Eine größere Hypothek kann ein Messias seinen Anhängern wohl
kaum hinterlassen, als Jesus es getan hat. Er läßt sich demütigen, er wird gefoltert und schließlich getötet. Und nichts geschieht.
Kein Befreiungskommando entreißt ihn seinen Peinigern, der an-gebliche Sohn Gottes steigt nicht herab vom Kreuz. Und daß alle Menschen die Nachricht von seiner Auferstehung glauben, tritt
auch nicht ein. Nun sitzen seine Jünger in Jerusalem herum. Sie leben teils von Spenden. Es heißt allerdings auch: Unter den ersten Christen herrschte der Geist der Liebe und Brüderlichkeit: »Alle waren ein Herz und eine Seele. Kein Notleidender war unter ihnen.« Wie kann man sich diese Urkirche vorstellen? War das
eine Art kommunistischer Kommune?
Der Vergleich mit der Kommune ist immer wieder gebraucht worden. Er ist insofern unzutreffend, als es sich hier nicht um eine staatliche Zwangsveranstaltung handelt, sondern um eine Gemeinschaft, die sich aus der inneren Freiheit des Glaubens, aus dem Verkündungswort der Apostel an Pfingsten herausbildet.
Die Apostelgeschichte schildert uns, wie dieses Wort den Menschen ins Herz dringt. Wie sie davon an-und umgerührt werden.
Sie spüren, da ist wirklich das Neue da, worauf wir warten; wir
müssen uns ändern, wir müssen uns bekehren. An einem einzigen
Tag werden 3.000 Menschen getauft, wird uns gesagt. Und so entsteht diese erste, früheste Kirche, die noch aus dem ursprünglichen Enthusiasmus des Heiligen Geistes, aus der direkten Berührung
des Pfingsttages lebt.
Diese Menschen bilden eine exemplarische – aber auch nicht über-342
all anwendbare – Verwirklichung der Gemeinschaft im Glauben:
es darf keine Armen mehr geben, und sie teilen untereinander und
sind ein Herz und eine Seele. In der Geschichte ist dieses Modell immer wieder zu einem Stachel gegen eine verbürgerlichte, eine in die Weltmaßstäbe eingelassene Kirche geworden.
Auch das Mönchtum ist unter anderem aus diesem Anspruch entstanden. Der hl. Augustinus hat dieses Wort von der Gemeinde, die ein Herz und eine Seele ist, zum Kernpunkt seiner Regel gemacht. Er wollte damit wenigstens in diesem kleinen Kreis, der exemplarisch in der Mitte seiner Diözese steht, die Flamme der
Urkirche lebendig halten. Es ist, und das wird im Weiterwachsen
der Kirche bereits in der apostolischen Zeit schnell deutlich, wie gesagt kein Modell, das man in dieser Weise allen aufstülpen darf –aber es ist und bleibt ein Stachel. Es dürfte eigentlich in der Kirche keine Armen geben. Es dürfte unter Glaubenden eigentlich niemanden geben, der ganz verlassen ist. Und das ist nun wirklich ein Anspruch, der uns gerade heute sehr konkret berührt.
Wieso haben die ersten Christen, die ja Juden waren, das Ritual der Beschneidung abgeschafft?
Das war der große Streit, den vor allen Dingen Paulus durchzuste-hen hatte. Zunächst erkennen die Menschen in Jesus Christus den Messias Israels. Sie sehen in ihm die neue Weise, das Judentum zu leben. Aber die Frage, wie weit nun das Gesetz weiter gilt, ob vor allen Dingen eine weit hinter das mosaische Gesetz zurückreichen-de Gewohnheit wie die Beschneidung noch gilt, klärt sich nicht von selber.
Der Übergang zu den Heiden geschieht stufenweise. Da ist die
Begegnung des hl. Petrus mit dem römischen Hauptmann Cor-nelius. Petrus erkennt in einer Vision, daß es die Unreinen nicht mehr gibt, daß der Glaube die reinigende Kraft ist, und nicht, wie bisher angenommen, die blutsmäßige Herkunft von Abraham. Als
343
schließlich in Antiochien Heiden in die Synagoge kommen, die die
Botschaft von Christus hören und annehmen wollen, treten all diese neuen Fragen auf: Müssen sie nun, wenn sie Christen werden, das Jüdische übernehmen? Müssen sie beschnitten werden? Und
von da an entbindet sich die Erkenntnis – die vor allen Dingen
Paulus aus seiner besonderen Begegnung mit dem Auferstandenen
heraus voll durchgeführt hat – , man muß nicht Jude in diesem äußerlichen Sinn werden, um Jesus anzugehören, sondern man muß
es in dem innerlichen Sinn der Gemeinschaft mit Christus werden.
Christus selbst ist die Kraft der Reinigung. Und die Initiation, die in dieses neue Gottesvolk hineinführt, ist die Taufe. Und weiter: Wer getauft ist, bedarf der Beschneidung nicht.
Paulus ist nicht immer so progressiv, wie er sich in der Frage der Beschneidung zeigt. Was die Stellung der Frau in der Kirche betraf, so verlangte er in seinem 1. Brief an die Korinther, daß diese beim Gottesdienst verschleiert erscheinen soll – als »Zeichen, daß sie unter der Herrschaft steht«. Nicht genug, er schreibt: »Die Frauen sollen in der Versammlung schweigen. Es steht ihnen nicht an,
das Wort zu ergreifen. Sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz gebietet. Wenn sie etwas wissen wollen, sollen sie daheim ihre Männer fragen. Denn es schickt sich nicht für eine Frau,
in der Versammlung das Wort zu ergreifen.« Es ist wohl kaum
übertrieben, diesen Ansatz als frauenfeindlich zu interpretieren.
Hat sich Paulus in der katholischen Kirche damit durchgesetzt?
Nun, die paulinischen Schriften sind gerade auch in diesem Punkt
sehr vielschichtig. Einerseits regen diese Stücke die Frauen natürlich gehörig auf, wie man begreifen kann. Es gibt textkritische Versuche, das aus dem Brief herauszunehmen, was aber Unsinn
ist. Andererseits aber berufen sich heute die Frauen auch in ganz besonderer Weise auf Paulus, weil sie sehen, daß in den Grußlisten die Frauen eine besondere Rolle spielen und in einer besonders
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engen Zusammenarbeit mit ihm stehen. Von einer sagt er, sie ist
mir Mutter geworden. Andere bezeichnet er als »Jochgefährten«,
die mit ihm dem Evangelium dienen. An einer anderen Stelle gibt
er einer Frau das Apostelprädikat.
Na ja.
Wir sehen, daß ähnlich wie bei Jesus, der gerade auch von Frauen
verstanden, begleitet, mitgetragen worden ist, auch in Paulus’ Mission die Frauen eine ganz bedeutende Rollen spielen. In Philippi zum Beispiel ist es die Purpurhändlerin Lydia, die ihn geradezu
drängt, mit seinen Leuten bei ihr zu wohnen, und die dadurch zum
Ansatzpunkt der Mission wird. Paulus steht also keineswegs als
der »verbockte Männerrechtler« da, der er aufgrund des zitierten
Textes zu sein scheint, sondern er führt durchaus die Form weiter, die Jesus Christus vorgemacht hat.
Natürlich kann man auch sehen, daß derselbe Paulus, der so kühn
den Durchbruch aus dem jüdischen Gesetz in die heidnische Welt
und damit die Universalisierung der Kirche durchsetzt, der gegen
Petrus durchsetzt, daß die Speisegebote nicht gelten, daß derselbe Paulus in anderen Punkten bestimmte Gebräuche für wichtig hielt
und sich nicht von ihnen trennen wollte. Jeder Mensch hat, wenn
wir es so ausdrücken wollen, sozusagen seine konservative Ecke.
Insgesamt, denke ich, hat Paulus sich in einem doppelten Sinn
durchgesetzt. Zum einen, daß den Frauen die Predigt in der Liturgie nicht gestattet wurde, zum anderen aber auch darin, daß sie in der ganzen Kirchengeschichte eine sehr große Rolle gespielt haben.
Paulus
Sehen wir uns diesen Mann ein wenig näher an. Paulus wurde als Saulus etwa um 10 n. Chr. geboren und übernahm von seinem
345
Vater die streng pharisäische Familientradition. Es heißt, er glühte von Haß und Mordgier gegen die ersten Christen – bis eine Licht-erscheinung bei einer seiner Menschenjagden vor Damaskus seine Umkehr vom Saulus zum Paulus bewirkte. Anschließend ging er
neun Jahre lang in die Einsamkeit der Wüste, um sich auf seinen neuen Dienst vorzubereiten. Für den Pharisäersohn selbst war es ein unbegreifliches Geheimnis, daß gerade er zum »Lehrer der
Heidenvölker« berufen wurde, wie er schrieb.
Es ist etwas Außergewöhnliches. Er war in der Tat ein begeisterter und fanatischer Pharisäer gewesen. Es entsprach gewissermaßen
seiner Glaubensglut, eifern zu müssen. Der Begriff Eifer spielt in der alttestamentlichen Tradition eine große Rolle. Das Wort »Zelot«, was ja Eiferer heißt, war dann auch in der Zeit Jesu mit einem besonderen Gehalt erfüllt. Paulus ist also ein solcher Eifernder. Er wollte damit dem integralen Anspruch seines Glaubens genügen –und wird durch den Anruf des Auferstandenen gleichsam aus der
Bahn geworfen und umgeformt.
Paulus hört nun aus dieser Lichtmacht den Auferstandenen zu sich
sprechen. Er kann damit sagen, daß er noch einmal selber dem
Auferstandenen begegnet ist, daß er durch den Auferstandenen
selbst Ruf, Berufung und Weisung empfangen hat. Insofern fühlt
er sich den anderen zwölf Aposteln gegenüber als gleichrangig.
Und offenbar hat er es von Anfang an als seinen Auftrag erkannt,
nun diese Botschaft zu den Heiden zu bringen. Mit ihm ist wirklich eine gewaltige Persönlichkeit in den Dienst Jesu Christi getreten, ohne den wir uns die Kirche der Heiden nicht vorstellen könnten.
Paulus zog von Land zu Land, allerdings nicht immer rundum
glücklich mit seinem Schicksal. »Nur das bezeugt mir der Heilige Geist von Stadt zu Stadt«, notierte er einmal, »daß Fesseln und Drangsale auf mich warten.« Er wurde eingesperrt, erlitt Schiffbruch auf hoher See, ging schließlich zu Fuß nach Rom und wurde 346
hier von Kaiser Nero im Jahre 67 enthauptet. Er muß ein streitbarer Geist gewesen sein. Einmal beklagte sich ein Hohepriester: »Dieser Mann ist eine Pest.« Und der Apostelfürst konterte sehr gelassen: »Dich wird Gott schlagen, die übertünchte Wand.«
Aber dann wirkt er wieder solche Wunder, daß man sogar seine
Schweiß- und Taschentücher auf Kranke legte, um sie zu heilen.
Einmal läßt er sich aufgrund eines Gelübdes den Kopf kahlsche-ren, ein andermal befiehlt er entnervt einer Frau, die ihm tagelang hinterhergelaufen war, aus ihr solle der Wahrsagegeist ausfahren.
Paulus mußte hinterher ins Gefängnis, was man gut verstehen
kann. Die früheren Auftraggeber der Frau nämlich waren gar
nicht begeistert davon, daß sie nun keine Vorhersagen mehr hatten.
Sie haben damit die abenteuerliche Lebensgeschichte dieses großen Missionars angedeutet. Seine Briefe sind keine abgewogenen apostolischen Lehrschreiben, sondern von einem sehr persönlichen Temperament durchglüht. Aus ihnen spricht die ganze Leidenschaft eines ringenden Menschen. Sie erzählen uns eben auch von allem, was ihm widerfahren ist. Daß er im Zirkus den Tieren
vorgeworfen wird; daß er eingesperrt ist; daß er mehrmals die
jüdische Prügelstrafe von 40 minus 1 Schlägen empfängt; daß
er von Räubern überfallen wird; daß er von Freunden und Feinden zu leiden hat; daß er Schiffbruch erleidet, auf dem hohen Meer treibt und vieles mehr. Man kann sich also schwerlich eine
abenteuerlichere und menschlichere Lebensgeschichte vorstellen.
Nicht immer freilich ist Paulus orientiert. Als er in Ephesos ein-trifft, fragt er die Jünger: »Habt ihr den Heiligen Geist empfangen?« Die Antwort: »Wir haben noch nicht einmal gehört, daß es einen Heiligen Geist gibt.«
Natürlich muß er erst nach der Lage der Christen fragen, die
er vorfindet, wenn er in einer Gemeinde ankommt. Von seinen
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menschlichen Gaben her konnte er in vieler Hinsicht als wenig
geeignet für seine große Aufgabe erscheinen. Er sagt das ja von
sich selber: Ihr wißt, daß ich mit geringer Redegabe aufgetreten
bin, ich bin kein großer Redner; und man sagt mir nach, »in seinen Briefen ist er stark, aber wenn er kommt, dann ist er ganz leise« …
… einmal ist einer seiner Zuhörer sogar eingeschlafen …
… ja, und aus dem Fenster gefallen. Also, das ist das eine. Er sagt: »Ich bin nicht mit großer Redekunst, aber mit Kraft aufgetreten.«
Und er meint damit, mit der Macht Jesu Christi, die sich auch
in Wundertaten dargestellt hat. Offenbar war ihm gegeben, im
richtigen Augenblick wirklich ein Zeichen der Gegenwart des
Mächtigeren, des Herrn Jesus Christus selbst, zu setzen und damit sich auszuweisen als der, der zu ihm gehört. Nicht seine eigene
Begabung wirkte, sondern die Wahrheit, für die er einstand.
Es heißt, Petrus habe sich in Rundschreiben immer wieder auch
auf Briefe von Paulus bezogen. Wie standen die beiden zueinander?
Daß es Spannungen gab zwischen den beiden, ist klar. Vom hl. Petrus haben wir in der Heiligen Schrift zwei Briefe, wobei ihm allerdings der zweite Brief von den Gelehrten abgesprochen und
auf sehr viel später datiert wird, sozusagen einer Petrus-Schule
zugehört. Jedenfalls bezieht sich dieser zweite Petrus-Brief, der das Erbe des hl. Petrus in besonderer Weise fortführen möchte
(und mit dieser Absicht auch in den Kanon aufgenommen worden ist), auf Phänomene des mißbrauchten Paulus. Es heißt darin: Unser Bruder Paulus hat vieles geschrieben, das zum Teil schwer
verständlich ist – und das dann auch mißdeutet wird. Und Petrus
mahnt dann an, die Auslegung der Schrift an die auslegende Kirche zu binden. In diesem zweiten Petrus-Brief finden wir also sowohl
die verehrungsvolle Gestik vor dem Bruder Paulus, der als der
348
große Lehrer anerkannt wird, aber auch die Warnung davor, daß
man diesen Paulus auch mißbrauchen und mißverstehen kann.
Mission
Papst Gregor der Große gab den Missionaren in England einmal
folgende Anweisung: »Man soll bei diesem Volke die Heiligtümer seiner Götzen keineswegs zerstören, sondern nur die Götzenbilder selber, die drinnen sind. Dann soll man Weihwasser bereiten, die Heiligtümer damit besprengen, Altäre errichten und Reliquien
dort hinbringen.« Und weiter: »Wenn dann das Volk selbst seine Tempel nicht zerstört sieht, mag es von Herzen seinen Irrtum ablegen, den wahren Gott erkennen und anbeten.« Und nun kommt die katholische Schlauheit zum Tragen. Gregor schreibt: »Weil sie viele Ochsen zum Opfer für die Dämonen zu schlachten gewohnt
sind, soll ihnen auch hierfür irgendein anderes Fest eingerichtet werden.«
An was lag es, daß die christliche Mission so erfolgreich war, über alle Kulturen und Sprachen hinweg? Lag es am guten Auftreten?
Lag es an gewissen Wundertaten? Oder lag es besonders auch an
so klugen Anweisungen wie der von Gregor dem Großen, mit der
er die Methode der Evangelisierung vorgab?
Das ist eine große Frage: Warum ist die Mission so erfolgreich
gewesen und hat so schnell das ganze Reich erfaßt? Wir dürfen uns dabei von den Größenordnungen freilich keine übertriebene Vorstellung machen. Noch zur Zeit Konstantins sind es nur ein paar Prozent im Reich, die Christen sind, auch wenn sie vom Kaiser
als die entscheidende und zukunftsträchtige Gruppe erkannt werden. Was bewirkt diesen Erfolg? Nun, die heidnische Religion war müde und innerlich unglaubwürdig geworden. Sie ist nur noch
ein politisches Vehikel, niemand glaubt die Göttermythen mehr.
349
Sie hat zwar noch auf dem Land eine gewisse Konstanz, wo sie
mit Prozessionen und all dem, was es da gegeben hat, ein Teil des ländlichen Lebens geworden ist, aber in der großen Gesellschaft
sind diese Mythen irgendwie lächerlich geworden. Sie dienten der
Stabilisierung des Reiches, aber wenn sie keine Glaubwürdigkeit
mehr haben, stabilisieren sie es natürlich auch nicht mehr.
In diesem spätrömischen Reich wird nun die Frage aufgerichtet, ja, wie steht es denn nun eigentlich um den Menschen und um Gott?
Es gibt zu dieser Zeit zwar gewisse philosophische Bewegungen,
die bereits von dem einen Gott sprechen, aber das bleibt sozusagen ein ausgedachter Gott, zu dem man nicht beten kann. Nun zeigt
sich da plötzlich eine Bewegung, die ebenfalls den einen Gott
verkündet, allerdings aus einem religiösen Ursprung heraus.
Wir müssen hier eines einfügen: Bereits in der Spätantike hatte auf dieser Suche nach einem vernunftgemäßen Glauben speziell das
Judentum eine große Attraktivität entfaltet. Als eine monotheisti-sche Religion galt es vielen Menschen als die Religion, die sich mit der griechischen Weisheitslehre verbinden ließ, die sozusagen den Gott verkündete, den auch der Philosoph, der aufgeklärte Geist
irgendwie verstehen konnte. Um die Synagogen hatte sich deshalb
längst überall der Kreis der sogenannten Gottesfürchtigen gebildet, die zwar keine Juden werden konnten, sich aber der jüdischen Religion so weit wie möglich anschlossen. In diesem Kreis ist das Christentum zunächst heimisch geworden. Und während diese
vorhandenen Sympathisanten dem Judentum gegenüber immer
nur eine Art zweiter Ring von Assoziierten waren, konnten sie
nun diesem Gott ganz gehören. Ein Gott, der sich gezeigt hatte
und der in Christus nahegekommen war.
Auf diese Weise traf hier das Postulat einer gereinigten und auch rational verständlichen Religion mit der religiösen Kraft eines
Glaubens zusammen, der eben nichts Ausgedachtes, sondern etwas Geschenktes, etwas von Gott her Erfahrenes gewesen ist.
350
Klingt nach einem geradezu idealen Zeitpunkt.
Die wesentlichen Elemente, die uns den anfänglichen Erfolg der
christlichen Mission verständlich machen, sehe ich so: Da ist zum einen die Lauterkeit dieses Glaubens; dann seine Verständlichkeit, und schließlich der moralische Anspruch des Christentums, das
einer verrotteten Welt gegenüber die Postulate der stoischen Philosophie in einer gereinigten Weise neu gelebt hat. Und eine ganz neue Komponente hat vor allem die christliche Caritas gebracht,
die sich damals sozusagen als eine Verifizierung dieses Glaubens
in einer bis dahin unbekannten Weise in der Zuwendung zu den
Leidenden zeigte. Sie machte sozusagen das Gesicht dieses Gottes
erst vollends glaubhaft. Sie ließ ihn als den neuen Gott und doch als den wahren Gott erscheinen.
Im Verhältnis zum Heidentum haben sich oft ganz andere, vielschichtige Entwicklungen abgespielt. Die Mission insgesamt war uneinheitlich. Es gab eben auch die christlichen Stürmer und Fanatiker, die Tempel zerstört haben, die das Heidentum nur als einen Götzendienst betrachten konnten, der radikal beseitigt werden
mußte. Den Anknüpfungspunkt sah man eher in der Philosophie,
nicht aber in der Religion der Heiden, die als kompromittiert
erschien.
Als Gregor der Große schließlich aus einer großen menschlichen
Weisheit heraus dann die innere Kontinuität des Religiösen und damit neue Anknüpfungspunkte suchte, war das Heidentum bereits kein wirklicher Konkurrent mehr. Es hatte seine vitale Kraft längst verloren. Immerhin hat er mit seiner Weisung, die Kontinuität des Heiligen zu wahren, eine christliche Gesetzlichkeit entwickelt. Es war zweifellos eine sehr tiefgehende Einsicht, daß diese Vorgänger-Religionen, auch wenn sie so viel Verkehrtes enthielten, doch ein Ausschauhalten waren, ein Zugehen auf Gott gewesen sind, so
daß man diese lauteren religiösen Gefühle, die es hier gab, nicht zerstören durfte, sondern an sie anknüpfen und sie verwandeln
351
mußte. Man verblieb also in der Kontinuität des heiligen Raums,
der nun allerdings eine neue Füllung gefunden hatte.
Im Jahre 1492 entdeckte der Genuese Christoph Kolumbus mit
seiner Santa Maria die Neue Welt. Die erste von ihm betretene Insel nannte er San Salvador, Insel des heiligsten Erlösers. Es war der Beginn einer unvergleichlichen Mission, die wahrlich
nicht immer heilsam war, aber die den ganzen amerikanischen
Kontinent christianisierte. In Afrika allerdings verschloß der Islam bis ins 19. Jahrhundert hinein im Norden und Nordosten den
christlichen Glaubensboten den Weg. Auch in Indien und China,
ausgerechnet bei den zahlenmäßig größten Völkern der Erde, kam die christliche Mission nicht richtig voran. Woran lag es?
Sie haben recht, in diesen beiden großen Kulturräumen Indien
und China konnte das Christentum nur sehr vorübergehende und
partielle Erfolge erzielen. Es gab im 5., 6. Jahrhundert die nesto-rianische Mission, die bis nach Indien und China vorgedrungen ist. Sie hat dort insgesamt Spuren und vielleicht auch Einflüsse in der Gestaltung des Buddhismus hinterlassen, ist aber dann auch
wieder verschwunden. Warum eigentlich? Meine Vorstellung – die
kann aber auch ganz falsch sein – ist die, daß hier bereits Hochkulturen existierten. Während in Afrika die Stammesreligionen in dem Augenblick, in dem sie den großen Zivilisationen begegnen,
sich auch von innen her auf das Neue öffnen – eben weil sie nur
Stammeskulturen sind, die der Fortführung bedürfen – , haben
wir hier Hochkulturen, in denen Religion, Nation und Sozialordnung – denken wir an das Kastenwesen – untrennbar ineinander verflochten und auch auf eine große geistige Anspruchshöhe ge-führt sind.
Indien wie auch China haben eine hohe religiöse Philosophie. Der
Übergang ins Christliche ist dabei viel schwieriger, weil man sozusagen selber eine endgültige Form gefunden zu haben glaubt, in 352
der die Synthese von Nation, Philosophie, Vernunft und Religion
sich dem Fremden entgegensetzt. Wir müssen hier freilich hinzufügen, daß das Hereintreten Europas seit dem 19. Jahrhundert etwa
die indische Religion beträchtlich umgestaltet hat. Was uns dann
bekannte Gestalten wie Ghandi oder Radha Krishnan verkünden,
ist ja nicht mehr der urtümliche, sondern ein auch von christlichen Elementen her neu gedachter Hinduismus. Festzuhalten bleibt,
daß das Christentum als solches nicht Fuß fassen konnte, sondern
nur als eine Art Erneuerungskraft vom Hinduismus gleichsam
aufgesogen worden ist.
Sonderfall Korea: Die Botschaft Christi kam hier angeblich ohne das Zutun von Missionaren direkt in die Herzen der Menschen.
Wie kann man sich das vorstellen?
Es gab eine Gruppe von Leuten, die in China studiert hatten und
dabei wohl auch mit christlichen Priestern in Verbindung gekommen waren. Aus diesem empfangenen Impuls heraus studierten sie nun selber in ihrer Heimat die Heiligen Schriften, überzeugten sich, daß dies tatsächlich die Rede Gottes war und versuchten,
dieses in die Praxis umzusetzen – immer aber mit dem Verlangen,
mit der Großkirche in Verbindung zu kommen. Das war ihnen
zunächst nicht möglich, und sie mußten durch große Perioden von
Martyrium und Verfolgung hindurchgehen.
Wir haben hier also tatsächlich einen merkwürdigen Vorgang. Einerseits ist zwar der Anstoß zum Christentum von der lebendigen Kirche und nicht nur vom Buch her da, dieses Angerührtsein wird
aber dann doch zum eigenen Suchen. Und aus der Begegnung mit
der Schrift wird ein eigener Bekehrungsprozeß, der keine Gedan-kenreligion bleiben kann, sondern zu dem die Gemeinschaft mit der lebendigen Kirche gehört.
Ist es vorstellbar, daß sich ein Erdteil wie Asien weitgehend noch 353
zur Lehre Jesu Christi bekehren wird? Oder ist das Feld bereits geschlossen?
Ich denke, wir sollten unseren Hoffnungen da keine Grenzen setzen. Schon sehen wir ja, daß auf dem Weg über die indischen Intellektuellen das christliche Ferment in den Hinduismus hereintritt. Die Zahl der Inder, die Jesus verehren und lieben, ist außerordentlich groß; viel größer als die Zahl der Christen, auch wenn Christus hier zunächst in die Zahl anderer Heilsbringer
eingereiht ist.
Was Japan betrifft, so zeigt es sich besonders sperrig gegen das
Christentum. Man mag zwar christliche Schulen, christliche Bräuche, man möchte auch gerne in einer katholischen Kirche Ehe schließen, aber sich ganz darauf einzulassen, widerstrebt offenbar dem japanischen Geist. China steht unter dieser Macht der Ideologie, die sich als die einzige Kraft versteht, die China zusammen-und bei sich selber hält und ihm seinen weltgeschichtlichen Elan geben kann. Aber auch dort gibt es Gläubige von einer ganz außerordentlichen Kraft der Hingabe an Christus, die man als ein
Ferment ansehen darf. So sollten wir da die Geschichte nicht für
abgeschlossen halten.
Natürlich ist in Teilen Asiens die Gegenwehr gegen das Christentum, das man als ausländische Religion betrachtet, sehr stark geworden. Wir haben gesehen, wie viel Feindseligkeit etwa in Indien dem Papst entgegenschlägt, wie sehr die Begriffe Bekehrung und Evangelisierung gleichsam gebannt werden. Die Reaktion
ist außerordentlich. Das läßt aber auch erkennen, daß man sich
gegen etwas schützen will, was man als eine Kraft erfährt. Im Augenblick jedenfalls kann man keine Zukunftsprognosen machen, aber wir sollten auch nicht resigniert meinen, hier sei nun einmal das Feld schon bestellt.
Immerhin nimmt die Christenverfolgung in vielen Ländern dra-354
matische Ausmaße an, ohne daß sich die westliche Öffentlichkeit besonders darum kümmern würde.
Ja, in vielen Ländern. Wir haben es in China gesehen, in Vietnam
erlebt, in dem ganzen indochinesischen Raum. Wir sehen, wie
solche Entwicklungen jetzt auch in Indien drohen, wie der Glaube
immer nur durch das Blutzeugnis hindurch sich dann seine Bahn
öffnen kann.
Der Papst
Viele haben die Vorstellung, Kirche sei ein gewaltiger Machtappa-rat.
Ja, aber man muß zunächst sehen, daß diese Strukturen solche
des Dienens sein sollen. Der Papst ist dabei nicht der oberste
Herrscher – er nennt sich ja seit Gregor dem Großen »Knecht
der Knechte Gottes« – , sondern er sollte, so pflege ich das auszudrücken, der Garant des Gehorsams sein, daß die Kirche nicht machen kann, was sie möchte. Der Papst selbst kann auch nicht
sagen, die Kirche bin ich, oder die Überlieferung bin ich, sondern im Gegenteil, er ist gebunden, er verkörpert diese Bindung der
Kirche. Wenn in der Kirche die Versuchungen entstehen, es jetzt
anders, bequemer zu machen, muß er fragen, können wir das
überhaupt?
Der Papst ist also nicht das Organ, durch das man sozusagen eine
andere Kirche herbeirufen kann, sondern er ist der Schutzwall
gegen die Eigenmächtigkeit. Ich nenne ein Beispiel: Vom Neuen
Testament her wissen wir, daß die sakramentale, vollzogene Ehe
unkündbar, untrennbar ist. Nun gibt es Strömungen, die sagen,
der Papst könnte das natürlich ändern. Nein, er kann es eben nicht ändern. Und er hat im Januar 2000 in einer großen Rede an die
355
römischen Richter erklärt, er könne gegenüber dieser Tendenz zur
Änderung der Unauflöslichkeit der Ehe nur sagen, der Papst kann
nicht alles, was er will, sondern er muß im Gegenteil uns immer
neu den Gehorsam einschärfen, er muß in diesem Sinn sozusagen
die Fußwaschungsgebärde fortsetzen.
Das Papsttum ist eine der faszinierendsten Institutionen der Geschichte. Neben aller Größe enthält die Geschichte der Päpste freilich auch dramatische Abgründe. Benedikt IX. zum Beispiel
regierte nach Absetzungen sogar als 145., 147. und 150. Papst
in einer Person. Er bestieg den Stuhl Petri erstmals, als er gerade mal 12 Jahre alt war. Dennoch hält die katholische Kirche unverbrüchlich an diesem Stellvertreter-Amt Christi auf Erden
fest.
Schon rein historisch betrachtet ist das Papsttum in der Tat eine höchst verwunderliche Erscheinung. Es ist die einzige Monarchie,
wie man es auszudrücken pflegt, die nun immerhin über fast 2.000
Jahre hin standhält, was an sich schon etwas Unbegreifliches ist.
Ich würde sagen, eines der Geheimnisse, die auf etwas Größeres
deuten lassen, ist gewiß die bleibende Existenz des jüdischen Volkes. Andererseits ist auch die Beständigkeit des Papsttums etwas, was einen verblüffen muß und eine Frage aufwirft. Sie haben an einem Beispiel bereits angedeutet, wie viel Versagen darin enthalten ist und wie viele Verletzungen dieses Amt auszuhalten hatte, daß
es nach aller historischen Wahrscheinlichkeit eigentlich mehr als einmal hätte untergehen müssen. Ich glaube, es war Voltaire, der
gesagt hat, jetzt ist die Zeit, wo dieser Dalai Lama Europas endlich verschwinden und die Menschheit davon befreit sein wird. Aber
siehe da, es ist weitergegangen. Das ist also etwas, was uns spüren läßt: Es kommt nicht aus der Tüchtigkeit dieser Menschen – viele
von ihnen haben alles getan, um die Sache kaputtzumachen – ,
sondern hier steht eine andere Kraft dahinter. Eben doch die Kraft, 356
die dem Petrus zugesagt ist. Die Mächte der Unterwelt, des Todes, werden die Kirche nicht überwältigen.
Über die sogenannte Unfehlbarkeit haben wir bereits gesprochen.
Warum wurde dieses Dogma erst so spät eingesetzt?
Zunächst muß man feststellen, daß es eine Lehre vom Petrusamt –
und vor allem eine Praxis dieses Amtes – sehr früh gibt. Wenn
Papst Clemens I. etwa um das Jahr 90 herum einen Brief an die
von Spaltung bedrohte Gemeinde von Korinth schreibt, ist darin
schon die Verantwortung der Kirche zu Rom und des Bischofs von
Rom sichtbar. Daß ihm auch als Konvergenzpunkt der Einheit
eine besondere Verantwortung zukommt, zeigt sich bereits im
2. Jahrhundert ganz deutlich im Osterfeststreit. Die Zentralität
Roms bildet sich mehr und mehr als ein Maßstab in der Kirche
aus, der allgemein anerkannt wird.
In dem Konzil von Nicäa 325 schließlich ist von drei Primaten die Rede, die es in der Kirche gebe: Rom, Alexandria und Antiochia.
Rom steht dabei an erster Stelle, wobei auch die beiden anderen
Sitze mit Petrus in Verbindung gebracht sind. Die Delegaten des
Papstes werden auch in den Listen der Teilnehmer an den Konzilien immer an erster Stelle angeführt. Rom wird als die sogenannte Prima sedes, der erste Sitz, klar respektiert, und das Konzil von Nicäa selbst verstärkt dieses System.
In der weiteren Konziliengeschichte zeigt sich die besondere Funktion des Papstes immer deutlicher. Er übt dabei nicht eine universale Regierung aus, die ständig am Werk wäre, wie das heute der Fall ist, aber in den kritischen Augenblicken weiß man, daß
dem Bischof von Rom eine ganz spezifische Funktion zukommt.
Der hl. Athanasius sieht in der arianischen Krise, in der beinahe der Arianismus die Glaubensregel geworden wäre, im Papst den
Punkt, an dem man sich zu orientieren hat, und das geht vielfach
so weiter.
357
Im Jahre 1054 erfolgt schließlich dann der Bruch zwischen Orient
und Okzident. Der Orient hatte durchaus eine besondere Funktion Roms anerkannt, wenn auch enger gefaßt, als man sie in Rom gesehen hat. Nach der Trennung verstärkt sich in Rom, vor
allem mit Papst Gregor VII., die Idee des Primates. Sie erfährt
dann einen weiteren Schub durch das Auftreten der Bettelorden,
die sozusagen an den Papst rückgebunden sind. Da die Orden
ja keiner Ortskirche zugehören, leben sie geradezu davon, daß
es ein Organ der Universalität gibt. Denn dieses erst macht ein
Priestertum und Bewegungen möglich, die sich quer durch die
ganze Kirche erstrecken und damit auch die Voraussetzung für
Mission werden.
Praxis und allmähliche Formulierung gehen Schritt für Schritt einher. Bereits im Konzil von Florenz im 15. Jahrhundert, aber auch schon im 13. Jahrhundert beim Konzil in Lyon, wird ein Ansatz
einer Primatslehre formuliert. In Trient wollte man, da man schon genug mit dem Protestantenstreit zu tun hatte, nicht auch noch
diese Frage aufrollen und definieren, so daß sie in der Tat dem
Ersten Vatikanischen Konzil von 1870 übriggeblieben ist, das ihm
nun eine, sagen wir, begrifflich gestraffte Fassung gegeben hat, die für viele eine Überraschung war. Wir wissen ja, daß eine Reihe
von Bischöfen abgereist ist, um nicht unterzeichnen zu müssen.
Aber auch diese Minoritätsbischöfe haben anerkannt, daß die Substanz der Primatslehre zum wesentlichen Bestand des katholischen Glaubens gehört und in den Verheißungen Christi an Petrus auch
ihr biblisches Fundament hat. Insofern hat zwar das Dogma in
seiner zugespitzten Form eine neue Präzision gebracht, aber doch
nicht etwas Neues geschaffen, sondern zusammengesammelt und
konkretisiert, was sich die ganze Geschichte hindurch ereignet
und geformt hatte.
Petrus konnte kaum ahnen, daß er seinen Nachfolgern im Grunde einen unmöglichen Job hinterließ: Der Papst soll als Bischof 358
von Rom sowohl die Situation vor Ort, als Staatsoberhaupt auf
dem »Heiligen Stuhl« die Probleme der Staaten, und als Heiliger Vater die Probleme der Weltkirche vor Augen haben. Er muß An-sprachen, Enzykliken und Predigten schreiben, große und kleine Audienzen halten. Da gibt es die Kongregationen, die päpstlichen Gerichtshöfe, Kommissionen, Räte, dazu die großen Ämter für die Lehre, die Liturgie, die Disziplin, Erziehung. Da sind Hunderte von Mutterhäusern der Orden, mehr als hundert Kollegien und
so fort.
Der Papst hat zwar im Kardinalskollegium einen hochkarätigen
Beraterstab zur Seite, mit Koryphäen aus unterschiedlichen Kulturen, Denkansätzen und politischen Erfahrungen, aber vom Staats-sekretariat kommen täglich Koffer voller Papiere, jedes Blatt ein Problem. Bischöfe aus aller Welt bestürmen ihn mit mehr oder
weniger unmöglichen Anfragen. Und dazu soll er noch ein Leben
in Gebet und Andacht vorleben und durch Inspiration einen ganz persönlichen Beitrag leisten. Die Weltkirche wird immer größer –kann dann dieses Papsttum bleiben, wie es ist?
Nun, die Art und Weise, wie es gehandhabt wird, kann natürlich
wechseln. Sie ist im 8. Jahrhundert anders als im 15., und im 15.
wieder anders als im 20. Vieles von dem, was Sie jetzt aufgezählt haben, müßte nicht unbedingt so sein. Beginnen wir mit dem
Vatikanstaat: Er ist ja eigentlich nur eine Hilfskonstruktion. Der Papst braucht an sich keinen Staat – aber er braucht Freiheit, eine Garantie für weltliche Unabhängigkeit, er darf nicht irgendeiner
Regierung zu Diensten sein.
Ich behaupte ja, daß der Primat sich in Rom nur entfalten konnte, weil das Kaisertum mit Konstantin sich nach Byzanz entfernt hatte.
Erst damit war die nötige Freiheit gegeben. Die Vorstellung, es sei deswegen so wirksam geworden, weil hier der Sitz der Regierung
war, scheint mir die Dinge ein bißchen auf den Kopf zu stellen. Die ersten drei Jahrhunderte war ein christliches Leben in Rom die
359
sicherste Ausgesetztheit ans Martyrium. Dieses hat ja dem Papst
einen »martyrologischen« Charakter gegeben. Erst als sich das
Reich nach Osten verlagert, entstand in Italien durch das Macht-vakuum jene Form von geistlicher Unabhängigkeit, die den Papst nicht den politischen Mächten direkt unterstellte. Später ist daraus der Kirchenstaat gewachsen, der viele unheilvolle Verquickungen
mit sich brachte und schließlich 1870 verlorengegangen ist – Gott sei Dank, müssen wir heute sagen.
An seine Stelle ist diese Konstruktion eines Ministaates getreten.
Er hat einzig die Funktion, dem Papst die Freiheit seines Dienstes zu gewährleisten. Ob man das auch noch weiter vereinfachen
kann, ist eine Frage, die man stellen kann.
So sind auch viele andere Dinge, die Sie angeführt haben, variabel.
Es müßten zum Beispiel nicht alle Mutterhäuser in Rom sein. Und
wie viele Enzykliken der Papst schreiben will, wie oft er reden
will – auch das sind Fragen, die nach der Situation zu entscheiden sind, und die nach den jeweiligen Temperamenten der Päpste auch unterschiedlich entschieden werden. Trotzdem bleibt die Frage, ob es nicht immer noch viel zu viel ist. Die ganze Masse der Kontakte, die das Miteinander mit der Weltkirche ihm auferlegt;
die Entscheidungen, die zu fällen sind; und dabei die Notwendigkeit, den eigenen kontemplativen Stand nicht zu verlieren, im Gebet eingewurzelt zu sein – dies alles ist schon ein ganz großes Dilemma.
Aber gibt es nicht heute auch ganz neue Strömungen?
Wie weit man auch hier durch Dezentralisierung weitere Abhilfen
schaffen kann, wird überlegt. Der Papst hat ja selber in seiner
Ökumene-Enzyklika um Vorschläge gebeten, welche möglichen
Gestalten man sich für das Papsttum ausdenken könnte. Und da
gibt es ja schon verschiedene Stimmen. Der emeritierte Erzbischof von San Francisco, Quinn, hat hier zum Beispiel sehr stark die
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Dezentralisierungsproblematik angesprochen. Da kann man sicher vieles tun. Ich halte allerdings die Ad-Limina-Besuche der Bischofskonferenzen in Rom für etwas sehr Wichtiges, damit einfach auch Berührung, Begegnung stattfinden kann. Sie sind nötig, um die innere Einheit in der Kirche zu stärken. Briefe können die persönliche Begegnung nicht aufwiegen. Sich anzureden, zu hören,
sich zu sehen und miteinander zu diskutieren, ist ein Vorgang, den man durch nichts ersetzen kann.
Insofern würde ich sagen, daß diese Formen persönlicher Begegnung, die der jetzige Papst sozusagen entritualisiert und konkretisiert hat, immer ganz wichtig sein werden. Gerade auch, weil Einheit, das Sich-Verstehen – und zwar quer durch die Problemlagen und die kulturellen Herausforderungen hindurch – , so elementar
ist, daß es ohne persönliche Kontakte fast nicht wachsen kann.
Heute wird auch aus ganz rationalen Erwägungen heraus immer
sichtbarer, daß ein Bezugspunkt der Einheit, wie ihn der Papst
repräsentiert, notwendig ist. Inzwischen befürworten auch Protestanten, daß es so einen Sprecher der Christenheit, so ein Symbol der Einheit, wohl geben sollte. Und wenn dieses entsprechend
umgeformt würde, meinen manche, dann könnten wir uns damit
einverstanden erklären.
Jedenfalls ist es, wie Sie es salopp ausgedrückt haben, ein »un-möglicher Job«, den man fast nicht leben kann. Andererseits ist es auch einer, den es geben muß – und der mit der Hilfe des Herrn
dann eben doch auch gelebt werden kann.
Dezentralisierung – heißt das, es wird auch in der katholischen Kirche Patriarchate geben?
Ob dies die Form ist, wie man große kontinentale Einheiten orga-nisieren muß – ich hatte es früher gedacht – , wird mir eigentlich immer fragwürdiger. Die Wurzel dieser Patriarchate war eben
doch der Zusammenhang mit ihren jeweiligen apostolischen Ur-361
sprungsorten gewesen. Das 2. Vatikanische Konzil hat dagegen
bereits die Bischofskonferenzen als Formen solcher überregionaler Einheiten konkretisiert und definiert. Hinzugetreten sind dann auch kontinentale Einheiten. Sowohl Lateinamerika wie auch
Afrika und Asien haben inzwischen kontinentale Bischofsgemein-schaften in verschiedenen Strukturformen. Vielleicht sind das die der heutigen Situation besser angepaßten Möglichkeiten. Es müssen jedenfalls Strukturen überregionaler Zusammenarbeit sein, die eher locker bleiben und nicht zu großen Bürokratien entarten oder zu einer Funktionärsherrschaft führen dürfen. Zweifellos aber
sind solche überregionalen Zusammenschlüsse, die dann auch
Aufgaben von Rom übernehmen können, eine Notwendigkeit.
Könnten Sie sich vorstellen, daß der Papst eines Tages vielleicht auch wieder von der protestantischen, der orthodoxen oder der
anglikanischen Kirche anerkannt wird?
Es gibt ja einen formellen theologischen Dialog mit der Orthodoxie, der sich allerdings bisher an dieses heiße Eisen nicht heran-gewagt hat. Der Primat des Papstes ist der orthodoxen Tradition einerseits nicht ganz fremd, weil Rom immer als der erste Sitz anerkannt worden ist. Andererseits aber widerspricht er ihrer Struktur der Autokephalien (autonome Kircheneinheiten), so daß sehr viele
historische Sensibilitäten einer Anerkennung entgegenstehen und
sie schwierig machen werden. Es gibt vielleicht einzelne Bereiche, wo es weniger kompliziert ist. Man sollte nicht auf schnelle Erfolge hoffen, aber man muß darum ringen.
Die Anglikaner haben in ihrer Antwort auf die Ökumene-Enzyklika des Papstes eine Vision entwickelt, wie sie Papsttum verstehen könnten. Das ist ein Schritt auf Rom zu. Und es gibt da auch
den Dialog über »Authority in the Church«, der diese Frage im
Hintergrund hat. Auch hier gibt es Annäherungen, wobei gerade
von dem historischen Ursprung des Anglikanismus her Barrieren
im Weg stehen. Man wird sehen.
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Protestantismus ist eine extrem vielschichtige Größe. Es gibt einerseits die traditionellen protestantischen Kirchen – lutherisch-reformiert, methodistisch, presbyterianisch und so weiter – , die sich in großen Teilen der Erde weitgehend in einer Krise befinden.
Hier ist eine Gewichtsverlagerung des Protestantismus von den
klassischen historischen Kirchen zu den Evangelicals, zu den Pente-costals, zu den fundamentalistischen Bewegungen zu beobachten, in denen eine neue Vitalität protestantischen Glaubens aufsteht
und die historischen Gewichte etwas umschmilzt. Nun waren ja
die Evangelicals und die Fundamentalisten stets klassische Haupt-gegner des Papsttums. Aber es gibt da erstaunliche Wandlungen, weil sie sehen, daß eigentlich doch der Papst der Fels ist, der das, was auch sie gegenüber modernen Verwässerungen des Christentums bekennen, deutlich vor der ganzen Welt vertritt. So sehen sie nun in gewisser Hinsicht im Papst durchaus einen Verbündeten,
obwohl die alten Vorbehalte nicht ausgeräumt sind. Also das Panorama ist in Bewegung. Was wir erhoffen dürfen, sollten wir mit Zuversicht, aber auch mit großer Geduld abwarten.
Vom Gefüge der Kirche
Die katholische Kirche hat eine klassische, klare Gliederung:
Volk – Priester – Bischöfe. Und über allem thront der Papst als das höchste Oberhaupt. Ist diese Hierarchie – der Name bedeutet »heilige Herrschaft« – bereits im Evangelium enthalten, oder gründet sie eher in einer straff ausgerichteten Organisation, die möglichst effizient und schlagkräftig sein will?
Ich bestreite ja die verbreitete Übersetzung, daß Hierarchie »heilige Herrschaft« heißt. Meiner Überzeugung nach bedeutet das Wort »heiliger Ursprung«. Es will sagen, daß die Kirche nicht aus eigenen Beschlüssen, sondern immer nur wieder vom Herrn selbst,
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vom Sakrament her geboren werden kann. So gesehen bekommen
wir gleich auch einen anderen Blick auf das Priestertum. Wir reden hier nicht über eine Herrschaftsklasse, die eine straffe Disziplin in der Kirche durchsetzt. Das Priestertum ist im Gegenteil die Bindung der Kirche an den Herrn. Es ist die Selbstüberschreitung der Kirche, die nicht durch Versammlungen, Beschlüsse, Gelehrtheit
oder Organisationskraft entsteht, sondern sich immer wieder nur
Christus verdankt. In diesem Sinne ist das Priestertum auch unverfügbar. Wenn folglich keine Priesterberufungen da sind, müssen wir sie vom Herrn erbitten und können sie nicht einfach selber
erzwingen.
Die Kirche wird häufig als das »wandelnde Gottesvolk« bezeichnet, ihre Gläubigen nennt man die »Herde Gottes«. Manche sagen auch, sie wären eine Schafherde, nämlich eine rechtlose Masse, die zu glauben und zu gehorchen hat.
Ich würde die Begriffe »Volk Gottes« und »Herde« nicht gegen-einanderstellen. Die jüdische Religion ist in einer Hirtenkultur gewachsen, so daß das Hirtenbild dort immer eine ganz besondere
Bedeutung bewahrt hat und von daher auch ins Neue Testament
hineingekommen ist. Wir sollten es also nicht von dem abträglichen Sinn des Schaf-Seins aus beurteilen, sondern von dem Vertrauensverhältnis von Hirt und Herde aus, in dem das gleiche wie in dem Wort vom »Volk Gottes« ausgesagt sein will: ein Volk, das
auf dem Weg ist, das durch die Geschichte hindurchwandert.
In Italien hat, nachdem die Versöhnung der Kirche mit dem Laien-staat erfolgt war, Pius XI. die katholischen Laien ermahnt, nunmehr eine neue Weise von Laie-Sein zu entwickeln, eben Christ zu sein in der Welt, und er hat danach das Laien-Apostolat be-gründet. So weit ich sehen kann, hat sich der antiklerikale Akzent, die Stimmung, daß sich die Laien sich ihre Rechte in der Kirche
erst sichern müßten, erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil
herausgebildet.
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Diese Vorstellung hat sich inzwischen ja regelrecht zu einer antirömischen Kampfparole, zu einem Dogma des liberalen Bürgertums
entwickelt.
Meiner Meinung nach basiert dieser Akzent auf einer verfehlten
Grundlage. Sie geht davon aus, daß die Kirche nun in dem Sinn regiert werden müßte, daß zwei Stände da sind, die gleichsam beide vertreten sein müßten und miteinander ausmachten, was Kirche
ist. Daß zum einen die Laien ihre Vertretungen bilden – die dann
ins Zentralkomitee der deutschen Katholiken hinaufmünden –
und gewissermaßen für die Laienkirche sprechen. Und daß auf
der anderen Seite dann die Kleriker ihre Gremien bilden; was ein
kompletter Unsinn ist. Wofür sind die Kleriker dann überhaupt
noch da? Vor allen Dingen aber hat sich die Meinung ausgebildet,
man müsse gemeinsam ausdenken, was man heute glauben kann,
wie man Kirche machen will. Dabei müsse man den Klerus sozusagen entmachten und den Laien das gebührende Mitspracherecht sichern.
Manche Leute denken das.
Wenn der Klerus sich recht versteht, dann schreibt er ja nicht
vor, was Kirche ist, sondern dann steht er in dem Gehorsam Gottes, dessen Garant der Papst ist. Dann sorgt er gerade dafür, daß nicht Menschen die Kirche nach ihren Wünschen zurechtmodel-lieren, sondern daß sie in den Händen des Herrn bleibt. Das ist mit dem Sakrament der Priesterweihe, dem Herkommen von dem
Ursprung, den wir nicht gemacht haben, eigentlich gemeint. Und
dann ist es auch keine Unehre, Laie zu sein, sondern die normale
Form des Christseins; die normale Form, in der das Evangelium
in dieser Welt gelebt und in die täglichen Dinge der Welt hineinge-bracht wird. Daß das Christentum die Welt erfaßt und umgestaltet, das ist das eigentliche Laienapostolat.
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Ein eigener Stand in der Kirche, Menschen, die sich der Nachfolge Christi auf die denkbar radikalste Weise verschrieben haben, sind Mönche und Nonnen. Was ist die Aufgabe der Orden, gerade
auch für die Kirche der Zukunft?
Es muß verschiedene Stufen der Nachfolge geben, nicht jedem ist
das gleiche aufgetragen. Es sind gerade auch dieses wesentliche
und unersetzliche Formen der Nachfolge, in dem jeweiligen Beruf
in angemessener Weise den Glauben ganz zu leben, sei es in der
Politik, in den Wissenschaften, im Handwerk, in den einfachsten
Berufen. Aber es braucht dann auch diejenigen, die mit ihrem
ganzen Leben für den Glauben da sind, die die innere Reserve des
Glaubens für die Verkündigung, für die Durchseelung der Kirche
bilden.
Ich glaube, daß dieses vielfältige Gefüge für die Zukunft der Kirche sehr wichtig sein wird. Es muß immer wieder Orte geben, wo sich Menschen zurückziehen können, wo sie das Leben des
Gebetes den Tag hindurch erleben können, wo das Gebet den
Rhythmus des Tages prägt. Dies sind Kräftereservoire, Orte, an
denen Glaube wieder neu erlebt wird und von denen er ausstrahlt.
Wir erleben dies ja gerade hier bei unserem Gespräch im Urkloster des Benediktinerordens in Montecassino. Oder denken wir an
die kontemplativen Frauenorden, etwa an die Karmelitinnen, die
Klarissinnen. Auch diese sind Oasen, auf die viele Menschen hinschauen und von denen sie sich befruchten und erneuern lassen.
Montecassino gilt dabei als das berühmteste Kloster der lateini-schen Kirche. Es gibt keines, so sagt man, das ihm an Alter und Würde gleichkäme. Genau im Jahre 529, als diese kleine Stadt auf dem Berg für die von Benedikt geleitete Mönchsgemeinschaft erbaut wurde, schloß zeitgleich die Platonische Akademie in Athen.
Ich finde, daß diese zufällige zeitliche Identität der Schließung der Athener Akademie, die das Symbol der antiken Bildung ge-366
wesen war, und des Beginnes des Klosters in Montecassino, das
sozusagen die Akademie der Christenheit wird, eine große Bedeutung hat. Man sieht, eine Welt geht wirklich unter. Das Römische Reich zerfällt, es ist im Westen bereits in Fragmente zerstückelt und als solches gar nicht mehr vorhanden. Damit droht natürlich
auch eine ganze Kultur zu versinken, Benedikt aber verwahrt sie
gleichsam und läßt sie neu geboren werden. Und er entspricht
damit ganz einem Leitwort der Benediktiner: Succisa virescit –
immer wieder zurückgeschnitten, grünt es neu. Der Abbruch wird
gewissermaßen auch ein Aufbruch.
Und offenbar zum Grundstein der europäischen Zivilisation.
Die Benediktiner wollten in der Tradition der Mönche zunächst
einfach ein Raum des Gebetes sein. Wichtig war dabei, daß dort
die Handarbeit, das Umwandeln der Erde in einen Garten und der
Dienst für Gott ineinandergehen und ein Ganzes werden.
Das Wort ora et labora, bete und arbeite, drückt diese Struktur der benediktischen Gemeinschaft deutlich aus. Der Gottesdienst
hat immer die Priorität. Er ist die allererste Wichtigkeit, weil Gott selbst das Wichtigste ist. Er durchzieht den ganzen Tag und die
ganze Nacht, prägt und formt die Zeit und reift damit auch zu
einer kulturell hohen und reinen Gestalt. Aber gleichzeitig gilt
es, aus dem Ethos des Gottesdienstes heraus die Erde wieder zu
bebauen und zu erneuern. Verbunden damit ist dabei auch die
Überwindung der antiken Vorurteile gegenüber der Handarbeit,
die bis dahin ja nur den Sklaven zugemessen war. Nun wird die
Handarbeit etwas edles, sie wird vom Johannes-Evangelium her
sozusagen Nachahmung des Schöpfers.
Mit der neuen Idee der Arbeit ändert sich auch die Vorstellung
von der Menschenwürde. Wer ins Kloster eintritt, tritt in einen
Raum ein, in dem die in der übrigen Gesellschaft immer noch
herrschenden Unterschiede zwischen dem Sklaven und dem Freien
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fallen. Im Kloster sind alle frei. Und von der Freiheit Gottes her sind alle gleich in dem gemeinsamen Auftrag, Gott in die Erde
hereinzuholen und die Erde zu Gott hinaufzuheben.
Montecassino hat mit all dem die antike Kultur abgelöst, aber sie hat sie auch gerettet. Hier sind die Handschriften abgeschrieben
worden, hier ist die Sprache gepflegt worden. Der französische
Mönch Leclerq hat einmal gezeigt, daß die Liebe zur Grammatik
mit der Liebe zu Gott untrennbar verbunden war. Weil man die
Heiligen Worte verstehen mußte, war sozusagen das ganze Lesen
ein Dienst. Das bedingte wiederum, daß, um nur ein Beispiel zu
nennen, die Sprachwissenschaften entstanden, und daß das Wort
in allen seinen Weisen gepflegt worden ist. Auf der anderen Seite brachte der Landbau mit sich, daß man die Dinge der Erde erforschen mußte. Insgesamt kann man sagen, daß aus diesem neuen Ethos »Gottesdienst und Arbeit«, ora et labora, dann wirklich eine neue, die europäische Kultur entstanden ist.
Benedikts großes Vermächtnis ist die von ihm entwickelte Regel.
Dieses kleine Werk ist mit Sicherheit einer der großen Würfe des Abendlandes, dessen praktische Botschaft – gewissermaßen für
ein »geregeltes« Dasein – bis heute nachwirkt und immer wieder neu entdeckt werden kann. »An sich genügt die Heilige Schrift
als Richtschnur für das menschliche Leben«, notierte Benedikt.
Um aber den Weg des Lebens quasi auch für Anfänger gangbar
zu machen, habe er eine einfache Hilfe geschrieben für den, »der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht«.
Das Charakteristische dieser Regel ist das Maß. Viele Mönchsre-geln haben dadurch gesündigt, daß sie überstreng gewesen sind.
Im Eifer der Bekehrung wurde oft eine ungeheure Radikalität
versucht, die zwar der einzelne, der wirklich Ergriffene festhalten kann, die aber auf Dauer dann doch ein gemeinsames Leben nicht
zu tragen vermag. Benedikt hat die richtige Verbindung zwischen
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der Rücksicht auf die menschliche Natur, dem, was gemeinsam
möglich ist, und dem nötigen Ernst, der nötigen Strenge gefunden.
Was er vorschreibt, ist zudem auch flexibel, weil der Abt eine
weitreichende Anwendungsmöglichkeit hat. Er kann beurteilen,
was wirklich in die Situation paßt. Trotzdem bleibt die Regel nicht unverbindlich, sondern gibt ein sehr festes Gefüge – vor allem mit der Struktur des Gottesdienstes, die den Tag ordnet und durchzieht, aber auch der Struktur der Mahlzeiten und der Bindung an die Arbeit. Zur Handarbeit kam – wie wir sahen – die kulturelle
Arbeit, die Liebe zum Buchstaben, die vom Gottesdienst gefordert
war.
Benedikt ist in gewisser Hinsicht auch als ein Mose angesehen
worden, einer, der die Lebensregel gibt. Benedikt gibt sie allerdings von Christus her, der das Mose-Gesetz auf seine neue, endgültige
Stufe geführt hat, so daß sie ganz konkrete Lebensregel werden
kann. In diesem Sinne ist er auf einer hohen Ebene der Gesetzgeber des Abendlandes geworden, und aus dieser vielschichtigen Kul-turgestalt ist schließlich wirklich ein neuer Kontinent – Europa –gewachsen, eine Kultur, die die Erde umgestaltet hat.
Wenn unsere Kultur heute aus dem Gleichgewicht zu kommen
droht, wie wir sehen, dann auch deshalb, weil wir inzwischen sehr weit davon weggegangen sind. Unsere Welt könnte dabei so leicht
an dieser benediktinischen Grundregel immer wieder ihr Korrektiv
finden, denn sie gibt die grundlegenden menschlichen Haltungen
und Tugenden für das innere Gleichgewicht eines Lebens an, die es braucht, damit Gemeinschaft möglich ist – und damit der einzelne
zur Reife kommt.
Bleiben wir noch einen Augenblick bei dieser gewichtigen Hil-festellung. Das erste Wort der Benediktus-Regel heißt »höre«: »Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters«, und Benedikt
setzt hinzu: »Neige das Ohr deines Herzens.«
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Ja, es ist eine Einladung ins Hören, und das ist für den Menschen grundlegend. Der Mensch darf sich nicht selber genügen, und er
muß die Demut haben, zu lernen, etwas anzunehmen – »neige
dein Haupt«. Er muß der Berufung ins Hören nachspüren. Und
Hören bedeutet, nicht nur ein Ohr zu haben für das, was gerade
herumgeht, sondern auch in die Tiefe hinein-oder in die Höhe
hinaufhören, denn was der Meister sagt, ist ja im Grunde die
Anwendung der Heiligen Schrift, die Anwendung dieser Urregel
menschlicher Existenz.
Hören und antworten, glaubte Benedikt, das sei wie ein-und
ausatmen. Und der Mensch sollte auch lernen, sich selbst anzunehmen, er sollte »bei sich selbst wohnen«, schweigen, lauschen, Ruhe finden. Die Regel hat über 1.500 Jahre hinweg offenbar
nichts an Aktualität verloren.
Man sieht an der Benediktregel, daß das, was wirklich menschlich
ist, nicht veraltet. Das, was aus den eigentlichen Tiefen kommt,
bleibt eine Weise des Lebens, die immer wieder aktuell ist. Man
kann sie kommentieren, man kann versuchen, die jeweils unterschiedlichen Anwendungsformen zu finden, aber als Regel, als Grundstruktur bleibt sie immer aktuell. Gerade heute sehen wir
wieder, wie die Zuwendung zur Erde, der Respekt vor ihren eigenen Gesetzen, das Bewahren der Schöpfung, ein wesentlicher Dienst ist, den wir brauchen.
Und vielleicht fangen wir auch wieder an zu sehen, daß die Freiheit von der Arbeit, die der Gottesdienst schenkt, das Heraustreten
aus dem bloßen Leistungsdenken nötig ist. Daß das Hören – denn
Gottesdienst ist weitgehend ein Gott-Hereinlassen und ein Hören – zum Leben gehört. So wie Zucht und Maß und Ordnung,
wie Gehorsam und Freiheit zueinandergehören, so gehört auch
das sich einander aus dem Geist des Glaubens Ertragen-Können
nicht nur zur Grundregel einer Mönchsgemeinschaft, sondern
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all diese Dinge sind im Grunde wesentliche Elemente für jede
Gemeinschaftsbildung. Es ist eine Regel, die aus dem eigentlich
Menschlichen kommt, und das eigentlich Menschliche vermochte
sie zu formulieren, weil sie über den Menschen hinausschaute und
-hörte und das Göttliche wahrgenommen hat. Der Mensch wird
eben menschlich, wo er von Gott berührt wird.
Einen dürfen wir hier auf keinen Fall vergessen. Sein eigentlicher Name war Johannes Bernardone. Sie nannten ihn Francesco, den
kleinen Franzosen, weil er gerne französische Lieder mochte. Seine Berufung ist eine bewegende Geschichte. Kann man sagen, daß
Franziskus die Kirche vor dem Untergang gerettet hat?
Ich würde sagen, die Kirche wäre wohl nie ganz untergegangen,
aber er hat in einer großen Krise Entscheidendes getan, um sie zu halten. Wir kennen alle diesen Traum des Papstes, der sieht, wie
die Lateran-Basilika über ihm einstürzt und da kommt ein Mann
und stützt sie. Innozenz III. hat diesen Traum auf Franziskus bezogen und ihn zu sich kommen lassen. Er, der große Politiker, hatte erkannt, daß dieser völlig unpolitische, aus der Radikalität des
Evangeliums lebende Mensch genau die Kraft war, die der Kirche
das geben konnte, was seine ganze politische Tüchtigkeit ihr nicht zu geben vermochte. Die Kirche brauchte eine charismatische Erneuerung von innen, eine neue Flamme des Glaubens, und nicht nur das Können und die Strategie der Administration und der
politischen Ordnung.
Ich glaube, es ist wichtig zu sehen, wie fruchtbar dieses Wort Christi »Folge mir nach«, folge in einer radikalen Weise mir nach, gewesen ist. Wie daraus immer wieder so viele neue Impulse und
Antworten entstanden sind. Und es ist nach wie vor die Hoffnung
der Kirche, daß dort, wo sie gewöhnlich wird und abzusinken
droht, durch die Kraft des Heiligen Geistes von innen her neue
Aufbrüche kommen. Aufbrüche, die niemand geplant hat, sondern
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die von begnadeten Menschen her aufsteigen und die Fruchtbarkeit des Evangeliums neu zur Geltung bringen.
Franz war eben ein solcher. Er wurde nach einer leichtfertig ver-lebten, fröhlichen Jugend plötzlich von der Radikalität des Anrufs ergriffen und hat sie mit Begeisterung und Freude gelebt. Er dachte nicht daran, einen Orden zu gründen, für ihn genügte noch das
Mönchtum. Er wollte in dieser Situation, in der das Christentum
eben bleiern, schwer und glanzlos geworden war – und völlig
überdeckt von dem grauen Egoismus des Alltags – , einfach das
Evangelium neu verkünden und das Volk für den Herrn sammeln.
Er wollte nur das Evangelium selber, die Bergpredigt, verkünden,
die Menschen aufrütteln und wieder innerlich und äußerlich für
Christus sammeln.
Daraus ist dann, fast gegen seinen Willen, diese Bewegung geworden, die schließlich, auch eher gegen seinen Willen, die Rechts-gestalt eines Ordens bekommen hat. Der Papst hat dabei richtig erkannt, daß diese neue Präsenz des Evangeliums, die Franziskus
im Auge hatte, ihre Werkzeuge braucht, und daß daher dem Ganzen ein rechtlicher Körper gegeben werden muß. Das ist letztlich das innere Drama des Franziskaner-Ordens geblieben: der Drang
zur Radikalität des Evangeliums, der die institutionellen Ordnungen sprengt und mehr Freiheit, mehr Armut möchte – und auf der anderen Seite die Notwendigkeit, Formen zu finden, die das
in eine normale menschliche Gemeinschaft hinein gestalten. Aber
gerade mit dieser inneren Flamme, die immer wieder über das bloß
Institutionelle hinausdrängt, hat der Orden auch eine bleibende
Funktion in der Kirche wahrgenommen.
Die Kirche selber lebt ja eigentlich in diesem Dilemma, daß wir alle mehr sein müßten, daß wir alle radikaler aus den Kompromissen
unseres Lebens aussteigen sollten. Aber dann, wenn wir schon
mal diese Kompromisse weiterleben müssen in der Welt, so wie
sie eben beschaffen ist, dann sollten wir wenigstens den Stachel
dieser Beunruhigung in uns tragen und unser eigenes Leben und
das der Welt auf die ganze Größe des Evangeliums hin öffnen.
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Franziskus wollte nie Priester werden. Warum?
Er war ein sehr demütiger Mann. Bei ihm hat das Wort seinen
ursprünglichen Sinn. Er wollte zu den vor Gott Kleinen gehören,
denen vom Herrn zugesagt ist, daß sie in besonderer Weise das
Evangelium verstehen werden. Priestertum war in der ständischen
Struktur seiner Zeit für ihn schon wieder etwas in die Privilegien-welt Hochgehobenes, das er in der bewußten Einfachheit seines Dienens nicht angestrebt hat. Er wollte der einfache Evangelist,
der Sänger und Künder Gottes bleiben. Nach der Überlieferung
war er allerdings Diakon, einer, der in der Liturgie das Evangelium verkünden darf. Evangelist wollte er sein. Hier schien ihm offensichtlich das Diakonenamt, das ja zu deutsch »Dienstamt«
heißt, das Sakrament des Dienens, die seinem Leben angemessene
Form zu sein.
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