# taz.de -- Reisebericht Iran (Isfahan) Okt 2009: Alltag und Kulturerbe in zwei Wochen
> Im Oktober 2009 fand die erste taz-Reise in den Iran statt, Beate Seel
> war dabei und schrieb diesen Bericht.
(IMG) Bild: Sommepalast baq-e-eram in Schiras
Die verkehrsberuhigte Zone im Zentrum von Schiraz, einer alten persischen
Königsstadt, ist ein beliebter Treffpunkt. Hier lässt sich gut die aktuelle
islamische Mode studieren. Die Jungen im Teenageralter tragen scharze
Röhrenjeans und kurze Jacken mit zahlreichen silbernen Nieten, kunstvoll
arrangierte Struwwelfrisuren, Tollen oder hinten etwas Haare, die bis in
den Nacken reichen. Bei den Mädchen sitzt das Tuch oder der um den Kopf
geschlungene Schal locker, sie bevorzugen taillierte oder eng geschnittene
Mäntel, die noch nicht mal bis zum Knie reichen. Die bevorzugten Farben
sind schwarz, dunkel violett oder ein gedecktes Olivgrün, wobei der Stoff
auch ein bisschen glitzern darf. Vor allem die jungen Mädchen sind offen
und neugierig und sprechen gerne Ausländerinnen an.
Von der Fußgängerzone aus lässt sich die Innenstadt bequem zu Fuß erkunden.
Von dem eigentlichen Königsviertel, unter Karim Khan Zand im 18.
Jahrhundert errichtet, ist die Zitadelle erhalten. Der wehrhaft angelegte
Ziegelbau diente dem Herrscher als Wohnung und Regierungssitz. In der Nähe
liegen eine theologische Hochschule, deren Gebäude einen langgestreckten
Innenhof säumen, mehrere Moscheen und der alte, überdachte Teil des Basars,
der ebenfalls aus der Zeit von Karim Khan stammt. Hier werden in den
kleinen Läden auf beiden Seiten der Gassen hauptsächlich Antiquitäten,
Kunsthandwerk, Teppiche und Textilien angeboten. Eine besondere
Sinnesfreude bietet der Gewürzbasar mit großen Säcken voller Pulver in
einer Palette von Gelb über Rot bis Braun.
## Die „Paradiesgärten“ von Schiraz, der Stadt des Dichters Hafez
Schiraz wird auch die „Stadt der Blumen und Nachtigallen“ genannt. Die
scheuen Singvögel haben wir, die erste Gruppen, die im Rahmen der
taz-Reisen in den Iran gefahren ist, zwar nicht gehört. Aber in den
öffentlichen Gärten und Parks der Stadt gedeiht eine bunte Blumenviefalt,
Wasserbecken und Springbrunnen sorgen neben alten, schattenspendenden
Bäumen für Kühlung. Von dieser persischen Gartenkultur leitet sich das Wort
Paradies ab. Der avestische Begriff 'pairi daeza' bedeutete ursprünglich
Einzäunung - auch eines begrünten Innenhofs - ehe er über das
mittelpersische 'pardez' aus dem Griechischen übernommen wurde und mit dem
Kirchenlatein in die deutsche Sprache einging.
In sorgsam gepflegten Gärten liegen auch die Gräber der beiden berühmten
Schirazer Dichter Saadi und Hafez. Sie lebten im 13. beziehungsweise 14.
Jahrhundert. Letzterer ist in Deutschland durch Goethes „West-östlicher
Diwan“ bekannt. Hafez, der den Koran auswendig konnte und im islamischen
Mystizismus sehr bewandert war, lebte in einer Zeit strikter religiöser
Vorschriften. Er suchte seinen eigenen Weg zu Gott, auch außerhalb der
Stadt, der herrschenden Ordnung, wo er sich mit Gleichgesinnten in
verlassenen Häusern jenseits der Mauern traf. „Kann es sein, oh Herz, dass
sie die Tür der Weinhäuser öffnen und so den Knoten meiner verworrenen
Lebenslage öffnen?“, schreibt er in einem seiner Gedichte.
Nach dem Verlassen der Grabanlage, einer grünen Oase der Ruhe, tauchen wir
in eine andere Realität ein. Im gegenüberliegenden Stadion ist gerade eine
Großveranstaltung über Drogen zu Ende gegangen, Trauben junger Männer
strömen auf die völlig verstopfte Straße. Autos drängeln und hupen, es
stinkt nach Benzin. Am Abend hören wir Vorträge über Hafez und seine Rolle
im persischen Alltag.
## Persepolis – Ruinen eines Großreichs
Etwa 50 Kilometer nordöstlich von Schiraz liegen die Ruinen von Persepolis,
einer der Höhepunkte unserer Reise. Die „Stadt der Perser“, die
ursprünglich „Parsa“ hieß, wurde im 6. Jahrhundert v.d.Z. unter dem
Archimäidenkönig Darius I. gegründet. Sie war das Herrschaftszentrum eines
Großreiches, das sich über mehrere Kontinente erstreckte und 7,5 Millionen
Quadratkilometer umfasste, bis sie im Jahr 330 von Alexander dem Großen
zerstört wurde. Gut erhaltene Reliefs verlaufen neben der Treppe zur großen
Empfangshalle, die bis zu 10.000 Menschen Platz geboten haben soll.
Delegationen aus allen Himmelsrichtungen des Reichen begleiten uns beim
Aufstieg.
Die fein gearbeiteten durchweg männlichen Figuren - es sind mehrere Hundert
- mit ihren Frisuren, Bärten und Trachten lassen Rückschlüsse auf die
jeweilige Herkunft zu: Meder, Armenier, Parther, Babylonier, Assyrer,
Ägypter, Skythen, Ionier, Inder, Thraker, Araber, Libyer, Äthiopier - um
nur einige zu nennen. Aus ihrer Heimat bringen sie dem Herrscher Geschenke
mit: Tiere, kostbare Krüge und Schalen, Reitertrachten, Waffen.
Die etwa 15 Meter hohe künstlich angelegte Terrasse wurde teils in den
Felsen gehauen, teils aus großen, hellen Steinquadern errichtet. Auch die
Empfangshalle, Säulen und Tore wurden aus diesen nicht verfugten, bis zu
dreißig Tonnen schweren Blöcken errichtet. Erhalten ist überdies ein Teil
der Befestigungsmauer, die früher die gesamte Anlage umfasst hat.
Von einem vorgelagerten lichten Kiefernwäldchen hat man die ganze Anlage im
Blick, die im gleißenden Licht liegt und sich farblich in ihre Umgebung
einfügt. Hier veranstaltete 1971 der acht Jahre später gestürzte Schah
Mohammed Reza Pahlewi mit großem Pomp seine heftig kritisierte Feier zum
2500-jährigen Jubiläum der persischen Monarchie, mit aus Paris
eingeflogener Verpflegung.
Bei einer Temperatur von 35 Grad ist es angenehm, sich vor einem kleinen
Getränke-und Imbissladen im Schatten niederzulassen. Es gibt Tee, das
iranische Nationalgetränk, und wir packen die Sachen für unser Picknick
aus: Dünnes Fladenbrot, das frisch gegessen werden muss, Joghurt, Gurken,
Tomaten, und Schafskäse. Zum Nachtisch gibt es Melone und Obst.
Je weiter wir Schiraz hinter uns lassen, desto einfarbiger wird die Gegend.
Das Grün zieht sich zurück, nur vereinzelt sind noch Felder oder
Stoppeläcker zu sehen, gelegentlich liegen größere Baumgruppen wie dunkle
Flecken in der Landschaft. Nur in der Umgebung der Dörfer liegen noch
Obstplantagen, die von Mauern eingefasst sind. Entlang der Straße stehen
niedrige Ziegelhäuser mit Flachdach; die ersten Lehmkuppeln tauchen auf.
Über schmalen Pfaden, die zwischen den Mauern in verschachtelte Höfe
führen, liegen ausgetrocknete Äste, die jedoch kaum Schutz gegen die Sonne
bieten. Nur wenige Bäume stehen zwischen den Häusern auf. Die Seitenstraßen
sind notdürftig oder gar nicht geteert, die am Vormittag dort parkenden
Autos alt und verbeult. Jedes Lüftchen wirbelt den Staub auf und taucht
alles in einen hellen, gelblich-braunen Ton.
Die Straße steigt an und führt durch das kahle Shir-Kuh-Bergmassiv mit
seinen steilen, zerklüfteten Hängen und zum Teil bizarren Felsformationen
über einen Pass in 2.500 Metern Höhe. Jenseits der Berge liegt am Rande der
Kavir-Wüste die Stadt Yasd, die vermutlich im 5. Jahrhundert gegründet
wurde und wegen ihrer Randlage von den Zerstörungen der Eroberer verschont
blieb.
## Yasd, die Stadt der Windtürme, am Rande der Wüste
In Yasd, das 350.000 Einwohner hat, kommen wir im Hotel Orient in einem
ruhigen Sträßchen unter. Die Gästezimmer gruppieren sich um einen begrünten
Innenhof mit Wasserbecken. Eine steile Treppe führt auf die Dachterrasse,
wo auch die Küche liegt. Zum Abendessen gibt es zwei persische
Nationalgerichte: Ghorme Sabzi, ein Lammragout, das in einer speziellen
Kräutermischung mit getrockneten Limonen gekocht wird, und Faisanjan, ein
Hühnergericht in einer Soße aus Walnüssen, Granatapfelsirup und Honig.
Aber auch VegetarierInnen müssen im Iran nicht darben. Neben
Knoblauchjoghurt, das man als Vorspeise isst, und dem frischen Salat, der
überall angeboten wird, stehen auch Fischgerichte und leckere Gersten- und
Gemüsesuppen auf den Speisekarten der Restaurants. Die gelegentlich
angebotene Pizza schmeckt deutlich persisch, nicht italienisch. Dazu gibt
es Joghurtgetränke, Saft, alkoholfreies Bier, auch mit Zitronen- oder
Apfelgeschmack, Wasser und natürlich Tee.
Von der Terrasse des Hotels aus erschließt sich auf den ersten Blick eine
der Besonderheiten von Yasd. Hier ist die von der Wüste geprägte
traditionelle Lehmbauweise im Wesentlichen erhalten geblieben. Sie geht
ursprünglich vermutlich auf die Sumerer in Mesopotamien und das damalige
Ägypten zurück, wo die ältesten bekannten Überreste gefunden wurden. Über
die Dachlandschaft mit ihren Kuppeln zieht sich ein Gewirr von
abenteuerlich verlegten Stromleitungen, Antennen wachsen in jeder nur
möglichen Form und jeden Alters in den Himmel.
Die Häuser mit ihren großen Fenstern und weißen oder grünen Rahmen sind aus
Lehmziegeln errichtet und zum Teil mit einem Lehm-Stroh-Gemisch verputzt –
eine äußerst ökologische Bauweise, die zudem für Wärme- und
Feuchtigkeitsausgleich sorgt und schädlingsabweisend ist. Überall ragen
rechteckige, oft reich verzierte Windtürme aus empor, die jeden Luftzug
einfangen, nach unten leiten und so für die Kühlung der Häuser sorgten, ehe
die Klimaanlagen ihren Platz einnahmen. Das Panorama ist in warme Ockertöne
getaucht, und die Berge am Horizont liegen am Nachmittag in einem rosa
Schimmer mit violetten Schattenstreifen in der Sonne.
## Bei den Zoroastriern in Yasd
Yasd weist noch eine zweite Besonderheit auf. Die Stadt ist eines der
verbliebenen Zentren der Zoroastrismus im Iran, einer alten
monotheistischen Religion, die vor der arabischen Eroberung in ganz Persien
verbreitet war. Etwa 25.000 Zoroastrier leben heute noch im Iran, weltweit
sind es etwa eine Viertelmillion. Da die Religion über ein heiliges Buch,
die Avesta, verfügt, gehört sie neben dem Christentum und Judentum zu den
anerkannten religiösen Minderheiten im heutigen Iran.
Über dem Eingang des 1934 erbauten und von indischen Glaubensbrüdern
gestifteten Tempels der Zoroastrier schwebt das geflügelte Symbol des
Gottes Ahura Mazda. Drumherum sind Plaketten mit den drei Prinzipien der
Religion - gut denken, gut sprechen, gut handeln - angebracht. Im Innern
brennt hinter einer Glasscheibe das ewige Feuer, das nicht verlöschen darf
und für das Licht und die Weisheit Gottes steht. Dieser Raum ist den
Priestern vorbehalten. An den Wänden hängen Fragmente zoroastrischer
Schriften und ein Gemälde Zarathustras, des Religionsgründers.
Etwas außerhalb der Stadt stehen die Türme des Schweigens, auf deren
Plattformen die Leichen der Toten abgelegt wurden, bis ihre Gebeine von
Geiern abgenagt waren. Die Knochen wurden dann eingesammelt und in
speziellen Kisten beigesetzt. Dieser Brauch rührt daher, dass dem Glauben
zufolge die Toten nicht die Elemente Feuer, Wasser und Erde verunreinigen
dürfen. In der Nähe liegen halbverfallene Lehmhäuser, in denen die
Trauerfeiern abgehalten wurden. Unwillkürlich stellt man sich vor, dass
Hafez und seine Freunde sich in ähnlichen Häusern getroffen haben.
## Isfahan – Höhepunkt safavidischer Baukunst
Von Yasd aus geht die Reise weiter nach Isfahan. Für die neunköpfige Gruppe
mit der Reiseleiterin Elisabeth Kiderlen werden selbst lange Fahrten in dem
geräumigen Kleinbus nicht langweilig. Kurzreferate sorgen für Abwechslung
und Anregung, und unser iranischer Reisebegleiter erweist sich als
wandelndes Lexikon über Geschichte und Kultur seines Landes. Zu jeder
Provinz, zu jeder Stadt, liefert er uns Hintergrundinformationen, die
häufig mit Anekdoten durchsetzt sind.
Und wir haben Gelegenheit, unsere Eindrücke auszutauschen. Denn in den
Städten treffen wir GesprächspartnerInnen aus ganz unterschiedlichen
gesellschaftlichen Bereichen - etwa Umweltexperten, Theaterleute, Vertreter
aus dem religiösen Spektrum, hinzu kommen spontane Begegnungen. Alle
empfangen uns sehr freundlich und offen und beantworten geduldig unsere
Fragen, auch wenn sie ihnen manchmal abwegig erscheinen mögen.
Das Zentrum von Isfahan, ebenfalls eine alte Königsstadt, wurde 1589 unter
dem safavidischen Schah Abbas I. zur Hauptstadt erklärt. Es wird von einem
für die damalige Zeit riesigen Platz von 524 Metern Länge und 160 Metern
Breite dominiert, an dem die weltberühmte Imam-Moschee liegt und der Basar
beginnt. Hier besuchen wir während unseres zweitägigen Aufenthalts auch
eine ‚Zurkhane‘, was übersetzt „Krafthaus“ bedeutet und Ort einer
traditionellen iranischen Männersportart ist, für die es inzwischen sogar
Europameisterschaften gibt.
## Im ‚Krafthaus‘ (Zurkhane)
Beim Öffnen der Eingangstür schlägt uns ein Schwall heißer, abgestandener
Luft und ein intensiver Schweißgeruch entgegen. Die Wände des fensterlosen
Raums sind dicht behängt von teils alten Fotos der Mannschaften,
Wettbewerbssiegern und kitschigen Bilder von Imam Ali, der im 7.
Jahrhundert bei der Spaltung von Schiiten und Sunniten eine wichtige Rolle
spielte. Im Boden eingelassen ist ein Achteck, das von Seilen eingefasst
ist, ähnlich einem Boxring.
Die Sportler tragen blaue Trikots mit den rot-weiß-grünen Farben der
iranischen Flagge an den Ärmeln, dazu traditionelle, bestickte Kniehosen.
Das passt zwar nicht zusammen, liegt aber vermutlich daran, dass der Sport
früher mit nacktem Oberkörper ausgeübt wurde. Und es spielt auch keine
Rolle, wenn die Truppe erst mal loslegt.
Nach Dehn- und Streckübungen schwingen die Männer Holzkeulen, die bis zu 40
Kilo schwer sein können, abwechselnd über die rechte und linke Schulter,
jonglieren, drehen sich in atemberaubender Geschwindigkeit um die eigene
Achse und schließen ihren Auftritt mit Metallbögen und Ketten ab, die durch
die Luft gewirbelt werden.
Auf einem kleinen Podest tront der Rezitator, der mit einer Trommel den
Rhythmus vorgibt und dazu in dieser Zurkhane keine religiösen Texte
intoniert, sondern Gedichte von Hafez. Dem Sport liegt eine klare
Choreografie zugrunde, die Männer und ihre Geräte, wiewohl nur wenige
Zentimeter voneinander entfernt, berühren sich nie. Das Ganze ist eine
Darbietung von Kraft, Schnelligkeit, äußerster Konzentration und Teamgeist.
Am Ende entrichten die Gäste einen Obolus.
Zum Abschluss unserer Reise, in Teheran, machen wir, was auch die
Hauptstädter am Wochenende gerne tun: wir fahren nach Darband in 2000 Meter
Höhe im Norden der Stadt. Im Gegensatz zum stickigen Zentrum ist die Luft
hier klar. Ein schmaler Fußweg führt eine enge, malerische Schlucht hoch,
durch die ein Wildbach abwärts rauscht. Ein Teehaus und Restaurant liegt
neben dem nächsten.
Die Bauvorschriften scheinen hier nicht besonders streng zu sein, denn
zahlreiche Kneipen haben große Betonterrassen über das Wasser gezogen und
verschandeln die Landschaft. Doch nach der Kargheit des Südens freut sich
das Auge wieder an Wasser und Bäumen. Wir lagern auf den mit Teppichen
belegten Diwanen, auf denen auch gegessen wird, trinken Tee und lassen es
uns nach dem vollen Programm der vergangenen Tage bei Gesprächen gutgehen.
26 Feb 2013
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