Schotter und Strom Über einen Schotterweg ‐‐ seht her, das hier ist keine Wild‐ nis, alles ist kultiviert ‐‐ gehen die drei tiefer in den Bauch der Landschaft hinein. «Mir juckt es hinter dem rechten Schulterblatt», stöhnte Montag. Also kratzte ihn Bina. Cat hingegen drehte und wendete sich, schaute und sah: einen bre‐ iten Strom, der träges Wasser führte. Tief, und nur im Ufer‐ bereich sah man ein wenig Richtung Grund. Das Wasser war voller Fischschwärme. Nach und nach verlor sich ihre Angst. «Ich frage mich mein halbes Leben, ob ich eigentlich mutig bin», sinnierte Montag, der immer noch die Echos des Juckens spürte, nun aber keine der beiden mehr um Abhilfe in Sachen lästiger Empfindungen bitten wollte. «In gewisser Weise bist du das sicher», antwortete Cat. «Wir alle sind mutig, sonst wären wir nicht hier», Bina traute sich wieder einmal, das fi‐ nale Fazit zu ziehen. Mut in Zeiten von Reisen der anderen Art. «Aber wie kommst du eigentlich darauf?» Die Antwort blieb er den beiden nicht schuldig. Er habe eigentlich niemals einen Plan gehabt. Er sei in die RDS gekommen, habe keine Gedanken an Sinn und Unsinn ver‐ schwendet, auch nicht an Gut und Böse. Es war einfach so. Er habe Margaret geliebt, und sie sei völlig durchknallt. Das habe ihn in Angst und Schrecken versetzt. War es jetzt mutig von ihm, es mit ihr versucht zu haben? Sie hatten sich auf einem Baumstamm niedergelassen, den ein Biber dem Anschein nach gefällt haben musste. Unten angespitzt wie ein Bleistift, lag der Pflanzenleichnam in spitzem Winkel zum Fluss. Woran erinnerte sie das alles? «Ich war in Italien mit dem Motorrad, auch in den Alpen und musste diesen und jenen Leuten nachja‐ gen. Natürlich, man sollte ein bisschen können, und auf zwei Rädern verbietet sich die Angst. Dazu ist es zu gefährlich. Aber ok, vielleicht ist das alles Quatsch. Jetzt sind wir hier, und ich frage mich, wie es weitergehen soll. Vielleicht habt ihr es bemerkt: Die RDS hat sich aufgelöst. Das war je‐ denfalls der Anschein. Ich bin nach einer ziemlich irren Havarie in Trsteno gewesen. Niemand war mehr da. Auf einer In‐ sel in der Adria kam es wieder einmal zu einer Zeitverwerfung, und ich war plötzlich ein anderer. Schon vorher war klar, dass Bröno gewonnen haben musste. Dass alles anders war, hatte sich ebenfalls einfach ergeben. Ich mache mir auf nichts mehr einen Reim. Außerdem scheinen viele Kausalitäten ausgesetzt worden zu sein. Und ich frage mich schon wieder, ob es Kausalität nur im Singular geben kann. Schemenhaft erinnere ich mich noch daran, dass die Gesellschaft mutiert war. Alle Leute schwiegen nur noch. Alles war durchwachsen mit Angst. Greifbarer Angst. Es gab Horden von Herrschenden. Die zogen mit Gewalt durch die Lande und töteten. Die Leichen hat niemand mehr aus Angst zu Grabe getragen. Ich erinnere mich an Lager in den Grenzlanden, dort wo nichts ist. Dort wo die Sonne gnadenlos brennt. Daran erinnere ich mich, und gesehen zu haben, wie sie entwürdigt, gedemütigt, verfolgt, geschlagen, erniedrigt und schließlich meistens dann getötet wurden. Am helllichten Tag. Natürlich verschwimmt alles ineinander. Die Pestkranken litten, die Ver‐ sorgung blieb aus. Aber war das in unserer Zeit?» Bina fragte: «Was verstehst du unter ‹unserer Zeit›?» «Diejenige, die wir uns teilen. Die, von der wir gemeinsam ausgegangen sind.» «Ich weiß nicht, ob das fürs Verstehen taugt. Ich versuche es trotzdem», Binas Stimme zitterte. «Ich beispielsweise habe keine eigene Zeit. Keine, aus der ich stammen könnte. Ich bin einfach von irgendwann an gewesen und bin. Es gab viele Raumzeiten, die mich mal hierhin mal dorthin trieben. Cat habe ich auf der ‹Hermeneutischer Zirkel› kennen und lieben gelernt. Da war sie Mechanikerin. Und das war sicher auch eine Erfindung. Ich fühle mich bei allem, was geschieht, erfunden. Kannst du das verstehen? Wir hatten es traumhaft albtraumatisch. Cat und ich waren verbannt auf einem ungeheuren Planeten im Nirgendwo des Weltalls. Wir wissen nicht einmal, ob das noch in Laniakea war. Es war unser Uni‐ versum. Daran besteht kein Zweifel. Aber unsere Maschinen kon‐ nten nicht herausfinden, wo wir waren, weil es keinerlei Ref‐ erenzpunkte gab. Lange dachten wir, dass wir an dem Ort ster‐ ben würden. Denn es schien keinen Weg zurück zu geben. Dann aber bemerkten wir diese Transportwege. Von denen wir immer noch nicht wissen, ob sie von Menschenhand gemacht oder den Göttern gebracht wurden. Und wir wussten, dass wir nach Second Outside mussten. Aber ohne zu wissen, was das war. Und nun sind wir hier. Im Gürtel eines gealterten Sonnensystems. An die Erde kann ich mich gar nicht mehr erinnern.» Das waren spannende Erkenntnisse. Sie brachten Klarheit und Unklarheit zugleich. War das noch eine Erzählung von a=a? Und nun waren sie hier und redeten, als ob sie sich schon ein Leben lang kannten. Es wurde dunkler. In der Ebene äste immer noch das Wild. «Wir sollten mal zusehen, dass wir uns etwas zum Schlafen suchen», erinnerte Cat sie an den Umstand, dass die Umgebung anscheinend einem irdischen Tag‐Nacht‐Zyklus angepasst worden war. Sie erhoben sich und schritten zurück zum Schotterweg. Der führte noch eine ganze Weile am Strom entlang. Hier war niemand. «Auf die andere Seite kommen wir nicht so einfach, aber wir sollten nicht in Bodennähe ruhen. Wer weiß, welche Viecher sich hier nachts tummeln. Die Mücken‐ schwärme haben wir ja schon zu spüren bekommen.» Fausto Maijstral