Sonntag, 13. Juli 2014 ====================== Der Sommer 2014 ist auch der Sommer des Jahres 1 nach den Enthuellungen des Agenten Snowden. Ein Ereignis, das sich - hartnaeckig und beharrlich - nicht vertreiben lassen will und immer mehr auch zu einem Pruefstein wird, der unsere (internationale) Gefuehlslage klaert. So gerade in einer Affaere zwischen den USA und der BRD, in der diesmal nicht Algorithmen und Hackerangriffe, sondern altmodische Spione aus Fleisch und Blut - allerdings bescheidenen Formats - im Mittelpunkt stehen. Ich weiss nicht, wie es anderen geht, aber mir ist die reale Existenz der Spionage in unserer Zeit schon immer schaendlich vorgekommen: dass ein demokratisches Gemeinwesen mit illegalen Mitteln, im Geheimen, mit Methoden der Verdunkelung gegen selbsterklaerte Feinde vorgeht. Diese Ansicht scheint aber nur von den Wenigsten geteilt zu werden. Besonders in den USA, wie ein Blick in die Leserkommentare auf der website der 'New York Times' zeigt. Ganz gleich, wie die Leser dort im Detail ihre Ansichten begruenden, grundsaetzlich scheinen sie sich einig zu sein: cosi fan tute ("das machen doch alle so"). Eine Haltung die - wie jede zynische Frechheit - mir grundsaetzlich zuwider ist. Um einen 'Machtzynismus' handelt es sich da, wie ihn 1983 schon Peter Sloterdijk beschrieben hat, der alle anderen als materielle und dem Profit unterworfene Werte verhoehnt ("werdet doch endlich erwachsen"; "seid doch nicht so naiv"). Da freut es auf den ersten, fernen Blick, wenn auf der anderen (deutschen) Seite ein Verrat an der Freundschaft ("ich dachte, wir seien Freunde") beklagt wird. Denn das Loblied der Freundschaft, so wenig diese auch in der Politik einen Platz zu haben scheint, wird einfach viel zu selten gesungen. Doch so sieht das alles nur aus der Vogelperspektive aus. Liest man die Kommentare ausdauernd und aufmerksam, dann wissen gerade die Leser der 'New York Times' durch ihre sorgfaeltigen, rationalen und nicht zuletzt ruecksichtsvollen Aeusserungen zu ueberzeugen, waehrend aus den deutschen Leserbriefen vor allem das freche Ressentiment spricht. Wie laesst sich dieser Widerspruch erklaeren? Man koennte es fuer einen Beweis dafuer halten, dass nationale Identitaeten letztlich eben doch nur eine Einbildung sind und die Menschen einige Stufen darunter - also naeher am Individuum und ferner vom Kollektiv - viel seltener dem Klischee gehorchen. Wenn man ihnen nur diesen laestigen Patriotismus abgewoehnen koennte.