Volks-oder Minderheitenkirche?
Sie haben vor vielen Jahren etwas sehr Prophetisches über die
Kirche der Zukunft gesagt: Die Kirche, meinten Sie damals, werde »klein werden, weithin ganz von vorne anfangen müssen. Aber
nach der Prüfung wird aus einer verinnerlichten und vereinfachten Kirche eine große Kraft strömen. Denn die Menschen einer ganz
und gar geplanten Welt werden unsagbar einsam sein … Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas
ganz Neues entdecken. Als eine Hoffnung, die sie angeht, als eine Antwort, nach der sie im Verborgenen immer gefragt haben«. Es
sieht so aus, als würden Sie damit recht behalten. Aber wie geht es jetzt in Europa weiter?
Zunächst einmal: wird die Kirche kleiner werden? Als ich das
gesagt habe, tönte mir überall der Vorwurf des Pessimismus entgegen. Und heute scheint ja nichts verbotener zu sein, als das, was man Pessimismus nennt – und was oft einfach nur Realismus ist. Inzwischen geben die meisten zu, daß im gegenwärtigen Stadium in Europa der Anteil der getauften Christen einfach ab-nimmt. In einer Stadt wie Magdeburg sind nur noch acht Prozent Christen – wohlgemerkt: alle Arten von Christen zusammenge-nommen. Solche statistischen Tatbestände zeigen Trends an, die wir nicht bestreiten können. In diesem Sinn wird die Deckung
zwischen Volk und Kirche in bestimmten Kulturräumen, etwa bei
uns, abnehmen. Dem müssen wir uns einfach stellen.
Was heißt das?
Die Volkskirche kann etwas sehr Schönes sein, sie ist aber nicht
416
etwas Notwendiges. Die Kirche der ersten drei Jahrhunderte war
eine kleine Kirche und trotzdem keine sektiererische Gemeinschaft.
Im Gegenteil, sie war nicht abgeschottet, sondern hat eine Verantwortung für die Armen, die Kranken, für alle gesehen. In ihr haben all diejenigen, die nach dem Ein-Gott-Glauben, die nach
einer Verheißung suchten, einen Raum gefunden.
Schon die Synagoge, die Judenschaft im Römischen Reich, hatte
diesen Umraum von Gottesfürchtigen gebildet, die an sie angeschlossen waren und damit eine sehr weite Öffnung vollzogen. Das Katechumenat der alten Kirche war etwas ganz ähnliches. Hier
konnten Leute, die sich zu einer Totalidentifikation nicht imstande fühlten, sich gleichsam an die Kirche anhängen, um zu sehen, ob
sie den Schritt in sie hinein aufbringen würden. Dieses Bewußtsein, nicht ein geschlossener Club, sondern immer aufs Ganze hin geöffnet zu sein, ist ein untrennbarer Bestandteil der Kirche. Und gerade mit den Verkleinerungen der Christengemeinden, die wir
erleben, werden wir nach solchen Formen der Zuordnung, des
Sich-anhängen-Könnens, der Offenheit Ausschau halten müssen.
Ich bin deshalb gar nicht dagegen, wenn Menschen, die das Jahr
über keine Kirche aufsuchen, wenigstens in der Heiligen Nacht
oder an Silvester oder bei besonderen Anlässen hingehen, weil
dieses noch eine Weise ist, sich irgendwo doch auch an den Segen
des Heiligen, an das Licht, anzuhängen. Es muß also Formen
unterschiedlicher Arten der Anlehnung und der Beteiligung geben,
es muß die innere Offenheit der Kirche geben.
Aber ist denn die Volkskirche nicht auch die höchste Errungenschaft religiöser Zivilisation? Ist nicht sie die wirklich allgemeine, für jeden zugängliche Kirche, die mit ihren vielen Zweigen ein Dach für alle Menschen zu bilden vermag? Darf die Kirche
wirklich den Anspruch aufgeben, Volkskirche und damit auch
Mehrheitskirche zu sein? Immerhin eine Errungenschaft, die unter ungeheuren Anstrengungen und Opfern erreicht wurde.
417
Wir werden Einbußen hinnehmen müssen, wir werden aber immer eine offene Kirche bleiben. Kirche darf keine geschlossene Gruppe sein, die sich selber genügt. Wir werden vor allem in dem
Sinne missionarisch sein müssen, daß wir der Gesellschaft jene
Werte vor Augen halten, die ihr Gewissen bilden sollten, Werte,
die die Grundlage ihrer staatlichen Existenz und einer wirklich
menschlichen Sozialgemeinschaft sind.
In diesem Sinne wird der Streit um das, was Volkskirche einmal
war – und was sie in bestimmten Ländern auch bleiben und in
anderen neu werden wird – , sicherlich weitergehen. Die Kirche
wird sich in das Gesetzgebungswesen einmischen und die großen
humanen Konstanten der menschlichen Sozialbildung immer vor
Augen halten müssen. Denn wenn das Recht keine gemeinsamen
sittlichen Grundlagen mehr hat, verfällt es auch als Recht.
So gesehen hat die Kirche stets eine Verantwortung für das Ganze.
Missionarische Verantwortung heißt eben, daß wir, wie der Papst
sagt, Neu-Evangelisierung wirklich versuchen müssen. Wir dürfen
nicht einfach seelenruhig alles andere ins Heidentum herunterfallen lassen, sondern müssen Wege finden, das Evangelium wieder neu auch in die Räume der Nichtglaubenden hineinzubringen.
Es gibt hierzu ja bereits Modelle. Das Neukatechumenat hat ein
Modell, andere Gemeinschaften versuchen es auf ihre Weise. Die
Kirche muß tatsächlich wieder viel Phantasie entwickeln, damit
das Evangelium eine öffentliche Kraft bleibt. Damit es auch das
Volk formt und durchdringt und als Sauerteig in ihm wirksam ist.
Gerade einer damals sehr kleinen Gemeinschaft, eben den Jüngern, hat Jesus gesagt, daß sie Sauerteig und das Salz der Erde sein müssen. Dabei ist Kleinheit vorausgesetzt. Vorausgesetzt ist aber zugleich auch die Verantwortung für das Ganze.
418
Johannes Paul II.
Johannes Paul II. war der Fels des 20. Jahrhunderts. Der Papst aus Polen hat die Kirche stärker geprägt als viele seiner Vorgänger. Schon die erste Enzyklika Redemptor hominis (Erlöser der Menschen) legte sein Programm fest: Die Menschen, die Welt, die politischen Systeme hätten sich »von den Forderungen der Moral und Gerechtigkeit entfernt«. Nun müsse die Kirche mit einer klaren Lehre das Gegenmodell bieten. Dieser Grundsatz findet
sich in allen päpstlichen Rundschreiben. Gegen die »Kultur des Todes« müsse die Kirche eine »Kultur des Lebens« verkünden.
Hat Johannes Paul II. der Kirche das Fundament hinterlassen,
damit sie gut in das neue Jahrhundert starten kann?
Das eigentliche Fundament ist natürlich Christus, aber die Kirche braucht immer wieder neue Belebungen, sie muß immer weiter
gebaut werden. Hier kann man wohl sagen, daß dieser Pontifikat
eine außergewöhnlich prägende Kraft hatte. Er war eine Auseinandersetzung mit all den Grundfragen unserer Zeit – und darüber hinaus schenkte er positive Vorgabe und Vorangehen.
Die großen Enzykliken des Papstes – zunächst Redemptor hominis, dann sein trinitarisches Triptychon, in dem er das Gottesbild vorstellt, die große Moral-Enzyklika, die Lebens-Enzyklika, das
Rundschreiben über Glaube und Vernunft schlagen Pflöcke ein
und zeigen, wie Sie gesagt haben, dann auch die Grundlagen, auf
denen neu gebaut werden kann. Und zwar deshalb, weil das Christentum in dieser so veränderten Welt sich wieder neu aussagen muß.
So epochal wie Thomas von Aquin das Christentum in der Begegnung mit Judentum, Islam und mit der griechischen und la-teinischen Kultur neu denken mußte, um ihm Gestalt zu geben, so wie es dann im Aufbruch der Neuzeit neu gedacht werden
mußte – wobei es auseinandertrat in die reformatorische Weise
419
und in die Grundlagen, die das Konzil von Trient gab, das die
Kirchengestalt für fünf Jahrhunderte bestimmt hat – , so muß
heute in einer großen epochalen Wende sowohl die Identität des
Ganzen uneingeschränkt gewahrt als auch zugleich die Fähigkeit
des Lebendigen gefunden werden, sich neu auszusagen und zu
vergegenwärtigen. Und dafür hat der gegenwärtige Papst sicher
einen ganz wesentlichen Beitrag geleistet.
Weltkirche der Zukunft
Während die Industrienationen noch vor 50 Jahren ein Drittel der Menschheit ausmachten, werden schon in zwei Generationen rund
90 Prozent aller Menschen in den Entwicklungsländern leben.
Sowohl China wie auch Indien werden wohl bis zur Mitte des
21. Jahrhunderts jeweils mehr Einwohner haben als die gesamte
westliche Welt zusammen.
Und auch die Weltkirche der Zukunft wird sich durch die demo-graphischen Verschiebungen von der heutigen stark unterscheiden.
Schon heute sind die Kirchengemeinden in der ehemaligen Dritten Welt nicht nur von der Zahl her den mitteleuropäischen Pfarreien überlegen. Gab es in Afrika zum Beispiel am Anfang des 20. Jahrhunderts gerade 1,7 Millionen Katholiken, so sind es zu Beginn unseres neuen Jahrhunderts bereits 110 Millionen. Kann man heute schon absehen, wie sich die Erscheinungsform der Kirche, auch liturgisch und pastoral, ändern könnte?
Ich denke, man sollte hier nicht zu viel extrapolieren, weil es
immer wieder so viele Überraschungen in der geschichtlichen Entwicklung gibt. Jede Futurologie bricht sich an dem Überraschungs-faktor, der in der Geschichte eintritt. Niemand hatte zum Beispiel den Zusammenbruch der kommunistischen Regierungen vorher-zusehen gewagt, der eine ganz neue geschichtliche Konstellation 420
herbeiführte. Richtig ist, daß das Bild der Weltgesellschaft sich sehr grundlegend ändern wird. Und was diese zahlenmäßige Re-duktion der westlichen Welt, die immer noch die beherrschende ist, dann bedeuten wird, wie sich auch Europa durch die Immi-gration verändern wird – denn diese leeren Räume werden ja aufgefüllt – , wie sich dann die Gewichte verlagern, welche Zivilisationen, welche Sozialformen sich durchsetzen werden – alles das ist überhaupt noch nicht auszudenken.
Insofern muß man also mit Zukunftsschilderungen äußerst behutsam sein. So viel ist jedenfalls deutlich, daß das Bevölkerungs-potential, das die Kirche trägt, anders beschaffen sein wird. Der westliche Menschentypus mit seiner Art zur Welt zu stehen wird
nicht mehr so dominant sein können wie früher. Es werden andere
Temperamente, andere Charismen hervortreten und das Gesicht
der Kirche prägen müssen.
Aus diesem Grunde ist meiner Meinung nach die Verwesentlichung – ein Wort von Guardini – das Grundlegende. Dabei geht es weniger darum, phantasievolle Vorkonstruktionen von etwas zu
machen, das dann doch ganz anders sein wird, und das wir nicht
in der Retorte vorausbauen können, sondern auf das Wesentliche hinzuleben, das sich dann neu inkarnieren und neu darstellen kann. In diesem Sinne ist auch eine Art von Vereinfachung wichtig, daß das wirklich Bleibende und Tragende in unserer Lehre, in unserem Glauben heraustritt. Daß die großen Grundkonstanten,
die Fragen nach Gott, nach dem Heil, nach der Hoffnung, nach
dem Leben, nach dem, was ethisch das Tragende ist, wieder in
ihren Grundelementen vor die Augen kommen und damit für neue
Systematisierungen offenstehen.
Ich glaube auch nicht, daß es hilfreich wäre, wenn man sozusagen
Liturgien für die technische Welt oder für ich weiß nicht welche
anderen Zivilisationen machen würde. Das sind alles selbstge-schneiderte Kunststücke. Die Liturgie hat ihre Größe darin, daß sie aus dem Anfang kommt und lebendig gewachsen ist. Sie muß
421
von uns mit Ehrfurcht umgeben und gehütet werden. So ist sie
dann groß und spricht zu Menschen unterschiedlicher Zivilisationen – wobei der Reichtum der verschiedenen Riten ja längst da ist. Dabei wird sich dann auch zeigen, welche davon in den unterschiedlichen Zivilisationen am lebenskräftigsten sein werden.
Betrachten wir noch mit einem besonderen Interesse Amerika. Es ist unbestritten die führende Nation der Welt. Sie hat Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und vor allem auch den Lebensstil unserer Zeit wesentlich geprägt. Was trägt der amerikanische Katholizismus zum Weltchristentum bei?
Der amerikanische Katholizismus ist heute zu einer der bestimmen-den Kräfte in der Weltkirche geworden. Die Kirche in Amerika ist sehr dynamisch. Sie ist natürlich auch von Spannungen gekennzeichnet. Es gibt einerseits die Gruppen, die kirchenkritisch sind und ein mehr rationales und demokratisches Christentum befürworten. Es gibt aber vor allen Dingen auch ganz neue zentrale religiöse Aufbrüche, neue Ordensgemeinschaften, die sich bilden,
die wieder ganz bewußt den Anspruch des Ordenslebens voll erfüllen möchten. Sie leben das aus einer großen Freude des Glaubens heraus, wollen auch bewußt wieder die Väter und Thomas von
Aquin lesen und sich daran bilden und formen. Es ist eine Kirche, die das zentrale Religiöse wieder sehr stark zum Tragen bringt:
den Mut der Hingabe des Lebens an und aus dem Glauben, des
Dienens aus dem Glauben. Es ist eine Kirche, die durch ihr großes Erziehungssystem und ihr Hospitalsystem auch gesellschaftlich
eine große Verantwortung trägt.
Wir machen es in unserer Kongregation zum Beispiel so, daß in den Fragen der medizinischen Ethik, die sich mit der Fortentwicklung
der Medizin häufen, nicht zuerst wir die zentralen Entscheidungen treffen. Die Amerikaner haben dieses große Netz an katholischen
Krankenhäusern. Damit haben sie heute einen großen Schatz an
422
Kennern, an Spezialisten, an lebendiger Erfahrung im Umgang
mit der modernen Medizin. Wir lassen also solche Fragen in den
Institutionen, die sie dafür geschaffen haben, diskutieren. Dort
werden dann auch Richtlinien (Guidelines) erarbeitet, die wir mit ihnen besprechen. Diese Dinge bleiben dann partiell, sind zunächst amerikanisch, damit auch gleichsam noch andere Erfahrungen
dazutreten können und die Tür nicht abgeschlossen ist. Sie sind
aber doch schon Modellentscheidungen, die auf die medizinische
Ethik in den übrigen Teilen der Kirche herüberwirken und dort
jedenfalls dann eine Richtung angeben.
So glaube ich, daß sowohl durch den großen weltlichen Erfah-rungsraum, den die Kirche in Amerika hat, wie auch durch die Glaubenserfahrungen, die sie macht, prägende Kräfte auf die europäische und auch auf die afrikanische und asiatische Christenheit übergehen können. Früher hat man gesagt, was zuerst in Frankreich passiert, passiert dann auch in der übrigen Welt. Heute ist es mehr so, daß Amerika einerseits weltlich die Moden und die
Slogans liefert, die sich in der Welt durchsetzen, andererseits aber auch kirchliche Modelle bildet. Gewiß überraschend ist dabei,
daß diese Modelle ein scheinbar modernes aber gleichzeitig zu
rationalistisches, zu wenig vom Glauben her durchtränktes Christentum ablösen und anstelle dessen wieder wirkliche Impulse des Glaubens und auch typische Formen des Glaubenslebens setzen.
Also gibt es den »american way of life« auch für katholisches, christliches Leben?
In dem Sinn, daß er wirklich katholisch durchtränkt und nicht
einfach nur »american« ist. Ich glaube, daß gerade in dem Lebensraum Amerika die Menschen die Ganzheit des Katholischen aufnehmen und auf die moderne Welt neu beziehen wollen.
In welchem Land wird in unserer Zeit wegweisend Theologie oder wegweisend Kirche betrieben? Wo ist das Zugpferd?
423
Nun, das eine klassische Zugpferd gibt es nicht. Es gibt vielmehr einen Polyzentrismus.
Lateinamerika hat ja zunächst mit der Befreiungstheologie die
ganze Christenheit herausgefordert. Das sinkt allmählich ins Vergangene ab. Geblieben ist der Anruf auf die politische und soziale Verantwortung des Glaubens. Heute werden in Lateinamerika die
Fragen der Inkulturation in der Begegnung mit den eingeborenen
Kulturen leidenschaftlich reflektiert.
Amerika steht sicher mit an der Spitze in den Auseinandersetzungen, einfach durch die Konfrontation mit den Herausforderungen der modernen Zeit. Auch in der Exegese hat es neue Durchbrüche gebracht, indem man Einseitigkeiten der historisch-kritischen Methode durch die sogenannte kanonische Exegese überwindet,
das heißt die Lesung der Bibel als Ganzheit. Insofern trägt heute die amerikanische Theologie durchaus Wichtiges bei. Aber es gibt
auch in Europa, auch in Deutschland immer noch wirklich große
theologische Potentiale. Es gibt einfach durch unser Fakultätensy-stem, durch die Mittel, die zur Verfügung stehen, noch immer eine intensive geistige Arbeit, die auch Frucht bringt. Freilich ist die Gefährdung durch eine neue Art von Rationalismus da, den man
für eine akademische Pflicht ansieht. Diese Form von Theologie
ist unfruchtbar, weil sie ihre eigenen Grundlagen bestreitet. Ich glaube, daß die neue Theologen-Generation wieder stärker ein-sieht, daß Theologie vor allen Dingen aus dem Glauben kommen muß und nicht rein akademisch sein darf. Jedenfalls ist Europa
durchaus ein Brennpunkt der Theologie geblieben.
In Asien wird derzeit von Indien her, das hier tonangebend ist, die Auseinandersetzung mit der Welt der Religionen und die Frage
des Standortes des Glaubens in dieser Welt exemplarisch bearbeitet. Afrika steht heutzutage für die traditionellen Werte. Denken wir an das Gewicht, das Afrika im Weltkirchenrat gewonnen hat,
wo der westliche Protestantismus mit den ethnischen Fragen sehr
stark ins Schwimmen geraten ist, während die afrikanische Chri-424
stenheit das Urgefühl der tragenden und bleibenden Werte wieder
nachdrücklich zur Geltung bringt. Natürlich werden auch die
Fragen des sozialen Aufbaus – wie kann Christentum Kraft des
Friedens, Kraft der Versöhnung sein – sehr konkret durchlitten.
Vielleicht weniger mit Theorie, aber umso mehr mit Leiden und
Leidenserfahrung, die dann doch auch für die Kirche als Ganze
etwas zu sagen hat.
Einheit der Christen
Noch zum Ausgang des letzten Jahrhunderts wurde von Theologen der protestantischen und der katholischen Kirche die sogenannte »gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre« unter-zeichnet. Danach wird nun offenbar gelehrt, es komme nicht so sehr auf die Taten des Menschen an, sondern der Mensch sei gerechtfertigt alleine aus der Gnade Gottes, ganz gleich, wie gut oder schlecht er gelebt habe. Ist das wirklich ein bedeutsamer Schritt in Richtung Ökumene? Muß nicht, bei aller Gemeinsamkeit, mit
aller Schärfe auch das Spezifische des Glaubens bewahrt werden, damit er nicht Gefahr läuft, sein Eigentliches zu verlieren?
Es ist leider nicht gelungen, den Inhalt dieser Konsenserklärung
wirklich zu vermitteln, einfach deswegen, weil sich unter »Rechtfertigungslehre« heute niemand etwas vorstellen kann. Das war zur Zeit Luthers ein großes Thema, das die Menschen aufgerüttelt
hat, auch wenn der Vormarsch des Protestantismus nicht nur von
daher kam, sondern zum Beispiel auch durch die Interessen von
Fürsten, die sich davon Vorteile versprachen. Heute ist es selbst in der protestantischen Christenheit kein real wirksames Thema
mehr. So ist dann in der Öffentlichkeit die Meinung übriggeblieben, daß nun alle sagen, vor Gott zählten die Taten (das Leben) des Menschen nicht, sondern nur der Glaube. Damit ist nicht nur
425
Luther grob vereinfacht. Man verkennt so vor allem die wirklichen Fragen der Menschen an das Christentum heute. Schließlich hat in den 500 Jahren, die seit der Reformation vergangen sind,
die ganze Christenheit neue Erfahrungen gemacht und auch einen
epochalen Wandel durchschritten. Das alles kann ich hier nicht
darstellen. Nur soviel: In der gemeinsamen Erklärung ist zunächst bestätigt worden, daß der Anfang eines Lebens mit Gott wirklich
von Gott selber gesetzt wird. Wir sind nicht imstande, uns zu ihm hinüberzuhieven, sondern nur er kann uns zu sich herüberholen.
Der Anfang, der den Menschen auf den rechten Weg bringt, ist
der Glaube. Und der Glaube ist wiederum Ausdruck der Initiative Gottes, die wir uns nicht selber verschaffen oder verdienen können.
Die katholische Kirche hat bei der Erarbeitung dieses Konsenses
sehr großen Wert darauf gelegt, daß wir einerseits diese Initiative Gottes im Anfang voll anerkennen, daß aber dann auch anerkannt wird, daß Gott nun in mir etwas schafft. Daß Gott mich einbezieht, daß er mir Verantwortung aufträgt, daß es dann das
Mitwirken und das Fruchttragen gibt – und das Gericht, das auf
meine Mitverantwortung bezogen ist. Dies ist die zweite Säule dieser Erklärung, die aber dann im öffentlichen Bewußtsein offenbar nicht mehr wahrgenommen wird.
Um es anders zu sagen: Gott will keine Sklaven haben, die er
einfach gerecht macht und die er selber gar nicht ernst nimmt.
Sondern es geht darum, daß er die Menschen zu wirklichen Part-nern, zu wirklichen Subjekten macht, die dann durch diesen von ihm geschenkten Anfang selber fähig werden mitzuwirken und für
dieses Mittun auch verantwortlich sind. Ich würde sagen, das sind die beiden Dinge, um die es geht. In ihnen ist das, was in Luthers Erfahrung wirklich der Schrift entsprach, aufgenommen. Zugleich
aber tritt das, was die katholische Kirche nie zu sagen aufgeben
konnte, mit dem anderen ins Gleichgewicht.
426
Die Kirche betet für die Wiedervereinigung der Christen. Aber
wer soll sich eigentlich wem anschließen?
Die Formel, die nun von den großen Ökumenikern gefunden worden ist, ist die, daß wir nach vorwärts gehen. Es geht nicht darum, daß wir bestimmte Anschlüsse wollen, sondern wir hoffen, daß
der Herr überall den Glauben so erweckt, daß er ineinandermündet und die eine Kirche da ist. Wir sind als Katholiken davon überzeugt, daß diese eine Kirche in ihrer Grundform in der katholischen Kirche gegeben ist, aber daß auch sie auf Zukunft weitergeht und sich vom Herrn erziehen und führen läßt. Insofern
stellen wir uns hier keine Anschlußmodelle vor, sondern einfach
ein gläubiges Weitergehen unter der Führung des Herrn – der den
Weg weiß. Und dem wir uns anvertrauen.
Gibt es da möglicherweise spektakuläre Überlegungen?
Nein, denn die Einheit der Christen kann nicht durch irgendeinen politischen Coup hergestellt werden, oder durch ein Schwert, das einen gordischen Knoten durchhaut. Es geht um lebendige
Prozesse. Und es kann weder ein Papst noch ein Weltkirchenrat
einfach sagen, liebe Freunde, jetzt machen wir’s so! Der Glaube ist etwas, was in jedem lebendig und zutiefst verwurzelt und vor Gott verantwortet ist. Der Papst, wir sagten es, hat keine totalitären oder absolutistischen Vollmachten, sondern dient dem Gehorsam
des Glaubens.
Im Glauben kann man nicht einfach jemandem etwas befehlen,
wie es bestimmte ökumenische Projekte vorgesehen haben, so
daß nun die Kirchenleitung allen sagt, Freunde, wir lassen da
ein bißchen was weg und fügen da etwas hinzu – das geht nicht.
Entweder wir haben dem Herrn geglaubt – dann kann man nicht
sagen, morgen machen wir es anders. Oder es war von vornherein eine Menschenmache – dann ist dies alles ohnedies hinfällig.
427
Nein, der Glaube ist etwas Lebendiges, wir haben uns darin dem
Herrn anvertraut, und er kann durch keine etwaigen politischen
Manipulationen zu einer Ausgleichsformel geführt werden.
Wir können nur versuchen, demütig den Glauben zu verwesent-lichen, also zu erkennen, was das wirklich Wesentliche an ihm ist – das, was nicht wir gemacht haben, sondern was wir vom
Herrn empfangen haben – , und uns in dieser Zuwendung zum
Herrn und zur Mitte in dieser Verwesentlichung öffnen, damit er
weiterführen kann, er alleine.
Neue Gefahren für den Glauben
Sie haben in Zusammenhang mit dem Bedeutungsverlust des Christentums in einer säkularisierten Gesellschaft auf eine neue, noch völlig unterschätzte Gefahr für den Glauben hingewiesen, nämlich auf die Möglichkeit einer subtilen antichristlichen Meinungsdikta-tur. Dieses Meinungsdiktat akzeptiere lediglich noch ein angepaßtes, ein stromlinienförmiges, also ein nettes Christentum, während die Träger des authentischen Glaubens gerne als »Hardliner« oder Fundamentalisten diskreditiert würden.
Das ist, glaube ich, wirklich eine Gefahr. Nicht, daß man die Christen offen verfolgte, das wäre viel zu altmodisch und zu unpassend.
Nein, man ist ganz tolerant, man ist natürlich für alles offen. Aber es gibt dann um so entschiedener Dinge, die ausgeschlossen und
die dann als fundamentalistisch dekretiert werden, auch dort, wo
es sich um wirklichen Glauben handeln kann.
Und ich denke, hier kann es durchaus zu einer Situation kommen,
in der sich Widerstand bilden muß, und zwar gegenüber einer Diktatur scheinbarer Toleranz, die den Anstoß des Glaubens dadurch ausschaltet, daß sie ihn als intolerant erklärt. Hier nämlich kommt dann wirklich die Intoleranz der »Toleranten« zum Vorschein. Der
428
Glaube sucht nicht den Konflikt, er sucht den Raum der Freiheit
und des gegenseitigen Sich-Ertragens. Aber er kann sich nicht
durch standardisierte und als der Moderne angemessene Etiketten
formulieren lassen. Der Glaube ist in einer höheren Treue Gott
gegenüber verpflichtet und muß dann auch mit Situationen einer
ganz neuen Art von Konflikten rechnen.
Renaissance der Spiritualität
Junge Christen suchen eine gefühlsbetontere Religion. Sie wollen zurück zu den Anfängen der Kirche, dem Ursprung des Mysteriums, und fordern eine Erneuerung der Spiritualität, um damit auch die vernachlässigten Seiten der christlichen Überlieferung neu zu beleben. Braucht die Kirche einen Ruck, der die stummen christlichen Symbole wieder zum Sprechen bringt?
Jedenfalls braucht sie lebendige, spirituelle Aufbrüche. Solche
Formen, in denen eine neue Leidenschaft für den Glauben entsteht, die nicht politisch gemacht ist, sondern sich von innen her gebildet hat, sind in jeder Zeit für die Kirche wichtig gewesen. Wir haben ja gesehen, wie im 16. Jahrhundert die Erneuerung nicht von
den institutionellen Instanzen her kam, sondern durch Menschen,
die ergriffen waren und die neue Bewegungen geschaffen haben.
Daß es dies auch heute in den vielfältigsten Formen gibt – die
charismatische Bewegung ist eine davon – , ist sozusagen der Trost, den der Herr uns schenkt, indem er zeigt, daß der Heilige Geist
weiterhin da ist und mächtig ist.
In der Tat kann der Katholizismus nie nur institutionell, nie nur akademisch geplant und verwaltet werden, sondern er erscheint
immer wieder als Gabe, als spirituelle Vitalität. Und er hat dabei auch die Gabe der Vielfältigkeit. Eine Uniformität des Katholischen gibt es nicht. Es kann darin eben eine »focolare« oder ei-429
ne katechumenale Frömmigkeit, Schönstatt-, Cursillo-, CL-Frömmigkeit usw. geben, so wie es eine franziskanische, dominikani-sche, benediktinische gibt. Der Reichtum des Glaubens schafft die vielen Wohnungen in dem einen Haus. Und diese dynamische
Offenheit sollten wir wahren.
Heute gibt es gerade bei den modernsten Vertretern des Katholizismus eine Umformierungstendenz. Das, was lebendig und neu ist, was sich nicht nach dem akademischen Grundschema oder nach
den Beschlüssen von Kommissionen oder Synoden richtet, wird
mit Verdacht belegt und als reaktionär ausgeschieden. Natürlich
gibt es immer Gefahren, Fehlbildungen, Verengungen und so weiter. Das muß vom Gärtner Kirche immer wieder zurechtgebracht, aber zugleich auch als Gabe angenommen werden.
Ich glaube, hier ist eine große innerkirchliche Toleranz nötig, daß die Vielfalt der Wege etwas der Weite des Katholischen Gemäßes
ist – und daß man es nicht einfach wegstößt, auch das nicht, was
sozusagen meinem Geschmack widerspricht. Wenn man zum Beispiel in Deutschland nur »Opus Dei« oder »Europapfadfinder«
oder was auch immer hört, muß man schon Empörung zeigen,
sonst ist man kein guter deutscher Katholik mehr. Es gibt eben
Sachen, die dem »normalen« Geschmack oder, sagen wir, dem
»deutschen« Geschmack eher widersprechen. Da ist Toleranz geboten, die Weite des Katholischen anzunehmen.
Natürlich bedarf es dann auch der Bereitschaft der anderen, sich
dem Dienst ins Ganze einzufügen, etwas von den Sonderheiten
oder den Verschließungsgefahren aufbrechen zu lassen. Dazu ist
nun ja gerade auch das Papst-und Bischofsamt da, einerseits die
Weite zu gewährleisten und andererseits die Verschließungen, die
ins Sektiererische führen würden, aufzubrechen und ins Ganze zu
integrieren.
430
Von der Wahrhaftigkeit
Augustinus kümmerte sich um die größten Schätze der Kirche,
die Armen, Witwen und Waisen. Sein Lebenswandel als bekehrter Christ machte jedes seiner Worte glaubhaft, lebenswahr und feuersprühend. Hätte ein wahrhaftiges christliches Beispiel nicht mehr Einfluß auf die Gesellschaft als noch so salbungsvolle Reden oder die aufwendigste Akademietagung?
Da kann man natürlich nur ja sagen, und Gott sei Dank gibt es dieses auch. Ich denke zum Beispiel daran, daß Kardinal O’Connor in New York eine neue Ordensgemeinschaft für die Pflege von
Aids-Kranken gegründet und selber jede Woche einen Tag ganz
dieser Arbeit gewidmet hat. Oder ich denke an die neue Gemeinschaft der »Sisters of Mercy« in Amerika, die im Erziehungswesen und in den verschiedenen Weisen des Dienstes der Heilung diese
Wahrhaftigkeit einfach wieder lebt. Oder nehmen wir auch das
Beispiel von Mutter Teresa und ihrer Ordensgemeinschaft. Gott
sei Dank gibt es dieses unpathetisch radikal gelebte Zeugnis des
Glaubens, das dann auch seine Wirkung hat.
Der französische Schriftsteller Georges Bernanos schrieb einmal: »Die Heiligkeit ist ein Abenteuer, sogar das einzige, das es gibt.
Wer das einmal verstanden hat, ist ins Herz des katholischen
Glaubens eingetreten.«
Wir bekennen ja in unserem Glauben die Kirche selbst als »heilig«.
Nicht, daß nun alle in ihr Heilige wären. Nicht, als ob alles gut wäre in ihr, aber in dem Sinne, daß sie vom Herrn berührt ist und in ihr immer wieder Heilige wachsen. Dabei ist wichtig, daß man
den Begriff des Heiligen weit genug nimmt, denn auch da gibt
es keine Uniformität. Und wenn die Gestalten der Heiligen vor
uns hintreten, dann sehen wir, wie viele Weisen und Formen es
darin gibt. Von einem Arzt, der selbstlos seinen Dienst tut, bis
431
zu Gelehrten, zu einfachen Menschen, Ordensgründerinnen und
Laien, die in dieser Welt leben.
Mir ist dabei immer wichtig, auch die vielen unscheinbaren Heiligen zu sehen, die es gibt, einfache Menschen, wie ich sie besonders in meiner Kindheit kennengelernt habe, so gütige alte Bauern,
gütige brave Mütterchen, die ihr Leben für die Kinder, für die
Familie, für die Kirche, und immer eben auch für die anderen in
der Dorfgemeinschaft hergegeben haben. Es muß gar nicht etwas
Heroisches haben, sondern es kann gerade das ganz Einfache, das
Demütige sein.
Und dann gibt es natürlich auch immer das Aufregende. Hier in
Italien hat die Gestalt des Padre Pio gewaltig gezündet, der im
übrigen ein ganz grimmiger Beichtvater gewesen sein soll. Er ist
keineswegs sehr liebenswürdig mit seinen Beichtkindern umgegan-gen, aber er war offenbar einfach mit seiner ganzen Gestalt für die Menschen eine Gewähr dafür, daß das echt ist, und daß da der
Herr selber einem zuredet und einem, wenn es nötig ist, sozusagen einen Prügel verabreicht. Und einem aber auch hilft, wenn man es
braucht. So wie wir es im Evangelium an der Gestalt Jesus sehen,
daß er auch hart sein kann, und daß er dann doch der ganz Gütige
und Helfende ist, so haben das die Menschen in dem Maßstab
eines Padre dieses Jahrhunderts wieder wahrgenommen. Es gibt
also das, was vor aller Augen hintritt und uns Zeichen gibt, in
denen wir erkennen, ja, Heiligkeit ist da und gibt den Menschen
ganz neue Kräfte. Und es gibt die einfache, demütige Heiligkeit,
von der niemand schreibt, und die doch so wesentlich für das
Leben der Kirche ist.
Immer wieder kann über Nacht eine bis dahin völlig unbekannte
Strömung das Ruder herumreißen. Besonders auffällig ist derzeit eine weltweit zu beobachtende Renaissance der Marienverehrung.
Was denken Sie: Kann Maria wieder das Hauptportal werden,
über das Millionen neuer Christen Eingang finden in ihre Kirche?
432
Man kann nie vorausberechnen, wie es weitergeht. Wer nur akademisch, statistisch aus dem europäischen Zustand den Untergang der Kirche extrapoliert, der verkennt die Unberechenbarkeit menschlicher Geschichte ganz allgemein – und die Initiativkraft
Gottes, der immer eingreifen kann, im besonderen.
Daß es diese ganz unerwarteten neuen Aufbrüche und eine welt-weite marianische Bewegung gibt, das ist gar kein Zweifel. Sicherlich sind darunter auch manche Formen von Pseudo-Erscheinungen und Botschaften. Da sollte man also sehr vorsichtig sein und sich nicht leichtgläubig gleich das Übernatürliche am Werk
vorstellen.
Aber umgekehrt darf einen diese echte und richtige kritische Gesinnung auch wieder nicht undurchdringlich machen für die Realität, die es gibt. Man konnte anfänglich ja auch gegenüber Lourdes
denken, da habe sich dieses kleine Mädchen etwas zusammen-phantasiert. Und dann hat sich eben doch gezeigt, daß wirklich sie selbst da war, die Mutter – Maria. Es ist sicher kein Zufall, daß heute eine große neue Zuwendung zu Maria erfolgt, in der uns
das Christentum wieder liebenswürdig und nahe wird, und wir
durch die Mutter wirklich wieder die Tür finden.
Was wir über Südamerika gesagt haben, wo Guadeloupe zum
Durchbruch wurde, daß die Indios sehen konnten, dies ist nicht
die Religion der Eroberer, sondern die Religion der gütigen Mutter und des für uns leidenden Gottes – und Maria wirklich Tür zu
Christus geworden ist – , das gilt auch heute. Auch heute kann es weit über Südamerika hinaus einem müde gewordenen und ratio-nalistischen Christentum – und einer von einer kalten technischen Welt erschöpften Menschheit – wieder so gehen, daß es gerade im
Zeichen der Mutter wieder lebendig Christus selber findet. Mit
dieser Zuversicht dürfen wir auf die Zukunft zugehen.
Papst Johannes XXIII. konnte sagen: »Ich gehöre zu einer Kirche, die lebendig und jung ist und ihr Werk ohne Angst in die Zukunft 433
hinein fortführt.« Kann das auch ein Joseph Kardinal Ratzinger noch sagen?
Ja! Das kann ich mit Freuden sagen. Ich sehe zwar viele alte, ab-sterbende Äste an der Kirche, die so langsam, manchmal leise, manchmal laut, herunterfallen. Aber ich sehe vor allen Dingen
auch das Jungsein der Kirche. Ich darf so vielen jungen Menschen
begegnen, die aus allen Weltteilen kommen, ich darf diesen neuen Bewegungen begegnen, dem Enthusiasmus des Glaubens, der hier neu sichtbar wird. Und dieser Enthusiasmus läßt sich auch
gar nicht schütteln von all den Kirchenkritiken – die immer ihre
Gründe haben – , weil die Freude an Christus eben doch größer
ist. Insofern habe ich einen Ort, an dem es viel Mühsal gibt, aber noch viel mehr die Begegnung damit, daß die Kirche jung ist. Und
daß wir getrost in die Zukunft hineingehen dürfen, weil der Herr
sie ganz offenkundig nicht verläßt.
434