13 Von der Mutter Gottes

Die Geschichte unserer Zeitrechnung begann im Grunde mit einer Frau. »Und der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft«,

berichtet das Evangelium. Sie war ein Mädchen aus dem namen-losen Städtchen Nazaret, und sie wußte offensichtlich nicht, wie ihr geschah.

Die Größe dieses Vorgangs ist erst im Laufe der Geschichte erkannt worden. Zunächst ist da die Begegnung mit dem Engel, in der Maria mit dieser außergewöhnlichen Botschaft gleichsam

überfallen wird: sie habe Gnade gefunden vor Gott, sie sei dazu

ausersehen, die Mutter des Sohnes zu sein. Für Maria muß das ein

ungeheurer Augenblick gewesen sein.

Ein Mensch als Mutter Gottes!

Das ist in der Tat das große Paradox. Gott wird klein. Er wird

Mensch, er nimmt damit auch die Bedingung des menschlichen

Empfangen-und Geborenwerdens an. Er hat eine Mutter und

ist auf diese Weise wirklich in den Teppich unserer Geschichte

hineinverwoben, so daß tatsächlich eine Frau zu dem, der ihr Kind ist, der ein Menschenkind ist, sagen kann: In dir ist der Herr der Welt.

Um den Ausdruck Gottesmutter wurde lange Zeit heftig gestritten.

Es gab die Gruppe der Nestorianer, die sagte, sie hat natürlich

nicht Gott geboren, sie hat den Menschen Jesus geboren. Sie kann

demnach zwar Christi Mutter, aber nicht Gottesmutter heißen. Es

ging im Grunde um die Frage, wie tief die Einung zwischen Gott

und Mensch in diesem Menschen Jesus Christus ist, ob sie so groß

ist, daß man sagen kann, ja, der, der geboren ist, ist Gott, und so ist sie Gottes Mutter. Sie ist es natürlich nicht in dem Sinn, als ob 275

 

sie Gott hervorgebracht hätte. Aber sie ist es in dem Sinn, daß

sie Mutter jenes Menschen war, der ganz mit Gott geeint ist. Auf

diese Weise ist sie in eine ganz einzigartige Vereinigung mit Gott getreten.

Maria wird verehrt als die Königin des Himmels , das Urbild der Kirche oder auch als die Mutter der Barmherzigkeit . Die Strahl-kraft dieser Madonna, die immer wieder Millionen von Menschen in Bewegung setzt, ist mit gewöhnlichen Maßstäben nicht zu messen.

In der Geschichte wurde dieser Vorgang immer mehr auch als der

Ruhm der Frau verstanden. In Maria ist das urbildliche Wesen der

Frau ausgedrückt, die reine Gestalt der Menschheit und der Kirche.

Und während Eva, die erste Frau überhaupt, die »Urmutter«, wie

man sie heute nennt, und die Mutter alles Lebendigen, im Grunde

zum Tod gebiert, dann wird nun Maria, indem sie den Retter gebiert, der aufersteht und der das Leben bringt, wirklich zur reinen Erfüllung dessen, was mit dem Wort Eva, mit der Verheißung

der Frau und ihrer Fruchtbarkeit, gemeint ist. Sie wird Mutter

dessen, der das Leben ist und Leben gibt, Mutter des Lebens und

der Lebendigen.

Ave Maria

Der Gruß des Engels an Maria ist zu einem Grundgebet der katholischen Kirche geworden. Einige der größten Genies der Menschheit, Mozart, Rossini und andere, haben das Ave Maria in Musik gefaßt: »Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade! Der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen. Und gebenedeit

ist die Frucht deines Leibes, Jesus.« Und der Engel sagt noch: »Fürchte dich nicht.« Und was sagt Maria darauf?

276

 

»Siehe, ich bin eine Magd des Herrn.« Ja, sie lernt diese Furchtlo-sigkeit. Denn das sehen wir die ganze Heilige Schrift hindurch, ob nun bei den Hirten oder auch bei den Jüngern: Wenn der Mensch

der Nähe Gottes gewahr wird, fürchtet er sich. Er erkennt seine Kleinheit und erschrickt vor der übergroßen Herrlichkeit und Heiligkeit Gottes, indem er einfach seine Inkommensurabilität

erkennt. Hier ergeht als eines der ersten Worte des Evangeliums

dieses »Fürchte dich nicht«. Dieser Gott kommt nicht, um uns

fürchten zu machen, sondern er wird in seiner Größe klein, legt

das Furchterregende ab, weil er kommt, um Heil zu bewirken.

Johannes Paul II. hat das Wort »Fürchtet euch nicht, habt keine

Angst vor Christus« in seiner ersten Ansprache als Papst aufgegriffen. Ich würde sagen, das ist nun wirklich etwas, das immer wieder durch die ganze Christenheit hindurchgehen soll. Wir brauchen uns vor diesem Gott nicht zu fürchten, als ob er uns etwas wegnehmen, uns bedrohen würde, denn von ihm her kommt ja

gerade jene Geborgenheit, die auch den Tod überwindet.

Was das Ave Maria angeht, das Gebet der Kirche, so ist es aus zwei Stücken zusammengefügt. Der eine Teil ist der Engelsgruß, der

andere das, was Elisabet beim Besuch Marias sagt: »Gebenedeit

ist die Frucht deines Leibes«, und Elisabet fügt noch hinzu: »Selig werden dich preisen alle Geschlechter«, womit sie auch noch die

Marien-Verehrung voraussagt. Das ist prophetisch im Heiligen

Geist gesagt. Mit anderen Worten: Die Christen werden Gott

gerade auch dadurch preisen, indem sie sich der Menschen freuen,

an denen er gezeigt hat, wie groß und wie gut er ist.

Was bedeutet Maria für Sie ganz persönlich?

Ausdruck der Nähe Gottes. Mit ihr wird die Menschwerdung erst

so richtig greifbar. Daß der Sohn Gottes eine menschliche Mutter

hat, und daß wir alle dieser Mutter anvertraut sind, ist schon sehr bewegend. Das Wort des Gekreuzigten, mit dem er Johannes Ma-277

 

ria als Mutter übergibt, geht weit über den Augenblick hinaus und reicht in die ganze Geschichte hinein. Mit dieser Übergabe eröffnet das Gebet zu Maria jedem Menschen einen besonderen Aspekt des

Vertrauens und der Nähe, und überhaupt der Beziehung zu Gott.

Ich persönlich war zunächst sehr stark durch die strenge Christo-zentrik der liturgischen Bewegung bestimmt, die durch den Dialog mit den protestantischen Freunden noch verstärkt wurde. Aber

immer haben mir über die liturgischen Marienfeste hinaus die

Maiandachten, der Oktoberrosenkranz, die Wallfahrtsorte – also

die marianische Volksfrömmigkeit – viel bedeutet. Und je älter ich werde, desto wichtiger und näher wird mir die Gottesmutter.

Maria kommt in den Evangelien nicht gerade häufig vor. Über

wichtige Passagen des Lebens Jesu taucht sie überhaupt nicht auf, und wenn, dann nicht unbedingt als positive Erscheinung und

geliebte Mutter.

Es ist richtig, in der Evangelien-Tradition steht Maria sehr am

Rande. Bei Matthäus spielt die Mutter fast keine Rolle, die Kindheitsgeschichte Jesu ist dort mehr von Josef her geschrieben. Offenbar hat man, würde ich jetzt einmal sagen, so lange sie selber lebte, die Diskretion gewahrt. Und auch sie selber ist offenbar in der Diskretion verblieben.

Jesus baut eine neue Familie, und wo die Frau gepriesen wird, die ihn getragen und deren Brüste ihn genährt haben, korrigiert er das bisherige Bild einer Familienbeziehung. Was ihm hier wichtig ist, sagt er so: »Selig sind, die das Wort Gottes hören und es befolgen.«

Das ist die neue Familiarität und Mütterlichkeit. Er beschreibt sie so: Wer meinen Willen tut, wird mir Bruder, Mutter, Schwester.

Insofern ist also dieser Ausbruch aus dem bloß Menschlich-Familiären in die neu aufzubauende große Familie der Gemeinschaft mit dem Willen Gottes wesentlich. Lukas, der uns diese Zurecht-weisung berichtet, hat das Wort allerdings auch literarisch mit 278

 

der Kindheitsgeschichte, mit dieser Elisabet-Begegnung verknotet.

Maria erscheint darin als Mutter, die nicht nur das Leibliche verkörpert, sondern die ganz auch die Hörende, die Glaubende, die in der Gottesgemeinschaft Stehende ist. Sie ist es nach dem Lukas-Evangelium, die exemplarisch das Wort hört und bewahrt.

Anderen Frauen gegenüber zeigt sich Jesus gefühlsbetont und

nahe. Seine Mutter dagegen wird von ihm oft barsch zurechtge-wiesen. Bei der Hochzeit von Kana zum Beispiel, als sie verlangt, er solle etwas tun, damit der Wein für die Gäste nicht ausgeht, herrscht er sie an: »Weib, was ist mir und dir!« Hat er wirklich seine Mutter so hart behandelt? Hat er sich von ihr zeitweise

vielleicht sogar losgesagt?

Sie spielen damit auf eine Stelle im Johannes-Evangelium an. Der

heilige Johannes hat eine ganz spezifische Marialogie. In seinem

relativ späten Evangelium wird die Rolle der Mutter schon sehr

viel deutlicher ausgearbeitet als etwa bei Matthäus. Johannes

gebraucht zum Beispiel, wo immer Jesus Maria anredet, das Wort

»Frau« (früher hat man »Weib« übersetzt). Wir können darin auch

eine theologische Figur erkennen. Denn wenn nun Maria einfach

als gynae, als »die Frau« angesprochen wird, wenn sie von Kana bis zum Kreuz auch in eine über-individuelle Rolle hineintritt,

scheint bereits das Bild der neuen Eva durch. Man muß eben

erneut die vielen Szenen in ihrem Zusammenhang lesen, in diesem

Falle die Kreuzes-Szene mit der Kana-Szene, um zu sehen, daß

Jesus zuerst aus seiner Familie heraustritt, bis in seiner Stunde –am Kreuz – die neue Familie anfängt, in der Maria einen neuen

wesentlichen Platz einnimmt.

Aber auch in Kana ist dieses scheinbar harsche Wort, das zunächst wie eine Zurückweisung erscheint, sehr vielschichtig. Jesus sagt

damit, er sei einfach an die Stunde gebunden. Er kann nicht sozusagen zuerst den familiären Bedürfnissen nachkommen. Zum 279

 

zweiten wirkt er aber dann doch das Wunder und antizipiert sozusagen seine Stunde auf diese Fürbitte hin. Indem Maria zunächst abgewiesen wird, wird sie nur auf ihren Platz zurückgeführt –und erscheint nun zugleich schon als die Frau schlechthin, als

das Urbild der bittenden Kirche, die dann wie Maria selbst die

Antizipation seiner Stunde erbitten kann. Das ist also ein sehr tiefsinniger Text, über den man noch viel denken und sagen könnte.

Um kurz einmal von dieser theologischen Hochebene herabzustei-gen, möchte ich gerne eine kleine Begegnung einflechten, die mir etwas von diesem Bild Mariens vermittelt hat. Ich kann mich gut an einen Besuch im Wallfahrtsort Altötting in Bayern erinnern.

Es war kalt, und ich ging über den großen Platz in die berühmte Gnadenkapelle. Der kleine Raum, war überfüllt. Überall brannten Kerzen, und es war ein wenig düster. In der Kapelle waren fast ausschließlich Frauen. Sie beteten gemeinsam, und natürlich sangen sie auch ihre süßen Marienlieder, Salve Regina, mater mi-sericordiae, sei gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit.

Zuerst ist man ein wenig fremd und distanziert, aber es waren sehr zärtliche Gesänge: »Zu dir seufzen wir trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen.« Und merkwürdig, ich konnte die Frauen

plötzlich ganz gut verstehen. Das klang auf eine eigene Art sehr wahr, sehr schön, und es hatte den Schlüssel, einen wirklich im Herzen zu rühren und Gefühle des Glücks freizusetzen. Hier war so etwas wie eine heilende Kraft aus uralten Gebets-und Segens-formeln zu spüren. Du bist nicht alleine, sagten diese schönen Gefühle. Da ist jemand mit dir, der dich kennt. Er mag dich. Er versteht dich. Und wenn es wirklich hart auf hart kommt, steht er dir zuverlässig auch zur Seite.

Na ja, ich hatte das Gefühl, da ist eine Sprache, die den Menschen nicht nur unmittelbar an seinen schwachen Stellen trifft, sondern sie zugleich auch, wie man so sagt, salbt. Und vielleicht zeigt sich in der Marienverehrung auch eine Gegenwehr zu einer kirchlichen 280

 

Entwicklung, die sich der Heiligkeit des Glaubens und seiner

Mystik ein großes Stück entledigen will oder bereits entledigt hat.

Ist das quasi eine Art frommes Aufbegehren der einfachen Leute gegen die Religion der Professoren?

Das kann man, glaube ich, schon sagen. Die Gestalt Marias hat

das Herz der Menschen in besonderer Weise berührt. Das Herz

der Frauen einerseits, die sich darin verstanden und Maria ganz

nahe fühlen, aber auch das Herz der Männer, die den Sinn für die

Mutter und für die Jungfrau nicht verloren haben. Die Marialogie

hat die Herztöne der Christenheit hervorgebracht. Hier können

Menschen Christentum unmittelbar als Religion des Vertrauens,

der Zuversicht erleben. Und diese ganz urtümlichen, einfachen

Gebete, die in der Volksfrömmigkeit gewachsen sind und nie an

Frische und Gegenwärtigkeit verloren haben, halten sie in ihrem

Glauben, weil sie hier durch die Mutter Gott so nah finden, daß

die Religion nicht mehr Last, sondern Vertrauen und Hilfe ist, um das Leben zu bewältigen. Und denken wir auch an all die anderen

Gebete – »Mutter du Gütigste, steh mir bei« – , wo so viel an

Vertrauen mitklingt.

In der Tat gibt es auf der anderen Seite eine Art Purismus des

Christentums, eine Rationalisierung, die ein wenig frieren machen kann. Natürlich muß das Gefühl – das sollten wir den Professoren

als ihre Aufgabe zuerkennen – immer wieder auch kontrolliert und

gereinigt werden. Es darf nicht in bloße Sentimentalität ausarten, die den Boden der Realität unter den Füßen verliert, die die Größe Gottes nicht mehr erkennen kann. Aber wir erleben seit der Zeit

der Aufklärung – und wir sind heute wiederum in einer neuen Aufklärung begriffen – einen so massiven Trend zur Rationalisierung und zur Puritanisierung, wenn ich es so ausdrücken darf, daß das

Herz der Menschen sich dieser Entwicklung entgegensetzt und

sich an der Mariologie festhält.

281

 

»Nichtkatholiken sind gewöhnt, die Verehrung Mariens für eine

Beeinträchtigung Jesu zu halten«, schrieb der große englische

Kardinal John Henry Newman. Und auch heute glauben Skeptiker,

eine ausufernde Marienverehrung verdränge den eigentlichen Kern des Christentums, nämlich die Botschaft Christi selbst.

Wir dürfen eines nicht vergessen: Was in den Missionen die Menschen stets getroffen hat und ihnen Christus zugänglich machte, war die Mutter. Das gilt in besonderer Weise für Südamerika. Hier war das Christentum durch das Schwert der Spanier zum Teil

unter fatalen Vorzeichen angekommen. In Mexiko war mit der

Mission zunächst überhaupt nichts auszurichten – bis dieses Ereignis von Guadeloupe eintritt, und über die Mutter plötzlich dann auch der Sohn nahe wird.

Es war der bemerkenswerte Fund eines Madonnenbildes. Man

kann sagen, daß er eine absolute Wende brachte, ohne die die

Christianisierung des Kontinents unvorstellbar gewesen wäre.

Ja, und plötzlich zeigt die christliche Religion nicht mehr das

grausame Gesicht der Eroberer, sondern das gütige Gesicht der

Mutter.

In Südamerika wirken bis heute diese zwei Brennpunkte der Volksfrömmigkeit: zum einen die Liebe zur Muttergottes, zum anderen die Identifizierung mit dem leidenden Christus. In diesen beiden

Gestalten, in denen Glaube sich selber ausdrückt, haben die Menschen verstehen können, daß dies nicht ein Gott der Eroberer, sondern der wirkliche Gott ist, der auch ihr Erlöser ist. Deswegen ist speziell den Katholiken in Lateinamerika Maria so teuer.

Und wir sollten ihnen nicht aus unserer rationaleren Perspektive

vorwerfen, daß sie damit das Christentum verfälscht haben. Gerade an der Stelle haben sie es richtig erkannt. Sie haben nämlich das wirkliche Antlitz des Gottes gesehen, der uns retten will, der 282

 

nicht auf der Seite der Zerstörer steht. Damit konnten sie aus eigenem Sehen und Verstehen Christen werden, ohne diese Botschaft sozusagen als eine Kolonialreligion ertragen zu müssen.

Die Protestanten scheinen Maria längst aus ihrem Glauben verdrängt zu haben. Sie hat da keine Heimat mehr, auch wenn Luther selbst seine Marienverehrung nie aufgegeben hat. Für die katholische Kirche ist der Mythos Maria weder Hokuspokus noch eine Nebensächlichkeit. Er gehört nachgerade zu den Essentials des

Glaubens. Seine Geheimnisse werden sogar als Dogma mit dem

Siegel der unverbrüchlichen Wahrheit verbürgt.

Noch einmal zum Wort Mythos: Wenn Mythos sagen will, daß

hier eine über das Faktische hinausreichende Geschichte da ist,

dann kann man das Wort anwenden. Wichtig ist allerdings, daß

wir es hier nicht mit Erfindung, sondern mit realer Geschichte zu tun haben.

Eine Bemerkung zu den Protestanten: Es ist richtig, daß sich dort eine puritanisierende Tendenz durchgesetzt hat. Man fürchtete

zunächst, Maria könnte Christus etwas wegnehmen. Im Verlaufe

der Entwicklung gelangt das »solus Christus« (Christus allein)

zu einer derartigen Radikalität, daß man glaubte, es bestehe ein

Konkurrenzverhältnis zwischen beiden, anstatt zu erkennen – wie

wir es gerade am Beispiel Südamerikas gesehen haben – , daß im

Gesicht der Mutter das Gesicht Christi selber erscheint und mit

seiner wirklichen Aussage deutlich wird.

Es gibt heute bei den Protestanten wieder schüchterne Versuche,

die Gestalt Marias zurückzugewinnen. Man hat gemerkt, daß die

totale Ausstreichung des weiblichen Elements aus der christlichen Botschaft ja auch eine anthropologische Verkürzung darstellt. Es

ist theologisch und anthropologisch wichtig, daß in der Mitte des Christentums die Frau steht. Durch Maria und die heiligen Frauen

gehört das Weibliche ins Herz der christlichen Religion. Dieses

283

 

bedeutet auch keine Konkurrenz zu Christus. Christus und Maria

in einem Konkurrenzverhältnis zu denken, geht am wesentlichen

Unterschied beider Gestalten vorbei. Christus gibt dem Johannes

und so uns allen die Mutter. Das ist nicht Konkurrenz, sondern

eine tiefere Art der Nähe. Zum christlichen Menschenbild gehört

die Mutter und Jungfrau wesentlich dazu.

Von den Dogmen

Viele haben, was Maria angeht, geradezu eine Blockade, eine Pho-bie, die oft in Spott gekleidet wird. Betrachten wir kurz einige Dogmen, um das Bild von Maria besser verstehen zu können. Beginnen wir mit dem umstrittensten, dem provozierendsten Dogma von allen, dem Dogma von der immerwährenden Jungfräulichkeit aus dem Jahre 553. Ist das eine biologische Geschichte? Oder

bedeutet es etwas anderes?

Wir haben bei der Frage nach den Geschwistern Jesu bereits kurz

darüber gesprochen, daß aus den Evangelien keineswegs hervor-geht, daß Christus echte Geschwister hatte und Maria nach ihm noch mal Mutter geworden sei. Im Gegenteil, die Besonderheit

und Einzigkeit des Sohnesverhältnisses ist so klar, daß man den

Begriff der Geschwister nur im Rahmen des Clan-Denkens richtig

interpretieren kann. Maria war ihm zugeeignet und konnte dann gar niemand anderem gehören.

Warum nicht?

Zumal deshalb, weil diese Geburt auch nicht durch die Beziehung

zu einem Mann, sondern durch ein Eingreifen Gottes selbst geschehen war. Wenn man heute sagt, na ja, hier könne es doch nicht 284

 

um Biologisches gehen und damit das Biologische als etwas Gott-unwürdiges beiseite schiebt, dann betreibt man auch ein Stück Manichäismus.

Der Mensch ist eben auch Biologie. Und wenn er nicht auch körperlich, biologisch mit einbezogen ist, dann ist die Materie irgendwie verachtet und weggeschoben, dann ist die Menschwerdung letztlich eine Scheinangelegenheit. Deswegen wehre ich mich gegen dieses Schlagwort. Es geht um den ganzen Menschen – das ist die Antwort darauf. Gott hat auch das Leben, auch das physische,

biologische, materielle Leben in seine Hand genommen und darin

ein Zeichen gesetzt.

Die Kirchenväter haben da ein schönes Bild gefunden, scheint mir.

Bei Ezechiel, im 40. Kapitel, ist eine Vision des neuen Tempels

gegeben, in der von einer »Ostpforte« die Rede ist, durch die allein der König eintreten darf. Die Väter haben darin ein Bild gesehen.

Sie gehen zunächst davon aus, daß der neue Tempel ein lebendiger

Tempel ist: die lebendige Kirche. Die Pforte, durch die er eingetreten ist, durch die niemand anders eintreten darf – wer oder was ist das, wenn nicht die Mutter Maria? Sie, die Gottgeborene,

kann dann nicht noch einmal ins Gewöhnliche heruntertreten. Sie

bleibt in dieser Vorbehaltenheit der Pforte, die nur dem König

gehört. Und die gerade damit die eigentliche Tür in der Geschichte geworden ist, durch die der eintritt, auf den alles wartet.

Es bleibt dabei: Jungfrauengeburt ist Jungfrauengeburt?

Ja.

Was soll mit dem Dogma von der Unbefleckten Empfängnis von 1854 ausgesagt werden?

Der Hintergrund hierfür ist die Erbsündenlehre. Sie besagt, daß

jeder Mensch zunächst aus einem sündigen Zusammenhang her-vorkommt – »relationsgestört« hatten wir das genannt – , und 285

 

insofern auch von Anfang an mit einer Störung im Verhältnis zu

Gott behaftet ist. Im Laufe der Entwicklung entfaltete sich in der Christenheit die Idee, daß diejenige, die von Anfang an als die

Pforte Gottes da ist, die ihm in einer besonderen Weise zugedacht war, ja wohl nicht in diesen Zusammenhang hineingehören könne.

Im Mittelalter gab es hierüber eine große Streitfrage. Auf der

einen Seite standen die Dominikaner. Sie sagten, nein, Maria ist

ein Mensch wie alle anderen auch, also ist sie auch erbsündig. Auf der anderen Seite standen die Franziskaner, die die gegenteilige

Position vertraten. Kurz und gut, in diesem langen Disput hat

sich langsam die Einsicht herausgebildet, daß die Zugehörigkeit

Mariens zu Christus stärker ist als ihre Zugehörigkeit zu Adam.

Und weiter: daß diese ihre Bestimmung auf Christus hin bereits im voraus – denn Gott geht uns ja voraus, und die Gedanken Gottes

gestalten uns von Anfang an – das eigentlich Kennzeichnende

ihres Lebens war. Maria kann, da in ihr der neue Anfang beginnt,

insofern gar nicht in diesen Sündenzusammenhang hineingehören:

Ihre Relation zu Gott ist nicht gestört, sie steht von Anfang an

auf besondere Weise im Blick Gottes, der auf sie »geschaut hat«

(Magnificat) und sie auf sich hin schauen ließ.

Mehr noch, ihre ganz spezifische Zugehörigkeit zu Christus bringt auch mit sich, daß sie ganz in der Gnade steht. Das zunächst so

einfach erscheinende Engelswort, »du Gnadenvolle«, darf dann so

gedeutet werden, daß es grundlegend ihren ganzen Lebensbogen

umfaßt. Es spricht damit schlußendlich ja nicht einfach nur ein

Privileg für Maria aus, sondern eine Hoffnung, die uns alle angeht.

Um es noch provozierender zu machen: Was soll uns das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel sagen? Es

wurde erst spät, im Jahre 1950, festgelegt. Seltsamerweise gibt es tatsächlich von Anfang an weder ein Grab noch irgendwelche

Reliquien Mariens.

286

 

Dieses Dogma fällt uns natürlich allen besonders schwer, weil wir uns unter Himmel nichts vorstellen können. Und schon gar nicht,

daß hier eine Art von Leib plaziert sein könnte. So gesehen bietet dieses Dogma eine große Aufgabe an unser Verstehen dessen an,

was Himmel, was Leib heißt. An das Verstehen des Menschen und

seiner Zukunft überhaupt …

Und wie lösen Sie persönlich diese Aufgabe?

Mir hilft hierbei die Tauftheologie, die der hl. Paulus entfaltet hat, wo er sagt: »Gott hat uns mit Jesus mit auferweckt und uns in

Christus Jesus im himmlischen Bereich mit sitzen lassen« (Eph

2,6). Das heißt, als Getaufte haben wir unsere Zukunft schon

vorweggenommen.

Das Dogma besagt also nur, daß in Maria das, was Taufe an

uns allen wirkt, nämlich das Wohnen (»Sitz haben«) mit Gott

»im Himmel« (Gott ist der Himmel!) bei Maria voll eingelöst ist.

Die Taufe (das Mitsein mit Christus) ist zu ihrer vollen Wirkung

gekommen. Bei uns ist dieses Mitsein mit Christus, das Auferstan-densein, noch brüchig, sehr unfähig. Bei ihr nicht. Nichts fehlt mehr. Sie ist in die volle Gemeinschaft mit Christus eingegangen.

Und zu dieser Gemeinschaft gehört dann auch eine neue Leiblichkeit, die wir uns nicht vorstellen können.

Kurz gesagt: Das Wesentliche an diesem Dogma ist, daß Maria

ganz bei Gott, ganz bei Christus, ganz »Christin« ist.

Mittlerweile fordern mehr als eine Million Menschen, Maria solle von der katholischen Kirche zur »Miterlöserin« erhoben werden.

Wird man diesem Begehren nachgeben – oder ist das ein Irrglau-be?

Ich glaube nicht, daß man diesem Begehren, das inzwischen sogar

von mehreren Millionen getragen wird, in absehbarer Zeit folgt.

Die Antwort der Glaubenskongregation darauf lautet, daß das,

287

 

was damit gemeint ist, in anderen Titeln Marias schon auf bessere Weise ausgesagt ist, während die Formel »Miterlöserin« sich von

der Sprache der Schrift und der Väter zu weit entfernt und daher

Mißverständnisse hervorruft.

Was ist richtig daran? Nun, richtig ist, daß Christus nicht außerhalb von uns oder neben uns stehenbleibt, sondern mit uns eine tiefe, neue Gemeinschaft bildet. Alles, was sein ist, wird unser, und alles, was unser ist, hat er angenommen, so daß es sein wurde:

Dieser große Austausch ist der eigentliche Inhalt der Erlösung, die Entschränkung unseres Ich und das Hineinreichen in die Gemeinschaft mit Gott. Weil Maria die Kirche als solche vorwegnimmt und sozusagen Kirche in Person ist, ist dieses »Mit« in ihr exemplarisch verwirklicht. Aber über diesem »Mit« darf man nicht das »Zuerst« Christi vergessen: Alles kommt von ihm, wie es besonders der Epheser-und der Kolosserbrief sagen; auch Maria ist alles, was sie ist, durch ihn.

Das Wort »Miterlöserin« würde diesen Ursprung verdunkeln. Eine

richtige Intention drückt sich in einem falschen Wort aus. Für die Dinge des Glaubens ist gerade die Kontinuität mit der Sprache

der Schrift und der Väter wesentlich; die Sprache ist nicht beliebig manipulierbar.

Von den Wundern

Niemand wird in der Kirche so verehrt wie die Gottesmutter;

durch ungezählte Kirchen und Altäre, Lieder und Litaneien, Marienfeste und Pilgerfeiern. Die Tausende von Marien-Wallfahrtsorten wirken dabei wie ein eigenes Netz aus Nervenzellen, das sich über den ganzen Erdball legt.

Und niemand vollbringt angeblich so viele Wunder wie Maria.

Die Erscheinungsstätten sind voll von Zeugnissen und Dokumenten unerklärlicher Ereignisse. Bernhard von Clairvaux etwa 288

 

schreibt Maria eine unglaubliche Kraft zu: »Bitte sie, und du bist nie ohne Hoffnung«, sagt er. Herr Kardinal, sind all die Wunder Wirklichkeit?

Nun, das können wir im einzelnen nicht nachkontrollieren. Oft

wird es sich um wunderbare Fügungen handeln, die wir vielleicht

nicht als Wunder im strengen Sinn charakterisieren sollten. Alle

diese Dinge sind jedenfalls Ausdruck des besonderen Vertrauens,

das die Menschen zu Maria gefaßt haben. Durch Maria sieht

sie das Antlitz Gottes und Christi so an, daß sie Gott verstehen

können.

Wir stehen mit dem Bereich von Fakten, die Sie aufgezählt haben,

noch einmal vor dem Punkt, daß an der Mutter das Geheimnis

des Sohnes und das Geheimnis Gottes den Menschen in besonderer Weise zugänglich wird. Darin liegt der Grund für das ganz besondere Vertrauen zu ihr.

Maria ist die offene Tür zu Gott hin. Man kann im Reden mit

ihr jene Unbefangenheit haben, man kann mit jenem kindlichen

Betteln und Vertrauen kommen, das die Menschen Christus selbst

gegenüber oft nicht wagen. Es ist die Sprache des Herzens. Daß sie sich in diesem Netz von Wallfahrtsorten ausdrückt, zeigt doppelt, wie hier das Herz des Menschen getroffen worden ist. Da ist der

Glaube, von dem uns Christus sagt, er versetzt Berge.

Inwieweit dann im streng technischen Sinn wirklich Wunder geschehen, ist eine zweite Frage. Wichtig ist, daß großes Vertrauen vorhanden ist, und daß dieses Vertrauen auch Antwort findet.

In diesem Vertrauen wird der Glaube so lebendig, daß er bis ins

Physische, ins Alltägliche hereinreicht und darin die gütige Hand Gottes durch die Macht der Güte dieser Mutter real werden läßt.

Nehmen wir Fatima: Papst Johannes Paul II. hat die Seherkinder von Fatima am 13. Mai 2000 seliggesprochen. Er selbst spricht sein Überleben nach dem Attentat auf dem Petersplatz

289

 

vom 13. Mai 1981 einem Wunder der Muttergottes von Fatima

zu. Und er sagt sogar, diese Begegnung habe sein ganzes Pontifikat maßgeblich geprägt.

Was ist passiert? Um die Mittagszeit des 13. Mai 1917 hatten drei Hirtenkinder – Lucia (10) und die Geschwister Jacinta (7) und

Francisco (9) – in dem bis dahin völlig unbekannten portugie-sischen Dorf ein merkwürdiges Erlebnis. Über einer Steineiche sei ein helles Licht gewesen, erzählten sie, das eine »wunderschöne Frau« umstrahlte. »Habt keine Angst«, habe sie gesagt, sie

verkünde eine Botschaft, die den Menschen Frieden bringen soll.

Zunächst wurden die Kinder für diese Geschichte verhöhnt und

verspottet. Am 13. Oktober desselben Jahres allerdings versam-melten sich rund 70.000 Menschen, um als Augenzeugen die Echtheit dieser Botschaften zu überprüfen.

Den Berichten zufolge begann das Spektakel um die Mittagsstun-de. Schlagartig hatte es aufgehört zu regnen. Die Wolken rissen auf, und mit einem Male begann sich die Sonne mit ungeheurer

Geschwindigkeit wie ein Feuerrad um sich selbst zu drehen. Bäu-me und Menschen wurden plötzlich in ein phantastisches Licht getaucht. Die Menge brach in einen Schreckensschrei aus. Denn

für einen kurzen Moment schien es, als würde sich diese Sonne

auf sie herabstürzen.

Was an jenem 13. Oktober rein naturwissenschaftlich betrachtet

geschehen oder nicht geschehen ist, können wir nicht kontrollieren. Wichtig ist, daß die Menschen von der Einzigartigkeit des Augenblicks sichtbar berührt wurden. Sie haben wahrnehmen

können, da ist etwas. Und irgendwie ist ihnen die Sonne zum

Zeichen geworden für das Geheimnis, das dahinter steht.

Die Apokalypse spricht von der Frau, die mit der Sonne bekleidet

ist und die auf dem Mond steht. Damit ist zunächst das Volk Gottes im ganzen Alten und Neuen Bund, aber doch in besonderer Weise auch Maria gemeint. Die Sonne, in die sie gekleidet ist, ver-290

 

weist auf Christus als das eigentliche Licht der Welt. Darin kommt also ihre radikale Verbundenheit mit Christus zum Ausdruck. Den

Mond – Bild der Vergänglichkeit – hat sie zu ihren Füßen gelassen.

In diesem Bild wird zunächst eine Größe sichtbar, die erschrecken kann, aber dann eben doch eine tröstende Macht wird. Und die

Menschen, die nach Fatima oder nach Lourdes oder Guadeloupe

pilgern, erfahren sowohl diese Größe, als auch das Tröstende und

Heilende, das davon ausgeht.

Ich glaube, wir können nicht über Fatima sprechen, ohne das

berühmte »Geheimnis von Fatima« zu berühren. Es geht darin

um jene Botschaften, die von den Seherkindern 1917 empfangen

wurden. Das erste »Geheimnis« ist der Blick in die Hölle (»Ihr habt die Hölle gesehen, auf welche viele arme Sünder zugehen«).

Das zweite ist eine Vorhersage über das Ende des Ersten Weltkrieges, dem allerdings (»wenn man nicht aufhört, den Herrn zu beleidigen«) ein neuer, »noch schlimmerer« Krieg folgen würde.

Inbegriffen ist darin auch eine Vorhersage der Bekehrung Rußlands. Aber erst Johannes Paul II. hatte diese Bekehrung in einer Widmung Mariens ausgesprochen; ein Jahr später leitete Gorba-tschow seine Perestroika ein, zehn Jahre später fiel der Eiserne Vorhang.

Über das dritte Geheimnis gab es jahrzehntelang nur Spekulationen, etwa in der Hinsicht, darin würde die Apokalypse oder zumindest der Untergang der Kirche vorhergesagt. Diese Botschaft, hieß es, sei nur jeweils für den Papst persönlich bestimmt, sie werde deshalb nicht veröffentlicht. Bei seinem dritten Besuch in Fatima hat nun der Papst selbst dieses Geheimnis gelüftet. Kardinal Sodano hat dabei im Auftrag des Papstes kurz den Inhalt des Geheimnisses skizziert und erklärt, die von den Seherkindern empfangene Vision, daß »ein weiß gekleideter Bischof, von Schüssen getroffen, offenbar tot zu Boden fällt«, sei eine Vorhersage des Attentats auf Papst Johannes Paul II. gewesen.

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Die Botschaft von Fatima ist im Grunde nicht sehr kompliziert, im Gegenteil. Von den drei Seherkindern wurde sie so formuliert: »Ich bin die Liebe Frau vom Rosenkranz! … Ich bin gekommen, damit sich die Menschen bessern. Sie sollen doch aufhören, den Herrn zu beleidigen.«

In der Tat, die Botschaft selber ist ganz einfach. Und Lucia, die einzige Überlebende von den Seherkindern, hat immer mehr auf

diese Einfachheit Wert gelegt und gesagt, achtet doch nicht auf all die anderen Sachen, die berichtet werden, eigentlich geht es nur

um Glaube, Hoffnung und Liebe. Auch ich durfte kurz mit ihr

sprechen. Da hat sie das sehr nachdrücklich gesagt: Erzählen Sie

das den Menschen!

Sie meinte, die Engel, die wir zunächst gesehen haben, haben

uns eingeübt in Glaube, Hoffnung und Liebe, und der Inhalt der

ganzen Botschaft ist, daß wir dieses erlernen. Das will uns die

Muttergottes beibringen und uns damit zugleich reinigen und

bekehren. Buße ist eben diese innere Umkehr unserer Existenzhal-tung, das Heraustreten aus dem augenblicklichen Trend, der weg von Gott und nur zu sich selber führt. Buße ist das Umkehren, das Herausgehen aus sich, das Sichgeben, das dann Liebe ist, und das

wiederum Glaube zur Voraussetzung hat und Hoffnung schafft.

Ich glaube, daß all diese Marienerscheinungen, soweit sie authentisch sind, uns nicht irgend etwas neben das Evangelium hinstellen.

Sie halten keine Befriedigungen für Neugierige bereit, Sensationen oder dergleichen, sondern sie bringen uns wieder auf das Einfache und Wesentliche zurück, das wir so leicht zu übersehen geneigt

sind. Gerade heute, mit der Komplexität all unsrer Probleme, wird uns das Christentum oft so kompliziert, daß wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Es geht darum, zu der einfachen Mitte hingeführt zu werden, nicht zu irgendwas anderem, sondern zum Wesentlichen, zur Bekehrung, zu Glaube, Hoffnung und Liebe.

292

 

Inzwischen hat die Glaubenskongregation in einer Pressekonfe-renz am 26. Juni 2000 den vollen Text des sogenannten dritten Geheimnisses von Fatima der Presse vorgestellt. Gleichzeitig wurde eine von der Kongregation verantwortete Broschüre in den großen Weltsprachen ausgeliefert, in welcher der von Schwester

Lucia mit Hand geschriebene Text im Faksimile wiedergegeben

ist, so daß es über die Authentizität md Vollständigkeit dieses

Textes keine vernünftige Diskussion mehr geben kann. In dieser

Broschüre ist sowohl der Ablauf der Visionen wie die Abfolge der

Niederschriften darüber durch Schwester Lucia und das Geschick

der Niederschrift des dritten Geheimnisses sorgsam dargestellt.

Des weiteren ist die von Ihnen erwähnte Ansprache von Kardinal

Sodano wiedergegeben; ich selbst habe einen Versuch der Auslegung des Textes beigesteuert. Da diese Broschüre für jedermann zugänglich ist, darf ich mich hier kurz fassen.

Die Vision zeigt den mühsamen Weg eines weißgekleideten Bischofs (den die Seherkinder selbst als Papst identifizierten) auf eine von einem Kreuz gekrönte Bergeshöhe; der Weg führt durch

eine halb zerstörte Stadt. Bischöfe, Priester, Laien und schließlich auch der Papst werden getötet. Aber das Blut der Hingerichteten

wird von Engeln aufgefangen, und es wird fruchtbar für die Welt.

Man darf in dem Text eine geraffte und in symbolischen Bildern

vorgetragene Vision der Kirche der Märtyrer im 20. Jahrhundert

sehen; Professor Riccardi (der Vorsitzende der Gemeinschaft von

S. Egidio) hat inzwischen ein Buch über die Märtyrer unseres

Jahrhunderts unter den verschiedenen diktatorischen Regimen

vorgelegt, das auf eindrucksvolle Weise die Realität des hier in

Bildern Geschauten zeigt. Vom ganzen Duktus der drei Teile des

Geheimnisses her wird aber klar, daß der Ruf zur Buße zentral

ist und zugleich deutlich macht, daß die Geschichte nicht in einem unabwendbaren Determinismus verläuft, als ob ohnedies alles schon geschrieben und unveränderlich wäre, sondern eine

Freiheitsgeschichte bleibt: Die Buße kann die Vision ändern.

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Das ganze Geheimnis ist ein dramatischer Anruf an die Freiheit der Menschen, sich zu ändern und dadurch den Verlauf der Geschichte zu ändern; das hat dieser Text übrigens mit der Apokalypse gemeinsam. Wenn der Papst schließlich dem Tod entronnen ist,

darf man dies als Zeichen der Veränderbarkeit der Geschichte

durch das Gebet ansehen.

Machen wir noch einen kleinen Besuch in Lourdes. Das größte

Pilgerzentrum der Welt, größer noch als Mekka, liegt fast verträumt abseits in den französischen Pyrenäen. Achtzehnmal, so sagt man, ist die Heilige Maria im Jahre 1858 zwischen Februar und Juli dem Mädchen Bernadette erschienen, und immer größere

Menschenmengen konnten die Verklärung der einfachen Mül-lerstochter miterleben. »Die Dame trug ein weißes Kleid, einen weißen Schleier, einen blauen Gürtel und eine gelbe Rose auf dem Fuß«, berichtete Bernadette. Und an jener Stelle, an der sie damals auf Geheiß der Madonna mit den Händen eine kleine Quelle bloßlegte, sprudeln seither täglich 122.000 Liter wundertätiges Wasser aus dem Boden.

Der jüdische Schriftsteller Franz Werfel hat das Gelöbnis getan, falls er vor den Nazis gerettet werde, wolle er das Leben der

Bernadette in einem Roman verewigen, und er hat sich auch daran gehalten. Um Bernadette selbst war es bald wieder still geworden.

»Sehen Sie«, sagte sie vor ihrem Tod, »meine Geschichte ist ganz einfach. Die Jungfrau hat sich meiner bedient. Dann hat man mich in die Ecke gestellt. Das ist nun mein Platz, dort bin ich glücklich, dort bleibe ich.«

Die Geschichte von Lourdes ist für mich persönlich eine besonders anrührende Geschichte. Und sie ist auch mir, wie wohl vielen

anderen, durch Werfel wirklich sehr nahegekommen, der sie aus

einer tiefen inneren Beteiligung heraus erzählt hat. Auch wenn er in Solidarität zum jüdischen Volk nicht katholisch werden wollte, 294

 

so hat er doch ganz offensichtlich mit Bernadette Maria innerlich gesehen und ihr geglaubt und ihr vertraut.

Ich würde sagen, wir sollten da gar nicht viel herumdeuteln. Dieses einfache Mädchen, das aus Eigenem nichts mitbrachte als eine große innere Lauterkeit, durfte im Jahrhundert des Rationalismus, umgeben von einem sehr kruden und auch antiklerikalen Rationalismus, aber auch von einer skeptischen, mit Recht zunächst sehr vorsichtig agierenden kirchlichen Autorität, in dieses etwas kalte, zum Frieren neigende geistige Klima das Gesicht der Muttergottes

hineinstellen. Und im Zeichen des lebendigen, heilenden Wassers

demonstriert sie gleichsam das Zeichen Mariens für die rettende

Kraft der Schöpfung, die von ihr neu erweckt wird.

Daß nun ausgerechnet oder gerade dieser rationalistische Kontext, in dem die einfache Seele die sehende Seele wird, das Christentum wieder als eine Herzensreligion und als heilende Realität faßbar

macht, bleibt ein großes Zeichen. Und deswegen ist es ganz normal und etwas sehr Positives, daß dort Menschen immer wieder die

Berührung mit dem Christus-Geheimnis finden. Sie werden in

diesem heilenden Wasser neu auf das große heilende Wasser der

Taufe zurückverwiesen, das die eigentliche neue Quelle ist, die

Christus uns geschenkt hat.

Von der Barmherzigkeit

Es heißt im Evangelium: »Meine Brüder und Schwestern, was

nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke. Kann etwa der Glaube ihn retten?« Bei Matthäus steht

geschrieben, der Menschensohn werde in seiner himmlischen Gerechtigkeit sehr wohl ein Konto führen und eines Tages auch Bilanz ziehen. Denn: »Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.« Weil demnach der Glaube

für sich alleine tot ist, hat die Kirche aus dem Evangelium die 295

 

sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit abgeleitet. Sie lauten im einzelnen:

Die Hungrigen speisen

Die Durstigen tränken

Die Nackten bekleiden

Die Fremden beherbergen

Die Gefangenen erlösen

Die Kranken besuchen

Die Toten begraben

Das erste Wort stammt aus dem Jakobus-Brief, der stark judenchristlich gefärbt ist. Jakobus war ja Bischof von Jerusalem. Er vertritt in der Kirchengeschichte jene Form von Christentum, die

darauf Wert legt, daß der Glaube sich im Leben inkarniert, daß

der Glaube Frucht tragen muß, daß er sich im Tun ausweist.

Das zweite Wort ist aus dem Evangelium selber. Es berichtet uns

das Gerichtsgleichnis, wo der Herr sich mit dem Bedürftigen identifiziert und sagt: Ihr trefft mich selber in dem Bedürftigen. Und daraus wurde schließlich ein Wort, das in der Kirchengeschichte

immer wieder neu gezündet hat. Die Menschen erkannten, gerade

wenn wir den Verachteten, den Leidenden, den Armen begegnen,

wartet in ihnen Christus auf uns. In dem Gleichnis spricht der

Herr letztlich selber von verschiedenen Formen der Barmherzigkeit: »Ich war nackt, er hat mich bekleidet; ich war krank, er hat mir geholfen; ich war im Gefängnis, er hat mich besucht … «

Er gibt damit eine kleine Typologie der Bedürftigen, durch die

Christus in der Welt repräsentiert wird.

Nehmen wir eines dieser Werke heraus: »Die Nackten bekleiden«.

Damit ist sicherlich keine Altkleiderspende gemeint.

Natürlich ist dieses Wort in einem umfassenderen Sinn gemeint. Ei-ne Altkleiderspende allerdings kann, wenn sie von Herzen kommt, 296

 

auch etwas Gutes sein; man soll auch die kleinen Dinge nicht geringschätzen. Aber hier geht es um mehr. Es geht einerseits immer um das Konkrete. Es geht darum, daß man nicht nur in Prinzipien

liebt und gelegentlich eine Geldüberweisung macht, sondern das

Auge offen hat, wo Menschen mich brauchen, in meinem Leben.

Das ist dann meistens unbequem, es paßt gerade nicht. Denken

wir an den Priester und die Leviten, die an dem ausgeplünderten

Menschen vorbeigehen. Wahrscheinlich haben sie einen wichtigen Termin, oder sie haben Furcht, es könnte ihnen selber etwas passieren, wenn sie sich in dieser unheimlichen Gegend zu lange

aufhalten. Es gibt immer einen Grund

Das Gerichtsgleichnis Jesu, wie auch dieser Katalog der Werke der leiblichen Barmherzigkeit, sagen uns dagegen ganz konkret: Nicht

nur generell die ganze Menschheit sei umschlungen, sondern ganz

konkret dort, wo mir der bedürftige Mensch begegnet, muß ich

helfen, auch wenn es schlecht paßt, auch wenn ich gerade keine

Zeit habe oder meine, ich hätte nicht die Mittel dafür. An den

Einzelfall muß ich denken, und nicht nur in Großaktionen.

Das unterscheidet die christliche Liebesforderung auch von der

marxistischen, die genau nur auf die Großplanung, auf die Strukturänderung aus ist und den Einzelfall übersieht. Aber es bedeutet umgekehrt selbstverständlich, daß man sich auch um die größeren

Ordnungen kümmern muß, versuchen muß, nicht nur Einzelfall-caritas, so wichtig sie ist, zu betreiben, sondern zu helfen, daß diesen Menschen grundsätzlich bessere Möglichkeiten geboten

werden. In der Kirche ist daraus das Krankenhauswesen entstanden, es sind die Schulen für die Armen entstanden und sehr vieles mehr. Insofern geht beides ineinander: sowohl der Blick für den

wirklich mir Nächsten, den ich nicht über meinen großen Struktur-planungen übersehen darf, wie auch die Überwindung ungerechter Strukturen und eine strukturelle Hilfe für diejenigen, die sozusagen bekleidet werden müssen.

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Es gibt neben den leiblichen auch die sieben geistlichen Werke der Barmherzigkeit . Sie lauten:

Die Zweifelnden beraten

Die Unwissenden belehren

Die Sünder zurechtweisen

Die Trauernden trösten

Erlittenes Unrecht verzeihen

Die Lästigen geduldig ertragen

Für die Lebenden und die Verstorbenen beten

Wichtig ist, daß die Barmherzigkeit sich nicht nur auf materielle Dinge beziehen darf. Wenn wir nur für das Materielle sorgen,

tun wir zuwenig. In der Entwicklungshilfe ist deshalb den Weiter-schauenden immer klargewesen, wie wichtig es ist, den Menschen die eigene Bildung zu geben, die sie befähigt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Nur wenn wir dem Geist helfen, wenn wir

dem ganzen Menschen helfen, helfen wir wirklich. Von daher ist

es um so wichtiger, daß man Gott zu den Menschen bringt. Moralische Maßstäbe aufzurichten ist sogar das vorrangige Werk der Barmherzigkeit.

Nehmen wir wiederum eines heraus: »die Unwissenden belehren«.

Ich denke, die Betreffenden erfahren eine derartige Belehrung in der Regel nicht als Werk der Barmherzigkeit.

Bleiben wir bei der Entwicklungshilfe in Lateinamerika. Hier haben sowohl die Kirche wie linke Gruppierungen Alphabetisie-rungskampagnen zu einem Hauptelement ihrer Aktivitäten gemacht. Und warum? Solange die Menschen unwissend sind, solange bleiben sie abhängig. Sie können nicht selber aus diesem Status, einer Art von Sklaverei, heraustreten. Erst wenn sie zu den Bildungsgütern Zugang haben, wird ihnen wirklich geholfen, weil

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sie dann imstande sind, gleichrangig zu werden und ihr Land, ihre Gesellschaft richtig zu entwickeln. Und dort ist von den Menschen das Wort von der Belehrung der Unwissenden durchaus so erfahren worden, daß sie mit ihm den Zugang zu der geistigen Welt erhalten, den Schlüssel zu dem, was die Welt heute bewegt.

Auch wenn wir an frühere entsprechende Bewegungen in Europa

denken, etwa an Jean-Baptiste de Lasalle, der in Frankreich die

Armenschulen eingerichtet hat, war es für die Armen, die bisher

über Generationen hinweg in Abhängigkeit gehalten wurden, eine

ungeheure Chance, lernen zu dürfen. Die Grundmöglichkeit, Lernen anzubieten, den Schlüssel zu den geistigen Dingen zu öffnen, ist das elementare Werk der geistigen Barmherzigkeit – vorausgesetzt freilich, daß es verbunden damit ist, nicht nur einfach lesen zu lehren, sondern dieses Lesen auch in einen sinnvollen geistigen Zusammenhang einzuführen, daß heißt, den Menschen nicht einfach eine Ideologie zu vermitteln, sondern ihnen auch den Weg zum Glauben zu eröffnen.

Vom Rosenkranz

Mit dem Geheimnis Mariens unmittelbar verknüpft ist ein ganz

besonderes Gebet der katholischen Kirche, der Rosenkranz. Es

ist eine Art Litanei, die anhand einer Gebetsschnur und deren

aufeinander gereihter Perlen »Gesätz« für Gesätz gebetet wird: angefangen mit dem Kreuz (als Glaubenslehre); fortgesetzt mit

den Ave Marias der drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung

und Liebe (als Lebenslehre); bis hin zu den drei mal fünf »Geheimnissen«, die Maria mit Jesus verbinden und die in konzentrierten Formeln im Grunde das ganze Neue Testament erzählen.

Große Denker und Mystiker haben seine vielfältigen Möglichkeiten und seine spirituelle Kraft zu allen Zeiten geschätzt. Heute wirkt der Rosenkranz auf die einen provozierend altmodisch, auf 299

 

die anderen wie eine überirdische Verheißung, der sie Hilfen im Alltag und ein besseres Bewußtsein zuschreiben. Ich weiß nicht, vielleicht muß man eine gewisse Zeit damit verbringen, so wie

es tibetische Buddhisten tun, die darin eine Meditation erkennen.

Vielleicht muß man den Rosenkranz hundert oder hundert mal

hundert Male beten, und dann wird dieses Gebet anfangen, sich

mitzuteilen; und man wird umgekehrt auch anfangen, sich selbst ein wenig besser zu erkennen und die Mitte der eigenen Person zu finden. Was, denken Sie, ist das Geheimnis des Rosenkranzes?

Der geschichtliche Ursprung des Rosenkranz liegt im Mittelalter.

Es ist eine Zeit, in der das normale Gebet die Psalmen sind. An

den biblischen Psalmen aber können die vielen damals des Lesens

unkundigen Menschen nicht teilhaben. Man sucht deshalb nach

einem Psalter für sie, und findet dabei das Mariengebet mit den

Geheimnissen des Lebens Jesu Christi, aufgereiht wie Perlen an

einer Schnur. Sie berühren einen in einer meditativen Weise, in der das Wiederholen die Seele in die Ruhe einschwingen läßt und das

Sichfesthalten am Wort, vor allen Dingen an der Gestalt Marias

und an den Bildern Christi, die dabei vorüberziehen, die Seele

ruhig und frei machen und ihr den Ausblick auf Gott schenken.

Tatsächlich verbindet der Rosenkranz uns mit diesem Urwissen,

daß Wiederholung zum Beten, zur Meditation gehört, daß das

Wiederholen eine Weise des Einschwingens in den Rhythmus der

Ruhe bedeutet. Es kommt nicht so sehr darauf an, daß ich an-gestrengt jedes einzelne Wort rational mitverfolge, sondern im Gegenteil mich von der Ruhe der Wiederholung, des Gleichmäßigen tragen lasse. Umso mehr, da dieses Wort ja nicht inhaltslos ist.

Es bringt mir große Bilder und Visionen und vor allen Dingen die

Gestalt Marias – und durch sie hindurch dann die Gestalt Jesu –

vor die Augen und in die Seele.

Diese Leute haben hart arbeiten müssen. Sie konnten beim Beten

nicht noch große intellektuelle Wege vollbringen. Sie brauchten

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umgekehrt ein Gebet, das sie ruhig macht, das sie auch ablenkt,

wieder herauszieht aus ihren Sorgen, und ihnen das Tröstende

und Heilende entgegenstellt. Ich denke, diese Urerfahrung der

Religionsgeschichte, der Wiederholung, des Rhythmus, des gemeinsamen Wortes, des Chores, der mich trägt und schwingt und der den Raum erfüllt, der mich nicht quält, sondern mich still

werden läßt, tröstet und befreit, diese Urerfahrung ist hier ganz christlich geworden, indem sie in dem marianischen Kontext und

in dem Aufscheinen der Christusgestalt den Menschen ganz einfach beten und doch dabei das Gebetete innewerden läßt – über das Intellektuelle hinaus im Hineinschwingen der Seele in die

Worte.

Haben Sie eine besondere Art, den Rosenkranz zu beten?

Ich mache ihn ganz einfach, genau so, wie meine Eltern gebetet

haben. Beide haben den Rosenkranz sehr geliebt. Und je älter

sie geworden sind, desto mehr. Je älter man wird, desto weniger

kann man große, geistige Anstrengungen vollbringen, desto mehr

braucht man andererseits eine innere Zuflucht und ein Hineinschwingen in das Beten der Kirche überhaupt. Und so bete ich eben, wie sie es auch getan haben.

Aber wie macht man es? Beten Sie einen Rosenkranz, oder alle

drei an einer Kette?

Nein, drei sind mir zuviel, da bin ich ein zu unruhiger Geist, da würde ich zu sehr abirren. Ich nehme nur einen, und oft auch

nur zwei, drei Gesätze von den fünf, weil ich dann auch eine bestimmte Zwischenzeit einschieben kann, in der ich aus der Arbeit herausgehe und mich wieder befreien will, still werden will, den

Kopf auch wieder rein kriegen will. Da wäre mir ein ganzer dann

eigentlich zu viel.

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Zum Schluß dieses Kapitels: Wie lange braucht man eigentlich,

um ein klein wenig von den Geheimnissen des Glaubens, von der

Kunst des Glaubens auch, zu begreifen?

Das ist unterschiedlich. Es gibt religiös begabte Menschen, die

innerlich sehr direkt ansprechen. Es gibt andere, denen es mühsamer ist. Wichtig ist, daß man sich nicht abbringen läßt, daß man dabeibleibt. Und dann sieht man schon, daß man langsam

hineinwächst.

Natürlich, es gibt bevorzugte Zeiten, und es gibt dürre Zeiten. Es gibt eine Zeit, wo man wirklich innerlich angerührt wird und an-fängt, etwas zu sehen – und dann können wieder Zeiten kommen, wo es sehr mühsam ist.

Für diesen geistigen Wachstumsprozeß ist wichtig, daß man nicht

nur dann betet und auf den Glauben hinschaut, wenn es einem

gerade einfällt und paßt, sondern Disziplin einhält. Guardini hat das stets sehr stark betont. Der Glaube kann sich verlieren, wenn ich nur nach Lust und Laune bete. Glaube braucht auch die Disziplin der dürren Zeiten, dann wächst im Stillen etwas. Genau so wie im winterlichen Acker dennoch sich das Wachstum verbirgt.

»Im Winter wächst das Brot«, hat Ida Friederike Görres gesagt.

Und womit soll man beginnen? Mit Fragen?

Ich würde sagen, nie nur mit Reflexion. Denn wenn man Gott

in der Retorte des Denkens zu sich herüberbringen und sich ihn

gewissermaßen rein theoretisch aneignen möchte, dann schafft

man es nicht. Man muß immer das Fragen mit dem Tun kombi-nieren. Pascal hat einem ungläubigen Freund einmal gesagt: Tu zunächst einmal das, was die Gläubigen tun, selbst wenn es dir

noch unsinnig erscheint.

Da hat jeder seinen eigenen Ansatz, denke ich. Für viele Menschen – die Geschichte zeigt es – ist zunächst einmal der Blick auf 302

 

Maria eine Tür, um hereinzukommen. Für andere ist Christus der

richtige Anfang, das Betrachten der Evangelien. Ich würde sagen,

das Lesen der Evangelien ist immer ein Weg, um heranzukommen.

Freilich kann es kein rein theoretisches Lesen sein, so wie Historiker es tun, die den Text auseinandernehmen und herausbringen möchten, welche Quellen darinstecken, sondern es muß ein Lesen

auf Christus zu sein, in dem man auch immer wieder ins Gebet

hinübergeht.

Ich würde sagen, es ist ein Hin und Her zwischen Schritten –

auch wenn es manchmal nur Stolperschritte sind – der religiösen

Praxis und eines suchenden Lesens und Denkens. Man kann den

Glauben nie isoliert, sondern nur in der Begegnung mit gläubigen

Menschen suchen, die einen verstehen können, die vielleicht aus

ähnlichen Situationen kommen, und die mich irgendwie führen

und mir helfen können. Glaube wächst immer im Wir. Wer es

nur alleine machen möchte, hat ihn von daher schon im Ansatz

verfälscht.

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