12 Vom Leben

Ich glaube, jeder würde gerne wissen, wie Leben richtig geht,

wie es funktioniert, wie es gut läuft, wie man gut damit zurecht-kommt und wirklich ein gutes Gefühl hat. Der große Schauspieler Gary Grant hat seiner Tochter Jennifer vor seinem Tod einen bewegenden Abschiedsbrief hinterlassen. Er wollte ihr noch einige Empfehlungen mit auf den Weg geben. »Liebste Jennifer«, schrieb er darin, »lebe dein Leben voll, ohne selbstsüchtig zu sein. Sei maßvoll, respektiere die Mühe anderer. Strebe nach dem Besten

und gutem Geschmack. Behalte einen reinen Verstand und saube-res Benehmen.« Und weiter: »Sei dankbar für die Gesichter guter Menschen und die süße Liebe hinter ihren Augen … Für Blumen, die im Winde tanzen … Ein kurzer Schlaf noch, und ich wache für Ewigkeiten auf. Wenn ich nicht erwache, wie wir es verstehen, dann lebe ich in dir, liebste Tochter, fort.« Hört sich irgendwie katholisch an.

Es ist jedenfalls ein sehr schöner Brief. Wie katholisch er nun war oder nicht war, weiß ich nicht. Es ist freilich der Ausdruck eines Menschen, der weise geworden ist, und der den Sinn für das Gute

empfangen hat und es weiterzugeben versucht, und zwar in einer

wunderbaren Liebenswürdigkeit.

Das Leben des Menschen

Wenn wir das Leben des Menschen von großer Distanz aus betrachten – was ist es dann? Ist das Leben grundsätzlich mehr ein Spiel, das gespielt sein will? Ist es wie eine Feder im Wind?

Abhängig von Trieben, von Gewalten, von der Herkunft eines

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Menschen, von dem Stich einer Malariafliege, der es aus der Bahn werfen kann? Oder ist der Lebenslauf von uns allen vielleicht

sogar längst festgelegt? Wie ein Fahrplan meinetwegen, den Gott in seinem unerforschlichen Ratschlag vor langer Zeit in sein geheimes Buch des Lebens eingeschrieben hat? Michelangelo sagte es so: »Die Figur ist längst im Stein. Ich schlage nur das Überflüssige weg.«

Sie haben da ein reiches Programm in diese Frage hineingepackt.

Ich glaube, wenn wir fragen »Was ist das Leben?«, dann ist wichtig, zuallererst die Vielschichtigkeit dieses Begriffes wahrzunehmen.

Zunächst ist Leben etwas Biologisches. Es tritt schließlich aus

dem Anorganischen heraus und beschreibt dann eine neue Ebene von Wirklichkeit. Als eines der Hauptkennzeichen dafür, daß nun Leben da ist, wird die Fähigkeit der Selbstreproduktion und

das Selbstfunktionieren eines Mechanismus hingestellt, der dann

eben keine Maschine ist, sondern ein Organismus. Wir haben

also zunächst die Schicht des Biologischen, die in den einfachsten Einzellern anfängt und sich in immer höhere und kompliziertere

Formen entwickelt, so daß es auch immer großartiger, geheimnisvoller und reicher wird.

Beim Menschen kommt eine neue Schicht hinzu. Es ist der Geist,

der lebt und Leben ist. Der Geist verschmilzt sich mit der biologischen Existenz und gibt damit dem Leben eine weitere Dimension.

Der christliche Glaube ist zudem davon überzeugt, daß uns noch

eine weitere, neue Schicht widerfährt, und zwar in der Begegnung

mit Christus. Wir können sie bereits vorahnen in dem Vorgang

der menschlichen Liebe: Hier tritt immer dann, wenn ich geliebt

werde, durch das Du des anderen eine weitere Schicht in die Dynamik des Geistes herein. Ähnliches geschieht, wenn sich durch Christus Gott selbst mir zuwendet und dadurch mein Leben ein

Mitleben mit dem schöpferischen Urleben selbst wird.

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Das heißt, Leben hat vielfältige Stufen.

Und es empfängt seine höchste Stufe, wo es Mitleben mit Gott

wird. Genau darin beruht ja auch die Kühnheit des menschlichen

Abenteuers. Der Mensch kann und soll die Synthese dieser ganzen

Stockwerke der Schöpfung sein. Er kann und soll in den lebendigen Gott hineinreichen und ihm das, was von ihm kommt, wieder neu zuspielen. Wir sagten bereits, daß in die Dynamik eines jeden Lebens der Faktor Freiheit hereintritt, und dieser Faktor ist der totalen Vorherbestimmung entgegengesetzt.

Vom christlichen Gottesbild her gibt es für das Leben keine starre Fixierung. Denn dieser Gott ist so groß und so sehr Herr des

Ganzen, er ist von seinem Wesen her so sehr Liebe zur Freiheit,

daß er das Selbstverfügen in das Leben des Menschen hineingeben

kann. Auch wenn er dieses Leben immer in Händen hält und

umfaßt und trägt, so ist doch die Freiheit nicht nur eine Fiktion.

Sie geht sogar so weit, daß selbst das ganze Projekt Gottes vom

Menschen zerstört werden kann.

Wichtig ist, daß sich Leben in diesen unterschiedlichen Schichten zuträgt. Durch die oberen Schichten reicht es schließlich über den Tod hinaus in die Ewigkeit hinein. Der Tod allerdings ist in der

Tat das notwendige Geschick alles bloß organischen Lebens.

Wenn Freiheit mehr ist als nur ein Wort, wie kriege ich dann mein Leben wirklich auf die Reihe? Wie bewältige ich mein Lebens-rad, all die für ein Leben so wichtigen Stationen, Passagen und Scheidewege? Wann gelingt ein Leben? Kann man das von der

Lehre Christi her überhaupt sagen? Muß es aussehen wie das von Mutter Teresa?

Das ist eine Möglichkeit. Aber wenn wir uns, sagen wir, die große Galerie der Heiligen, oder überhaupt die Galerie der großen Menschen mit einem gelungenen Leben vorstellen, dann sehen wir, 260

 

daß die Berufungen vielfältig sind. Nicht jeder muß eine Mutter

Teresa sein. Auch ein großer Wissenschaftler, ein großer Gelehrter, ein Musiker oder ein ganz schlichter Handwerker, ein Arbeiter

können ein gelungenes Leben darstellen, Menschen, die ihr Leben

redlich und treulich und demütig leben …

Klingt erneut ein wenig altmodisch …

Das mag vielleicht so klingen, aber man wird gerade darin ein

erfülltes Leben finden, ob gestern, heute oder morgen. Jedes Leben hat seine eigene Berufung. Es hat seinen eigenen Code und seinen

eigenen Weg. Keines ist nur eine Nachahmung, herausgestanzt

unter einer Fülle von gleichartigen Exemplaren. Und jeder braucht auch den schöpferischen Mut, sein Leben zu leben und sich nicht

zu einer Kopie von einem anderen zu machen.

Wenn Sie sich das Gleichnis von dem faulen Knecht ansehen, der

sein Talent vergräbt, damit ja nichts damit passiert, dann ist das, was ich meine, darin ausgesagt. Er ist ein Mensch, der das Risiko nicht eingehen will, sein Leben in seiner Originalität zu leben und es zu entfalten; es auch den Gefährdungen auszusetzen, die damit

notwendig eintreten.

In diesem Sinn gibt es die Vielfalt der Berufungen. Ich hatte in

unserem ersten Buch »Salz der Erde« gesagt, es gibt so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. Hier müßte man hinzufügen: Es

gibt so viele Wege des erfüllten Lebens, wie es Menschen gibt.

Ist der Mensch dann sozusagen eine leere Kreativität?

Nein, dies alles heißt nicht, daß wir ratlos in den Ozean des Un-bestimmten hinein entworfen sind, wie das zum Beispiel Sartre sagt. Sartre meint, Freiheit ist eine Verdammung. Die Kuh braucht nicht nachdenken, wie sie das Kuhsein macht, der Mensch aber

muß sich selber erfinden. So ist es nun auch wieder nicht, daß

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der Mensch aus dem Nichts, ohne Entwurf herauf in das Leben

müßte.

Es gibt die Grundmuster. Jeder einzelne Mensch versucht, irgendwo Auskunftsinstanzen zu finden, um zu fragen, wie hast du es gemacht, wie hat der es gemacht, wie könnte ich es machen?

Wie kann ich überhaupt mich selbst und meine Möglichkeiten

erkennen? Wir sind überzeugt, daß die grundlegende Auskunftsinstanz Christus ist. Er gibt uns einerseits die großen, gemeinsamen Grundlinien und tritt mit uns andererseits aber auch in ein so

persönliches Verhältnis, daß wir mit ihm und in der Gemeinschaft

der Glaubenden unsere Originalität erlernen können – und Originalität und Gemeinschaft sich dann versöhnen.

Früher wollten die Menschen ganz einfach rechtschaffene Leute

sein und ihre Existenz einigermaßen gesichert haben. Das genügte.

Es gab eine Zeit, den Acker zu bestellen, eine Zeit zum Säen und auch eine Zeit zum Ernten. Und wie das Leben funktioniert, stand ja in der Bibel. Heute scheint alles viel komplizierter geworden zu sein. Der bisherige rote Faden eines Lebens jedenfalls, der Lebensplan, der bislang so etwas wie Identität bildete, läßt sich immer schwerer spinnen.

Daß das Leben in unserer komplizierten Gesellschaft komplizierter geworden ist, scheint mir unbestreitbar zu sein. Trotzdem sollten wir jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten und

die Konstanten gleichsam als inexistent betrachten. Wir haben ja

schon über die Zehn Gebote meditiert, die sich zwar jeder Generation und jedem einzelnen Leben immer wieder neu erschließen müssen, die aber doch eine unverwechselbare und klare Botschaft

enthalten.

Es wäre zu wiederholen, daß das Christentum nun nicht ins Form-lose entschwindet und keine Aussage mehr machen würde. Gerade das Christentum hat eine Kontur, die einerseits weit genug ist, um 262

 

der Originalität den Entwicklungsraum zu öffnen – und die ihr

andererseits aber auch die Maßstäbe setzen kann, durch die diese

Entwicklung möglich ist. Gerade in einer verworrenen und komplizierten Welt sollen und dürfen wir um so mehr auf die großen Konstanten der Rede Gottes setzen, um weiterhin den roten Faden zu finden. Denn wenn man es nicht tut, wird die nihilistische Kreativität des einzelnen in Wirklichkeit sehr bald zu einer Kopie, die sich den allgemeinen Maßstäben unterwirft, und die nur das

tut, was eben die Zeit und ihre Möglichkeiten anbieten.

Wenn man die spezifische Botschaft des Glaubens wegläßt, werden

wir nicht origineller, sondern nur, je nach den Moden der Zeit, immer mehr hinunter uniformiert. Diese Uniformierung erleben wir ja in der Uniformität modernen Daseins sehr deutlich. Deswegen

glaube ich, ist es heute wichtiger denn je, zu sehen, daß die Konstanten der Offenbarung und des Glaubens auch weiterhin eine Wegweisung sind, die mir die Haltepunkte geben, an denen ich

nach oben kommen kann, und die mir zugleich das Licht schenken,

um meine ganz persönliche Berufung entfalten zu können.

Das Jesus-Prinzip

Jesus wollte den Menschen immer wieder den Weg zeigen; die

richtigen Haltepunkte für ein gelungenes Leben, von denen Sie

gesprochen haben. Einmal stieg er auf einen Berg, und seine Bergpredigt hat gewissermaßen ein neues Kapitel eröffnet. Die Wirkung jedenfalls muß schon damals umwerfend gewesen sein. Es heißt: »Als Jesus diese Rede beendet hatte, war die Menge sehr be-troffen von seiner Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der göttliche Vollmacht hat und nicht wie ihre Schriftgelehrten.«

Die Bergpredigt hat sicher einen symbolischen Ort. Jesus stellt

sich hier als der neue Mose dar. Und an die Stelle des Berges

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Sinai tritt nun dieser Berg der Seligpreisungen als jene neue Höhe, von der aus er dem Menschen Weisung gibt. Er lehnt sich dabei

zunächst an die Struktur des Dekalogs an, aber er vertieft ihn

auch, erneuert ihn, gibt ihm in der Bergpredigt eine neue Weite,

einen neuen Anspruch. Mehr noch, er bricht in eine neue Stufe

der Humanität durch, die dadurch möglich ist, daß Gott sich den

Menschen verbindet.

Jesus erklärte öffentlich: »Ich habe meine Lehre nicht von mir, sondern von dem, der mich gesandt hat. Wer den Willen Gottes

tut, der wird an sich erfahren, ob diese Lehre von Gott ist, oder ob ich aus mir selber rede.«

Er stellt sich nicht nur mit Mose auf eine Ebene, was für die Hörer sicher schon nicht ganz leicht zu verkraften gewesen war, sondern mit dem eigentlichen Gesetzgeber, Gott selber. Jesus legt mit göttlicher Vollmacht aus. »Euch ist gesagt worden«, das heißt

»Gott hat euch gesagt«, so spricht er, und weiter: »Ich aber sage euch.« Insofern ist die Bergpredigt in vieler Hinsicht der stärkste Ausdruck seines gottheitlichen Anspruchs; seines Anspruchs, daß nun nicht mehr durch menschliche Vermittlungen hindurch,

sondern von Gott selber das alttestamentliche Gesetz seine tiefste Auslegung und seine universale Geltungsweise erfährt.

Die Menschen spüren das. Und sie spüren auch, sagen wir, den

Doppelaspekt der Bergpredigt sehr stark, daß diese Botschaft

einerseits eine neue Innerlichkeit, eine neue Reife und Güte, eine Befreiung vom Oberflächlichen und Äußerlichen mit sich bringt,

aber zugleich auch eine neue Größe des Anspruchs. Und dieser

Anspruch ist dabei sogar so groß, daß er den Menschen, wenn er

allein gelassen wird, gleichsam erdrücken muß.

Wenn nun gesagt wird: Ich sage euch nicht mehr bloß, du darfst

die Ehe nicht brechen, sondern du darfst die Frau nicht einmal

begierlich anschauen; wenn gesagt wird: du sollst nicht nur nicht 264

 

töten, sondern du darfst dem andern nicht einmal zürnen; und

wenn gesagt wird: es reicht nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn,

sondern im Gegenteil, dem, der dich auf die Wange schlägt, halte

die andere hin – dann werden wir mit einem Anspruch konfrontiert, der zwar eine Größe hat, die Bewunderung hervorruft, der aber den Menschen auch zu überfordern scheint. Der ihn zumindest überfordern müßte, wenn er nicht in Jesus Christus zunächst durchgelebt wäre und das Ganze nicht eine Folge der persönlichen Begegnung mit Gott wäre. Wir sehen darin tatsächlich die göttliche Vollmacht. Daß er nicht einer der Boten ist, sondern der Endgültige, in dem Gott sich selber äußert.

Die Stelle bei Johannes, die Sie zitiert haben, faßt dies alles noch einmal in einer Formel zusammen. Du mußt es experimentieren,

will sie uns sagen, und wenn du mit meinem Wort lebst, dann

wirst du sehen, daß du den richtigen Weg gegangen bist.

Die Bergpredigt entspricht nicht unbedingt den herkömmlichen

Vorstellungen. Sie widerspricht sogar unserer Definition von

Glück, von Größe, von Macht, von Erfolg oder Gerechtigkeit.

Jesus geht es offensichtlich um andere Kategorien. Und am Ende seiner Rede gibt er seinem Publikum noch eine Zusammenfassung

dessen, was wirklich wichtig ist, quasi ein Gesetz der Gesetze, die Goldene Regel des Lebens. Sie lautet: »Alles, was ihr also von den anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.«

Die Goldene Regel gab es ja auch schon vor Christus, allerdings in der negativen Weise: »Was du nicht willst, das man dir tue, das füge auch keinem anderen zu.« Jesus übersteigt das in der positiven Formulierung, die natürlich weit anspruchsvoller ist. Alles, was du willst, daß man dir tue, sagt er nun, das tue auch andern. Damit

wird sozusagen die schöpferische Phantasie der Liebe herausgefordert. Insofern wird diese Regel zum Gesetz der Freiheit, wie 265

 

der Jakobus-Brief die Bergpredigt, die Botschaft Jesu insgesamt,

zusammenfaßt. Weil damit letztlich ein unendlich weiter Raum

eröffnet ist, indem die Kreativität des Guten sich entfalten kann.

Ich glaube, das Großartige daran ist, daß man nicht wieder mißt,

wer hat wann wem alles wie getan; daß man sich nicht mehr in

Unterscheidungen verquert, sondern daß man sieht, was uns im

wesentlichen aufgetragen ist: nämlich die Augen aufzumachen,

das Herz aufzumachen und schöpferische Möglichkeiten des Guten zu finden. Es geht nicht mehr darum, zu fragen, was ich mir wünschte, sondern das, was ich mir wünschte auf den anderen

hinüberzutragen. Und dieses wirkliche Sich-Geben mit all seiner

schöpferischen Phantasie, mit all den Möglichkeiten, die sich einem eröffnen, ist in eine ganz praktische Regel gefaßt, damit es nicht irgendein idealistischer Traum bleibt.

Die große Bergpredigt beginnt mit den Seligpreisungen. Es sind interessanterweise gerade neun. Die Zahl neun wiederum gilt auch als die Zahl der Engel, weil deren Welt in neun Ordnungen geteilt ist. Und sie ist auch ein Symbol der Vollendung.

Diese Seligpreisungen sind ein Text ganz besonderer Art, weil sie von unseren Maßstäben so stark abweichen. Nicht die Reichen

werden als selig benannt – es gibt eben einen Unterschied zwischen selig und glücklich – , sondern die Armen; und nicht die Leidlosen, sondern die Leidenden. Der Hunger nach der Gerechtigkeit ist

darin gefaßt, das reine Herz, und vieles mehr.

Der Papst hat in einer seiner Enzykliken gesagt, daß die Seligpreisungen eigentlich eine stille Autobiographie Jesu sind. Die einzelnen Stücke der Seligpreisung finden wir tatsächlich in ihm

verwirklicht. Er ist der, der arm ist im Heiligen Geiste. Er ist der, der aus den Armen kommt. Er ist der, der sich um die Gerechtigkeit der anderen müht. Er ist der, der Frieden stiftet. Er ist der, der um der Wahrheit willen leidet. Ich glaube, daß wir die Seligprei-266

 

sungen erst dann richtig verstehen, wenn wir sie von der Person

Christi her verstehen. In ihm sind sie gelebt, und durch ihn hindurch werden sie dann auch zu Wegweisungen für uns. Wobei die einzelnen Berufungen selbstverständlich verschieden sind. Für den einen kann das eine, für den anderen das andere im Vordergrund

stehen. Wichtig ist, sie inkarniert in der Gestalt Christi zu lesen, und sie dann auch lebbar zu finden in der Nachfolge.

Kann man davon ausgehen, daß jeder der Sätze in diesen Seligpreisungen ein Schlüssel zu einem jeweils ganz besonderen Geheimnis ist?

Ja, nur sollte man es nicht in einem esoterischen Sinn auffassen. Es ist eher ein Schlüssel ins Leben hinein, und dann tun sich freilich Geheimnisse auf, die sich vorher nicht geklärt haben. Es handelt

sich weniger um eine okkulte Form von Aufklärung oder um

verschlüsselte Mitteilungen. Es ist ein Einblick ins Leben, und jeder dieser einzelnen Einstiege eröffnet im Mitgehen auch Verstehen

und Erkenntnis.

Von den echten und den falschen Sorgen

Kommen wir zu einigen »Ausführungsbestimmungen« in der

Bergpredigt. Einmal ist hier wörtlich die Rede von den echten und den falschen Sorgen . Jesus sagt, man solle sich nicht sorgen um Essen oder Kleidung, denn das Leben sei wichtiger als Nahrung und Anziehsachen. Um all das gehe es nur den Heiden. Der himmlische Vater wisse schon, was seine Kinder alles brauchen: »Seht euch die Vögel des Himmels an«, rät er, »sie säen nicht, sie ernten nicht und sammeln keine Vorräte in Scheunen; euer

himmlischer Vater ernährt sie. Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?«

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Hört sich gut an, aber wer es befolgt, würde vermutlich wirklich bald ins Gras beißen.

In einer Welt, die auf Zukunftsplanung aufgebaut ist und die

durch Vorsorge, also durch Sorge, die Welt bessermachen will,

ist das natürlich total unverständlich geworden. Man muß den

Text, denke ich, sehr genau lesen. Und dann gibt es darin dann

doch einen Schlüssel. Jesus sagt ja auch: Sucht zuerst das Reich

Gottes, dann wird euch das andere dazugegeben. Das heißt, es

gibt eine Prioritäten-Rangfolge. Wenn wir die Priorität, nämlich

die Anwesenheit Gottes in der Welt, ausklammern, dann können

wir noch so viel machen, auch viel Nützliches tun, aber irgendwie zerfällt es uns doch unter der Hand. Und wir sehen es ja auch, daß irgendwas fehlt. Wenn die technischen Verbesserungsbemühungen

der Welt auch viele Erleichterungen bringen, so machen sie doch

das Leben in vieler Hinsicht auch dunkler und schwerer.

Ich glaube, es kommt auf diese Priorität an: zuerst das Reich Gottes. Dies muß die grundlegende Sorge sein, die dann die anderen Sorgen von innen her, vom Reich Gottes her, strukturiert. Natürlich wachsen uns nicht einfach die Flügel. Wir sorgen uns um den nächsten Tag, wir müssen auch dafür sorgen, daß die Welt richtig

weitergehen kann. Aber diese Sorgen werden freier und weniger

belastend, wenn sie in die Priorität hineingebunden werden. Und

umgekehrt, sie verbrauchen den Menschen und fressen ihn auf,

wenn er von dieser Priorität nichts mehr sieht.

Vom Richten

Einmal sagt Jesus hoch oben auf dem Berg: »Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet! Denn wie ihr richtet, so werdet ihr gerichtet werden, und nach dem Maß, mit dem ihr meßt und

zuteilt, wird euch zugeteilt werden.« Das sagt sich so leicht. Aber müssen wir nicht auch richten?

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Das ist auch nicht bestritten. Jesus selber hat ja nach Matthäus 18

den Kern einer Gemeindeordnung gegeben, indem er etwa sagt,

man solle jemanden zunächst unter vier Augen zurechtweisen und

dann im größeren Kreis, und so fort. Ordnungen, und damit auch

Rechtsordnungen, sind dem Menschen notwendig. Hier geht es

um eine andere Ebene, nämlich darum, daß wir uns nicht zur

Instanz des Weltgerichtes machen, sondern daß wir gerade im

Urteilen über den anderen auch dessen Geheimnis respektieren

müssen. Auch wenn die Justiz es um der Ordnung willen tun muß –

sie verurteilt dann ja nicht die Person, sondern bestimmte Taten

und versucht, darauf die geeignete Antwort zu finden – , sollten

wir stets das Geheimnis respektieren, daß da etwas Vorbehaltenes

ist, über das nur Gott richten kann.

Der zweite Satz bei dieser Maßgabe setzt ja dann auch voraus,

daß wir auch immer daran denken müssen, daß auch wir gerichtet

werden, und daß wir nach dem Maß gerichtet werden, das wir

selber angewendet haben. Insofern mahnt es dazu, das richtige

Maß zu haben, die richtige Grenze, den richtigen Respekt vor dem

anderen zu sehen. Jesus gibt uns also einen inneren Maßstab des

unerläßlichen Richtens vor. Er liegt darin, immer auch diese letzte Grenze der Vorbehaltenheit Gottes anzuerkennen.

Von den zwei Wegen

Einmal sagt Jesus: »Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist

weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur wenige finden ihn.«

Da könnte man ableiten, daß die Hölle ganz voll ist und der

Himmel halb leer. Aber das ist hier sicher nicht gemeint. Der Herr sagt uns an anderen Stellen – wir müssen eben immer alle Worte

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zusammen lesen, dieses Grundgesetz taucht hier erneut deutlich

auf – , daß viele von Ost und West kommen werden, und daß

sie mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen werden. Die

Apokalypse berichtet in ihrer Vorausschau von der unzählbaren

Menge, die um den Thron des Lammes versammelt ist. Hier ist

eigentlich eine ganz pragmatische Warnung gemeint: Wenn man

das tut, was man tut, was alle machen, wenn man den Weg der Bequemlichkeit, den breiten Weg geht, dann ist das im Augenblick

sicherlich angenehmer, aber man geht von dem wirklichen Leben

weg. Will sagen, der mühsame, der schmale Weg und das schmale

Tor, durch das ich mich hindurchzwänge, das ist dann die richtige Entscheidung.

Wir haben hier ein Bildwort mit seiner ganzen orientalischen Dra-stik, das eine Grundregel im täglichen Verhalten deutlich macht.

Das bloße Sichtreibenlassen, das bloße Mitschwimmen mit dem

Strom, das in der Masse sich Untergehenlassen, führt uns danach

immer nur wieder in die Masse und dann ins Leere hinein. Der

Mut des Aufstiegs, der Mühsal, der ist es, der mich auf den richtigen Pfad bringt.

Von den falschen Propheten

Christus sagt: »Hütet euch vor den falschen Propheten; sie kommen zu euch wie (harmlose) Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.

Erntet man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen?

Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, ein schlechter Baum aber schlechte.« Das klingt wie eine Anweisung gegen Sekten und Häresien.

So kann man es auch hören. Auch das ist zunächst eine einfache

Regel. Es war ja gerade dies eine Zeit vielfacher Wanderphilo-sophen, Quacksalber, Erlösergestalten. Sie alle versprachen das 270

 

Heil und den richtigen Weg, wollten den Menschen schöntun und

scheinbar das Gute und das Richtige bringen, und doch ging es

ihnen oft nur um den eigenen Gewinn. Sie sind reißende Wölfe,

die zerstören.

Vor diesen »Quacksalbern des Heils« warnt Jesus. Er sagt, der

Maßstab ist: Wie lebt er denn selber? Wer ist er eigentlich? Welche Frucht bringt er, und welche Frucht entsteht in seinen Zirkeln?

Prüfe das, dann siehst du schon, worauf es hinausläuft. Dieser

in den Augenblick hineingesprochene praktische Maßstab reicht

aber wieder in die große Perspektive der Geschichte hinein. Denken wir an die Heilsprediger des vergangenen Jahrhunderts, ob es nun Hitler ist oder ob es marxistische Heilsprediger sind, die alle kommen und sagen, wir bringen euch jetzt das Richtige. Sie treten in gewisser Hinsicht wie fromme Schafe auf und sind letztlich die großen Zerstörer.

Aber es reicht noch weiter, es betrifft auch die vielen kleinen Heilsprediger, die falschen Propheten, die jedem sagen, ich habe den Schlüssel, so sollst du es machen, dann wirst du möglichst schnell glücklich, reich und erfolgreich. Jesus fordert uns denen gegenüber zum Geist der Unterscheidung, zur Vorsicht vor solchen Heilsver-sprechungen auf. Nicht hereinzufallen, sondern die Wachheit der Vernunft, die Nüchternheit zu bewahren, und sich nicht für irgendwelche Bewegungen, die schön ausschauen und am Ende ins Leere münden, oder die in Zerstörungen ausgehen, fangen zu lassen. Vor

allen Dingen will er, daß wir immer wieder nach den Konstanten

des Gotteswortes, nach den Früchten fragen.

Gilt das auch für Bewegungen innerhalb der Kirche?

Das gilt immer, daß die Früchte ein Maßstab sind. In der Kirche

wird man vor allen Dingen danach schauen müssen, ob jemand

nur sich selber verkündigt, mir seine privaten Ansichten aufdrängen will. Oder ob er die Demut hat, sich in den Dienst des Glau-271

 

bens der Kirche zu stellen und zum Diener des gemeinsamen, des

einen Wortes zu werden.

Es gibt in der Bergpredigt noch viele solcher Lebenshilfen. Einen letzten Satz hieraus möchte ich gerne noch anfügen. Jesus sagt etwas, was schwer zu verstehen und noch schwerer zu befolgen

ist: »Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.« Und dann heißt es weiter, Gott lasse »seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er läßt regnen über Gerechte und Ungerechte«.

Die Feindesliebe ist wirklich ein großer, neuer Schritt. Hier wird der Geist der Rache von uns weggenommen. Wir sollen im Feind

den Menschen, das Geschöpf Gottes, erkennen. Das bedeutet

nicht, daß wir das Böse wehrlos an uns ergehen lassen müssen.

Wohl aber, daß wir in unserem eigenen Tun diesen tieferen Respekt vor ihm wahren. Daß wir versuchen, auch für den Feind das Gute zu erreichen, ihn zu dem Guten zu bringen, letzten Endes

auf Christus hin zu orientieren. In diesem Sinn ist das Gebet für ihn bereits eine grundlegende Komponente, durch die wir ihm

wohltun. Indem wir vor Gott positiv für ihn einstehen und darum ringen, daß er nicht mehr Feind sei, sondern daß er aus der Haltung der Feindschaft heraustrete, verändern wir bereits unser

inneres Verhältnis zu ihm.

Den Hinweis auf einen Gott, der großzügig auch den Bösen die Gaben der Schöpfung zuteilt, gibt es auch in der Antike. Er wird dort zum Teil als ein Beispiel für die Gleichgültigkeit Gottes gegenüber Gut und Böse verwendet. Jesus hebt ihn auf eine andere Ebene,

indem er darin die weitreichende Güte Gottes zeigt, der jeden ins Gute hineinbringen möchte, jedem die Chance gibt, jeden mit dem

Guten versorgt. Und auch da, wo er uns sozusagen züchtigt, tut

er es, damit wir Hörende werden. Er als der Schöpfer kann ja gar

nicht anders, als die Seinigen zu lieben und zu wünschen, daß sie den Weg finden. Für ihn ist jede Art von Rache völlig undenkbar.

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Wenn man nun an diesem Berg gesessen und Jesus zugehört hat

und alles bedacht hat, und wenn man ein wenig erschöpft, aber

auch glücklich ist, wenn man nun weiß, wir stammen nicht von

dieser Welt und wir bleiben auch nicht hier, kein einziger von uns, gibt der Meister seinen Zuhörern gewissermaßen noch Brief und Siegel für das Gesagte. Es seien keine üblichen Tips und

unverbindliche Ratschläge, meint er, dafür könne er garantieren: »Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein

kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute.«

Und der andere baut auf Sand, und das wird dann, wenn der

große Sturm kommt, weggeschwemmt. Das solide, fundierte Haus

steht auf Felsengrund. Das entspricht dem, was wir vorhin in der

Johannes-Stelle hörten: Wer mit dem Evangelium lebt, wer das

Experiment wagt, wer wirklich auf dieses Wort baut, der weiß,

daß er guten Grund gewählt hat.

Hier bildet sich allerdings noch eine andere Assoziation. Das Wort von dem Haus auf dem Felsgrund erscheint ja in dem Gespräch

mit Petrus wieder, wo Christus sagt, er baut das Haus – seine

Kirche – auf dem Felsengrund. Insofern kann uns dieses Wort

auch daran denken lassen, daß wir nicht alleine bauen sollen. Wer sein Leben nur als sein Privatwohnheim erbauen will, hat sich

bereits von dem Felsen entfernt. Das Leben bauen, heißt eigentlich immer mitbauen. Mitbauen an dem einen Haus Gottes, das auf

dem Grund seines Wortes steht und uns daher die sichere Bleibe

gibt.

Man könnte endlos über das Leben reden, wie man es anstellt

und gut macht und frei und auch spaßig und spannend. William

Shakespeare, offensichtlich ein Katholik, hat das Rad des Lebens intensiv durchlebt. Die Titel seiner Stücke lesen sich dabei wie ein symbolhafter Lebenslauf, von »Viel Lärm um nichts« über »Maß

für Maß« bis hin zu »Ende gut, alles gut«. Als guter Pädagoge

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gab er am Schluß eine Empfehlung ab, so etwas wie die Essenz

seiner irdischen Erkenntnis: »Buy terms divine in selling hours of dross«, »Kauf Gotteszeit, verkauf Stunden trüber Erdenzeit.«

Es ist ein weises Wort, wie man es von einem großen Mann erwartet. Die bestgenutzte Zeit ist die, die sich ins Bleibende hinein wandelt; ist jene Zeit, die wir von Gott empfangen und wieder an

Gott zurückgeben. Eine Zeit, die an ihm vorbeigeht, die verfällt

nur und wird zur reinen Vergänglichkeit.

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