17 Von den Sakramenten

Der Bauplan des Lebens

Viele Menschen bedienen sich nach wie vor der Ausdrucksweise

des Christentums, allerdings sind ihnen die Inhalte fremd geworden, geschweige denn, daß sie nach ihnen leben würden. Betrachten wir die sieben Sakramente. Von diesen sagten Sie einmal, in ihnen stecke im Grunde der Bauplan für das gesamte Leben. Und

Johann Wolfgang von Goethe, der evangelisch erzogen war, behauptete, die Sakramente der katholischen Kirche seien nicht nur »das Höchste der Religion«, sondern auch das »sinnliche Symbol einer außerordentlichen göttlichen Gunst und Gnade«.

Bevor wir die Sakramente im einzelnen berühren – ich frage mich: Was sind diese Sakramente eigentlich wert? Die Firmung zum Beispiel gibt keine Gewähr dafür, daß junge Menschen nicht im Dro-genrausch ihr Heil suchen, und die Spendung des Ehesakramentes verhindert nicht, daß die Partner sich betrügen und belügen und schon nach einem Jahr wieder geschieden sind.

Ich glaube, daß mit den sieben Sakramenten wirklich die Struktur

und die großen Momente des menschlichen Lebens festgehalten

sind. Man braucht für diese großen Augenblicke, für Geburt und

Tod, für Erwachsenheit und Ehe, gewissermaßen Zeichen, durch

die der Augenblick seine Größe, seine Verheißung und somit auch

das Mitgetragenwerden empfängt.

Wenn wir die Sakramente allerdings zu sehr unter dem Gesichtspunkt der Effizienz betrachten und sie als Mittel ansehen, die dem Menschen wunderartige Kräfte geben und ihn verändern, dann

fallen sie gleichsam durch. Hier geht es um etwas anderes. Der

Glaube ist ja nicht etwas, das im Äther stattfindet, sondern er tritt 374

 

in die materielle Welt ein. Durch die Zeichen der materiellen Welt wiederum werden wir in die Berührung mit Gott gebracht. Die

Zeichen sind also Ausdruck der Körperlichkeit unseres Glaubens.

Die Durchdringung von Sinnen und Geist ist die Fortführung dessen, daß Gott Fleisch geworden ist und sich uns in den Dingen der Erde mitteilt.

Die Sakramente sind also eine Art der Berührung mit Gott selber.

Sie zeigen, daß dies kein rein geistiger Glaube ist, sondern einer, der Gemeinschaft hat und stiftet, und der die Erde, die Schöpfung mit einbezieht, die auf diese Weise mit ihren Elementen auch

transparent wird.

Das Wesentliche ist, daß sich in den Sakramenten die Gemein-schaftlichkeit, die Körperlichkeit des Glaubens ausdrückt, und daß zugleich verdeutlicht wird, daß der Glauben nicht aus uns

selber, sondern aus einer höheren Vollmacht herkommt. Freilich

sind sie wie Gottes ganzes Handeln unserer Freiheit anvertraut;

sie wirken – wie das Evangelium überhaupt – nicht mechanisch,

sondern nur im Mitgehen unserer Freiheit mit ihnen.

Von der Erleuchtung

Am Anfang steht die Taufe, die in der Urkirche auch als die Erleuchtung bezeichnet wurde. Es ist eine sehr würdevolle, pathe-tische Zeremonie, die in großen Texten die Spuren des Lebens aufnimmt. Wenn in der Taufliturgie das Kreuz übergeben wird,

werden folgende Worte gesprochen: »Ich segne dich mit dem Zeichen des Kreuzes, damit du erkennst, daß Jesus dich liebt. – Ich bezeichne deine Augen mit dem Kreuz, damit du siehst, was Jesus tut. – Ich bezeichne deine Ohren mit dem Kreuz, damit du hörst, was Jesus sagt. – Ich bezeichne deinen Mund mit dem Kreuz, damit du dem Ruf Jesu antwortest. – Ich bezeichne deine Hände mit 375

 

dem Kreuz, damit du wie Jesus Gutes tust.« Diese Formel wird als »Symbolum«, als »Symbol« bezeichnet. Was ist damit gemeint?

Symbolen heißt übersetzt »das Zueinanderfallende«. Das Symbol war ursprünglich eine Art, sich auszuweisen. Sie bestand darin,

daß zwei Menschen jeweils ein Stück hatten, etwa eines Siegels,

und sie sich im Zusammensetzen der Teile erkennen konnten. Symbol bedeutet dann in einem weitläufigeren Sinn die Darstellung von etwas Unsichtbarem in sinnlichen Formen, in Zeichen und

Gestalten, die über sich hinausdeuten.

In der Taufspendung ist eine ganze Anzahl von Symbolen vereinigt. Man hat ja in die Form der Spendung die Grundschritte des ehemaligen Katechumenats eingebracht. Damit ist auch angedeutet, daß Taufe ein Katechumenat, das heißt eine Weggemeinschaft verlangt, die eine Lern-und Lebensgemeinschaft ist. Die verschiedenen Schritte dieses Katechumenats sind hier zusammengefaßt.

Die Öffnung der Augen, des Mundes, der Ohren. Es ist das Wort

»Effata«, das Jesus öffentlich auch zu dem Stummen sagt, und das

nun seinen Mund öffnet und ihm seine Ohren öffnet, und ihn endlich recht hören und reden läßt. So soll auch durch die Taufe und die Lebensgemeinschaft, in die sie hineinführt, unsere Stummheit

und Taubheit für Gott überwunden werden. Denn wenn wir Gott

nicht hören können, können wir auch nicht richtig reden, haben

wir kein Wort für ihn, können wir nicht beten. Das Öffnen der

Ohren und der Augen in der Taufzeremonie sollte vorwegnehmen,

daß wir in der Lebensgemeinschaft des Glaubens hören und richtig reden lernen, daß wir die Transparenz des Göttlichen in der Schöpfung sehen und dieses uns im Zeichen des Kreuzes mit Gott

verbindet.

Die Taufe war in der alten Kirche eine ungeheure Auszeichnung.

Der Täufling brauchte neben dem abgeschlossenen Katechumenat

als Vorbedingung auch zwei Bürgen, die für seine Wahrhaftigkeit geradestanden. Sind Sie inzwischen gegen die Kindertaufe?

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Die Taufe hat ja auch den Grund, daß damit dem Menschen über

das biologische Leben hinaus jener Sinn vorgegeben ist, damit

dieses Leben gerechtfertigt ist. Gerade in einer Zeit wie heute,

wo die Zukunft dunkel ist, kann die Frage aufkommen, ist es

überhaupt moralisch, jemanden in die Welt zu setzen und ihm

damit vielleicht eine Zukunft zuzumuten, in der man gar nicht

mehr Mensch sein kann. Und in der Tat, wenn man gar nicht

weiß, ob es sinnvoll ist, ein Mensch zu sein, dann ist diese Vorgabe eigentlich nur mehr dann zu rechtfertigen, wenn ich dem neuen

Menschen mehr geben kann als den bloßen Bios. Wenn ich ihm

einen Sinn mitgeben kann, von dem ich weiß, daß er stärker ist

als alle Dunkelheiten der Geschichte. Das ist eben die Taufe, die ihn in die Gemeinschaft mit Christus hineinhebt.

Insofern hat die Kindertaufe klarerweise ihre Berechtigung. Allerdings wird es anders, wenn in einer nun entchristlichten Gesellschaft die Entfaltung der Taufe im Katechumenat nicht mehr erfolgt. Wenn viele an der Taufe nur noch festhalten, weil sie dem Lebensbeginn irgendwie seine Festlichkeit, sozusagen die nötige

Ritualität gibt, dann allerdings wird die Taufe inwendig in Frage gestellt. Taufe ist eben sehr viel mehr als Sozialisierung in einer Gemeinde, wie es heute manche auffassen. Es ist ein Geburtsvorgang, in dem sich eine neue Dimension des Lebens eröffnet.

Im Kanon 849 des Kirchenrechts heißt es: »Der tatsächliche Empfang der Taufe oder wenigstens das Verlangen danach ist zum Heil notwendig.« Was ist aber, wenn ein Mensch ungetauft stirbt? Und was ist mit den Millionen von Kindern, die bereits im Mutterleib getötet werden?

Die Frage, was die Heilsnotwendigkeit der Taufe bedeutet, ist in

der Neuzeit immer brennender geworden. Das Zweite Vatikanische Konzil hat dazu gesagt, daß Menschen, die auf der Suche nach Gott sind und die sich insofern inwendig nach dem aus-377

 

strecken, was Taufe ist, auch das Heil erhalten. Das heißt, daß das Suchen nach Gott bereits eine innere Beteiligung an der Taufe, an der Kirche, an Christus ist.

Die Frage nach der Heilsnotwendigkeit der Taufe scheint insofern

heute beantwortet, aber die Frage nach den Kindern, die nicht getauft werden konnten, weil sie abgetrieben worden sind, bedrängt uns um so mehr.

Frühere Zeiten hatten da eine, wie mir scheint, eher unerleuchtete Lehre erfunden. Sie hatten gesagt, die Taufe schenkt uns durch

die heiligmachende Gnade die Fähigkeit zur Anschauung Gottes.

Der Zustand der Erbsünde freilich, von dem uns die Taufe befreit, ist Mangel der heiligmachenden Gnade. Die Kinder, die so sterben, haben zwar keine persönlichen Sünden, sie können also nicht in die Hölle versetzt werden, es fehlt ihnen andererseits aber die heiligmachende Gnade und dadurch die Möglichkeit der Gott-anschauung. Ihnen werde lediglich ein Zustand der natürlichen Seligkeit zuteil werden, in der sie glücklich sind. Man hat dann

diesen Zustand den Limbus genannt.

Das ist uns in unserem Jahrhundert allmählich problematisch geworden. Es war eine Form, durch die man die Notwendigkeit der möglichst frühen Taufe verteidigen wollte, aber die Lösung als

solche ist fragwürdig. Der Papst hat schließlich mit der Enzyklika Evangelium Vitae eine entschlossene Wendung gemacht, die der

Katechismus der katholischen Kirche schon antizipiert hatte, indem er einfach die Hoffnung ausspricht, daß Gott für diejenigen, die die Sakramente nicht empfangen konnten, Macht genug hat,

auch sie zu sich heraufzuziehen.

Von der Reife

Die Firmung ist nach dem Glauben der katholischen Kirche das

»Sakrament des Wachstums im übernatürlichen Leben«. Was kann

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man sich darunter vorstellen – und wie wirkt die Firmung überhaupt?

Das wesentliche Zeichen ist zum einen die Salbung, zum anderen die Handauflegung. Die Handauflegung ist das Zeichen des Beschirmt-und Gedecktseins von Gott und Zeichen für die Gegenwart des Geistes. Die Salbung verbindet mit dem Gesalbten schlechthin, der Christus ist, und wird zum Zeichen des Heiligen Geistes, der Christus durchlebte. Firmung ist Taufvollendung; wenn die Taufe primär die Verbindung mit Christus betont, so

liegt in der Firmung der Akzent auf der Gemeinschaft mit dem

Heiligen Geist.

Man kann darin auch ausgedrückt finden, daß der Gefirmte nun

voll verantwortliches, aktives Glied der Kirche ist. So hat man sie seit einiger Zeit gern als Sakrament der Mündigkeit bezeichnet.

Die frühere »Ohrfeige« erinnert in der Tat an frühere weltliche

Mündigkeitsriten. Sie ist nach dem Konzil weggefallen. Der Gedanke des Sakraments der Mündigkeit hat in unseren Breiten dazu geführt, daß man die Firmung immer später, etwa mit 16 oder

18 Jahren spenden will. Es gibt aber auch eine ganz andere Sicht.

Die Ostkirchen verbinden sie direkt mit der (Kinder-)Taufe. Die

Begründung ist, zur Kommunion könne man eigentlich erst zugelassen werden, wenn man die beiden Einführungssakramente Taufe und Firmung empfangen hat und ganz in die Gemeinschaft

mit Christus im Heiligen Geist hineingenommen ist.

Firmung ist auch eine Art Initiation, mit der jugendliche Menschen den Schritt in das reifere, erwachsene Leben zelebrieren.

Der Augustinermönch Thomas von Kempen hat im Mittelalter

unter dem Titel Nachfolge Christi ein Buch mit Regeln verfaßt, die uns Wege zum richtigen Leben zeigen sollen. Die Sammlung

wurde nach der Bibel das verbreitetste religiöse Buch der Welt.

Einiges darin mutet uns heute ein wenig fremd an. Aber selbst

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ein marxistischer Philosoph wie Ludwig Marcuse fand darin die

»Kunst, mit sich ins reine zu kommen«. »Die höchste Aufgabe

eines jeden ist es«, schreibt der Mönch »sich selbst (in seinem Wesen) wahrhaft erkennen zu lernen.« Und weiter: »Sich selbst

geringschätzen und über andere stets gut und edel denken, das

setzt große Weisheit und Vollkommenheit voraus.«

Verinnerlichung ist auch heute wichtig. Zweifellos gehört es zu

den Aspekten der Firmung, daß sie uns von dem bloß Äußeren,

von dem bloßen Erfolgs-und Leistungsdenken wegbringen und

uns sagen will, du hast auch ein Innen. Und denk daran, laß, wie

Paulus sagt, den inneren Menschen in dir stark werden. Die Verkümmerung der Innerlichkeit ist ja eines unserer großen Probleme geworden. Firmung könnte in diesem Sinne wirklich als Gegenge-wicht gegen die bloße Veräußerlichung dastehen und damit helfen, daß die Dinge des Menschseins im richtigen Lot bleiben.

Der materielle Erfolg ist in der modernen Zivilisation inzwischen der Wert aller Werte. »Jeder kann es schaffen«, verspricht ein Heer von Motivationsgurus. Diese Haltung wirkt fast schon suchter-zeugend.

Sie steckt an. Wenn ich es beim anderen sehe, möchte ich es auch.

Wenn die Eltern sehen, wie die Kinder anderer herausgeputzt

werden und was ihnen für Wege eröffnet werden, wünschen sie

das berechtigterweise auch für die eigenen. Ich denke, man schaut damit nur noch in eine Richtung. Man will möglichst viel haben,

etwas sein nach außen hin. Wie notwendig in unserem Leben aber

auch die Kultur der Innerlichkeit ist, das vergessen wir.

Freilich versucht man jetzt auch mit den Methoden der Meditation irgendwie wieder eine Art von Innerlichkeit aufzubauen.

Aber im allgemeinen laufen diese Meditationskulturen oft nur wieder darauf hinaus, die Leistungsfähigkeit nach außen zu stärken.

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Oder sie sind Entleerungstechniken, die dem Menschen letztlich

keine wirkliche innere Kraft geben. Wir müssen tatsächlich, das

möchte ich gerne wiederholen, eine neue Kultur der Innerlichkeit wiederfinden, wieder lernen, wie der »innere Mensch«, von dem Paulus spricht, mitwachsen kann mit dem Äußeren und die

Kraft bekommen kann, daß wir dann den äußeren Dingen, die

uns widerfahren, gewachsen sein können.

Von der heiligsten Handlung am heiligsten Ort

Um das Jahr 150 nach Christus reichte ein Gelehrter namens Justinus beim römischen Kaiser Antoninus Pius eine Verteidigungs-schrift zugunsten der Christen ein. Wir verdanken ihr eine sehr frühe Beschreibung der Meßfeier: »An dem sogenannten Sonn-tage«, heißt es darin, »findet eine Versammlung aller Stadt-und Landbewohner statt. Dabei werden die Denkwürdigkeiten der

Apostel oder die Schriften der Propheten vorgelesen, solange die Zeit reicht. Hat der Vorleser geendet, so fordert der Vorsteher zur Nachahmung all des Guten auf. Darauf stehen wir alle auf und

beten. Nach Schluß des Gebetes werden Brot, Wein und Wasser

herbeigebracht; der Vorsteher schickt Gebete und Danksagungen

mit aller Kraft empor, und das Volk stimmt ein, indem es Amen

sagt. Darauf findet die Ausspendung statt. Jeder erhält seinen Teil von dem Konsekrierten; den Abwesenden aber wird es durch die

Diakonen gebracht. Diese Nahrung nun heißt Eucharistie. Nur

der darf daran teilnehmen, der unsere Lehre für wahr hält, der durch das Bad gereinigt worden zur Nachlassung der Sünden und

zur Wiedergeburt, und so lebt, wie Christus es verlangt.« Diese Zeremonie scheint bis heute, durch 2.000 Jahre hindurch, genau gleichgeblieben zu sein.

Ja, die Grundstruktur der Eucharistie-Feier ist damit angegeben,

auch wenn sich einzelne Formen natürlich weiterentwickelt haben.

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Vielleicht wird man eine gewisse Zeit brauchen, um zu verstehen, daß sich hinter diesen Dingen mehr als eine x-beliebige Zeremonie verbirgt. Auch die herrlichen Bilder der Kirchenfenster beginnen erst zu leuchten, wenn man sie vom Inneren des Raumes betrachtet. Können Sie mir bitte zunächst den Aufbau einer heiligen Messe erklären?

Da ist zunächst der erste Teil, der Wortgottesdienst. Man versammelt sich unter das Wort Gottes, genau so, wie es die urbildliche Ekklesia am Sinai getan hat, um zu hören und zu empfangen. In

dem Text, den wir gerade hörten, ist von Lesung, von Propheten

und Evangelisten die Rede. Dies hat im Gottesdienst eine besondere Struktur angenommen, daß man, wie es hieß, Prophet, Apostel, Christus hört. Unter Prophet wurde das ganze Alte Testament verstanden, unter Apostel die apostolischen Briefe und unter Christus das Evangelium. Damit wird sozusagen das dreigeteilte Wort Gottes gehört. Es wird nun gesagt, daß darauf die Mahnung folgt,

also Auslegung ist nötig, weil das Wort gewissermaßen von ferne

auf uns zukommt und uns nähergebracht werden muß, damit wir

es verstehen können.

Auf dieses Grundlegende einer Messe, auf das Versammeltsein

unter dem Wort, das uns erneuert, belehrt und erleuchtet, folgt

der eigentliche Eucharistie-Gottesdienst. Dieser ist wieder in drei Teile gegliedert. Zunächst werden die Gaben bereitgestellt, Brot

und Wein. Es ist ein Sinnbild dessen, daß wir die Schöpfung dem

Herrn zubringen. Anschließend erfolgt das Dankgebet. Das heißt,

der Bischof oder der Priester stimmt in das Dankgebet mit ein, das Jesus am Vorabend seines Todes gesprochen hat. Es ist die große

Lobpreisung Gottes. Sie schließt sowohl den Dank für Christus

mit ein als auch das Gedächtnis an seine Worte und Taten der

letzten Stunde – und damit die Verwandlung von Brot und Wein,

die nun nicht mehr unsere Gaben sind, sondern die Gaben Jesu

Christi, in denen er sich gemäß den Abendmahlsworten gibt.

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Justinus, ein antiker Autor, spricht davon, daß die Gaben, wie er es ausdrückt, »eucharistiert« sind. Mit anderen Worten: Brot ist

nicht mehr Brot, sondern Leib Christi. Und Wein ist nicht mehr

Wein, sondern Blut Christi. Die Gaben sind also in lebendiges

Wort, in das Wort Christi, das Dankeswort des Herrn umgewandelt.

Justinus nennt für die anschließende Austeilung der heiligen Kommunion auch die Bedingungen. Dies ist der Gottesdienst der gläubig Gewordenen, sagt er. So wie der Herr im Abendmahl die Zwölf versammelt, so ist die Eucharistie die Versammlung derer, die an

Christus gläubig geworden sind, die durch die Taufe Kirche geworden sind. In diesem Sinn ist sowohl die Zulassungsbedingung wie die Struktur der Feier tatsächlich bereits in dieser ganz frühen Zeit vollkommen deutlich entwickelt und bis heute maßgeblich

geblieben.

Die Eucharistie gilt als die heiligste Handlung der Welt am heiligsten Ort der Welt. In diesem Sakrament sei der Leib, das Blut, die Seele und auch noch die Gottheit Jesu enthalten. Um noch einmal ganz konkret nachzufragen: Geschieht mit diesem Akt wirklich

jeden Tag ein neues Wunder? Die Wandlung von Brot und Wein

in Fleisch und Blut – das kann doch nur symbolisch gemeint sein.

Nein. Die Kirche glaubt fest daran, daß der Auferstandene sich

hier wirklich ganz und gar selber gibt. Sicher, in den unterschiedlichen Perioden der Kirchengeschichte ist darüber immer wieder gestritten worden. Der erste große Streit taucht im Frühmittelalter auf, der zweite im 16. Jahrhundert. Hier hat Luther nachdrücklich an der Verwandlung festgehalten, während Calvin und Zwingli

den Symbolismus auf je unterschiedliche Weise vertraten, so daß

sich daraus auch die große Spaltung innerhalb der Reformation

entwickelte.

Während Luther allerdings der Meinung war, daß diese Gegen-383

 

wart Christi an den Augenblick der Feier gebunden sei, glaubt die katholische Kirche daran, daß die Gegenwart Christi in diesen

Gaben enthalten bleibt. Denn wenn Brot und Wein wirklich »verwandelt« sind, wenn also die Gaben der Erde Gaben des Herrn geworden sind, dann hat sie der Herr auch endgültig in Beschlag

genommen. Natürlich ist auch in unserem Jahrhundert erneut

darüber debattiert worden. Aber auch wenn sich die Exegeten in

dieser Frage gespalten haben, so haben dennoch auch nicht-katholische Exegeten wie Käsemann mit Nachdruck die Realpräsenz verteidigt. Sie sei eben klar in den Schriftworten selbst ausgesagt und dargestellt. Und in der Tat, die Schrift – wie auch die ganze Urüberlieferung der Kirche – ist vollkommen klar: Christus gibt

uns nicht nur Symbole, er gibt sich wirklich selber. Das bedeutet, daß Kommunion eine Begegnung von Person zu Person ist. Daß

Christus in mich hereintritt und ich in ihn hineintreten darf.

Aber jeder kann doch sehen, daß der Wein Wein bleibt …

Das ist ja auch keine physikalische Aussage. Es wurde nie behauptet, daß nun sozusagen die physikalische Natur verändert sei. Die Wandlung greift in eine andere Tiefe. Die Überlieferung sagt, es

ist eine metaphysische Handlung. Das, was rein physikalisch Brot

oder Wein ist, das wird von Christus zuinnerst ergriffen, so daß es von innen her geändert ist und sich Christus darin wirklich selber gibt.

Und wenn nun jemand Christus auf diese Weise empfangen hat –

wie wird dann dieses heiligste Sakrament auf einen Menschen

wirken? Oder wie könnte es zumindest wirken?

Auch da sollten wir alles Mirakulöse und alles magische Denken

weglassen. Es ist ein personaler Vorgang. Der Auferstandene, der

nun da ist – das Wort »Leib und Blut« bezeichnet ja immer die

Ganzheit des Inkarnierten, des in der neuen Welt der Auferstehung 384

 

leibhaftig gebliebenen Herrn – , ist ja keine Sache. Ich empfange nicht ein Stück Christus. Das wäre nun tatsächlich widersinnig,

sondern es ist ein personaler Vorgang. Er selbst gibt sich mir und will mich in sich hinein assimilieren.

Augustinus hat in einer Art Vision einmal diese Worte zu hören

geglaubt: »Iß mich, ich bin das Brot des Starken.« Jesus sagt damit, es ist umgekehrt wie bei der gewöhnlichen Nahrung, die du in

deinen Körper assimilierst. Diese Nahrung ist dir unterlegen, so

daß sie ein Stück deines Körpers wird. Und bei mir ist es gerade

umgekehrt: Ich assimiliere dich in mich. Ich bin der Stärkere, du wirst in mich hinein assimiliert. Das ist, wie gesagt, ein personaler Vorgang. Der Mensch wird, wenn er sich in dieses Empfangen

hineingibt, nun seinerseits empfangen. Er wird an Christus ange-glichen, wird ihm ähnlich gemacht. Und das ist der eigentliche Vorgang des Kommunizierens, daß wir uns in ihn, in seine innere

Gemeinschaft, hineinziehen lassen und damit schließlich auch in

die innere Ähnlichkeit hineingeführt werden.

Wie soll man sich auf den Empfang der heiligen Kommunion

vorbereiten?

Richtig wird es, wenn ich wirklich in ihre Gestalt und in das, was sie ist, hineintrete. Wenn ich mich vom Wort Gottes anrühren,

anreden lasse. Wenn ich in den Gebeten, die aus der Urüberlieferung der Kirche geformt worden sind, die Richtung auf Christus einschlage. Richtiges Mitbeten und Mitfeiern in der Eucharistie

bedeutet, daß ich hörend, empfangend werde, und daß damit sozusagen der Türspalt in mir aufgeht, durch den Christus hereintreten kann. Und umgekehrt, daß mein Ich so frei und offen wird, daß

ich beginnen kann, in IHN hineinzutreten.

Wie benimmt man sich eigentlich beim Empfang der heiligen

Kommunion?

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So, wie es der Gegenwart des Herrn angemessen ist. Die Zeichen

der Ehrfurcht haben dabei im Laufe der Zeit gewechselt. Aber das

Wesentliche ist, daß das Benehmen die innere Sammlung und die

Ehrfurcht auch körperlich ausdrückt. Früher wurde Kommunion,

was durchaus sinnvoll war, kniend empfangen. Heute geschieht

es stehend. Aber dann soll auch dieses Stehen ein ehrfürchtiges

Stehen vor dem Herrn sein.

Die Haltung des Kniens darf auf keinen Fall aus der Kirche verschwinden. Es ist die eindringlichste körperliche Darstellung der christlichen Frömmigkeit, durch die wir einerseits aufrecht bleiben, hinschauend, hinaufschauend auf ihn, und uns andererseits doch beugen.

»Nie ist der Mensch so groß«, sagte Johannes XXIII., »als wenn er kniet.«

Und deswegen glaube ich, ist diese Haltung, die ja zu den Urformen schon alttestamentlichen Betens gehört, für den Christen unverzichtbar.

Hand-oder Mundkommunion?

Da würde ich nicht kleinlich sein wollen. Das gab es ja auch in der alten Kirche. An sich ist eine ehrfürchtige Form der Handkommu-nion durchaus eine sinnvolle Weise des Kommunion-Empfangs.

Nach dem Empfang des Sakramentes, was kann man da meditieren?

Zunächst sollte man den inneren Blick auf Christus suchen. Es

gibt Gebetshilfen, die uns helfen, diese Richtung einzunehmen und sich ihm von innen her zuzuwenden. Ich sollte dem Herrn dabei den Tag in die Hände legen und ihn auch bitten, daß seine Präsenz in mir wirksam werde. Wichtig ist, sich ihm anzuvertrauen, was

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dann je nach den Situationen Anlaß zu ganz konkreten Formen

des Betens werden kann.

Ist denn der Kreis derer, die zum Empfang der Kommunion berechtigt sind, nach wie vor definiert?

Ja. Das ist von den Urüberlieferungen her – der 1. Korinther-Brief läßt das schon sehen – ganz klar. Es ist das Problem unserer Stunde, daß Kommunion mehr als eine Art von Sozialisierungsritus begangen wird, wo man sich gleichsam der gegenseitigen Solidarität versichert. Es droht also lediglich ein Zeichen der freundschaft-lichen Zugehörigkeit zu werden. Und das ist viel zu wenig. Uns kommt damit nicht nur das Heilige und Wesentliche, das uns

hier geschenkt wird, aus dem Blickfeld, sondern es findet in den

Menschen auch die nötige innere Reinigung nicht mehr statt.

Der hl. Paulus warnt davor, dieses Geschenk, dieses verwandelte

Brot, nicht mehr von anderen zu unterscheiden. Die Unterscheidung ist heute irgendwie abhanden gekommen – und das schafft dann auch vielfältige Probleme. Dann fühlen sich zum Beispiel die wiederverheirateten Geschiedenen als die einzig Ausgeschlossenen, und das erscheint dann mit Recht als eine ungute Diskriminierung.

Ich denke, alle zusammen sollten kritischer mit sich umgehen,

den Leib des Herrn unterscheiden, und wissen, daß sie immer

wieder auch der Buße bedürftig sind, ehe sie die hl. Kommunion

empfangen. Es gibt Bedingungen der Zulassung. Wir haben eben

nicht aus uns heraus ein Recht auf den Herrn, sondern er zeigt

uns durch die Ordnung in der Kirche, wann wir ihn empfangen

dürfen.

Ist das auch der Unterschied zwischen einer katholischen Eucharistie und einer ökumenischen Abendmahlsgemeinschaft?

Ja. Die katholische Eucharistie ist immer an die Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft der katholischen Kirche gebunden. Auch

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die Eucharistiefeier selbst darf nach unserer Überzeugung nur

der geweihte Priester feiern. Die protestantische Abendmahlsfeier steht dagegen unter anderen Gesetzen. Wir wissen, daß auch hier

Begegnung mit dem Herrn stattfinden kann, können aber dennoch

nicht verwischen, daß die Frage der apostolischen Nachfolge und

des Priestertums – wie auch die katholische Glaubenslehre in ihrer Ganzheit – hier Grenzen zieht.

Von der Liturgie

Die Eucharistie erhält ihre Feierlichkeit, ihre Würde, durch etwas ganz Meisterliches und Erhabenes in der katholischen Spiritualität, nämlich durch ihre Liturgie. In ihr scheint jeder Satz und jede Gebärde eine eigene Bedeutung, ja fast ein spezielles Geheimnis zu bergen. In dieser irdischen Liturgie nehmen die Gläubigen, so befand denn auch das Zweite Vatikanische Konzil, vorauskostend bereits an der »himmlischen Liturgie« teil.

Und das ist ein sehr wichtiger Gesichtspunkt. Liturgie ist nie nur bloße Zusammenkunft einer Gruppe, die sich selber gleichsam ih-re Feier macht und dann womöglich eigentlich sich selber begeht.

Wir stehen statt dessen durch die Beteiligung an dem Hintreten

Jesu Christi vor den Vater immer auch sowohl in der weltwei-ten Gemeinschaft der ganzen Kirche, wie auch der communio sanctorum, der Gemeinschaft aller Heiligen. Ja, es ist gewissermaßen die Liturgie des Himmels. Das ist wirklich ihre Größe, daß

hier der Himmel aufreißt und wir uns hineinfügen in den Chor

der Anbetung. Das ist auch der Grund, weswegen die Präfation

mit diesem Wort endet: Wir singen mit den Chören der Serafim

und Kerubim. Und wir wissen, daß wir nicht allein sind, sondern

daß wir einstimmen, daß die Grenze zwischen Himmel und Erde

wirklich aufgerissen ist.

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Der Mönchsvater Basilius der Große hat festgestellt, die Messe sei eine ebenso große Offenbarung wie die Heilige Schrift. Er hat daraus das strenge Gebot abgeleitet, an der Liturgie weder her-umzudeuteln, noch herumzureformieren. Wenn nun die Liturgie etwas ist, was nicht vom Menschen gemacht wurde, etwas, in

dem quasi die göttliche Herrlichkeit für den Menschen erfahrbar werden soll – müßte man dann nicht die alte Messe Gregors des

Großen als von oben geschenkt und für immer unveränderbar

betrachten?

In dieser Frage haben sich Ost und West in gewisser Hinsicht etwas getrennt. Die byzantinische Kirche etwa hat die Form ihrer Liturgie im 4., 5. Jahrhundert mit Basilius und Johannes Chrysostomos empfangen. Sie sieht darin, wie andere östliche Kirchen auch, eine göttliche Gabe, die man nicht ändert: Wir treten in sie hinein, wir machen sie nicht (obwohl es natürlich in Details immer wieder einzelne Verschiebungen gegeben hat).

Der Westen dagegen hatte immer einen viel stärkeren Sinn für

Geschichtlichkeit. Auch er hat die Liturgie in ihrem Wesentlichen als eine Gabe begriffen, aber als etwas, das in die lebendige Kirche hineingelegt ist und mit ihr wächst. Wir können den Vergleich

mit der Heiligen Schrift durchaus machen. Auch sie ist nicht einfach ein rein vertikal heruntergefallenes Gotteswort, sondern ein Gotteswort, das in eine Geschichte hineingegeben ist und in ihr

wachsen durfte. So hat die westliche Kirche zwar die grundsätzliche Unantastbarkeit der Liturgie in der Ganzheit ihres Wesens und ihrer Form festgehalten, aber sie gleichzeitig auch behutsam

geschichtlich wachsen lassen.

Der römische Kanon ist ähnlich wie der der Ostkirche wohl auch

etwa im 4. Jahrhundert entstanden. In der Folgezeit haben sich

auch im Westen verschiedene Liturgietypen entfaltet. Der gallika-nische, der spanische, dann sind germanische Einflüsse hereinge-kommen und so weiter. Die einzelnen hereintretenden Nationen 389

 

durften in diesen Wachstumsprozeß etwas einbringen, wobei Rom

immer hütend gewirkt und Überwucherungen wieder weggeschnit-ten hat. Rom hat dabei die Liturgie in ihrer archaischen Gestalt am strengsten bewahrt, ich würde sagen, sogar in einer etwas

früheren Form als der Osten, jedenfalls vom theologischen Typus

her.

Auf diese Weise ist die Liturgie in einem geschichtlichen Prozeß

immer lebendig – so daß stets Neues, und speziell neue Heilige,

hereintreten konnten – , aber in ihrem Wesentlichen zugleich auch konstant geblieben. Deswegen konnte die westliche Kirche auch

an Liturgiereformen denken. Sie durften freilich nicht einfach Ab-brüche sein, sondern mußten mit dem Respekt vor dem lebendig Gewachsenen umgehen, so, wie man Wachsendes hütet und es

dadurch lebendig hält. Pius X. etwa hat das Überwuchern von Hei-ligenfesten beschnitten. Er hat auch den Sonntag wieder stärker in sein Recht gesetzt und überwuchernde Stücke herausgeschnitten.

Bereits Pius V. hatte das Übermaß von Sequenzdichtungen, die

sich eingeschlichen hatten, weggenommen. In diese Linie hat sich

auch das Zweite Vatikanum hineingestellt. Es war richtig, weil

das Weiterwachsen ohne Erstarrung zur liturgischen Tradition der

Kirche gehört. Aber ich würde sagen, der Unterschied ist, ob ich

etwas lebendig Wachsendes hüte und damit weiß, daß das Leben

als solches nicht in meine Hand gegeben ist – ich muß ihm dienen

und die inneren Gesetze des Lebendigen beachten – , oder ob ich es als etwas Gemachtes betrachte, das sozusagen nach den Gesetzen

einer Maschine verläuft, die ich ummontieren und anders machen

kann.

Das Zweite Vatikanische Konzil hatte ohne Zweifel organisches

Wachstum und Erneuerung im Auge. Wir müssen aber sehen, daß

es heute weitgehend Tendenzen gibt, die nun einfach Montage

und auch Demontage betreiben – und damit etwas tun, was mit

dem Wesen der Liturgie unvereinbar ist. Man kann nicht einfach

in professoralen Kommissionen erdenken, wie es pastoral besser

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ankommt; wie es praktischer ist und dergleichen Dinge mehr, sondern man muß mit dem großen Respekt vor dem, was die Fracht der Jahrhunderte in sich trägt, sehen, wo sinnvolle Ergänzungen

oder Beschneidungen nötig und möglich sind.

Und das sollte wirklich eine große Mahnung an alle sein, die mit

der Liturgie zu tun haben. Sie sollten in diesem Geist des Dienens an dem lebendig Gewachsenen, das uns den Glauben aller Jahrhunderte zubringt, ihren Dienst tun, und nicht als selbstmächtige Könner das Bessere erdenken und fabrizieren wollen.

Die Kritik an der derzeitigen Liturgie ist unüberhörbar geworden.

Vielen ist sie nicht mehr heilig genug. Braucht man eine Reform der Reform, um sie wieder heiliger zu machen?

Zumindest braucht man wieder ein neues liturgisches Bewußtsein,

damit dieser macherische Geist verschwindet. Es ist ja auch soweit gekommen, daß sich Liturgiekreise für den Sonntag selber die

Liturgie zurechtbasteln. Was hier geboten wird, ist sicher das

Produkt von ein paar gescheiten, tüchtigen Leuten, die sich etwas ausgedacht haben. Aber damit begegne ich eben nicht mehr dem

ganz Anderen, dem Heiligen, das sich mir schenkt, sondern der

Tüchtigkeit von ein paar Leuten. Und ich merke, das ist es nicht, was ich suche. Das ist zuwenig, und ist etwas anderes.

Das Wichtigste ist heute, daß wir wieder Respekt vor der Liturgie und ihrer Unmanipulierbarkeit haben. Daß wir sie wieder als

das lebendig Gewachsene und Geschenkte erkennen lernen, in

dem wir an der himmlischen Liturgie teilnehmen. Daß wir in ihr

nicht die Selbstverwirklichung suchen, sondern die Gabe, die uns

zukommt.

Das, glaube ich, ist das erste, daß dieses eigentümliche oder eigenmächtige Machen wieder verschwinden und der innere Sinn für das Heilige erwachen muß. In einem zweiten Schritt wird

man dann sehen können, in welchem Bereich sozusagen zuviel

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weggestrichen wurde, so daß der Zusammenhang mit der ganzen

Geschichte wieder deutlicher und lebendiger werden muß. Ich selber habe in diesem Sinn von der Reform der Reform gesprochen.

Dies sollte meiner Meinung nach aber zunächst einmal vor allem ein erzieherischer Prozeß sein, der Einhalt gebietet gegenüber einem Zertrampeln der Liturgie mit Selbsterfundenem.

Wichtig für die rechte Bewußtseinsbildung in Sachen Liturgie ist

auch, daß endlich die Ächtung der bis 1970 gültigen Form von

Liturgie aufhören muß. Wer sich heute für den Fortbestand dieser

Liturgie einsetzt oder an ihr teilnimmt, wird wie ein Aussätziger behandelt; hier endet jede Toleranz. Derlei hat es in der ganzen

Geschichte nicht gegeben, man ächtet damit ja auch die ganze

Vergangenheit der Kirche. Wie sollte man ihrer Gegenwart trauen,

wenn es so ist? Ich verstehe, offen gestanden, auch nicht, warum

viele meiner bischöflichen Mitbrüder sich weitgehend diesem Into-leranzgebot unterwerfen, das den nötigen inneren Versöhnungen in der Kirche ohne einsichtigen Grund entgegensteht.

Wann aber wird dieser zweite Schritt, von dem Sie sprachen, diese Reform der Reform, wirklich kommen?

Ich würde sagen, so wie die liturgische Bewegung, die zum Zweiten Vatikanischen Konzil hinführte, etwas langsam Wachsendes war – das dann sehr schnell zum Strom geworden ist – , so kommt

es auch hier darauf an, daß von lebendig Glaubenden und Feiern-den ein Impuls ausgeht. Daß es exemplarische Orte gibt, wo die Liturgie wirklich richtig gefeiert wird, an denen man miterleben

kann, was sie ist. Wenn daraus dann eine Art Bewegung von innen

her entsteht und das nicht einfach von oben übergestülpt wird,

dann wird es kommen. Und ich glaube, daß hier in der neuen

Generation bereits ein Aufbrechen in diese Richtung vorhanden

ist.

Eine wahre, eine göttliche Liturgie, eine Liturgie für die Zukunft 392

 

des gläubigen Volkes und der Kirche – wie könnte sie Ihrer Vorstellung nach aussehen?

Im Grunde so, daß wir wieder die geschenkten Formen empfangen und innerlich in sie eindringen. Wenn ich an die Zeiten der liturgischen Bewegung denke, die ich ja noch miterlebt habe, war

es einfach etwas Wunderschönes, allmählich zu lernen, wie die

Fastenmessen gewachsen sind, die Struktur der Fastenzeit zu verstehen, die ganze Struktur des Missale und vieles mehr. Es ging einfach darum, in diesen Reichtum des Gewordenen und Gewachsenen und damit eben auch in die sich darin schenkende Herrlichkeit von Gott her einzudringen. Ich glaube, darauf kommt es an: den Geist des Hörens wieder zu erlernen – »höre, mein

Sohn«, sagt Benediktus – und uns weniger als Macher, denn als

Empfangende zu verstehen.

Sollen die Messen wieder in Latein gelesen werden?

Das wird generell nicht mehr möglich sein und ist vielleicht so auch nicht zu wünschen. Mindestens, würde ich sagen, ist klar, daß der Wortgottesdienst in den Muttersprachen sein soll. Allerdings wäre ich dafür, daß eine neue Offenheit für das Lateinische entsteht.

Das Latein in der Messe erscheint uns ja inzwischen geradezu als

ein Sündenfall. Damit schließt man allerdings auch Kommunika-tionen aus, die in Mischgebieten so notwendig sind. In Avignon zum Beispiel hat mir der Dompfarrer erzählt, daß sonntags plötzlich drei verschiedene Sprachgruppen kamen, um die Messe zu feiern. Er hat vorgeschlagen, den Kanon gemeinsam lateinisch zu

beten, dann könnten alle miteinander die Messe feiern. Alle drei

haben brüsk gesagt: nein, es müßte für jeden was Eigenes sein.

Oder denken wir auch an touristische Orte, hier wäre doch das

Sich-Wiedererkennen im Gemeinsamen etwas Schönes. Also solche Dinge sollte man schon auch gegenwärtig halten. Wenn selbst 393

 

in den großen Liturgien in Rom niemand mehr das Kyrie oder Sanctus singen kann, niemand mehr weiß, was Gloria bedeutet, dann ist das auch ein Kulturverlust und ein Verlust an Gemein-samkeiten. Insofern würde ich sagen, der Wortgottesdienst sollte auf jeden Fall in der Muttersprache sein, aber es sollte dennoch

auch einen Grundbestand an Latein geben, der uns miteinander

verbindet.

Der Schriftsteller Martin Mosebach hat einmal eine kleine Geschichte über eine heilige Messe erzählt. Sie spielt vor vielen Jahren auf der Insel Capri. Eines Tages sei hier ein englischer Pfarrer aufgetaucht, der sich noch durch seine Kleidung als Priester zu erkennen gab, was auch in Süditalien seltener geworden war. Als man hörte, der Mann in Soutane wolle allen Ernstes jeden Tag

eine heilige Messe zelebrieren, bot man ihm nach einigem Zögern schließlich eine Kapelle auf einem schroff abfallenden Felsen über dem Meer an, den Monte Tiberio, auf dem einst die Villa Jovis, eine der Planetenvillen des Kaisers Tiberius, stand. Diese Kapelle wurde nur einmal im Jahr geöffnet, am 8. September, zum Fest

Maria Geburt. Den Rest des Jahres liefen die Mäuse durch den

verlassenen Raum und nagten sich Zugänge in die Schubladen der Sakristei.

Nun, der englische Priester, ein praktischer Mann, kein großer Theologe, machte sich auf den Weg. Er stieg den steilen Berg

empor, mit dem weiten Blick über den ganzen Golf. Er hatte zu-nächst Mühe, das eingerostete Schloß der Kapelle aufzuschließen.

Dann trat er, begleitet von einem Strahl sonnigen Lichtes, in den modrigen Raum. Die Blechtür des Tabernakels stand offen, die

Kerzen waren heruntergebrannt, die Stühle umgeworfen, und die

Sakristei sah aus, als sei sie fluchtartig verlassen worden. Schmut-zige Blumenvasen, ein verfaultes Altartuch, ein kitschiger Kelch, von Feuchtigkeit zusammengepappte Altarwäsche, ein zerfallenes Meßbuch. Na ja, selbst das Kruzifix war verbogen.

394

 

Der Priester sah sich alles an und überlegte nicht lange. Er öffnete das Fenster, griff aus der Ecke einen Strohbesen und begann das Ganze erst mal auszufegen. Dann nahm er das Kruzifix, küßte es und stellte es auf den Sakristeischrank. Er reinigte den Kelch und stellte die Leuchter auf. Als er das Glockenseil entdeckte, stellte er sich draußen auf eine Leiter und befestigte es an einer Glocke.

Jetzt war der Bann gebrochen.

Der Priester legte eine fleckige violette Satinstola um, dann leerte er etwas Wasser, das er in einer Plastikflasche mitgebracht hatte, in einen kleinen Topf, begann zu beten, fügte Salz hinzu, machte die Segensgeste und goß das Wasser in die kleinen Marmormu-scheln neben dem Eingang, so daß man glauben konnte, den Stein in einer Art Erwachen aufseufzen zu hören. So, und als nun das Glockenseil gezogen war, näherten sich von Ferne auch schon einzelne Gläubige, Frauen und Kinder, die alsbald die ganze Kapelle füllten.

Der Gottesdienst konnte beginnen. Der Priester verneigte sich vor dem Altar und begann mit folgenden Worten: Introibo ad altare dei .

Und dem aufmerksamen Beobachter schien, als sei, während der

Mann in der Soutane den Ort des Opfers gereinigt hatte, als er die Kerzen anzündete, das Wasser weihte, den Staub abwischte und

die Mausefallen in die Ecke warf, etwas Eigentümliches vor sich gegangen. Denn wie Abel oder Noach baute er erst einmal einen

Altar, bevor er zu opfern begann. Und wie Moses steckte er den Platz für die Stiftshütte ab. Es war ein Vorbereiten und Abstecken des Heiligen Raumes.

Das ist natürlich sehr poetisch von Mosebach, insgesamt ist die La-ge in Capri nicht so verzweifelt, wie man danach vermuten könnte.

Aber bleiben wir bei dem, daß natürlich die äußere und innere

Bereitung zusammengehören. Auch die Sendung des hl. Franziskus beginnt damit. Er vernimmt die berühmten Worte vom Kreuz 395

 

her – »du sollst meine Kirche wieder aufbauen« – und bezieht

sie zunächst auf diesen verfallenen Raum, die Portiuncula-Kirche, die er wieder herrichtet und aufbaut – , um dann zu merken, daß

er mehr tun sollte, daß er die lebendige Kirche wieder aufbauen

muß.

Aber diese anfängliche Handarbeit gehört eben auch dazu. Solche

Sorge darum, daß der Raum immer wieder neu bereitet werden

muß, die Kirche, das Heilige innen wie außen immer wieder spürbar und erkennbar werden zu lassen, ist sehr wichtig. Wir haben ja Gott sei Dank weithin in der Welt so herrliche Kirchenräume,

die wir nun auch in ihrer Heiligkeit wieder neu lieben lernen sollten. Die Flamme vor dem Allerheiligsten läßt uns spüren, daß da immer eine stille Gegenwart da ist. Wenn heute häufig Kirchen

wie ein Konzertsaal sind, wo man sozusagen nur die Schönheit

des Vergangenen als Kulisse für das Eigene ansieht, entsteht in der Tat ein innerer Verlust an Sinn für das Heilige. Dieses wieder neu zu empfangen und äußere und innere Raumbereitung zu machen,

ist eine Bedingung dafür, in die Feier so hineinzukommen, daß wir darin dem Heiligen tatsächlich begegnen.

Von Schuld und Sühne

Das Sakrament der Buße: Die einen sagen, es setze den Menschen in eine unmögliche Situation und bewirke im Grunde nur Angst

und Schuldgefühle. Die anderen behaupten, wenn es die Beichte

nicht schon gäbe, müßte sie heutzutage geradezu erfunden werden.

Die Beichte hat zweifellos in ihrer Geschichte größere Wandlungen des äußeren Erscheinungsbildes mitgemacht als jedes andere Sakrament. Gerade deshalb, weil sie so persönlich ist, mußte sie in den wechselnden Konstellationen der menschlichen Individualität

und der Kulturen des Sichöffnens und des Sichverschließens auch

396

 

verschiedene Formen annehmen. Nach dem Zweiten Vatikanum

hat man versucht, solche neuen Möglichkeiten zu schaffen, wovon

ich eine davon sehr gut finde, nämlich die gemeinsame Gewissenserforschung, die eine Hilfe für das individuelle Bekenntnis sein kann.

Die zweite Form war die Schaffung von Beichtzimmern, wo dann

Beichte gesprächsweise erfolgen kann. Auch das kann eine große

Hilfe sein, den Menschen aufzuschließen, die Schwellen zu überwinden, die für einen jeden vor dem Bekenntnis liegen. Es kann natürlich auch dazu führen, daß Beichte zerredet und psycholo-gisiert wird und sich in ihrer eigentlichen Größe auflöst. Sehr ausgebreitet hat sich die Kollektivabsolution, die aber keine eigene Form der Beichte sein kann – deren Wesen ja gerade die Verpersönlichung ist – , und die nur in ganz außergewöhnlichen

Situationen sinnvoll ist und stattfinden kann.

Ein Kardinal-Ratzinger-Zitat: »Die Unfähigkeit, Schuld zu erkennen, ist die gefährlichste Form seelischer Abstumpfung, die sich denken läßt, weil erst sie den Menschen unfähig macht, sich zu bessern.«

Man spricht ja davon, das Christentum habe den Menschen mit

Schuldgefühlen belastet und ihn damit unter Druck halten wollen.

Natürlich, auch solche Mißbräuche des Schuldgefühls kann es

geben. Aber schlimmer ist das Erlöschen der Fähigkeit, Schuld

wahrzunehmen, weil der Mensch dann innerlich verhärtet und

erkrankt. Denken wir noch einen Schritt weiter an die Steigerungs-form in der Unfähigkeit der Wahrnehmung von Schuld. Das war das, was in der Nazi-Erziehung gemeint war. Man glaubte, nun

auch morden zu können, wie Himmler sich ausdrückte, und dabei

dennoch anständig zu bleiben – und hat damit das menschliche

Gewissen förmlich zertrampelt und den Menschen entstellt. Die

Fähigkeit, Schuld wahrzunehmen, ist dann erträglich und entfaltet 397

 

sich, wenn es auch die Heilung gibt. Die Heilung wiederum gibt es eben nur dann, wenn es Lossprechung gibt. Psychotherapie kann

zwar vieles tun, um Fehlschaltungen im seelischen Aufbau zu erkennen und zu bereinigen, aber sie kann nicht Schuld überwinden.

Da überschreitet sie ihre Grenzen, und deswegen scheitert sie auch so oft. Schuld wirklich überwinden kann nur das Sakrament, die

Vollmacht von Gott her.

Wir müssen allerdings zugeben, daß es in unserer individualisti-schen Zeit dem Menschen ungeheuer schwergeworden ist, über die Schwelle des persönlichen Bekennens zu gehen. Aber wo der

Geist des Glaubens uns führt, kann es auch wieder neu gelernt

werden. Vor allen Dingen deshalb, weil es eben nicht Schuldbe-kenntnis vor den Menschen, sondern vor Gott ist und mit dem Wort der Vergebung endet – und vielleicht auch mit Weisungen,

die uns helfen, Schuld dann auch in ihren Folgen zu überwinden.

Wir mußten früher als Kinder klassenweise vor dem Beichtstuhl

antreten. »In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden«, so

ging das dann los. Es war nie ganz einfach, aber es wirkte dann tatsächlich auch wie eine Art Waschmaschine, man fühlte sich hinterher irgendwie gereinigt. Ich habe gesehen, daß die Kirche auch heute noch im »Gotteslob« zur Vorbereitung der Beichte einen sogenannten »Gewissensspiegel« anbietet, also eine Art Checkliste.

Ich zitiere einige Fragen daraus: »Suche ich Gottes Nähe? – Zeige ich meinen Eltern gegenüber Dankbarkeit und Liebe? – Neige

ich zu übler Nachrede und beleidigenden Äußerungen?« Oder

auch: »Wälze ich meine Arbeit auf andere ab? – Achte ich die

persönliche Eigenart des anderen? – Versuche ich, die Kinder gut zu erziehen? – Bin ich faul? Oder geizig? Oder verschwenderisch?

Genußsüchtig? – Habe ich die Ehe gebrochen? – Habe ich gelo-gen? – Will ich mehr scheinen als ich bin?« Man sieht, der Kirche ist nichts Menschliches fremd.

398

 

Ich glaube, die Hilfe, das Gewissen zum Sprechen zu bringen, ist

sehr wichtig. Wir sind in dieser Hinsicht an sich schon von der Erbsünde her stumpf und wollen es mit dem Schleier des Vergessens verdecken, wenn ich mit dem Nächsten in einer Weise umgehe, die

ungehörig ist. Wir wollen etwa die Lüge leicht hinunterschlucken

und so fort. Dieses Abstumpfen des Gewissens ist unsere große Gefahr. Es erniedrigt den Menschen. Deswegen ist die Erziehung, das Gewissen zu hören, sehr wesentlich. Es ist deshalb Aufgabe der

Kirche, in jeder Zeit die ihr besonders eigenen Sünden zu erkennen und damit zu helfen, daß eine Gesellschaft in diesen wesentlichen Bereichen der Existenz nicht abstumpft und verfällt.

Zwischenfrage: Sind Notlügen zugelassen, etwa wenn man sich

am Telefon verleugnen lassen will?

Das sind so ganz praktische Sachen, wo sich auch die Moralisten

spalten. Es gibt die eine große Schule, für die auch Kant steht,

daß die Wahrheit ihre Würde in sich hat und daher gegen sie

zu verstoßen nie angebracht ist. Daß man sich mal am Telefon

verleugnen lassen will, ist etwas Verständliches. Man sollte da

allerdings sehr wachsam gegen sich selber sein, denn wenn man

diese kleine Tür auftut, rutscht man sehr schnell weiter fort. Ich würde jetzt aber so einen Versuch, sich selber zu schützen – weil ich ihn auch gebrauche – , nicht gleich verdammen wollen.

Eine Ausformung des Bußsakraments ist der sogenannte »Ablaß«.

Die ersten Ablässe haben die Päpste für die Teilnahme an den

Kreuzzügen verliehen, und die Auswüchse der Ablaßpraxis gaben

schließlich den äußeren Anlaß zum Aufschrei Luthers und somit

zu Reformation und Spaltung. Ich denke, daß heute nur noch sehr wenige Menschen etwas mit dieser Lehre anfangen können.

Das ist ein schwieriges Kapitel der Kirchengeschichte. Der Papst

hat in der Bulle des heiligen Jahres 2000 versucht, eine neue Deu-399

 

tung zu geben. Es gibt ja da die alte Unterscheidung von Sünden

und Sündenstrafen. Die Sünden werden danach durch die Absolution erlassen, die Sündenstrafen aber bleiben. Das kommt uns sehr mechanisch vor. Der Papst deutet es nun neu, indem er sagt,

auch wenn Schuld überwunden ist, bleibt ja zurück, was ich damit

angestellt habe, nämlich eine Verletzung, die im Nächsten noch

immer da ist, ein Schaden jedenfalls, die Auswirkungen dessen,

was ich gesagt oder getan habe. Und in mir selber bleibt sozusagen ein Rückstoß, eine Verbiegung meines eigenen Seins vorhanden.

Es geht also darum, die existentiellen Folgen von Sünde aufzuar-beiten. Diese Aufarbeitung wiederum kann nur gemeinschaftlich geschehen, weil die Sünde immer über mein Ich hinausreicht. Ab-laß bedeutet dann, daß wir in die Hilfe der Gemeinschaft der Heiligen hineintreten, in der es den Austausch der geistlichen Güter gibt, in der wir das Unsrige schenken und von den anderen das Ihrige empfangen. In diesem Sinne kann der Ablaß als ein Bereinigen der existentiellen Rückstände, als ein gemeinsames Sichtragen und Tragenlassen, weiterhin eine durchaus sinnvolle Figur sein.

Von der Ehe

Massenweise überlegen heute junge Menschen, ob sie wirklich ei-ne Ehe eingehen oder in einer eher losen Bindung Zusammensein sollten. Staatlicherseits gibt es Bestrebungen, uneheliche Verbindungen und homosexuelle Partnerschaften der Ehe gleichzustellen.

Die Frage stellt sich: Warum sollte die Ehe die einzige akzeptable Form des Zusammenlebens sein?

Es geht zum einen darum, daß nur ein wirklich fester Raum der

Treue der Würde dieses menschlichen Miteinanders gemäß ist.

Und nicht nur was die Verantwortung gegenüber dem anderen

betrifft, sondern auch gegenüber der Zukunft der Kinder, die

400

 

daraus entstehen. Insofern ist die Ehe nie bloß eine private Sache, sondern hat einen öffentlichen, sozialen Charakter. Von ihr hängt die Grundform ab, wie sich eine Gesellschaft gestaltet.

Man sieht das letztlich nun auch daran, wenn inzwischen auch

nichteheliche Lebensgemeinschaften gewisse Rechtsformen erhalten. Sie sollen zwar Minderformen von Bindung sein, aber auch diese kommen ohne die öffentliche Verantwortung, ohne die Ein-bindung in das Gemeinsame der Gesellschaft nicht aus. Und alleine schon daran zeigt sich die Unvermeidbarkeit einer rechtlich und damit auch sozial öffentlich geregelten Form, auch wenn man

nun Minderstufen glaubt einführen zu müssen.

Zweiter Aspekt, der zu beachten ist: Wo zwei Menschen sich einander geben und miteinander Kindern das Leben schenken, ist auch das Heilige, das Mysterium des Menschseins berührt, das

über mein bloßes Selbstverfügen hinausreicht. Ich gehöre einfach

nicht nur mir selber. In jedem Menschen ist ein göttliches Geheimnis da. Deswegen ist das Miteinander von Mann und Frau auch ins Religiöse, ins Heilige, in die Verantwortung vor Gott hineingehalten. Es bedarf der Verantwortung vor Gott – und erhält eben im Sakrament diese seine eigentliche und tiefe Verwurzelung und

Begründung.

Alle anderen Formen sind deshalb Ausweichformen, die sich letztlich sowohl der Verantwortung voreinander, wie auch vor dem Geheimnis des Menschseins irgendwo entziehen wollen – und die

damit zugleich auch in die Gesellschaft eine Labilität hereintragen, die Wirkungen haben wird.

Etwas ganz anderes ist die Frage der homosexuellen Partnerschaft.

Ich denke, wenn es gar nicht mehr zählt, daß in einer Ehe, in einer Familie Mann und Frau sind, sondern wenn die Gleichgeschlecht-lichkeit dieser Beziehung gleichgestellt wird, dann wird auch der Grundtypus der Bauform des Menschseins verletzt. Eine Gesellschaft wird in dieser Weise auf Dauer vor große Probleme geraten.

Wenn wir auf das Wort Gottes hören, sollten wir uns vor allen

401

 

Dingen diese Erleuchtung schenken lassen, daß das Miteinander

von Mann und Frau und Kindern etwas Heiliges ist. Und eine

rechte Form der Gesellschaft gelingt dann, wenn sie die Familie

und damit die von Gott gesegnete Form der Verbindung als die

rechte Form der Ordnung der Geschlechtlichkeit ansieht.

Die Formel für die Ehe lautet so: »Ich nehme dich an als meine Frau/meinen Mann und verspreche dir Treue in guten und bösen

Tagen, in Gesundheit und Krankheit. Ich will dich lieben, achten und ehren, so lange ich lebe.« Das klingt sehr gut, aber warum sollte eine Ehe auf Lebenszeit angelegt sein, »bis daß der Tod sie scheidet«?

Weil das in der Endgültigkeit der menschlichen Liebe und in der

Endgültigkeit der Verantwortung liegt, die damit eingegangen

wird. Wir sollten nicht versuchen, es bis zum letzten i-Tüpfelchen rational zu beweisen. Es kommt damit auch die große Weisheit

der Überlieferung auf uns zu, die schließlich von dem Gotteswort

selbst gedeckt ist. Erst das entspricht ganz der Menschenwürde,

wenn ich mich ganz gebe und nicht einen Teil mir vorbehalte und

sozusagen auf Revision, auf Kündigung aus bin. Das Menschenleben ist kein Experiment. Es ist kein Mietvertrag, sondern ist Übergabe des Ich an das Du. Und die Übergabe des Menschen

an den Menschen kann nur in der Form einer Liebe, die ganz

ist und nicht Reservierungen macht, dem Wesen des Menschen

angemessen sein.

Von Sexualität haben wir schon mehrfach gesprochen, offenbar

vermutet die Kirche in ihr ein großes Geheimnis. Anders ist es nicht vorstellbar, warum sie in diesen Dingen, auch innerhalb

einer Ehe, so rigorose Vorstellungen hat. Ist es ein anderes Verständnis im Umgang mit dem Leben, mit Menschen, der die Kirche Empfängnisverhütung verbieten läßt?

402

 

In der Tat, die Kirche sieht in der Sexualität eine zentrale Realität der Schöpfung. Der Mensch ist hierin in seine äußerste Nähe zum

Schöpfer geführt, in seine höchste Verantwortung. Er ist damit

an den Quellen des Lebens selber verantwortlich beteiligt. Jeder

einzelne Mensch ist ein Geschöpf Gottes – und er ist zugleich doch ein Kind seiner Eltern. Aus diesem Grund gibt es gewissermaßen

ein Ineinandertreten des göttlichen Schöpfertums und der menschlichen Fruchtbarkeit. Sexualität ist etwas Gewaltiges, das sieht man gerade auch daran, weil hier die Verantwortung für einen

neuen Menschen mit im Spiel ist, der uns gehört und doch nicht

gehört, der von uns kommt und doch nicht von uns kommt. Von

da aus, denke ich, versteht sich, daß es etwas zugleich Sakrales

ist, das Leben geben zu dürfen und dafür Verantwortung über den

biologischen Ursprung hinauszutragen. Aus diesen vielfältigen

Gründen mußte die Kirche das, was hier angelegt und uns in den

Zehn Geboten fundamental gesagt ist, eben auch entfalten. Sie

muß es immer wieder als Verantwortung ins menschliche Leben

hineintragen.

Kann man ein guter Christ sein, auch wenn man in Fragen der

Sexualmoral gegen die Vorstellungen der Kirche verstößt?

Daß man hinter dem Großen, das die Kirche in der Auslegung von

Gottes Wort dem Menschen zutraut, immer wieder zurückbleibt,

ist die andere Seite. Wenn man allerdings auf dem Weg bleiben

will, wenn man die Grundanerkennung dieser Sakralität des Mitschöpfens mit Christus behält, dann fällt man auch bei einem Versagen nicht aus dem Katholisch-Sein heraus. Dann bleibt man

gerade in dem Suchen, wenn man das so sagen will, ein »guter

Katholik«.

Die italienischen Bischöfe haben mehr Mut zum Zeugen von

Nachwuchs gefordert. Denn eine Gesellschaft, die vor der Kinder-403

 

zeugung zurückschrecke, werde »weniger menschlich«, hieß es in einem Aufruf.

Wo die Liebe zu den Kindern erlischt, geht wirklich sehr viel

verloren. Die Italiener waren ja früher für ihre Familien-und Kin-derliebe berühmt. Heute sind Zonen Italiens diejenigen mit der geringsten Zeugungsrate weltweit. Hier hat sich durch den neu

entstandenen Reichtum Grundlegendes verändert. Es ist in der Tat

eine große Versuchung der westlichen Gesellschaften, daß man

Kinder als Konkurrenten ansieht, die uns etwas von unserem Lebensraum, von unserer Zukunft wegnehmen. So wie man Kinder dann allenfalls als Besitz und als Selbstdarstellung betrachtet. Man ist letztlich nicht bereit, sie in ihrem eigenen Anspruch anzunehmen, mit all dem, was man dann an Zeit und an Ganzheit seines eigenen Lebens für sie geben müßte.

Mir hat einmal ein italienischer Bischof gesagt, die Armen investieren in Leben, in Kindern wollen sie ihre Zukunft sehen; die Reichen investieren in Sachen. Ich will die Bedeutung des Wortes

nicht übertreiben, aber daß bei uns die Investition in die Sache, in die Selbstversicherung durch die Sachwerte, die die Multipli-zierung unseres eigenen Ichs sind, stärker ist, als die Bereitschaft, dienend für anderes Leben da zu sein, das ist offenkundig. Auch

wenn wir die Problematik des Bevölkerungswachstums voll respektieren, müssen wir andererseits auch die Problematik einer vergreisenden Gesellschaft erkennen, die sich selber die Zukunft

nimmt.

Stichwort Bevölkerungswachstum. Der Kirche wird vorgehalten,

mit ihrer rigorosen Politik des Verbotes von Verhütungsmitteln in Teilen der Dritten Welt große Probleme bis hin zu echtem Elend zu provozieren.

Das ist natürlich völliger Unsinn. Das Elend wird produziert durch den Zusammenbruch der Moral, die vorher in den Stammesord-404

 

nungen und in der Gemeinschaft der glaubenden Christen dem

Leben seine Ordnung gegeben und damit das große Elend ausgeschlossen hatte, das wir heute erleben. Die Stimme der Kirche auf das Verbot von Verhütungsmitteln zu reduzieren, ist grober

Unfug, der auf einem völlig verdrehten Weltbild beruht, wie ich

gleich zeigen werde.

Die Kirche lehrt doch vor allem die Heiligkeit der Ehe und die

Treue in der Ehe. Das ist ihre wahre Stimme. Und wo dieser Stimme gehorcht wird, da haben die Kinder einen Ort des Lebens, an dem sie Liebe und Verzicht, Disziplin des rechten Lebens mitten

in aller Armut erlernen. Wo die Familie als Raum der Treue funktioniert, da ist auch die gegenseitige Geduld und Rücksicht da, die die Voraussetzung für eine wirksame Anwendung natürlicher Fa-milienplanung darstellt. Das Elend kommt nicht von den großen Familien, sondern von der verantwortungslosen und zuchtlosen

Zeugung von Kindern, die keine Väter kennen und oft auch keine

Mütter und als Straßenkinder das eigentliche Elend einer seelisch zerstörten Welt durchleiden müssen. Im übrigen wissen wir doch

alle, daß heute in Afrika durch die rasante Ausbreitung von Aids

längst die umgekehrte Gefahr entsteht: Nicht die der Bevölke-rungsexplosion, sondern des Auslöschens von ganzen Stämmen und die Verödung von Landschaften.

Wenn ich im übrigen daran denke, daß man in Europa den Bauern Prämien zahlt für das Töten ihrer Tiere, für das Vernichten von Getreide, Trauben, Früchten aller Art, weil man angeblich

der Überproduktion nicht mehr Herr wird, dann finde ich, daß

diese gelehrten Manager sich statt der Vernichtung der Gaben der

Schöpfung doch lieber überlegen sollten, wie man sie allen zugute kommen lassen kann.

Das Elend wird nicht von denen produziert, die die Menschen zur

Treue und Liebe, zur Achtung vor dem Leben und zum Verzicht

erziehen, sondern von denen, die uns die Moral ausreden und

auch den Menschen nur noch mechanisch sehen: Das Kondom

405

 

erscheint wirksamer als die Moral, aber wenn man glaubt, die

moralische Würde des Menschen durch Kondome ersetzen zu können, um seine Freiheit ungefährlich zu machen, dann hat man den Menschen von Grund auf entwürdigt und produziert genau das,

was man zu verhindern vorgibt: eine egoistische Gesellschaft, in

der jeder sich ausleben darf und keine Verantwortung übernimmt.

Das Elend kommt durch die Demoralisierung der Gesellschaft,

nicht durch ihre Moralisierung – und die Kondom-Propaganda

ist ein wesentlicher Teil dieser Demoralisierung, Ausdruck einer

menschenverachtenden Orientierung, die dem Menschen ohnedies

nichts Gutes zutraut.

Von den Priestern

Alle Weltreligionen kennen besonders ausgezeichnete Menschen,

die in einer Gesellschaft für die Riten und Gesetze des Glaubens verantwortlich sind. Was unterscheidet einen katholischen Priester von diesen anderen?

Nun zunächst, daß der katholische Priester in dem besonderen

Auftrag Jesu Christi in der Maßform der Apostel steht. Er ist also nicht die allgemeine religionsgeschichtliche Figur von Priestertum.

Das besondere Maß dieses Standes, wenn wir ihn so nennen dürfen, kommt aus der Figur des Apostels, wie sie Christus geschaffen hat. Ihm ist von Christus aufgetragen, sein Wort zu verkündigen,

ihn selber zu verkündigen, die Verheißung zu verkündigen, die

er uns gegeben hat. Und im Rahmen dieser Verkündigung – die

immer auch eine Aufgabe der Liebe, des Aufbauens des Leibes

Christi, des Dienens für die Armen ist – steht zentral die Verkündigung seines Todes, die wir Eucharistie nennen, und die Sakrament ist.

406

 

Wenn ihre Berufung durch Christus selbst erfolgt ist, warum gibt es dann schlechte Priester? Warum gibt es sogar schlechte Bischöfe? Bei manchen der Auserwählten scheint sich der Herr offensichtlich getäuscht zu haben.

Es kann sicher vorkommen, daß man sich gleichsam hinein-schleicht, ohne wirklich Berufung empfangen zu haben. Es kann aber auch eine »verratene Berufung«, das heißt eine nicht wirklich gelebte Berufung geben. Es ist ja das Eigentümliche – wir besprachen es schon – , daß sich Gott so zerbrechlichen Gefäßen

anvertraut. Daß er mit der Kirche ein erschreckendes Risiko eingegangen ist. Er hat sich in Hände gegeben, die ihn immer wieder verraten. Und er hat uns die Möglichkeit gelassen, zu fallen und zu verfallen, so daß er dann gerade durch die unfähigen Werkzeuge

hindurch dennoch immer wieder selber die Kirche erhalten muß.

Es ist einerseits der Trost, daß der Herr dann stärker ist als die Sünden der Menschen, aber andererseits auch die große Herausforderung an alle, die sich der Berufung zuwenden und sie glauben empfangen zu haben, sie wirklich auch in der Gemeinschaft mit

Christus zur Reife wachsen zu lassen.

Jesus Christus hat seinen Aposteln befohlen: »Gehet hin in al-le Welt und predigt das Evangelium allen Geschöpfen.« Und so wie die Apostel das Predigtamt als eine ihrer Hauptaufgaben

betrachteten, sammelten auch große Männer der Orden – die

Dominikaner galten gar als »Predigerbrüder« – immer wieder

gewaltige Volksmassen um sich. Savonarola erschütterte mit seinen Bußpredigten ganz Florenz. Und von Augustinus heißt es, seine Predigten seien immer kürzer geworden; jeder Satz war Kern und Kraft, jedes Wort hatte Wert und Weihe. »Darum ruhte er

nicht«, schrieb einer seiner Biographen, »bis lauter Beifall oder Tränen in aller Augen ihn glauben ließen, in der Seele der Zuhörer sei nunmehr der letzte Widerstand gegen Wahrheit und Gnaden

niedergebrochen.«

407

 

Predigen zu können ist auch eine Gabe, eine Gnade, und der hl. Augustinus hatte immer auch viel Respekt vor den einfachen Pfarrern, die ein Buch brauchten, um sich eine Predigt zurechtzudenken. Er

hat gesagt: wichtig ist nicht die Originalität, sondern der demütige Dienst. Wenn das Buch eines anderen hilft, den Menschen das

Wort zu verkündigen, dann ist es gut so. Wir werden dankbar sein, wenn Gott große Prediger erweckt, sollten aber auch die Demut

des Zuhörens zu kleineren Predigern lernen.

Mir hat neulich ein Pfarrer aus einer deutschen Großstadt erzählt, er sei ausgerechnet durch einen Priester zum geistlichen Beruf

gekommen, dem eigentlich alle äußeren Begabungen fehlten. Er

sei ein miserabler Prediger, ein miserabler Sänger und so weiter

gewesen, und doch ist unter ihm die Pfarrei richtiggehend aufgeblüht. Aus dieser Großstadtpfarrei sind schließlich vier oder fünf Priesterberufungen erwacht, was weder unter dem Vorgänger,

noch unter dem Nachfolger, die viel tüchtiger waren, gelungen ist.

Man kann darin sehen, daß das demütige Zeugnis eines rednerisch

Unbegabten selbst eine Predigt werden kann und wir Gott für die

unterschiedlichen Gaben danken sollten.

Vom Sterben

Am Ende eines Lebens sorgt Mutter Kirche für einen guten Ausgang aus dieser Welt. Sie spendet ihren Kindern die heiligen Ster-besakramente. Früher nannte man sie »die Letzte Ölung« …

… und wenn man jemanden fragte, ob er sie empfangen will, hat er wohl eher abgewehrt, weil er sich nicht schon als Todeskandidat verstehen wollte.

Der Begriff »Letzte Ölung«, der sozusagen zu einem Schreckens-wort für Kranke geworden war, ist seit langer Zeit bewußt und rechtens durch »Krankensalbung« ersetzt, so daß für einen Pa-tienten das Herbeikommen des Priesters mit diesem Sakrament 408

 

nicht mehr die Ankündigung ist, er sei jetzt endgültig dem Tod

ausgeliefert.

In der Tat soll die Krankensalbung in einem seelischen Prozeß

helfen, der unter Umständen auch ein Heilungsprozeß werden

kann. Sie ist der sakramentale Beistand der Kirche in der Situation der Krankheit. Es geht dabei weniger um den Augenblick des

Todes. Hier ist die eigentliche Wegzehrung die Eucharistie. Und

die Kirche hält in den Sterbegebeten, im Sterbesegen und in der

nochmaligen Absolution spezifische Tröstungen bereit. Es sind

Stärkungen für diesen schweren Übergang, über diese unheimliche

Schwelle in ein Dunkel hinein, das ohne Licht zu sein scheint.

Die Krankensalbung ist eher eine Hilfe, Leiden anzunehmen. Sie

soll mir durch das Hineinheben des Schmerzes und des Leidens in

die sakramentale Gemeinschaft mit Christus hinhelfen. Es geht dabei nicht notwendig um körperliche Heilung. Denn die Krankheit kann mich ja auch seelisch heilen, ja mir sogar seelisch notwendig sein. Christus kann, indem er mich leiden lehrt und mit mir leidet, der wirkliche Arzt meiner selbst werden, der die tiefere Krankheit meiner Seele überwindet.

Man sagt, Menschen neigten in der Sterbestunde zu einem radikalen Sinneswandel. Die härtesten Atheisten wurden quasi in letzter Minute noch lammfromm. »Die meisten«, so fand zum

Beispiel die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross durch ihre Untersuchungen über Nah-Tod-Erlebnisse heraus, »verändern

sich grundsätzlich. Sie wechseln alle ihre Werte. Ihre Werte sind nicht mehr so materiell, nicht mehr so streitsüchtig. Man wird viel spiritueller.« Heißt das, wenn es quasi »ans Eingemachte« geht, kann der Mensch plötzlich klar erkennen, was wirklich zählt im Leben?

Jedenfalls kann ihm eine solche Grenzsituation helfen, zu sehen,

daß das, was er materiell angehäuft hat, oder was er an Auszeich-409

 

nungen, Ehrungen und Einfluß hatte, doch nicht das Letzte und

Eigentliche ist. Es kann zu einer Revision der Werte helfen – muß aber nicht. Es gibt auch Abstumpfungen und Verhärtungen der

Seele, die den Blick nicht mehr freibekommt. Eigentlich kann in

solchen Grenzsituationen nur das, was irgendwie noch in einem

drinnensteckt, zum Vorschein und zum Durchbruch kommen. Insofern sollte man nicht so einfach auf die letzte Stunde setzen, sondern gleichsam den Vorrat des Guten in sich nicht ganz ausgehen lassen, damit das Öl im Krug, um an das Gleichnis des Herrn zu erinnern, auch dann noch da ist, wenn der Bräutigam anklopft.

Es gibt eine alte katholische Weisheit: Wie der Sonntag eines

Menschen, so auch sein Sterbetag.

Das berührt genau dasselbe. Wenn Gott mit dem Sonntag total

aus dem Leben verschwunden war, fehlen die Reserven, um diesen

letzten Umbruch noch zustande zu bringen. Auch wenn Gottes

Gnade unerschöpflich ist – diese stillen Reserven in der Seele nicht ausgehen zu lassen, damit ich in der Stunde, in der ich sie brauche, nicht ganz leer dastehe, das sollte schon eine Warnung sein.

Nach dem Glauben der Kirche sollte man sich eigentlich auf den Tod freuen: »Leben ist Sterben, Sterben ist Leben.« Es erwartet uns nun immerhin das ewige Leben.

Ja. Aber nun sind die menschlichen Temperamente verschieden.

Als Augustinus auf dem Sterbebett lag, sind ihm all seine Sünden

wieder sehr deutlich vor die Seele getreten. Augustinus ließ sich deshalb die Bußpsalmen an die Wand anschlagen, um sie ständig in sich aufzunehmen. Er hat sich sogar für einige Zeit selber von der Kommunion ausgeschlossen und sich sozusagen in den

Büßerstand begeben. Er dachte dabei an seinen geistlichen Vater

Ambrosius, der mit einer großen inneren Gelassenheit gestorben

war, und hat gesagt: ihm, der diese Größe hatte, war das geschenkt; 410

 

ich bin ein anderer, mir ist es nicht geschenkt, ich brauche das

demütige Büßen, in der Hoffnung, daß der Herr mich dann doch

annehmen wird.

Aber ich würde schon sagen, daß es auch eine Aufgabe der christlichen Erziehung und der Predigt ist, den Menschen die Zuversicht zu geben, daß wir mit dem Tod auf das eigentliche Leben zugehen.

Damit kann sie auch helfen, die Angst vor dem Unbekannten, oder

wenigstens die rein physisch ausbrechende Angst, zu überwinden

und die Gelassenheit des Sterbens zu schenken.

Wie ist es bei Ihnen selbst? Haben Sie Angst vor dem Sterben?

Na ja, da ich eben auch um all mein Ungenügen weiß, steht mir

der Gedanke des Gerichtes durchaus vor Augen. Aber eben doch

auch die Hoffnung, daß Gott dann größer ist als mein Versagen.

Beschäftigen Sie sich damit?

Schon, denn je älter man wird, desto näher rückt das heran.

Darf man den toten Körper verbrennen lassen, oder ist das ein

rein heidnischer Ritus?

Schon die Juden haben im Gegensatz zu anderen Kulturen des

Mittelmeerraumes die Verbrennung nicht gekannt. Ihnen galt

das Begräbnis des Leibes sozusagen als Samenkorn der Auferstehung. Das ist auch christlicher Gebrauch geworden. Im Begräbnis lag und liegt auch ein stilles Auferstehungs-, ein Hoffnungsbe-kenntnis. Noch bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil waren Verbrennungen mit Sanktionen belegt. Angesichts aller Umstände

der modernen Welt hat die Kirche dies aufgegeben. Der Auferste-hungsglaube muß nicht in dieser Weise bekannt werden, weil Gott uns den neuen Leib ohnedies neu geben muß, so daß Verbrennung

inzwischen zulässig ist.

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Ich muß sagen, ich bin altmodisch genug, um das Begräbnis immer

noch als den eigentlichen christlichen Ausdruck der Ehrfurcht vor dem Toten, vor dem menschlichen Leib, und der Hoffnung, daß

ihm Zukunft geschenkt ist, anzusehen.

Sie sagten, Gott gibt uns im Jenseits einen neuen Leib – heißt das, keiner wird dann so sein, wie er war?

Die Auferstehung am Jüngsten Tag ist in einer Hinsicht eine Neu-schöpfung, aber sie wahrt doch die Identität des Menschen aus Leib und Seele. Der hl. Thomas sagt dazu, daß die Seele die Formkraft des Leibes ist – sie ist es, die sich den Leib schafft. Identität bedeutet also, daß sich die Seele, der durch die Ruferweckung

ihre Formkraft neu geschenkt wird, auch einen von innen her

identischen Leib aufbaut. Wie nun aber Auferstehungsleiblichkeit

und -materialität genau aussehen könnten, darüber zu spekulieren, scheint mir, wäre allerdings nutzlos.

Ganz konkret: Mein Bruder ist im Alter von nur 14 Jahren gestorben. Wo ist er jetzt?

Er ist bei Gott. Ich denke, hier müssen wir unsere rein materiellen Lokalisierungskategorien aufgeben. So wie wir Gott nicht in einer bestimmten Wolkenhöhe ansiedeln können, so ist auch der

Tote in einem anderen Verhältnis zur Materialität. Das Verhältnis Gottes zum materiellen Raum ist eben ein Verhältnis des Durch-herrschens. Wir sprachen schon von Stufen der Nähe Gottes, die nicht durch räumliche Orte bedingt sind, und wir sagten ebenfalls, daß auch die Seele, das geistige Prinzip im Menschen, nicht wie ein bestimmtes Organ an irgendeinem Punkt sitzt, sondern wiederum

eine Form des Bestimmens des Ganzen darstellt. So ähnlich ist

auch der Tote an der anderen Raumbeziehung Gottes beteiligt, die

ich nicht nach geographischen Kategorien festlegen kann.

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Manche haben sogar gesagt, die Toten halten sich in der Nähe

des Grabes auf, was ich für ein bißchen schrecklich ansehen wür-de. Nein, sie sind aus dieser Form von materieller Räumlichkeit heraus-und in eine andere Raumbeziehung eingetreten, die von

der Raumüberlegenheit Gottes her mitgetragen ist. Man kann

manchmal erleben, daß Menschen sich in Gedanken über einen

Ozean hinüber innerlich berühren können. So können wir etwas von dieser Raumüberlegenheit, von dieser anderen Stufe der Räumlichkeit, nämlich der seelischen Nähe spüren. Jedenfalls

sollten wir uns von der Vorstellung freimachen, der Verstorbene

müßte an einem geographischen Punkt fixierbar sein. Wir sollten

uns statt dessen lieber sagen lassen: Er ist bei Gott – womit er in einer neuen Weise in der Wirklichkeit des Alls und so auch mir

nahe ist.

Wir Menschen sind neugierig, ein bißchen möchten wir doch

schon wissen, wie es im Paradies aussieht. Geben uns die Schriften darüber Auskunft, was uns erwartet?

Auch die Schriften können nur in Bildern darüber sprechen. Sie

versuchen es ja zum Beispiel mit dem Bild der himmlischen Liturgie anzudeuten. Der neue Raum ist danach diese Ekstase der eigentlichen Liturgie, und auch Singen und Fliegen erscheinen als Bilder.

Das kann aber auch alles sehr mißverstanden werden. Wir kennen

ja die Geschichte von dem Bayern, der ins Paradies kommt und

dann das ewige Halleluja-Singen nicht mehr aushält. Mir scheint

wichtig, daß in diesem anderen Zustand nicht nur die Raumform

verändert ist, sondern auch die Zeitlichkeit. Wenn wir uns das

Paradies als eine unermeßlich lange Zeit denken, drängt sich die

Vorstellung auf, daß das irgendwann zu lange wird. Aber das

Herausgenommensein aus unserer gewöhnlichen Verlaufszeit, aus

Stunde um Stunde, Tag um Tag, die wiederum an die Gestirn-413

 

umdrehungen gebunden sind, in eine neue Weise des personalen

Mitseins, heißt auch, daß diese Art von ewigem Nacheinander

erlischt – und daß es ein einziger großer Augenblick der Freude

ist. Wir sollten uns von daher Ewigkeit eher in der Kategorie des erfüllten Augenblicks vorstellen, der jenseits aller Zeit ist.

Kann es sein, daß Sie Organspender sind?

Ja, wenn ich auch annehme, daß meine alten Organe nicht mehr

sehr gebraucht werden.

Eine aufregende Vorstellung: Ein muslimischer Afrikaner in Paris mit dem Herzen von Kardinal Ratzinger …

… Könnte schon sein.

Die Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross hatte eine eindeutige Meinung zu der Frage, ob man das Leben künstlich verlängern

solle. Sie sagte: »Hundertprozentig nein. Man soll das Leben nicht verkürzen und nicht verlängern. Es gibt einen richtigen Moment für jede Person, wann es Zeit ist zum Sterben.« Das habe auch mit gewissen unerledigten Geschäften zu tun. Und es komme dabei ja auch weniger auf den Menschen an, denn da sei schließlich »noch ein größerer Chef, der etwas zu sagen hat«.

Nun gut, es gibt Formen oder Versuche der Verlängerung, die

auch ich als gewalttätig ansehe und denen ich mich widersetzen

würde. Aber Heilungen an sich sind natürlich immer auch Lebensverlängerungen. Heute werden Krankheiten behandelt, die man früher nicht heilen konnte. Und wenn die ärztliche Kunst wächst,

dann würde ich das nicht als eine künstliche Lebensverlängerung

ansehen.

Die Frage ist also, inwieweit gehören Organspenden zu jenen

Heilungsmöglichkeiten, die wir als normale und sinnvolle Auswei-tungen des ärztlichen Könnens, des Heilendürfens ansehen. Ich 414

 

denke, daß in der Transplantation von zweipaarigen Organen,

also Nieren oder auch Augen, kein so großes Problem zu sehen ist, obwohl das schon ein sehr großes Opfer für den anderen bedeutet.

Schwieriger ist es bei solchen Organen wie dem Herz, die man

erst einem klinisch Toten entnehmen darf, aber so früh entnehmen muß, daß sie als Organe noch »lebendig« sind. Die Frage, wann ist jemand tot – das Organ selbst muß ja andererseits noch

lebendig sein – , ist bereits eine Grenzfrage, über die mit großer Verantwortung gestritten werden muß. Das Gehirntod-Kriterium

ist sehr sorgfältig bearbeitet worden, muß aber doch, denke ich,

immer wieder kritisch überprüft werden. Vor allen Dingen gibt

es sicher die Versuchung, es vorzeitig anzuwenden. Insofern ist

die Herztransplantation in der Tat ein Grenzfall des Heilens. Sie vollkommen auszuschließen würde ich trotzdem nicht wagen. Ich

denke, daß es auch legitime Formen gibt, wo sie noch in den

Bereich rechten Heilens hineingenommen werden darf.

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