt mit Gefühlen der Menschen, die sowieso
       vorhanden sind.“
       
       Religion als Opium für das Volk, damit es nicht rebelliert, gegen die
       steigenden Preise, die Arbeitslosigkeit, die unfähige Bürokratie, die
       Korruption oder das tägliche Verkehrschaos. Stress, Lethargie und
       politische Depression sind die Folgen. „Die Kultur der politischen
       Veränderung ist seit 50 Jahren verschwunden“, hatte Izhak bei der Debatte
       im Merit-Verlag gesagt. 
       
       Und so verlaufen die Wahlen wenig überraschend. Auf YouTube und Facebook
       sind Videos von Fälschungen und Auseinandersetzungen in den Wahllokalen zu
       sehen, über Twitter wird informiert, für welche Summen man seine Stimmen
       verkaufen kann. (siehe: [11][taz-Artikel von Karim El-Gawhary vom Wahltag,]
       29.11.10). Die Regierungspartei NDP gewinnt in der ersten Runde 209 von 221
       Sitzen, der Rest geht an kleinere Parteien oder unabhängige Kandidaten, von
       denen sich üblicherweise einige der Regierungsfraktion anschließen. 
       
       Die Muslimbrüder und die liberale Wafd-Partei entscheiden sich daraufhin
       für einen Boykott der Stichwahl. Mubarak hat nun ein quasi handverlesenes
       Parlament. Das ist eine bequeme Voraussetzung für die Präsidentschaftswahl,
       denn die Parlamentsfraktionen nominieren die Kandidaten. 
       
       Positivere Worte für das Regime findet ein ägyptischer Reiseführer, der uns
       an einem Tag begleitet. „Mubarak hat dafür gesorgt, dass es keinen Krieg
       gegeben hat“, entgegnet er auf eine entsprechende Frage. „Und sein Sohn
       Gamal kommt nicht aus dem Militär. Er hat in den USA Chemie studiert, das
       ist schon besser.“ Es entwickelt sich eine kleine Diskussion. „Es gibt
       viele, die kein Interesse an Wahlen haben, weil schon alles organisiert
       ist“, konzidiert er. „Alles ist nur eine Show.“ 
       
       ## Die Verantwortung der Medien
       
       Über die politische Lage, den Streik bei Al Dustur und die Pressefreiheit
       diskutieren wir auch mit jungen Journalisten der unabhängigen privaten
       Zeitung Al Masri al Youm ([12][www.almasryalyoum.com/en]), die 2005
       gegründet wurde und eine Auflage von 300.000 Exemplaren hat. 
       
       Khaled Omar erläutert gleich die roten Linien. „Wir können nichts über die
       Armee schreiben oder über Fragen der nationalen Sicherheit, was natürlich
       eine Frage der Definition ist“, sagt er. „Und über den Präsidenten kann man
       nur bestimmte Dinge schreiben, zum Beispiel die öffentliche Debatte über
       die Nachfolge aufgreifen.“ Angesichts einer „Gesellschaft im Zerfall“ müsse
       auch über Differenzen „delikat“ berichtet werden. „Wir können nichts
       veröffentlichen, was die Spaltungen in der Gesellschaft vertieft. Wir
       müssen auf Deeskalation statt auf Eskalation setzen“, sagt Omar. Die jungen
       Journalisten wollen die bestehenden Grenzen der Berichterstattung testen
       und die Presselandschaft verändern. „Inzwischen sind viele unabhängige
       Zeitungen entstanden“, sagt Omars Kollege Ahmad Harbia. „Die Decke wurde
       immer höher.“ 
       
       Der Wahrheit zuliebe soll abschließend erwähnt werden: bei dieser Reise
       bleibt neben den vielen Begegnungen mit engagierten Menschen auch Zeit für
       die touristischen Sehenswürdigkeiten dieser Metropole der
       arabisch-islamischen Welt: Die Pyramiden besuchen wir ebenso wie die
       Altstadt mit ihren prächtigen Häusern und Moscheen aus der Zeit der
       Fatimiden (909-1171) und Mamluken (1250-1517). 
       
       Und bei unseren Streifzügen durch Kairo bringt Reiseleiter Magdi Gohary uns
       Geschichte und Geschichten der Stadt nahe, auf seine lebhafte, anschauliche
       Art. Da er selbst eine Wohnung im Zentrum hat, ist er nie in Verlegenheit,
       wenn wir uns angesichts der spätsommerlichen Hitze mal ausruhen wollten.
       Immer weiß er von einem nahegelegenen kleinen Cafe, wo wir im Schatten
       sitzen und uns bei heißen oder kalten Getränken erfrischen können. Vor dem
       Schlafengehen treffen wir uns gelegentlich im Innenhof des Hotels, in dem
       auch Alkohol ausgeschenkt wird. 
       
       Unsere Reise, die mit einer Fahrt auf dem Nil in einer traditionellen
       Feluka begonnen hatte, geht mit einem Abendessen auf der Terrasse eines
       Restaurants in den Al-Azhar-Gärten mit einem grandiosen Panoramablick über
       die nächtliche Stadt zu Ende.
       
       26 Feb 2013
       
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