Donauufer Und wie bitte sollte er diesen Weg zurücklaufen? «Hier hat sich etwas gehörig verändert. Habt ihr mitbekommen, dass das Tor verschwunden ist?» «Oh no», stöhnten Bina und Cat im sel‐ ben Augenblick. «Nicht schon wieder.» «Ich weiß schon. In un‐ serem Universum kommen dauernd irgendwelche Ereignisse wieder. Nein, es gibt immer wieder Raum für dieselben Räume. Und außerdem werden wir immer wieder disloziert. Ich hatte das schon damals erfahren müssen, als ich mit Dienstag im Dritten Reich die Zeitbomben legen sollte, um den Zweiten Weltkrieg zu beenden. Was, wie wir ja wissen, nicht funktioniert hat. Und seitdem geht alles immer so verrückt hin und her. Dann bin ich hier. Dann falle ich dort heraus ‐‐ total bescheuert», lamen‐ tierte Montag. Und Cat und Bina schauten sich nur perplex an. Was war denn an ihrer Geschichte anders? Sie wussten es beide nicht näher zu beschreiben. Das Spiel mit der Wirklichkeit ging weiter und immer weiter. Währenddessen. Seine Erinnerun‐ gen gerieten in Fahrt. Er löste sich nach und nach aus der Verbindung zur Umgebung, während die Frauen ihn anschauten, als wäre er ein Alien. Und da war es wieder, das Unbedingte. Das, was ihn trieb, immer mehr zu wollen, mehr als trag‐ oder verzehrbar war. Er kontraktierte und wurde zu einem gefräßigen Etwas, das sich über das Grün um ihn herum hermachte. In dieser rollenden Wollust, die ihm unausdenkliche Hormone durch den Kreislauf schießen ließ, befreite sich etwas aus dem Kokon der Wirklichkeit, die nicht mehr Montags war. Etwas, das mehr war als das Menschlein von vor drei Minuten, die ihm nicht mehr erinnerlich waren. Da wuchs er weit über sich hinaus. Jetzt malmten die Kiefer wieder. Und er fraß und fraß. Cat und Bina sahen neben sich einen in Trance weilenden Men‐ schen. Da war er, ganz in sich zusammengesackt ‐‐ bitte wörtlich: Da liegt sitzend ein nasser Sack. Eigentlich hatten sie nur vor, wieder zurück ins Schiff zu gehen. Diese Möglichkeit aber schien sehr weit in unerreichbare Ferne gerückt zu sein. Also ließen sie sich neben Montag nieder. Der Strom zog träge dahin und gelegentlich Äste mit sich. Immer noch waren keine Predatoren zu sehen. Immer noch waren sie die einzigen Zweibeiner mit irdischen Vorfahren. Immer noch wussten sie nicht, ob sie noch auf der Raumstation oder wieder durch einen wie auch immer gearteten Transfer auf die Erde zurückversetzt worden waren. Denn an der Schwerkraft, wie noch vor dem Eintritt in den Garten, konnten sie das nicht mehr ablesen. Was ist dieses Sein? Dass es einem doch immer nur Streiche spielte und niemals konsistent zu sein schien, außer in seiner Inkonsistenz. Planeten, Galaxien, Universen, Metas‐ trukturen: Und dann Myriaden von Lebewesen in einer Umgebung, die gerade jetzt ausschaute, als läge sie an der Donau in der Oberpfalz. «Weißt Du Bina, ich glaube, Es setzt alles so zusammen, wie Es es vorfindet. Es mag Collagen. Vierdimension‐ ale oder noch höherdimensionale Collagen. Dann kommt so etwas dabei heraus. Man kennt ja diese Vorstellungen von Zweidimen‐ sionalität. Ich sollte mich intensiver mit diesen Projektion‐ swissenschaften beschäftigen.» «Da magst du recht haben. Ich hingegen frage mich primär, wann Captain Montag wieder zu uns zurückkommt. Wie oder wann gehen wir weiter? Und ist das nicht alles viel zu abgedreht, überhaupt irgendetwas zu sein? Oder nicht etwa besser das Nichts aus einem überdrehten ADHS‐ Gehirn? Manchmal denke ich, wie erstaunlich es doch ist, dass wir hier in allen diesen Umgebungen immer nur so wenige sind. Wir haben hier weder tierische noch menschliche Begleiter noch Konkurrenten. Das war schon auf dem letzten Planeten so. Und auch Montag erzählt ja dauernd davon, dass er mit seinem Vergil unterwegs war. Das erinnert mich schwer an zwei Spiele, von denen mein Vater mir immer erzählt hat. Die hatte er aus einer Zeit gerettet, in der sich binäre Rechenapparate durch‐ setzten. Papa konnte die Plots sehr plastisch schildern. Da war einerseits diese Welt mit den unendlich vielen Rätseln. Eine Insel, gelegentlich dramatische Filme, die immer wieder einmal bruchstückhafte Hinweise zur Lösung gaben. Eine Steam‐ punkwelt mit Steuerrädern und Hightech, damals. Ungeheuer kom‐ pliziert, meinte er. Und dann das andere, das auch noch Geschicklichkeit erforderte. Auch diese Software erschuf eine Insel. Dort steuerte man einen intelligiblen Roboter. Der musste sich gegen Laserstrahlen schützen und Puzzleteile finden. Zusammengesetzt, brachten sie einen weiter, tiefer hinein ins Komplizierte. Er muss diese Spiele sehr geliebt haben. Sie haben ihm imponiert. Eigene Welten und so. Und dort taucht nie jemand auf. Vielleicht ist das ein spezieller Topos dieser Zeit gewesen: Isolation, Einsamkeit und Vereinzelung als Kern‐ beziehungsweise Leitmotive für eine sich nicht mani‐ festierende Existenz, die sich erst in der Lösung erfüllt. Den Trick können wir leicht verstehen. Ist nur eine einzige Person im Spiel, neigen wir dazu, uns schnell mit ihr zu identi‐ fizieren.» «Wir feiern die Feier des Naiven. Ich glaube, das ist der Turn. Ich glaube, es sollte eine Theorie hierzu geben. Ich frage mich dauernd, welcher Art die Fragen sind, die wir uns stellen. Wir beobachten uns und die uns einschließende Wirk‐ lichkeit stets aus der Makroperspektive. Liegt es daran, dass wir immer Großes ‐‐ besser: Größtes erleben? Sind wir denn mit Montag und den anderen bei der RDS die einzigen, die derartige Ereignisse durchmachen? Und sieht man einmal von den Schurken um Bröno Selfmachteger‐Spretz ab, kann man sich schon gele‐ gentlich fragen, welche Sichtweise dies in uns produziert. Raumzeitsprünge hat vor uns kaum jemand erlebt. Jedenfalls nicht in der Weise. Der Antrieb unserer Raumschiffe! Wenn ich nur an den fabulösen Geschichtendrive denke! Aus der Sicht meiner Eltern ist das inexistent. Das alles ist so komplex, dass ich gern das Naive theoretisieren und feiern würde. Aber ich werde es niemals zuwege bringen.» Bina seufzte: «Es ist dunkel, wir drehen uns im Kreis. Montag zuckt. Wir sind auf Second Outside irgendwo am Rand des Son‐ nensystems. Oder wo auch immer das Hier sein mag. Ich habe den Überblick verloren. Und dann denke ich, dass es uns wieder einmal sonst wohin verschlagen hat. Kannst Du Dich erinnern, als Montag erzählt hat, dass seine Anfälle stets mit Übergängen verbunden waren? Ob er das war?» «Keine Ahnung, Bina. Ist das noch wichtig? Es scheint dir wie mir zu gehen: Ausweglosigkeit fühlt sich an wie Götterspeise. Es ist eine gallerthafte Verheißung, die nie erfüllt, was Ihre Vermeidung an Hoffnung zu produzieren versteht. Kein Widerstand. Nur das wabbelige Zeugs, das im eigenen Kopf und Gefühl einen verzweifeln lässt. Ich hasse es so langsam. Irgendwann im Leben muss man doch an ein Ende kommen. Können wir uns nicht einfach irgendwo zur Ruhe setzen und in Ruhe gelassen werden?» Das sind schwere Gedanken, die Cat und Bina austragen. Es ist ja schon gut, dass die beiden ohne Blatt vor dem Mund diese heiklen Themen ansprechen. Das gibt immerhin ein wenig Trost. Und so verlassen wir die drei nun für eine Weile. Sie müssen jetzt herausfinden, dass sie da nicht herauskommen. So leicht macht es ihnen das Leben nicht. Also legten sie sich, ohne Decken, Schlafsäcke oder sonst wie equippiert zu sein. Sie nahmen Montag zwischen sich. Und dann schliefen sie ohne Wis‐ sen über Raum, Zeit und Ort ein. Während die Mücken über dem Ufer tanzten und sich freuten, gleich einen Stich setzen zu können. Fausto Maijstral Soundtrack: Fad Gadget, Under the Flag, Intercord INT 146.805, Mute/Stumm 8, 1982