# Es war ein Land
       Published: 2026-09-07
       
       Es war einmal ein kleines Land,
       geteilt in seiner Mitte.
       Von Friedenswächtern ward's umspannt,
       bewacht auf Schritt und Tritte.
       
       Doch schließlich wich das graue Band,
       als alter Wall zerbrach.
       Was zusammengehört im ganzen Land,
       wuchs zusammen, wie er sprach.
       
       Nun glaubte man im Freudenschall,
       die Zeit heilt alle Wunden.
       Ein Staat ging auf beim Mauerfall,
       der andre war verschwunden.
       
       Die Arbeit fort, es droht die Not,
       erstand ein alter Feind:
       „Der Fremde raubt uns Lohn und Brot!“,
       bis Wut in Flammen erscheint.
       
       Man löschte bald die Brände aus,
       Gras wuchs in allen Ecken.
       Der Alltag zog wieder ins Haus,
       schien Hoffnung nun zu wecken.
       
       Man kehrte Frieden vor die Tür,
       als wär’ nie was geschehn.
       Doch tief im Pflaster blieb dafür
       der alte Riss bestehen.
       
       So vergingen Jahr um Jahr,
       da wir den Frieden schätzten.
       Weil man die Schnitte kaum gewahr,
       wo Mächte Messer wetzten.
       
       Da trat in diesem jungen Land
       ein Mann auf, schreibensmächtig.
       Der eine neue Kunde fand,
       die säte Unmut trächtig.
       
       Man beschwor den Untergang der Welt,
       weil Fremde uns bedrohen,
       dass Hass das Abendland entstellt
       mit giftigen Parolen.
       
       Die Furcht vorm Fremden wuchs geschwind,
       er stand zuhauf an Türen.
       Wo Hilfsbereitschaft erst gewinnt,
       ließ man nur Chaos spüren.
       
       „Wir schaffen das!“, hieß das Gebot,
       das recht behalten sollte.
       Doch in der neuen Streitessnot
       der Hass als Welle rollte.
       
       Nur noch der Zorn vereint das Land,
       wo Zwietracht scharf geflossen.
       Wie Blau sich braun zur Hetze fand:
       Der Führer hätt’s genossen.
       
       Die Pandemie war schreckensschwer,
       trieb Angst in die Gemüter.
       Und neue Medien schallten sehr
       als falsche Glaubenshüter.
       
       Man schürte Hass auf Links und Grün,
       vergaß das Volk in Not.
       Man ließ den Wahn im Lande blühn
       und schlug die Mitte tot.
       
       Die blaue Front trat leise an,
       schlich durch die Wut im Land.
       Sie nährte Groll und alten Wahn
       in bürgerlich Gewand.
       
       Sie schreien laut nach deutscher Dichtung,
       verlangen Bildung streng im Land.
       Doch fehlt dem eignen Geist die Richtung,
       da man kein einz’ges Buch je fand.
       
       Ich denk zurück an helle Zeiten,
       wo noch das Wort im Lichte Schein.
       Wo Verse noch den Geist befreiten:
       „Hier war ich Mensch, hier durft ich’s sein!“
       
       Von Ost und West, tut man geschickt
       gießt mancher Öl ins Feuer.
       der Konsens ist im Rauch erstickt,
       der Ausklang kommt uns teuer.
       
       Zerbricht der Bund im deutschen Reich,
       greift tief der Bär ins Feld.
       Der Nachbar überm großen Teich
       teilt uns die neue Welt.
       
       Es war einmal ein dunkles Land,
       zersprungen nun in Scherben.
       Es schrie „Demokratie!“ und schwand
       so langsam ins Verderben.
       
       Doch starr bleibt nur, was bald zerfällt,
       das Weiche weicht, das Harte bricht.
       Ein stiller Tropfen höhlt die Welt
       und gräbt sich stetig bis zum Licht.
       
       Kein Ruf gehört den Spaltern bloß,
       kein Geist zieht Mauern um das Land:
       „Wir sind das Volk!“ unendlich groß,
       bricht wahre Güte jeden Rand!
       
       —vk
       
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