Das Lamm Gottes Geistliches Wort "10 Jahre Wiedereroeffnung der Krankenhauskirche im Vivantes Klinikum Hellersdorf Standort Brebacher Weg" am 11.11.2007, 10.00 Uhr Liebe Festgemeinde! "Seht das Lamm Gottes, dass die Suende der Welt hinwegnimmt" (Joh 1,29) so weist der Prophet Johannes die Menschen, die sich von ihm taufen lassen, auf Jesus, den Messias, hin. Das soll die Ueberschrift ueber meiner geistlichen Einfuehrung sein: "Seht das Lamm Gottes!" Manch einem ist dieses christliche Wort vom "Lamm Gottes" unverstaendlich. Im Kern geht es um die Begegnung, Verbindung und Versoehnung zwischen dem ewigen und heiligen Gott und dem zeitlichen, zerbrechlichen Menschen. Begegnung, Verbindung und Versoehnung sind vom Ursprung her etwas Goettliches und doch hat jeder im Alltag von Familie und Gesellschaft damit Erfahrungen gesammelt. Liebe Zuhoerer! Heute koennen wir Gott und den Menschen, die sich oftmals mit viel Engagement fuer diese Kirche eingesetzt haben, von Herzen dankbar sein. Den Freiwilligen Helfern moechte ich meinen besonderen Dank aussprechen, aber auch denen, die sich beruflich um diese Kirche bemueht haben. Alle haben gezeigt, dass ihnen diese Kirche wirklich am Herzen liegt. Einen Punkt moechte ich herausgreifen, der uns alle zur Dankbarkeit antreiben kann: Diese Krankenhauskirche ist in den vergangenen 10 Jahren ein Ort der Begegnung und Verbindung geworden, christlich gesprochen ein Ort der Begegnung und Versoehnung. Schon die Planung und der Wiederaufbau der Kirche, dann aber auch die fortlaufenden Veranstaltungen, die sich hier z. B. in der Ausstellung "10 Jahre Kunst in der Kirche" sichtbar zeigen, haben viele voellig unterschiedliche Menschen zu ganz unterschiedlichen Begegnungen zusammengefuehrt, miteinander verbunden und manches Mal auch miteinander versoehnt. Fuer dieses friedliche Zusammenleben und Zusammenwirken ganz unterschiedlicher Menschen an diesem geistlichen und kulturellen Ort koennen wir Gott und den beteiligten Menschen dankbar sein. Liebe Festgemeinde! Dass es dieses Gotteshaus gibt, ist nicht ein belangloser geschichtlicher Zufall, sondern ein typisches Wesensmerkmal der Gemeinschaft Kirche an sich, dass sie naemlich ein Werkzeug Gottes zur Begegnung und Versoehnung ist und Orte der Begegnung und Versoehnung schafft und erhaelt. Das hat vor allem mit ihrem Gruender Jesus Christus, dem Sohn Gottes, zu tun. Nach dem Wort des Apostels Paulus, das wir spaeter hoeren werden, ist der auferstandene Jesus Christus das Haupt der Gemeinschaft Kirche und die Kirche ist sein Leib, den er mit seinem Heiligen Geist erfuellt. Der auferstandene Christus wirkt in und durch seine Kirche in die Welt hinein und schafft Orte der Begegnung und der Versoehnung. Er wirkt besonders in den Menschen, die Ihn als Freund und Gott, als Herrn und Erloeser in ihr Herz aufgenommen haben und auf ihn hoeren. Er wirkt darueberhinaus in allen Menschen, die sich im Gewissen vom Geist Jesu inspirieren lassen und mitbauen am Reich Gottes in dieser Welt. Wenn wir eine Kirche betreten, entdecken unsere Augen recht bald das Kreuz und den Altar als den Mittelpunkt der Kirche, auf den sie architektonisch ausgerichtet ist. Sie stehen fuer Jesus das Lamm Gottes, dass die Suende der Welt auf sich genommen hat, das Lamm, dass sich freiwillig fuer die Menschen opferte und am Kreuz geschlachtet wurde. Dieses geopferte Lamm hat die Macht, uns Menschen den "Maechten der Finsternis", den Maechten der Genusssucht, der gewaltsamen Selbstbehauptung, der Luege, der Rache und des Hasses zu entreissen, und unser Herz mit dem Geist Gottes zu erfuellen, mit dem Geist treuer und opferbereiter Liebe, mit dem Geist der Barmherzigkeit und mit dem Geist echter Vergebung und Versoehnung. Das ist das eigentlich neue, was Jesus in diese Welt gebracht hat, den Heiligen und heilenden Geist Gottes, den alle empfangen koennen, die Jesus und seinem Vater im Himmel ihr Herz oeffnen, so wie Jesus es uns bei seiner Taufe vorgelebt hat. Der Prophet Johannes drueckt es so aus: "Auch ich kannte ihn nicht; aber er, der mich gesandt hat, mit Wasser zu taufen, er hat mir gesagt: Auf wen du den Geist herabkommen siehst und auf wem er bleibt, der ist es, der mit dem Heiligen Geist tauft. Das habe ich gesehen und ich bezeuge: Er ist der Sohn Gottes (Joh 1,33.34)." Liebe Zuhoerer! Richtig verstehen koennen wir Jesus nur, wenn wir sein Leben nicht fuer einen frommen Mythos halten. Das ist die Gefahr in der der heutige Mensch steht. Das Religioese hat durchaus wieder Konjunktur, aber unterm Strich kommt dabei heraus, dass die Geschichte Jesu ein frommer Mythos sei wie die Erzaehlungen anderer Religionen und deshalb auch keinen Anspruch auf geschichtliche Wahrheit erheben duerfe. Dem ist aber nicht so. In einer Zeit, als es damit anfing, dass unser Volk den Mythen und "Maechten der Finsternis" verfiel, vor genau 80 Jahren, schrieb der angesehene evangelische Theologe Emil Brunner sein Werk "Der Mittler". Darin wird er nicht muede, herauszuarbeiten und zu betonen, dass die Menschwerdung und Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus kein Mythos ist, sondern Gottes geschichtliche eingreifende Tat zur Erloesung des Menschen. Er schreibt: "Es ist die Hauptthese des christlichen Glaubens, dass der ewige Sohn Gottes die Menschheit angenommen habe, nicht dass der Mensch Jesus die Gottheit bekommen habe. ... Es handelt sich da um den Grundcharakter der Bewegung: ist es Bewegung von Gott zum Menschen hin, oder ist es Bewegung vom Menschen zu Gott hin? Das heisst soviel wie: ist es Selbsterloesung des Menschen, Aufstieg, oder ist es Erloesung durch Gott, Abstieg, ist es Werkgerechtigkeit oder Gnade? Die Richtung der Bewegung ist die Entscheidungsfrage fuer den Glauben ueberhaupt. Die Richtung des Abstiegs ist das, was die biblische Offenbarung von aller Religion und Philosophie grundsaetzlich, unbedingt unterscheidet." Soweit Emil Brunner 1927 (Der Mittler, Tuebingen, 3. Aufl. 1937, S. 281-282). Liebe Festgemeinde! Im Anschluss an die 2. Lesung, das Evangelium, bringt der Chor gleich das "Agnus Dei" zu Gehoer, das normalerweise beim Brechen des heiligen Brotes, des Leibes Christi, gesungen wird. Wenn wir Christen Jesus als "Lamm Gottes" verehren und besingen und in jedem Abendmahl bzw. Herrenmahl beim Brotbrechen als "Agnus Dei" anrufen, dann erinnern wir uns dabei an den Weg des Abstiegs, den der barmherzige Gott in seinem Sohn Jesus Christus zu uns Suendern gegangen ist, um uns Menschen den suendhaften "Maechten der Finsternis" zu entreissen. Jesus, der einzige und ewige Sohn Gottes, hat die Ewigkeit und Herrlichkeit seines Vaters verlassen, hat unsere zerbrechliche Menschennatur angenommen, um sich zerbrechen zu lassen und so den zerbrochenen Menschen anzunehmen, zu heilen, von seiner Schuld zu befreien und mit seiner barmherzigen Liebe zu erfuellen. Wer diese barmherzige und vergebende Liebe Jesu und seines Vaters zu uns Suendern begreift, der kann nun seinerseits faehig werden, diese barmherzige und vergebende Liebe weiterzugeben, auch dann, wenn er selbst zum Opfer gemacht worden ist. Angesagt wurde dieses rettende Eingreifen Gottes schon 550 Jahre vor der Geburt Jesu durch den Propheten Jesaja. Nicht einen Koenig mit irdischer Macht verkuendet er als kommenden Messias, sondern einen leidenden Diener Gottes mit den Worten: "Er wurde misshandelt und niedergedrueckt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, dass man zum Schlachten fuehrt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kuemmerte sein Geschick? Er wurde vom Lande der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen. ... Mein Knecht, der Gerechte, macht die Vielen gerecht; er laedt ihre Schuld auf sich. Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Grossen, und mit den Maechtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab, und sich unter die Verbrecher rechnen liess. Denn er trug die Suenden der Vielen und trat fuer die Schuldigen ein (Jes 53,7.8.11.12)." Liebe Festgemeinde! Durch seinen Sohn Jesus, das "Lamm Gottes", hat Gott die gesamte Menschheit in Liebe angenommen und tut es auch heute noch immer wieder neu. Seiner Gnade verdanken wir auch dieses Gotteshaus als Ort der Begegnung und Versoehnung. Ihn wollen wir nach dem Evangelium als "Agnus Dei" anrufen und jetzt mit dem Eingangsgebet Gott danken. Amen. Dr. Bernhard Dalkmann dalkmann@sdf-eu.org