19:1 Die Schandtat der Maenner von Gibea: 19,1-30 In jenen Tagen, als es noch keinen Koenig in Israel gab, lebte im entlegensten Teil des Gebirges Efraim ein Levit als Fremder. Er hatte sich eine Frau aus Betlehem in Juda zur Nebenfrau genommen. [17,6] 19:2 Aber seine Nebenfrau wurde zornig auf ihn und verliess ihn; sie ging in das Haus ihres Vaters nach Betlehem in Juda zurueck. Dort war sie nun schon vier Monate lang. [wurde zornig: So versteht wohl zu Recht G den Text im Sinn eines Zerwuerfnisses.] 19:3 Da machte sich ihr Mann auf den Weg und zog ihr mit seinem Knecht und zwei Eseln nach, um ihr ins Gewissen zu reden und sie zurueckzuholen. Die Frau brachte ihn in das Haus ihres Vaters, und als der Vater der jungen Frau ihn sah, kam er ihm freudig entgegen. 19:4 Da sein Schwiegervater, der Vater der jungen Frau, ihn dringend darum bat, blieb er drei Tage bei ihm. Sie assen und tranken, und er uebernachtete dort. 19:5 Als sie am vierten Tag fruehmorgens aufgestanden waren und er sich auf den Weg machen wollte, sagte der Vater der jungen Frau zu seinem Schwiegersohn: Staerke dich erst noch mit einem Bissen Brot; dann koennt ihr gehen. 19:6 Sie setzten sich, und die beiden assen und tranken zusammen. Der Vater der jungen Frau aber sagte zu dem Mann: Entschliess dich doch, (noch einmal) ueber Nacht zu bleiben, und lass es dir gutgehen! 19:7 Der Mann stand auf, um zu gehen; doch sein Schwiegervater noetigte ihn, so dass er dort noch einmal uebernachtete. 19:8 Als er sich dann am Morgen des fuenften Tages auf den Weg machen wollte, sagte der Vater der jungen Frau: Staerke dich erst noch, und bleibt hier, bis der Tag zur Neige geht. So assen die beiden zusammen. 19:9 Dann stand der Mann auf, um mit seiner Nebenfrau und seinem Knecht abzureisen. Sein Schwiegervater aber, der Vater der jungen Frau, sagte zu ihm: Sieh doch, der Tag geht zu Ende, und es wird Abend. Bleibt ueber Nacht hier! Der Tag geht zur Neige; uebernachte hier, und lass es dir gutgehen! Morgen frueh koennt ihr euch dann auf den Heimweg zu deinem Zelt machen. 19:10 Aber der Mann wollte nicht mehr uebernachten, sondern erhob sich und ging mit seinen zwei gesattelten Eseln, seiner Nebenfrau und seinem Knecht fort. Sie kamen zu einem Ort gegenueber von Jebus, das heisst Jerusalem. [und seinem Knecht: Text korr., vgl. G und V. 11f. - Jebus wird Jerusalem wegen der dort wohnenden Jebusiter genannt.] 19:11 Als sie dort waren, war der Tag schon fast zu Ende gegangen. Darum sagte der Knecht zu seinem Herrn: Komm, wir wollen in der Jebusiterstadt hier einkehren und uebernachten. 19:12 Sein Herr antwortete ihm: Wir wollen nicht in einer Stadt von Fremden, die nicht zu den Israeliten gehoert, einkehren, sondern nach Gibea weiterziehen. 19:13 Und er sagte zu seinem Knecht: Lass uns lieber zu einem anderen Ort gehen; wir wollen in Gibea oder Rama uebernachten. [13f: Gibea, noerdlich von Jerusalem, ist die Stadt Sauls.] 19:14 Sie zogen also weiter; als sie bei Gibea, das zu Benjamin gehoert, waren, ging die Sonne unter. 19:15 Sie bogen daher dort (vom Weg) ab, um nach Gibea hineinzugehen und dort zu uebernachten. In der Stadt setzte er sich auf dem Marktplatz nieder; aber es fand sich niemand, der ihn in seinem Haus zum uebernachten aufnehmen wollte. 19:16 Schliesslich kam ein alter Mann am Abend von seiner Arbeit auf dem Feld. Der Mann stammte aus dem Gebirge Efraim und lebte als Fremder in Gibea; die Einwohner des Ortes waren Benjaminiter. 19:17 Als der alte Mann aufsah, erblickte er den Wanderer auf dem Platz der Stadt, und fragte ihn: Woher kommst du, und wohin gehst du? 19:18 Er antwortete ihm: Wir sind auf der Durchreise von Betlehem in Juda zum entlegensten Teil des Gebirges Efraim. Von dort komme ich; ich war nach Betlehem in Juda gegangen und bin nun auf dem Weg nach Hause. Aber hier findet sich niemand, der mich in sein Haus aufnimmt, [nach Hause: Text korr. nach G und V. 29; H: zum Haus des Herrn.] 19:19 obwohl wir alles dabei haben, Stroh und Futter fuer unsere Esel und auch Brot und Wein fuer mich, deine Magd und den Knecht, der bei deinem Diener ist. Es fehlt also an nichts. 19:20 Der alte Mann entgegnete: Sei mir willkommen! Was dir fehlt, das lass nur meine Sorge sein; auf dem Platz jedenfalls darfst du nicht uebernachten. 19:21 Und er fuehrte ihn in sein Haus und schuettete den Eseln Futter vor. Sie wuschen sich die Fuesse und assen und tranken. 19:22 Waehrend sie sich's nun wohl sein liessen, umringten ploetzlich einige Maenner aus der Stadt, uebles Gesindel, das Haus, schlugen an die Tuer und sagten zu dem alten Mann, dem Besitzer des Hauses: Bring den Mann heraus, der in dein Haus gekommen ist; wir wollen unseren Mutwillen mit ihm treiben. [(22-24) Gen 19,4-11 unseren Mutwillen mit ihm treiben, woertlich: ihn erkennen.] 19:23 Der Besitzer des Hauses ging zu ihnen hinaus und sagte zu ihnen: Nein, meine Brueder, so etwas Schlimmes duerft ihr nicht tun. Dieser Mann ist als Gast in mein Haus gekommen; darum duerft ihr keine solche Schandtat begehen. [23f: Der Hausherr muss nach den Regeln der Gastfreundschaft den Gast schuetzen (vgl. die Anmerkung zu Gen 19,8).] 19:24 Da ist meine jungfraeuliche Tochter und seine Nebenfrau. Sie will ich zu euch hinausbringen; ihr koennt sie euch gefuegig machen und mit ihnen tun, was euch gefaellt. Aber an diesem Mann duerft ihr keine solche Schandtat begehen. 19:25 Doch die Maenner wollten nicht auf ihn hoeren. Da ergriff der Levit seine Nebenfrau und brachte sie zu ihnen auf die Strasse hinaus. Sie missbrauchten sie und trieben die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen ihren Mutwillen mit ihr. Sie liessen sie erst gehen, als die Morgenroete heraufzog. 19:26 Als der Morgen anbrach, kam die Frau zurueck; vor der Haustuer des Mannes, bei dem ihr Herr wohnte, brach sie zusammen und blieb dort liegen, bis es hell wurde. 19:27 Ihr Herr stand am Morgen auf, oeffnete die Haustuer und ging hinaus, um seine Reise fortzusetzen. Da lag die Frau, seine Nebenfrau, zusammengebrochen am Eingang des Hauses, die Haende auf der Schwelle. 19:28 Er sagte zu ihr: Steh auf, wir wollen gehen! Doch sie antwortete nicht. Da legte er sie auf den Esel und machte sich auf die Heimreise. 19:29 Als er nach Hause gekommen war, nahm er ein Messer, ergriff seine Nebenfrau, zerschnitt sie in zwoelf Stuecke, Glied fuer Glied, und schickte sie in das ganze Gebiet Israels. [1 Sam 11,7 So wird die schreckliche Tat auf drastische Weise mitgeteilt, und alle werden aufgerufen, den Mord zu raechen.] 19:30 Jeder, der das sah, sagte: So etwas ist noch nie geschehen, so etwas hat man nicht erlebt, seit die Soehne Israels aus Aegypten heraufgezogen sind, bis zum heutigen Tag. Denkt darueber nach, beratet, und sagt (was ihr dazu meint)! [Hos 10,9]