Herr Kardinal, Jesus Christus hatte seinen Aposteln und deren
Nachfolgern versprochen, er werde sie stets an seine Lehre erinnern und es einem dann auch sagen. Spüren Sie etwas davon?
Das ist natürlich nicht mechanisch zu verstehen, als ob man das
wie durch einen Computer abrufen könnte. Es ist eine Verheißung,
die die Kirche als Ganze betrifft.
Jesus sagte wörtlich: »Der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.«
Er hat damit gesagt, daß er die Kirche auf ihrem Weg nicht allein läßt. Daß er sie nicht wegfallen läßt von sich. Daß er ihr Gedächtnis erneuert und vertieft, so daß sie das anfangs Unverstandene zu begreifen lernt und in die Tiefe der Worte eindringt. Das heißt aber nicht, daß der einzelne jederzeit auf eine solche Erinnerung einfach Anspruch erheben könnte, auch nicht, daß es der Kirche
automatisch zufiele. Sie braucht das lebendige Beten und Erinnern, durch das dann der Geist zu ihr spricht. Aber ich würde sagen,
irgendwie spüre ich diese Hilfe natürlich schon.
Immerhin ist es vielen genialen Männern und Frauen der Kirche
gegeben, Einsicht in große Zusammenhänge zu erhalten und diese 321
komplexen Erkenntnisse so zu vermitteln, daß es die Massen
verstehen können.
Ich denke, daß man durch das Sein in der Kirche und durch das
Mitleben mit ihrem Glauben auch an der Inspiration beteiligt
wird, die diese Familie trägt. Die Kirche kann einem die Horizonte öffnen und das, was man alleine nicht verstehen könnte, vertiefen.
Natürlich gibt es dann die besonders begnadeten Menschen, die
wir die Heiligen nennen, die durch ihr inneres Nahesein zu Gott
gleichsam in dieses Gedächtnis tiefer hineindringen und es auch
uns wieder lebendiger zubringen.
Ist es Liebe, was Sie persönlich so sehr mit der Kirche verbindet?
Das kann man schon sagen. Sie ist mein Zuhause, meine große
Familie, und insofern bin ich ihr in Liebe verbunden, wie man
einer Familie verbunden ist.
Die Kirche ist kein zufälliges historisches Produkt, keine Laune der Geschichte, jedenfalls nicht nach ihrem eigenen Verständnis.
Für Außenstehende dagegen wirkt sie oft wie eine Organisation
mit Macht und Besitz, so ähnlich eben wie eine Firma, nur daß hier die Abteilungsleiter mit langen Gewändern herumlaufen. Papst
Leo der Große meinte einmal, man müsse, um überhaupt ein
wenig Einsicht in diese Kirche zu gewinnen, um sie auch nur an-nähernd verstehen zu können, zuallererst »das Dunkel erdhaften Sinnens und den Rauch welthafter Weisheit« ablegen.
Nun, man kann die Kirche auf sehr verschiedenen Ebenen erleben.
Man kann sie rein institutionell ansehen, als eine der institutionellen Kräfte, die es in der Welt gibt, oder man kann sie rein soziologisch betrachten. Man kann sich an einzelnen Ereignissen
oder Personen wund reiben. Jedenfalls wird man, wenn man sie
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nur von dem Gesichtspunkt des Institutionellen her betrachtet,
immer an der Oberfläche bleiben.
Mir scheint, daß es gerade eine Versuchung unserer sehr aktiven
und rationalen Gesellschaft ist, sich die Kirche durch Kommissionen und Gremien und Beratungen zugänglich zu machen. Man möchte sie griffiger und praktischer machen, zu einem Menschenwerk gewissermaßen, in dem am Schluß irgendwelche Mehrheiten entscheiden, was wir eigentlich glauben sollen oder nicht glauben können und dergleichen mehr. Man würde sie damit allerdings
nur immer weiter von sich selber wegbringen. Sie reichte damit
nicht mehr ins Lebendige hinein – und ins Göttliche schon gar
nicht.
Wenn wir die Kirche recht verstehen wollen, dann müssen wir sie,
denke ich, vor allem von der Liturgie her betrachten. Da ist sie am meisten sie selber, da wird sie ständig wieder vom Herrn berührt
und erneuert. In der Liturgie nämlich müssen wir sie von der
Heiligen Schrift, von den Sakramenten, von den großen Gebeten
der Christenheit her leben. Und gerade damit kann man, wie Leo
der Große sagt, den Rauch, der die Luft undurchsichtig macht,
und die Sandkörner, die uns in die Augen gestreut sind, allmählich reinigen und etwas sehender werden.
Man wird dann sehen, daß die Kirche viel tiefer reicht. Daß zu ihr die Gemeinschaft der Heiligen gehört, die Gemeinschaft derer, die uns vorausgegangen sind, gerade auch die verborgenen, einfachen
Heiligen. Daß sie in so vielen glaubenden Menschen lebt, die mit
Christus innerlich verbunden sind, und daß ihre Wurzeln vor allem in Christus selber hineinreichen. Christus ist die ständige Kraft, die diesen Weinstock durchlebt und ihn zu dem macht, was Frucht
tragen kann. In diesem Sinne ist das Eigentliche der Kirche weit
mehr als das, was man statistisch fassen oder durch Beschlüsse
herbeiführen kann. Es ist ein Organismus, dessen Lebenskreislauf
von Christus selber herkommt.
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