14 Vom Kreuz

Man hat sich daran gewöhnt, das Leid als etwas zu betrachten,

dem man um jeden Preis zu entgehen sucht. Und über nichts

erzürnt sich manche Gesellschaft heftiger, als über die christliche Auffassung, daß man Leid erdulden, ertragen, sich ihm oft sogar hingeben müsse, um es dadurch zu überwinden. »Das Leiden«,

glaubt Johannes Paul II., »gehört zum Geheimnis des Menschen.«

Warum?

Heute heißt das Programm, das Leiden aus der Welt zu verbannen.

Für den einzelnen heißt das, Leid auf jede Weise zu vermeiden.

Man muß nun auch sehen, daß gerade damit die Welt auch sehr

hart und sehr kalt wird. Leid gehört eben zum Menschsein. Und

wer das Leiden wirklich abschaffen wollte, müßte vor allen Dingen auch die Liebe abschaffen, die es ohne Leiden gar nicht gibt, weil sie immer ein Stück Selbstverzicht verlangt, weil sie im Unterschied der Temperamente und mit der Dramatik der Situationen immer

auch die Verzichte, den Schmerz mit sich bringen wird.

Wenn man weiß, daß der Weg der Liebe – dieser Exodus, dieses

aus sich Herausgehen – der wahre Weg der Vermenschlichung des

Menschen ist, dann verstehen wir auch, daß das Leiden der Prozeß

der Reifung ist. Wer Leiden innerlich angenommen hat, wird reifer und verstehender für den anderen, er wird menschlicher. Wer dem

Leid immer aus dem Weg gegangen ist, versteht den anderen nicht,

er wird hart und selbstsüchtig.

Die Liebe selbst ist eine Passion, ein Erleidnis. Ich erfahre in ihr zunächst eine Beglückung, die Erfahrung von Glück überhaupt.

Ich werde andererseits aber auch aus meiner bequemen Ruhe

herausgenommen und muß mich umgestalten lassen. Wenn wir

sagen, daß Leiden eine Innenseite von Liebe ist, dann verstehen

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wir auch, warum Leiden lernen so wichtig ist – und warum im umgekehrten Fall Leidvermeidung den Menschen lebensunfähig

macht. Es würde ihm eine Leere des Seins zuteil, die dann nur

noch mit Erbitterung, mit Ablehnung, und nicht mehr mit innerer

Annahme und Reifung verbunden sein kann.

Was wäre eigentlich passiert, wenn Christus nicht erschienen und nicht am Stamm des Kreuzes gestorben wäre? Wäre ohne ihn die

Welt längst untergegangen?

Das können wir nicht sagen. Aber wir können sagen, dem Menschen würde der Zugang zu Gott fehlen. Er könnte sich dann immer nur in fragmentarischen Anläufen auf Gott beziehen. Und

letzten Endes würde er nicht wissen, wer oder was Gott eigentlich ist.

Natürlich leuchtet in den großen Religionen etwas vom Licht

Gottes durch, und doch bleiben sie Fragmente und Fragen. Wenn

aber die Gottesfrage keine Beantwortung findet, wenn der Weg zu

ihm hin verschlossen bleibt, wenn es Vergebung nicht gibt, die aus der Vollmacht Gottes selber kommt, dann wird das menschliche

Leben zu einem sinnlosen Experiment. Insofern hat Gott selbst die Wolken an einer Stelle weggerissen. Er hat das Licht angemacht

und uns damit den Weg gegeben, der die Wahrheit ist, der uns

leben läßt, und der das Leben selbst ist.

INRI – Die Passion des Herrn

Ein Mann wie Jesus muß ungeheures Aufsehen erregen und jeg-liche Gesellschaft provozieren. Zeit seines Auftretens wurde der Prophet aus Nazaret nicht nur bejubelt, sondern auch verspottet und verfolgt. Vertreter der bestehenden Ordnung sahen in Jesu

Lehre und Person regelrecht eine Gefahr für ihre Macht, und

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Pharisäer und Hohepriester begannen ihm nach dem Leben zu

trachten. Die Passion war dabei offenbar Bestandteil seiner Botschaft, denn Christus selbst beginnt seine Jünger auf sein Leiden und Sterben vorzubereiten. In zwei Tagen, so erklärt er zu Beginn des Paschafestes, »wird der Menschensohn ausgeliefert und gekreuzigt werden«.

Jesus stellt die Jünger darauf ein, daß der Messias nicht als der Retter oder als glorreicher Machthaber auftritt, der den Glanz

Israels in seiner alten staatlichen Macht wiederherstellt. Er nennt sich ja selbst nicht Messias, sondern Menschensohn. Sein Weg liegt ganz im Gegenteil in der Machtlosigkeit und im Erdulden

des Todes, ausgeliefert an die Heiden, wie er sagt, und von den

Heiden ans Kreuz gebracht. Die Jünger sollten lernen, daß so und

nicht anders das Königtum Gottes in die Welt hereinkommt.

Ein weltberühmtes Bild von Leonardo da Vinci, Das letzte Abendmahl , berichtet von der Abschiedsfeier Jesu im Kreise seiner zwölf Apostel. An diesem Abend löst Jesus zunächst tiefste Bestürzung aus, indem er auf den Verrat hinweist, der an ihm begangen wird.

Danach begründet er die heilige Eucharistie, die von diesem Zeitpunkt an seit nunmehr 2.000 Jahren Tag für Tag von den Christen nachvollzogen wird.

»Während des Mahls«, so steht es im Evangelium, »nahm Jesus

das Brot und sprach den Lobpreis; dann brach er das Brot, reichte es den Jüngern und sagte: Nehmt und eßt; das ist mein Leib. Dann nahm er den Kelch, sprach das Dankgebet und reichte ihn den

Jüngern mit den Worten: Trinkt alle daraus; das ist mein Blut, das Blut des Neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Andenken.« Dies

sind vermutlich die in der Geschichte der Welt bis zum heutigen Tage am häufigsten gesprochenen Sätze überhaupt. Sie erscheinen wie eine heilige Formel.

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Sie sind eine heilige Formel. Jedenfalls sind es Worte, die aus allem Gewöhnlichen, allem Erwartbaren und Vorbedachten völlig

herausfallen. Es sind Worte von einem ungeheuren Reichtum und

einer ungeheuren Tiefe. Wenn man Christus kennenlernen will,

kann man ihn am besten im Meditieren dieser Worte und im

Mitfeiern der Gegenwart dieser Worte, die Sakrament geworden

sind, kennenlernen. Die Einsetzung der Eucharistie ist die Summe

dessen, was Christus ist.

Jesus greift hier die wesentlichen Fäden des Alten Testamentes auf.

Er lehnt sich damit einerseits an die Stiftung des Alten Bundes

am Sinai an, womit er deutlich macht, daß das, was am Sinai

begonnen wurde, jetzt neu geschieht: Der Bund, den Gott mit

den Menschen eingegangen ist, wird nun wirklich vollendet. Das

Abendmahl ist die Bundesstiftung des Neuen Bundes. Indem er

sich den Menschen übereignet, vollzieht sich eine Blutsgemein-schaft zwischen Gott und den Menschen.

Andererseits sind hier Worte des Propheten Jeremia aufgegriffen,

die den Neuen Bund ankündigen. Beide Stränge des Alten Testaments (Gesetz und Propheten) werden zu dieser Einheit verschmolzen und zugleich zu einer sakramentalen Handlung gestaltet. Das Kreuz ist darin bereits vorweggenommen. Denn wenn Christus

seinen Leib und sein Blut, wenn er sich selbst gibt, setzt das voraus, daß er sich real gibt. Insofern sind diese Worte auch der innere Akt des Kreuzes, der darin geschieht, daß Gott diese äußere Gewalt

gegen ihn in einen Akt der Selbstverschenkung an die Menschheit

umwandelt.

Und noch etwas ist hier vorausgenommen, die Auferstehung. Totes

Fleisch, toten Leib kann man nicht zu essen geben. Nur weil er

auferstehen wird, sind sein Leib und sein Blut neu. Es ist nicht

mehr Menschenfresserei, sondern Vereinigung mit dem lebendigen

Auferstandenen, die da geschieht.

In diesen ganz wenigen Worten liegt, wie man sieht, eine Synthese der Religionsgeschichte – der Glaubensgeschichte Israels sowie

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Jesu eigenen Seins und Wirkens, das schließlich zum Sakrament

und zur Dauergegenwart wird.

Die Jünger ziehen mit Jesus zum Ölberg. Dort ereifert sich Petrus, niemals werde er den Meister verraten. Im Garten Getsemani will Jesus beten. Er ist stark erregt und zugleich angegriffen. Trauer befällt ihn und Angst. »Meine Seele ist zu Tode betrübt«, sagte er zu zwei Jüngern, »bleibt hier und wacht mit mir.« Sie gehen einige Schritte, dann wirft er sich zu Boden. Er betet, und vielleicht weint er auch. »Mein Water«, hören ihn die beiden sprechen, »wenn es möglich ist, gehe dieser Kelch an mir vorüber. Aber nicht wie ich will, sondern wie du willst, geschehe.«

Das ist einer der bewegendsten und erschütterndsten Texte des

Neuen Testaments. Dieses Geheimnis der Angst Christi kann man

nur immer neu zu meditieren suchen, wie es die Großen des Glaubens getan haben.

Ich sehe darin gewissermaßen das Ringen zwischen der menschlichen und göttlichen Seele Jesu Christi. Jesus sieht den ganzen Abgrund an menschlichem Schmutz und an menschlicher Schrecklichkeit, den er tragen und durchwandern muß. Aus diesem Anblick, der weit über alles hinausgeht, was wir wahrnehmen – auch uns kann entsetzlich übel werden, wenn wir einen Blick in die

Schrecklichkeit der menschlichen Geschichte tun, in den Abgrund

der Gottesverweigerung, der Menschen zerstören wird – , in diesem Anblick sieht er die Schrecklichkeit der Last, die auf ihn zukommt. Es ist nicht nur die Angst vor dem Augenblick der Hinrichtung, es ist das Konfrontiertsein mit der ganzen Furchtbarkeit und Abgründigkeit des menschlichen Geschicks, das er auf sich

nehmen soll.

Der griechische Theologe Maximus Confessor hat diesen Vorgang

besonders eindringlich dargestellt. Er zeigt, wie sich im Gebet vom Ölberg die »Alchimie des Seins« vollzieht. Hier wird Jesu Wille

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eins mit dem des Sohnes und somit dem Willen des Vaters. Die

ganze Widerständigkeit der menschlichen Natur, die sich dem Tod

und den Schrecknissen, die er sieht, sperrt, zieht in diesem Gebet herauf. Jesus muß den inneren Widerstand des Menschen gegen

Gott überwinden. Er muß die Versuchung überwinden, es anders

zu machen. Diese Versuchung erreicht hier ihren Höhepunkt. Erst

das Brechen des Widerstandes wird zum Ja. Es mündet mit dem

Hineinschmelzen des eigenen, menschlichen Willens in den Willen Gottes und damit in die eine Bitte: »Aber nicht mein Wille geschehe, sondern der deinige.«

Die Jünger Jesu sind eine ziemlich müde Truppe. Als der Meister zurückkommt, findet er sie schlafend vor. Jesus ist enttäuscht.

»Könnt ihr nicht einmal eine Stunde mit mir wachen?«, sagt er.

Ja, er ist enttäuscht. Und die Gläubigen aller Zeiten haben gesehen, wie dieses Wort Jesu über den Augenblick hinaus in die ganze

Kirchengeschichte hineinreicht. Immer wieder schlafen die Jünger.

Immer wieder ist es so, daß die Sache Gottes in höchster Gefahr

ist und die Seinigen schlafen. Er hat sie ganz in die Nähe zu sich mitgenommen, sie sollten ihm die Last der Einsamkeit abnehmen,

aber sie werden offenbar von der Schrecklichkeit des Augenblicks

nicht berührt.

Und weiter spricht Christus: »Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.«

Das Wort ist ein Rückgriff auf das, was Gott nach der Sintflut sagt: »Ich sehe, sie sind ja nur Fleisch, sie sind schwach, sie brauchen Nachsicht und Erbarmen.« Letztlich ist seine Enttäuschung in

Erbarmen hineingenommen.

Mit einer großen Schar Bewaffneter betritt Judas das Feld. Er geht auf Jesus zu und küßt ihn. Es ist das Zeichen. Als die Soldaten 309

 

Jesus ergreifen, tritt Petrus dazwischen, nimmt sein Schwert und schlägt einem der Schergen der Hohepriester ein Ohr ab. Jesus

meint nur: »Steck’ dein Schwert in die Scheide, denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen.«

Petrus will beweisen, daß seine mutigen Worte, er werde den

Meister niemals verraten, wahr sind. Daß er in diesem Augenblick

auch bereit ist, den Tod zu riskieren. Freilich, er wird gleich lernen müssen, daß die Dreinschläger-Tapferkeit sehr bald sehr klein

wird, wenn es mit dem Dreinschlagen nicht klappt.

Vor allen Dingen spricht Jesus auch hier wieder zur ganzen Geschichte hin: Die Sache Gottes, warnt er, kann nicht mit dem Schwert verteidigt werden, wie es leider immer wieder versucht

worden ist. Wer Gott mit Gewalt verteidigen will, stellt sich damit schon gegen ihn.

Nach der Festnahme ihres Meisters ergreifen die Jünger die Flucht.

Alle, ausnahmslos. Jesus wird zum Hohepriester Kajaphas ge-führt und verhört. Die Anklage aber steht auf wackligen Beinen, die Zeugenaussagen sind konstruiert. Endlich ist ein Vergehen

gefunden: Gotteslästerung. Der Hohepriester drängt ihn: »Ich

beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, sag uns, bist du der

Messias, der Sohn Gottes?« Und Jesus gibt gelassen zur Antwort: »Du hast es gesagt.«

Als Hohepriester ist Kajaphas verantwortlich für den Glauben

Israels. Natürlich denkt er nicht daran, wirklich den lebendigen

Sohn Gottes zum Tod zu verurteilen. Er sieht in Jesus einen, der

den Ein-Gott-Glauben, das Herzstück des jüdischen Credos, mit

der Anmaßung verletzt hat, selbst Gottes Sohn zu sein. Er tut

dies freilich auch in einer Verblendung, die das Geheimnis nicht

wahrnehmen kann, sein Glaube ist in einer Formel eingeschlossen.

Wir sollten das nicht leichtfertig verurteilen, denn irgendwo glaubt er natürlich, aus religiöser Verantwortung heraus zu handeln.

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Das Martyrium beginnt. Die Schriftgelehrten und die Ältesten

sind die ersten, die Jesus ins Gesicht spucken. Sie verhüllen seinen Kopf und ohrfeigen ihn: »Messias, du bist doch ein Prophet, wer hat dich geschlagen?« Petrus, der im Hof herumlungert, wird

erkannt und verleugnet seinen Meister. Als er merkt, was er getan hat, geht er hinaus und weint bitterlich. Auch Judas wird über seinen Verrat nicht froh, seine Tat reut ihn schwer. Er wirft seine Silberlinge in den Tempel und erhängt sich.

Hier sehen wir die Dramatik menschlicher Schwäche: Petrus flieht

zunächst, kommt aber wieder, um zu sehen, was da geschieht. In

seinen Augen ist die Verleugnung des Herrn nur eine kleine Lüge,

um nicht entdeckt zu werden und sich die Nähe zu ihm sichern zu

können. Unter den Augen Jesu allerdings erkennt er, wie feige er

gewesen ist und wie er nun abgefallen ist von ihm.

Spannend bleibt für mich der Unterschied zwischen den beiden,

die in Sünde gefallen sind. Der eine findet den Weg der Reue und

wird auf diese Weise neu angenommen. Er ist bereit, Vergebung

zu empfangen. Er verzweifelt nicht. Er leidet, und wird damit zum Büßer, der umkehrt. Der andere ist so erschrocken über seinen

Verrat, daß er nicht mehr an Vergebung glaubt.

Das ist der eigentliche Unterschied, finde ich. Zwei Arten von

Reue, von Selbstanklage. Eine, die nicht nihilistisch wird, sondern sich wieder auffangen läßt. Und eine, in der der Vergebungsglaube erloschen ist, die sich selbst vernichtet und damit den Weg der

Erneuerung, der offenstünde, nicht annimmt.

Ich glaube, das ist für jeden gefallenen Menschen, für jede Art von Schuldbewußtsein und Schuldbewältigung eine wichtige Lektion.

Eine falsch vergrößerte Selbstverurteilung, die schließlich zur totalen Selbstverneinung wird, ist danach nicht die angemessene Art, mit Schuld umzugehen.

Jesus wird vor den römischen Statthalter Pontius Pilatus ge-311

 

schleppt. »Bist du der König der Juden?«, spottet er. »Ja, ich bin ein König«, antwortet Jesus, »doch mein Reich ist nicht von dieser Welt. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich der Wahrheit Zeugnis gebe. Wer aus der Wahrheit ist, hört

meine Stimme.« Pilatus kann die Antwort offenbar nicht fassen, skeptisch fragt er: »Was ist Wahrheit?«

Jesus hat zunächst einen jüdischen Prozeß mitgemacht, der mit

Schuldspruch endet. Merkwürdigerweise vollziehen aber die jüdischen Autoritäten die Strafe nicht, sie übertragen statt dessen die Sache vor das staatliche römische Gericht. Dieser zweite Prozeß

hat eine andere Anklage. Hier wirft man Jesus, was ja für Pilatus uninteressant wäre, nicht mehr eine Verletzung des jüdischen Credos vor, sondern man beschuldigt ihn, ein politischer Usurpator zu sein, der die römische Herrschaft unterminiert. Aus dem religiösen Prozeß wird ein politischer.

Die Anklage freilich ist dünn, und der römische Richter, der an

sich ein Zyniker ist, hat zunächst gar keine Lust, den Büttel der jüdischen Autorität zu machen. Die Gestalt des Pilatus erscheint

dabei sehr modern. Als Jesus von der Wahrheit spricht, antwortet

er als typischer Skeptiker: Was ist denn das schon, die Wahrheit?

Das könne ja nur ein Spinner sein, der da behauptet, er sei der

Zeuge der Wahrheit und gehe für sie in den Tod.

Den Massen erklärt der Römer, er finde keine Schuld an dem

Mann, er biete aber an, angesichts der bevorstehenden Festtage einen Gefangenen freizulassen, man könne nun auswählen zwischen eben diesem Jesus oder dem Gewaltverbrecher Barabbas.

Die Menge johlt: »Barabbas, Barabbas!« »Und was soll ich dann

mit Jesus?« fragt Pilatus. Und wieder ist das Echo eindeutig: »Ans Kreuz mit ihm, ans Kreuz mit ihm!« Pontius Pilatus zollt dem

Pöbel den Tribut, wäscht sich aber demonstrativ die Hände, zum Zeichen seiner Unschuld.

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Dieser Passus ist auch ein Lehrstück über Masse. In der Menge

sind wahrscheinlich auch Leute, die zuvor ganz harmlos waren,

solche, die Jesus gemocht und ihm zugejubelt hatten. Man sieht,

wie Masse das Gewissen zerstört. Wie sie den Menschen sich selbst entfremdet und zum Werkzeug des Bösen machen kann.

Wie zuvor die Priester, so machen sich nun auch die Soldaten

einen Spaß mit dem Gefangenen. Sie entkleiden ihn, legen ihm

einen purpurroten Mantel um und flechten ihm eine Krone aus

Dornen. Ein Stock in der Hand dient als Zepter, und feixend fallen die Schergen vor ihm auf die Knie. »Heil dir, König der Juden.«

Dann bespucken sie ihn, nehmen den Stock und dreschen damit

auf seinen Kopf ein. Wieder ist es Pilatus, der angesichts dieses Jammerbildes um Mitleid bittet: »Ecce homo – seht, welch ein

Mensch.«

All diese Texte sind sehr abgründig. Sie führen uns in ihrer Vielschichtigkeit über die ganze Skala, von der Banalität des Bösen bis zur Demut der göttlichen Macht und Liebe. Man sieht zunächst

den Ungeist einer solchen Hinrichtungstruppe, für die Grausamkeit zum täglichen Brot geworden ist. Wahrscheinlich geht es aber um mehr, so daß in dem Spott etwas Tieferes durchscheint. Denn

gerade der zum Spott Gekrönte ist der wirkliche König der Welt.

Jener, der die Dornenkrone trägt und damit die Krone der Leiden

der Menschheit auf sich nimmt, ist das wahrhaft gekrönte Haupt.

Das Pilatus-Wort hat wiederum ungewollt über seine Rede hinaus einen sehr vielschichtigen Sinn. Irgendwie sagt es: »Ja, das ist der Mensch«, ein erbärmlicher Wurm. Zugleich zeigt es den

wirklichen Menschen an, der im Leiden das Bild Gottes trägt.

Die Soldaten treiben den Gegeißelten mit der Dornenkrone hinaus zur »Schädelhöhe«, nach Golgota. Jesus trägt das schwere Kreuz, er schwitzt Blut. Dreimal bricht er unter der Last zusammen. Veronika reicht ihm ein Tuch, Frauen weinen, aber absolut niemand 313

 

von den Menschen am Rande ist bereit, ihm das Kreuz abzuneh-men. Vermutlich weil die Söldner Sorge haben, ihr Gefangener könnte schon vor der Kreuzigung zusammenbrechen, zwingen

sie einen Mann namens Simeon von Cyrene, Jesus für eine kurze

Strecke unter die Arme zu greifen.

Die christliche Frömmigkeit hat diesen Kreuzweg, den man in Jerusalem mitgehen kann, zum urbildlichen Weg des menschlichen Leidens gemacht. Einzelne Züge darin sind erst in der Meditation

gefunden worden, etwa der dreimalige Fall oder die Veronika-Gestalt. Es sind Wahrnehmungen des Herzens im inneren Mitgehen mit diesem Weg. Der Kreuzweg ist neben dem Rosenkranz das zweite große Gebet, das die westliche Volksfrömmigkeit im

Mittelalter gefunden hat. Er ist nicht nur ein großes Dokument der inneren Reifung und Vertiefung, sondern in der Tat eine Schule

der Innerlichkeit und der Tröstungen. Er ist auch eine Schule der Gewissenserforschung, der Bekehrung, der inneren Wandlung und

des Mitleidens – nicht als sentimentales, bloßes Gefühl, sondern

als ein an meine Seele pochendes Rütteln, das mich nötigt, mich

zu erkennen und besser zu werden.

Natürlich bleibt auch die Gestalt Simons eine beeindruckende

Figur. Jedenfalls hat die Christenheit darin einen bleibenden Auftrag gesehen. Christus ist sozusagen durch die ganze Geschichte hindurch mit dem Kreuz unterwegs. Er sucht Veronika-Hände

und sucht Simeon-Hände, die bereit sind, große Kreuze zu tragen.

Die Soldaten mißhandeln Jesus auf unvorstellbare Art. Aller Haß, alles tierisch-menschliche, der Abgrund, das Häßlichste, was Menschen einander antun können, entlädt sich offenbar an diesem Mann.

Jesus steht exemplarisch für die Opfer der Gewalt. Wir haben

gerade im 20. Jahrhundert wieder gesehen, wie erfindungsreich

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menschliche Grausamkeit ist; wie sie das Menschengesicht, indem

sie es im andern zerstört, in sich selber entwürdigt und zerstört.

Daß der Sohn Gottes dies alles exemplarisch als das »Lamm Gottes« auf sich genommen hat, muß uns einerseits über die Grausamkeit des Menschen erschüttern, uns nachdenklich machen über uns selbst, wie weit wir als feige oder stumme Zuschauer

dabeistehen oder selber mitschuldig sind. Zum andern muß es uns

verwandeln und Gottes froh werden lassen. Er hat sich auf die

Seite der Unschuldigen und Leidenden gestellt und möchte auch

uns dort sehen.

Noch am Kreuz wird Jesus verhöhnt. Die Soldaten reichen ihm

Wein, der mit Galle vermischt ist. Auf das Kreuz haben sie ein Brett mit einer Inschrift genagelt: Jesus von Nazaret, König der Juden (INRI) . Die Hohepriester und Schriftgelehrten rufen ihm zu: »Du willst den Tempel niederreißen und in drei Tagen wieder aufbauen? Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst und steig

herab vom Kreuz.« Jesus aber steigt nicht herab vom Kreuz. Er

sagt nichts. Selbst dann nicht, als von der sechsten bis zur neunten Stunde eine Finsternis auftritt. Um die neunte Stunde allerdings ruft er aus: »Eli, Eli, lema sabachtani.« Und es ist ein ganz merkwürdiger Satz, denn er bedeutet: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«

Bezüglich des Trankes, der Jesus angeboten wird, bieten uns die

Evangelisten zwei Überlieferungen. Matthäus erzählt von Wein,

der mit Galle vermischt ist und der Jesus zu Beginn der Kreuzigung, vielleicht als eine Art Anästhesie-Trunk, gereicht wird. Ihn lehnt Jesus ab – er will das Leiden mit wachen Sinnen durchstehen.

Markus, Lukas und ausführlich Johannes berichten von Essig,

der Jesus am Ende der Passion gegeben wird. Diese Evangelisten

erinnern sich dabei offensichtlich an ein Psalmwort: »Sie gaben

mir als Nahrung Gift und Essig für den Durst« (Ps 69,22). Auch

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andere prophetische Stellen klingen auf: Ich habe einen Weinberg

gepflanzt und Essig hat er mir getragen – eine Klage, die auch die Christenheit immer wieder trifft.

Dann hören wir vom Spott, der Jesus umbrandet. Man denkt

an das Buch der Weisheit im Alten Testament, in dem gesagt ist: »Die Frevler werden den Gerechten verhöhnen.« Sie werden ihn

dem Tod ausliefern und sagen: Jetzt zeig doch, ob du Gott bist

oder nicht. Es ist ihre Art, das Experiment zu machen. Und es ist der Augenblick des Triumphes, in dem die Pharisäer, die vielleicht zum Teil vorher noch ein schlechtes Gewissen hatten, sich bestätigt sehen und ihre Ablehnung in Spott kleiden können. Sie verbünden

sich damit mit der Banalität des Bösen, wie sie von den Soldaten

repräsentiert wird.

In den Evangelien sind uns von Jesus insgesamt sieben Worte am

Kreuz überliefert. Das soeben zitierte hat tatsächlich eine Schlüs-selstellung. Es ist der Anfangsvers des Psalmes 21, der große Lei-denspsalm Israels, in dem das in der Geschichte immer wieder getretene und machtlos gewordene Israel aus sich herausschreit:

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Indem

Jesus mit dem Psalm 21 zu beten beginnt, identifiziert er sich mit dem leidenden Israel und hat das Geschick dieses Volkes in sich

hineingenommen. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß es auch

ein Gebet ist. Es erkennt im Schrei der Not Gott an. Jesus stirbt als ein Betender, als einer, der das erste Gebot hinstellt, Gott anzubeten, ihn allein. Der Psalm läuft aus in ein großes Bekenntnis des Vertrauens und in eine Prophetie der Eucharistie, er endet mit den Worten: »Die Armen werden essen und sich sättigen.« Vom Kreuz

her kommt die Sättigung der Armen mit dem neuen Manna.

In der Sekunde des Todes reißt im Tempel der Vorhang von oben

bis unten entzwei. Die Erde beginnt zu beben, Felsen spalten sich, und es heißt, daß sich sogar die Gräber öffneten. Über die Jahrhunderte haben Künstler versucht, dieser Szene einen Ausdruck 316

 

zu geben. Ich kann mich an ein Bild ganz besonders erinnern:

Der Gemarterte lehnt dabei den Kopf ein wenig zur Seite auf die Schulter und sieht den Betrachter an. Die Dornenkrone ist ihm in den Schädel gedrückt. Jesus blutet. Tränen laufen ihm über das Gesicht. Und zugleich hat sein schmales und trotz Marter immer noch unversehrtes Antlitz den Ausdruck des Friedens. Der Gefol-terte, der jeden Grund zur Anklage hätte, lächelt den Betrachter an. Und es ist nicht die Spur eines Vorwurfes in ihm, Christus wirkt gelöst und ganz entspannt. Und je länger man ihn betrachtet, desto deutlicher entsteht neben Trauer paradoxerweise auch ein Bild des Trostes.

Die echten, großen und reinen Kreuzbilder sind aus einer inneren

Identifizierung, aus einer Meditation, aus einem betenden Einswerden mit dem gekreuzigten Christus entstanden. Sie stellen sowohl den Durst, die Not, die entsetzlichste Folter und den Schmerz dar, aber sie bringen auch den Frieden der letzten Worte ins Bild: »In deine Hände empfehle ich meinen Geist. Es ist vollbracht.«

Jesus neigte sein Haupt und verschied. Er gab seinen Geist auf und übergibt den Geist dem Vater, so daß gerade aus diesen letzten

Worten der Friede des Gekreuzigten herausleuchtet. Die Kreuzbilder dürfen nie nur Bilder der Grausamkeit sein, sonst stellen sie das Geheimnis Christi nicht vollständig dar. Wenn sie nur noch

die Verhöhnung des Menschen zeigen, werden sie gleichsam selbst

wieder zu einer Verspottung.

Von der Auferstehung

Die Auferstehung galt binnen 24 Stunden in Jerusalem als Tatsache. Jeder in der Stadt war an diesem Morgen aufs äußerste gereizt.

Da war das Erdbeben, das zwei Tage zuvor den Tempel erschütterte, dann der dreistündige Sandsturm und weitere Beben. Als die 317

 

Frauen als erste ihre Geschichte vom leeren Grab überbrachten, wurde das noch als Geschwätz abgetan. Am Abend jedoch waren alle Zweifel zerstreut, zumindest bei den Jüngern. Jesus war zweien von ihnen auf dem Weg nach Emmaus begegnet und hatte

sich zu erkennen gegeben. Die Geschichte des Christentums als

die eines Glaubens hatte begonnen.

Wie schnell das Geschehen in der Stadt Jerusalem rezipiert worden ist, mag offenbleiben. Wir wissen aus dem Schluß des Matthäus-Evangeliums, daß auch nach der großen abschließenden Erscheinung Jesu auf einem Berg in Galiläa – der Gekreuzigte ist

auferstanden und sagt: »Mir ist alle Macht gegeben« – noch manche zweifeln. Die Auferstehungs-Botschaft ist immer wieder vom Zweifel begleitet und angefochten, auch wenn sie die siegreiche

Botschaft ist, die den Zweifel überwindet.

Christus ist aus dieser Welt und ihrem Leben herausgetreten in

eine neue Weise von Leiblichkeit, die nicht mehr den physikali-schen Gesetzen unterliegt. Sie gehört der Welt Gottes zu, von der aus er sich den Menschen zeigt und ihnen das Herz aufschließt,

damit sie ihn erkennen und berühren. Wir werden immer wieder

dazu eingeladen, ihn mit Thomas, dem »ungläubigen Apostel«,

anzurühren und die lebendige Gegenwart, mit der er sich in der

Geschichte immer neu zeigt, zu erkennen.

Und in der Tat ist es die Auferstehung, mit der etwas Neues in

die Welt hereineingebrochen ist und von der an Kirche sich bilden kann, die Gemeinschaft der an Christus Glaubenden, des neuen

Gottesvolkes.

Das Kreuz, das heiligste Zeichen des Alls, wie Guardini es nannte, ist das Zeichen der Christen geworden. Das Kreuz mit einem gemarterten Menschen – ein Symbol, das Anstoß erregt. Schon

Paulus mußte mahnen: Entleert das Kreuz nicht, linealisiert, hori-zontalisiert es nicht, macht nicht aus dem Plus Gottes das Minus der Welt.

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Es ist in der Tat eine unvergleichliche Geschichte. Genau jenes Kreuz, an dem nicht nur die Botschaft Jesu, sondern auch er

selbst, sein Fleisch und Blut, enden sollten, wurde ein Symbol der Erlösung, Symbol nicht des Todes, sondern eben des Lebens. »Das Holz des wahren Lebens«, so sang Andreas von Jerusalem. Ein

Paradox: Durch das Kreuz zum Heil.

Die frühen Kreuzesdarstellungen stellen den Gekreuzigten zugleich als den Auferstandenen, als König dar. Er wird mit offenen Augen gezeigt, um zu verdeutlichen, daß die Gottheit nicht gestorben ist, daß sie lebend bleibt und Leben gibt. Das Kreuz wird damit aus dem Schandmal der römischen Hinrichtung zu dem

Triumphzeichen des Menschensohnes, das uns nicht nur am Ende

der Tage erscheinen wird, sondern das uns jetzt schon erscheint,

indem er als der Sieger auf uns zugeht und uns holt. Mit ihm

brechen wir zum lebendigen Gott hin auf, im Leidenden wird der

Trost der stärkeren Liebe Gottes sichtbar.

So ist das Kreuz wirklich zu einem Erlösungszeichen geworden,

das Zeichen Jesu Christi, das Kürzel für ihn, durch das wir uns

zeichenhaft mit ihm verbinden.

Für seine Anhängerschaft in Jerusalem muß es ein Schock gewesen sein: Der Messias, der Blinde sehend und Tote lebendig machen

konnte, ließ sich plötzlich erniedrigen, beleidigen und von den Schergen der Macht ans Kreuz schlagen. Das absolut Unerklärliche: Warum sollte Gott leiden und sterben müssen, um seine eigene Kreatur zu erlösen?

Es ist das Geheimnis Gottes, daß er nicht als jemand in die Welt

hereintritt, der durch Macht die gerechte Gesellschaftsordnung

aufrichtet. Er ist dazu herabgestiegen, um für uns und mit uns zu leiden.

Wir werden dieses Geheimnis letztlich nie ganz verstehen können.

Und trotzdem, es ist das Positivste, das uns über Gott gesagt ist: 319

 

Gott regiert nicht einfach mit Macht. Gott übt seine Macht anders aus, als es menschliche Machthaber tun. Seine Macht ist die des

Mitliebens und des Mitleidens, und das wirkliche Antlitz Gottes

zeigt sich gerade im Leiden. Gott trägt die Ungerechtigkeit der

Welt im Leiden mit, so daß wir gerade in den dunklen Stunden

uns Gott am allernächsten wissen dürfen.

Gott wird klein, damit wir ihn fassen können. Damit wir Menschen dem Prinzip Hochmut und dem Prinzip Selbstvergottung das Gegenprinzip entgegengehalten bekommen. Er kommt als

jemand, der an unser Herz rührt.

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