Das Leben Christi bietet wenig, was auf dieser Erde materielle Spuren hinterlassen hätte. Jesus erbaute keine Tempel, eroberte keine Städte und prägte keine Münzen. Kein Manuskript eines
klassischen Autors allerdings ist auch nur annähernd in so man-nigfachen Dokumenten überliefert wie die Schriften des Neuen Testaments. Ihre Zahl geht in die Tausende, und die ältesten unter ihnen trennen nur wenige Jahrzehnte von der Zeit Christi.
Wir haben bereits von der historisch-kritischen Forschung gesprochen, die den Zweifel an der Wahrheit der Person Christi und seiner Botschaft nährt. Es sei nicht gesichert, sagt sie, wo und wann genau Jesus geboren wurde, ob er die Bergpredigt tatsächlich in dieser Form gehalten hat. Es sei sogar unwahrscheinlich, so neuere Forscher, daß er sich selbst als Messias verstanden habe.
Vieles sei nur erklärbar aus einer Zeit, in der apokalyptische Vorstellungen Hochkonjunktur hatten. Ich möchte den Punkt gerne vertiefen: Geht diese Forschung falsch mit der Geschichte, und insbesondere falsch mit dem Glauben um?
Die historisch-kritische Forschung hat zweifellos große Verdienste.
Sie hat uns vieles genauer verstehen gelehrt. Aber sie hat auch ihre Grenzen, gerade bei einem Text dieser Art. Diese Methode bezieht
sich auf die Erforschung der Vergangenheit durch Texte im allgemeinen und setzt dabei die allgemeinen Gesetze der Geschichte voraus. Die in den Evangelien berichteten Ereignisse allerdings
brechen aus diesen allgemeinen Gesetzen aus, und sie widerstreben damit der lückenlosen Verallgemeinerung der Methode.
Im Laufe der Zeit hat man versucht, in den Texten unterschied-210
liche Quellen aufzufinden und zu unterscheiden; auch daran ist
manches wichtig. Aber im ganzen bleiben es eben Versuche, die
schnell wechseln und deren Wahrscheinlichkeitsgehalt man nicht
überschätzen darf. Vor allen Dingen ist es so, daß die Frage, wer denn dann die Evangelien eigentlich erfunden hat, größere Rätsel
aufwirft, als wenn man insgesamt die Texte in ihrer Ganzheit für
glaubwürdig und historisch hält. Denn wenn dem nicht so wäre, müßte in ganz kurzer Zeit innerhalb dieser einen Epoche ein
ungeheurer Erfindungsreichtum von genialischen Würfen statt-gefunden haben. Wie konnte sich der Text des Evangeliums so schnell durchsetzen? Wer waren die Autoren, die solches in die
Welt bringen konnten? Wieso ergibt sich daraus ein einheitliches
Gebilde, die Kirche – das alles findet hier keine Antworten.
Wo aber dann?
Der Text hat sein Spezifisches, und dieses verlangt seinen eigenen Respekt. Die Texte geben in ihrer Ganzheit eine völlig aus dem
üblichen der Geschichte herausbrechende Wirklichkeit wieder.
Diese Wirklichkeit ist in sich stimmig, und deswegen ist es nach
wie vor berechtigt, ihnen in ihrer Ganzheit zu trauen.
Man muß hinzufügen, daß es die historisch-kritische Methode und die Ergebnisse nicht gibt. Es gibt Wissenschafts-Autoren, die dem Text nach wie vor ein großes Vertrauen entgegenbringen und
dafür auch objektive methodische Gründe vorbringen. Und es gibt
solche, die praktisch überhaupt nichts stehenlassen – und damit
aber dann ihrerseits zu Erfindungen genötigt sind, um zu erklären, wie das Ganze vor sich gegangen sein soll. Sie tappen dabei völlig ins Blaue, weil hierfür dann keine Quellen vorliegen, so daß diese Versuche im Grunde doch auch wieder zur Phantasie werden.
Sehen wir uns die Evangelisten ein wenig näher an. Da ist Matthäus. Er trägt den zur damaligen Zeit unüblichen Doppelnamen 211
Matthaj-Levi. Ein Zöllner, der Geld in die eigenen Taschen fließen läßt, einer, der für die feindliche römische Staatsgewalt arbeitet.
Er ist der, von dem es im Evangelium heißt: »Und als Jesus in
seinem Haus beim Essen war, kamen viele Zöllner und Sünder
und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern.« Also nicht
gerade der Ehrenmann und die Glaubwürdigkeit in Person.
Nun müssen wir vielleicht doch etwas näher auf die Quellenfrage
eingehen. Das Matthäus-Evangelium galt früher als das älteste
unter den Evangelien. Eine Notiz eines Schriftstellers aus dem
2. Jahrhundert, Papias, sagt, daß Matthäus dieses Evangelium
zunächst in hebräischer Sprache verfaßt habe, bevor es ins Griechische übertragen worden sei. Wegen des Reichtums seiner Informationen, seines Aufbaus und seiner ganzen Lesbarkeit galt es als das Evangelium der Kirche, nach dem im allgemeinen zitiert worden ist. Lukas und Markus wurden hinzugenommen, aber
Matthäus galt als das älteste und das am meisten tragende, das
am meisten der Kirche unmittelbar für ihre Liturgie, für ihren
Glauben zugesprochene Evangelium.
Den Ergebnissen der Forschung nach sind die Texte der drei Synoptiker – Matthäus, Markus, Lukas – in irgendeiner Beziehung miteinander verwoben und hängen voneinander ab. Die Frage,
wie das entstand, ist ganz neu aufgerollt worden. Heute ist ein
Großteil der Kritik der Meinung, daß man dieses Evangelium nicht
dem Apostel Matthäus zuschreiben könne, sondern daß es etwas
späteren Ursprungs sei und etwa gegen Ende des 1. Jahrhunderts
in einer syrisch-judenchristlichen Gemeinschaft niedergeschrieben wurde.
Die Entstehung der Evangelien insgesamt stellt sich uns heute
als ein sehr vielschichtiger Prozeß dar. Am Anfang stehen wohl
Sammlungen der Worte Jesu, die zunächst mündlich memoriert
und weitergegeben, alsbald aber auch schriftlich fixiert wurden.
Der kürzlich verstorbene Erfurter Exeget Heinz Schürmann hat
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wahrscheinlich gemacht, daß das Memorieren von Jesus-Worten
durch die Jünger bis in die Lebenszeit Jesu selbst zurückreicht. Am Anfang steht also die mündliche Überlieferung. Neben den Wortüberlieferungen gab es Ereignisüberlieferungen, Lokaltraditionen
und so weiter. Subjekt des Überlieferns war nicht der einzelne,
sondern die gläubigen Gemeinden und in ihnen die gemeinsame
Kirche. Dann kommt es zum Prozeß der Verschriftlichung, der
also schon auf einem reichen Überlieferungsgut aufbauen konnte
und alles andere als private Schriftstellerei war, auch wenn der
Redaktion des Materials durch die Evangelisten große Bedeutung
zukommt. In ihr drückt sich jeweils eine theologische Vision aus.
Was nun die einzelnen Evangelien betrifft, so geht man heute
davon aus, daß nicht das Matthäus-, sondern das Markus-Evangelium das älteste ist. Matthäus und Lukas haben sozusagen den Grundstock von Markus übernommen und durch andere ihnen
vorliegende Überlieferungen bereichert. Das Johannes-Evangelium wiederum hat seine ganz eigene Entstehung und ist aus einem Guß. Wichtig ist, daß die ersten drei Evangelien nicht einfach
von einem Verfasser geschrieben sind, sondern daß dahinter der Überlieferungsprozeß der glaubenden Kirche steht – also ein Prozeß, der von den Anfängen an sich langsam in Überlieferungen kristallisiert, die schließlich zu Evangelientexten zusammengefügt werden.
Die Frage der Personen ist deshalb in gewisser Hinsicht sekundär.
Lukas ist freilich als Individualität ganz deutlich zu erkennen. Ihm gehören unbestritten das dritte Evangelium und die Apostelgeschichte an. Auch Markus als Petrusschüler hat klar sein eigenes Profil als Evangelist. Ungeklärt ist heute, wem die letzte Redaktion des Matthäus-Evangeliums zuzusprechen ist. Wesentlich ist, daß am Anfang das mündliche Weitertragen steht, das für den
Orient so charakteristisch ist. Das gewährleistet die Nähe zum
historischen Ursprung. Die aus mündlicher Überlieferung gewach-senen Texte haben eine Gemeinschaftskontrolle hinter sich (die 213
in den einzelnen Gemeinden, die diese Überlieferungen aufnehmen, zu spezifischen Färbungen führte, ohne die wesentliche Treue anzutasten).
Und was nun die Person dieses Matthaj-Levi angeht, so haben Sie
ja lediglich seine Vergangenheit geschildert. Matthäus ist in der Begegnung mit Jesus ein anderer geworden. Er hat Jesus als Weg
angenommen und dem abgesagt, was er bisher getan hatte. Er
hat in der Gemeinschaft der Zwölf, in der Gemeinschaft mit dem
Auferstandenen und schließlich in den missionarischen Diensten
gezeigt, daß er wirklich »erneuert« war, und daß wir diesem neuen Menschen glauben dürfen.
Der Evangelist Lukas war Arzt, er wollte seinen Lesern zuallererst zeigen, daß Jesus als Retter auf die Welt gekommen ist, als Heiland für Leib und Seele. Für ihn war Jesus voller Mitgefühl und Liebe für die Menschen am Rande.
Aber kommen wir zum Johannes-Evangelium. Es sei aus einem
Guß, haben Sie gerade gesagt. Jedenfalls hat es einen völlig anderen, sehr tiefsinnigen Charakter. Bei den Synoptikern tritt uns eher der Menschensohn entgegen; bei Johannes leuchten die Streit-reden mit den Schriftgelehrten auf – und vor allem die ganze Herrlichkeit des Gottessohnes. Ich kann mir vorstellen, daß er Ihr Lieblingsevangelist ist.
Ich mag ihn sehr gerne, muß aber sagen, daß ich gerade auch Lukas sehr gerne mag. Da haben wir diese wunderbaren Gleichnisse vom armen Lazarus, vom Samaritaner, vom verlorenen Sohn. Er
ist ein so großer Erzähler, daß da ganz besondere »Perlen« drin
sind. Auch die Kindheitsgeschichten. Jeder Evangelist hat so sein besonderes Gesicht. Ich muß sagen, daß ich Lukas eben gerade
angesichts dieser so tiefgehenden Menschlichkeit, die darin ist,
die zugleich Horizonte in die Ewigkeit aufreißt, besonders liebe.
Die Synoptiker halte ich insgesamt in ihrer Einheit für etwas un-214
ersetzlich Schönes, eben gerade weil sie nicht so sehr Individual-Kompositionen sind, sondern weil wir das Weitertragen der Überlieferung in der lebendigen Kirche spüren, das dann allmählich sich in einem zusammenhängenden Text verdichtet. Aber zweifellos bleibt Johannes ein Buch mit einer unauslotbaren Tiefe, das mich immer wieder fasziniert.
Manchmal wirkt die Jesus-Geschichte freilich etwas konstruiert.
Jesus hält sich zum Beispiel auch streng an die Zahlenmystik des Alten Testaments. Er war 40 Tage in der Wüste, hat exakt 7 Wunder gewirkt, 12 Gleichnisse erzählt, 12 Apostel eingesetzt …
Was alle Evangelien gleichermaßen kennen, ist die Einsetzung
der 12 Apostel. Und das ist gar nicht verwunderlich. Wenn Jesus
nun wirklich das neue Israel aufbauen will, wenn er sich als der
Gesandte Gottes weiß, der Israel erneuert und dann das Licht
zu den Völkern getragen wissen will, dann ist es ganz normal,
daß er auf die Symbolik der 12 Stämme Israels zurückgreift und
sozusagen 12 neue Stammväter beruft und so den Anfang des
erneuerten Israels in einer symbolischen Geste darstellt.
Die 40 Tage in der Wüste nehmen die 40 Wüstenjahre Israels
wieder auf. Die Zahl der berichteten Wunder und Gleichnisse ist
in den einzelnen Evangelien verschieden.
Dennoch, die Evangelien lesen sich immer wieder auch wie Lehrstücke. Teils sogar wie eine Inszenierung, ein Stück für Agitation und Propaganda.
Ja, sie sind ein Lehrstück, aber doch auch einfach Zeugnis. Johannes sagt selbst, daß er damit Zeugnis geben will. Das ist die Grundkategorie, unter der wir sie lesen dürfen. Sie wollen Jesus
selbst, mit seinem Wort, seinem Werk, seinem Leiden darstellen.
Sie möchten weit mehr als belehren. Sie möchten Begegnung schaffen mit einem Ereignis, das dann freilich auch geistigen Inhalt 215
hat und Erkenntnislehre vermittelt. Sie reden zum Herz und zum
Verstand zugleich.
Vom Weg, der Wahrheit und vom Leben
Es gibt wunderbare Synonyme für Jesus: er ist das Brot des Lebens , das Salz der Erde und das Licht der Welt . Jesus sagt von sich selbst: » Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben . Und jeder, der an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.«
Kann man 2.000 Jahre nach seiner Geburt die Frage, wer Jesus
wirklich war, überhaupt noch authentisch beantworten?
Wenn man jetzt nur rein historisch durch 2.000 Jahre durchgra-ben müßte, dann stößt, wie wir es eben besprochen haben, die historische Methode an ihre Grenzen. Aber so ist es ja nicht.
Wir sehen, daß das lebendige Subjekt, das aus der Verkündigung
entstanden ist, die Kirche, sich ihre Identität gewahrt hat und
in dieser Identität von den Anfängen an da ist. Die Kirche ist
gleichsam zeitgenössisch mit Jesus, und es ist eine Gleichzeitigkeit, die durch die Zeit hindurch hält.
Wir sind infolgedessen gar nicht durch den ungeheuren Graben
von 2.000 Jahren von ihm getrennt. Das Subjekt, das lebendig
von ihm Zeugnis ablegt und das sozusagen mit dem gleichen
Ich spricht, mit dem es auch am Anfang gesprochen hat, hat
nie aufgehört. In ihm ist das Wissen seiner Gegenwart lebendig
geblieben. In ihm können wir den Ursprung anschauen, aus dem es
kommt. Natürlich ist darin Glaube mit dabei, aber ohne eine Form
von Sympathie, von Glauben, kann ich generell keinen anderen
Menschen erkennen.
Ich habe einmal ein Bild in der Kirche von Nazaret gesehen, es zeigt den kleinen Jesus, wie er linkisch an der Hobelbank hantiert.
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Maria sitzt dabei, ängstlich bis leidend, und Zimmermann Josef trägt schon ganz die Miene eines Mannes, der früh ahnt, daß
dieser Stammhalter wohl eher kein Handwerker wird. Schon mit
12 wollte Jesus ausreißen (»muß im Hause meines Vaters sein«), mit 30 wollten ihn die Nazarener den Berg hinabwerfen, den
»Berg des Absturzes«.
Die christliche Überlieferung hat anfangs die Kindheitsgeschichte Jesu nicht öffentlich weitergegeben. Erst bei Lukas und bei Matthäus erscheint sie in je verschiedenen Überlieferungsbrechungen.
Die Evangelien wollten eben nicht irgendeine Biographie von Jesus geben, wie ein Historiker sie schreiben würde, sondern Zeugnis
ablegen von dem, was für uns wesentlich ist. Und da lag es ihnen nicht daran, diese Zeit der Stille nachzuerzählen, sondern zum einen seine besondere Herkunft von Gott in den Kindheitsgeschichten darzustellen, den Stern, der von Anfang an über diesem Leben steht, und ihn dann eben mit seiner Botschaft zu zeigen.
Was man auf solchen Heilige-Familie-Bildern sieht, ist die fromme Phantasie, die sich vor allen Dingen seit dem 19. Jahrhundert
des nazaretanischen Themas angenommen und sich das nach den
eigenen Lebensbildern zurechtgelegt hat. Dagegenzuhalten ist, daß es die Kleinfamilie in der Form, wie sie hier dargestellt wurde, im Palästina von damals gar nicht gegeben hat. Statt dessen lebte die Großfamilie in einer Art Sippenclan zusammen. Daher kommt es
dann auch, daß von Brüdern Jesu die Rede ist.
Das 19. Jahrhundert hatte das alles in ein anderes Licht getaucht.
Wir sehen den Höhepunkt dieser Interpretation dann bei Charles
de Foucauld, der aus Nazaret eine Botschaft der Stille, der Einkehr und der Demut macht. Er hat damit sicherlich kostbare Dinge
entdeckt, die aber nicht den unmittelbaren Kern der Botschaft
bilden, der uns eben in dem vorgelegt ist, was die Evangelien
sagen.
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Warum hat Jesus erst mit dreißig begonnen, öffentlich zu wirken?
Er hatte damit bis zu seinem Tode gerade mal drei Jahre Zeit, die Botschaft zu verkünden?
Es war einfach klar, daß in der damaligen Welt, in der Konstellation Israels, nicht ein beliebig junger Mann auftreten konnte.
Jemand, der die Funktion eines Rabbi erfüllen wollte, auch wenn
Jesus kein Rabbi im strengen Sinn war, mußte er das Mindestalter
von dreißig haben. Deswegen geschieht der Auftritt in dem Augenblick und nicht vorher. Die Botschaft Jesu hatte ihr inneres Maß, und dafür war diese Zeit schließlich ausreichend.
Als Jesus einmal zu Besuch in seiner Heimatstadt ist, stecken die Leute die Köpfe zusammen, wie man das eben von neugierigen
Nachbarn so kennt: »Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns?
Woher hat er plötzlich soviel Weisheit und Kraft?« Und weiter
zitiert die Bibel: »Heißt nicht seine Mutter Maria, und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder? Leben nicht alle seine Schwestern unter uns?«
An dieser Stelle sind alleine vier Brüder genannt und eine un-bestimmte Zahl von Schwestern. Wenn ich mich recht erinnere: Sprach die Kirche nicht immer nur von einem einzigen Sohn der
Jungfrau Maria?
In einem kleinen Nest wie Nazaret kennt selbstverständlich jeder
jeden. Natürlich wird dann einer, der bisher in der Stille mitge-lebt hatte wie die anderen auch, verwundert angesehen, wenn er plötzlich mit einem solchen Anspruch auftritt. Und wenn man
jemanden so nahe kennt, dann traut man ihm das nicht zu. Es
scheint einen Widerspruch zu geben zu dem, was vorher war, und
er wird sozusagen wieder ins Gewöhnliche heruntergezogen. Jesus
antwortet von daher mit dem Wort: »Nirgendwo ist ein Prophet
weniger willkommen als in der Heimat.« Was die Frage der Geschwister Jesu betrifft: Die Kirche glaubt auch heute daran, daß 218
Maria als Jungfrau ihn geboren hat, ihn und keinen anderen. Sie gehörte von ihm her Gott und konnte da sozusagen nicht in ein
normales Familienleben zurückkehren.
Der Sprachgebrauch der »Geschwister Jesu« erklärt sich ganz
ungezwungen aus den damaligen Familienstrukturen. Und es gibt
ja auch Anzeichen genug, daß diese Kinder nicht Maria zugeteilt
werden. Hier ist zum Beispiel auch von einer anderen Maria die
Rede, und andere Dinge mehr. Von den spezifischen Familienver-hältnissen hören wir nur in Andeutungen. Sie lassen allerdings erkennen, daß hier mehrere Familien zueinander gehören. Wenn
dann Jesus unter dem Kreuz seiner Mutter Johannes als Sohn gibt,
sehen wir, daß sie in einer besonderen Gestalt dasteht und in einer besonderen Einzigartigkeit ihm zugehört.
Rein historisch kann man sicherlich die Frage nicht lösen. Man
kann die Einzigkeit der Mutterschaft Marias nicht beweisen. Man
kann umgekehrt aber auch keineswegs beweisen, daß die genannten Personen nun Vollgeschwister Jesu sein müssen. Vielmehr gibt es – Josef Blinzler hat hierzu eine gute Monographie geschrieben –im einzelnen Hinweise genug, die erkennen lassen, daß diese Geschwister anderen Familien zugehören und sozusagen innerhalb des Clans als Geschwister bezeichnet werden. Im übrigen ist dieser Begriff Geschwister Jesu auch ein Begriff in der Urkirche, in der es Spannungen gab zwischen dieser Familiengemeinschaft Jesu, die
ein strenges Verständnis von Judenchristentum hatte, und anderen
Richtungen in der werdenden Kirche.
Wer war Jesus wirklich?
Manchmal benimmt sich Jesus wie ein zorniger Halbstarker. Als
er eines Morgens hungrig in die Stadt zurückkehrt und an einem Feigenbaum keine Früchte, sondern nur Blätter sieht, beginnt er 219
zu fluchen: »In Ewigkeit soll keine Frucht mehr an dir wachsen.«
Der Feigenbaum verdorrte auf der Stelle.
Die Sache mit dem Feigenbaum hat einen »typologischen« Charakter, das heißt, es geht um eine für Propheten in Israel typische Zeichenhandlung. Der Feigenbaum symbolisiert in diesem Falle
das Volk Israel, und die Geschichte selbst hängt mit der Passion
zusammen, wo das Ringen um das Ja oder Nein Israels seinen
dramatischen Höhepunkt erreicht. Der fruchtlose Feigenbaum
reicht aber als Symbol weit darüber hinaus und exemplifiziert die Frage des Fruchtbringens ganz allgemein.
Es geht gar nicht um einen augenblicklichen Zornesanfall, sondern um eine zeichenhafte Gestik, in der Jesus zeigt, wie Völker, Gemeinschaften, Gruppen, die gleichsam nur Blätter hervorbringen, die sich nur selbst darstellen, und aus denen nichts herauskommt, was den anderen dient, dürr werden, verdorren. Es gibt auch ein
Christentum, das nur Blätter, nur Papier hervorbringt, und dann
verdorrt. Insofern müssen wir diesen Vorgang aus der Perspektive
des Gottessohnes sehen, der in diesem Bild eine Symbolperspektive über die Jahrhunderte hinweg vor uns aufrichtet.
Einmal macht er ganzen Städten einen Vorwurf, weil sie sich
nicht bekehrt hätten: »Und du, Kafarnaum, meinst du etwa, du
wirst bis zum Himmel erhoben? Nein, in die Unterwelt wirst du
hinabgeworfen.«
Jesus spricht hier Städte an, die in besonderer Weise mit seinem Leben verflochten sind und in denen er in besonderer Weise Glaube erwarten durfte. Er sieht aber, daß auch hier dieses Bekanntschafts-syndrom wirkt. Sie nehmen ihn nicht wirklich ernst, der Glaube wächst nicht. So rücken diese Orte nun in eine Reihe mit Städten, die Symbole der Strafgerichte, des Versagens, des Verlorengehens
geworden sind.
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Wiederum wird das gleiche sichtbar: Wo der Mensch oder eine
Gemeinschaft sich weigert, die Dinge Gottes ernst zu nehmen, wiederholt sich auf irgendeine Weise das Gomorra-Geschick. Wenn eine Gesellschaft von der Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott
weglebt, zerschneidet sie die inneren Wurzeln ihrer Sozialität.
Auch heute können wir solche Geschicke sehen. Denken wir nur
an atheistische Gesellschaften, an die Probleme, die sich in den
Nachfolgestaaten der Sowjetunion nach 50 Jahren marxistischer
Regierung in diesem Prozeß des Zerfallens zeigen. Hier zogen
sich Gesellschaften, die von Gott wegleben, wirklich auch das
Lebensfundament weg.
Aber sogar zu Petrus ist Jesus einmal extrem ungehalten, ja beleidigend. »Weg mit dir, Satan«, faucht er ihn an, »geh mir aus den Augen! Du willst mich zu Fall bringen.«
Zu Petrus hat Jesus ein besonders nahes Vertrauensverhältnis,
von daher sind solche Aussprüche gerechtfertigt. Wir sehen ja,
wie Petrus das annimmt. Er begreift, daß er ganz falsch gelegen
hatte. Es geht hier darum, daß er den Herrn am Kreuzweg hindern
möchte. Er sagt, mit deiner Sendung paßt das nicht zusammen, du
mußt Erfolg haben, du kannst doch nicht zum Kreuz gehen. Petrus
wiederholt damit die Versuchung, die uns von den Wüstentagen
als Jesu Versuchung schlechthin geschildert wird, ein Messias des Erfolgs zu sein, auf das politische Pferd zu setzen.
Es ist eine Versuchung, die immer wieder neu aufsteht. Etwa auch, wenn man ein marxistisches Christentum konzipieren möchte, das
endgültig die ideale Gesellschaft hervorbringt. Hier ist dieselbe Erlösungsidee am Werk: erlöst werde die Menschheit, wenn alle
genug Geld und Waren hätten. Gerade dieser Vorstellung stellt
sich Jesus entgegen. Insofern nimmt Petrus in dem Augenblick, wo
er ihm dieses Modell vorhält, sozusagen die Rolle des Satans in der Wüste ein. Petrus versteht es; auch wenn er sich bis zuletzt immer 221
wieder neu mit dem Skandal des Kreuzes auseinandersetzen und
gegen das andere Konzept, das so menschlich ist, die Besonderheit Jesu erlernen muß.
Gegen manche Leute hat Jesus eine richtige Aversion. Er nennt
sie »Nattern und Schlangenbrut« und »blinde Führer«. »Ihr siebt Mücken aus und verschluckt Kamele«, zürnt er. »Weh euch, ihr
Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler. Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich.« Jesus ist offenbar ein Verfechter
der Wahrhaftigkeit, der Einheit zwischen Reden und Handeln,
zwischen dem, was man predigt und dem, was man selber lebt.
Die Schriftgelehrten verabscheut er: »Sie schnüren schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schulter, wollen
selber aber keinen Finger rühren, um die Lasten zu tragen.«
Ich glaube, man kann in diesen Sätzen gleichsam den Zorn Gottes
über eine verfälschte Frömmigkeit hören. Aus der Perspektive
Gottes sind Jesus solche Menschen zuwider. Er hält ihnen mit
großer Dramatik vor, wie diese scheinbare Frömmigkeit oder auch
Gelehrtheit ganz an ihrer Aufgabe vorbeigeht. Und auch da spricht er wieder in die Generationen hinein. Man weiß ja, daß Luther
diese Sachen ganz direkt auf die katholische Hierarchie angewandt hat und gesagt hat, von der gilt das ganz genauso.
So glatt darf man es sicher nicht machen. Aber in der Tat müssen
alle, die im Dienst des Wortes Gottes stehen, sich von solchen
Worten aufgerüttelt fühlen und sich immer wieder fragen lassen,
ob das nicht auch von ihnen gilt. Es gibt da ein kleines Buch
des Kirchen-und Mönchsvaters Maximus Confessor. In diesem
Werk hält er seinen Mönchen eine aufrüttelnde Rede. Er sagt,
dieses Wort gilt für uns noch viel mehr als für die Pharisäer von damals. Wir sind schlimmer als sie, wenn wir all diese Verkehrung, Verengung, und Verfälschung der Frömmigkeit leben, weil wir ein
größeres Licht empfangen haben.
222
Und was die Schriftgelehrten angeht, sie kennen sozusagen jeden
Buchstaben der Schrift, es sind Exegeten, Spezialisten der Schrift, die auch auf Anhieb sagen können, welcher Prophet wo welches
gesagt hat. Aber es ist eine tote Erkenntnis. Sie zerlegen die Schrift nur in ihre Elemente und finden in ihr das Lebendige nicht mehr.
Insofern wird die Gefahr jeder spezialistischen Auslegung in dieser Figur sichtbar. Man weiß zwar alles, aber die Schrift wird wie
ein Laborstück, wie ein Skelett behandelt, aus dem man nun alles
herauspräpariert. Man ist damit bei aller Detailkenntnis ganz besonders weit von ihrer Botschaft entfernt. Demgegenüber versteht das Hören der Einfachen die eigentliche Botschaft oft besser als
jenes so vielschichtige Wissen, das dem Kern gegenüber taub und
blind geworden ist.
Jesus ist offensichtlich auch ein ungeduldiger Mann. Einmal befiehlt er seinem Chef-Apostel Petrus, er solle über das Meer wandeln. Komm! Ruft er ihm zu. Und Petrus kommt. Er steigt aus dem Boot und kann tatsächlich das eigentlich Unmögliche, er
geht über Wasser. Allerdings nur bis zu dem Augenblick, als er Angst vor dem Wind bekommt, der gerade heftiger wird. Schon
beginnt er in den Fluten zu versinken. Jesus schüttelt den Kopf: »Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt.«
Er bringt halt das ans Licht, was in der Seele des Petrus vorge-gangen ist. So ähnlich ist es ja auch einmal beim Seesturm, als die Jünger ganz verzweifelt sind, daß Jesus sich nicht rührt, selbst dann nicht, als das Boot schon mit Wasser volläuft. Und nachdem er aufgestanden ist und sie rettet, sagt er: »Wie konntet ihr zweifeln.«
Jesus setzt voraus, daß seine Jünger ihn eigentlich kennen sollten.
Daß sie wissen müßten, er werde sie nicht untergehen lassen. Er
zeigt ihnen daran, daß ihr Glaube an das, was er ist und was sie
eigentlich erkannt und angenommen haben, noch immer so mini-223
mal ist, daß ein Windhauch diesen Glauben gleichsam wegblasen
kann.
In der beschriebenen Szene geht es darum, daß Petrus nicht mehr
auf Jesus blickt, sondern die irdischen Elemente im Auge hat.
Natürlich ergibt dann jede Wahrscheinlichkeitsrechnung, daß er
sofort untergehen muß, wenn er sich auf das Wasser begibt. Er hat damit aber genau das Eigentliche aus dem Spiel gelassen, daß er
nämlich von Jesus gerufen ist, der der Herr ist. Mit ihm und durch seine Kraft, in der Beziehung zu ihm wird er sozusagen auch über
die Todeselemente der Welt hinweggehen können.
Auch dies ist wieder eine sehr tiefe Gleichnisgeschichte. Wenn
wir auf die Wahrscheinlichkeitselemente der Naturereignisse und
alles Wißbaren hinschauen, erscheint das Christentum extrem unwahrscheinlich. Und wenn wir uns von dem Blick auf das bannen lassen, was augenblicklich Strömung ist, was der Wind ist, der
uns um die Ohren schlägt, dann kann der Glaube eigentlich nur
versinken. Wir müßten folglich mit Petrus sagen: Es geht nicht
mehr! Wenn wir das tun, haben wir den eigentlichen Anker schon
verloren, der darin besteht, aus der Beziehung zu dem zu leben,
der die Schwerkraft überwindet, die Schwerkraft des Todes, die
Schwerkraft der Geschichte und ihrer Unmöglichkeiten. Glaube
heißt Widerstand gegen die Schwerkraft, die uns nach unten zieht.
Glaube heißt Gemeinschaft mit dem, der die andere Schwerkraft
hat, eine, die uns nach oben zieht, die uns hält, und die uns auch über die Todeselemente hinüberführt.
Einmal, als Jesus bei den Heiden ist, in der Gegend der Städte Tyrus und Sidon, wollte er weder lehren noch Wunder wirken.
Selbst als ihn eine Mutter inständig anfleht, er möge doch bitte ihre Tochter heilen, die von einem bösen Geist arg gequält werde, weist Jesus sie barsch ab: »Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.«
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Es gehört zu den charakteristischen Elementen des Lebens Jesu,
daß er selber nicht in die Heidenmission eintritt. Erst nach der
Auferstehung wird er diese Mission seinen Jüngern auftragen.
Zunächst hat Israel sozusagen ein Vorrecht. Es ist das von Gott
erwählte Volk, der Punkt, von dem aus Gott sein Handeln beginnt.
Und so hält er sich an diese heilsgeschichtliche Prärogative Israels.
In seinem irdischen Leben ringt Jesus um das Herz Israels, ringt
darum, daß Israel als solches in ihm den Verheißenen erkennt, mit ihm eins wird, und daß von dort aus dann die Geschichte ihre
Verwandlung empfängt.
Auch Paulus hält sich zunächst an diese Struktur. Wo immer er
hingegangen ist, hat er seine Mission immer in der Synagoge begonnen. Selbst als er in Rom ankommt, ruft er zunächst seine jüdischen Landsleute zusammen. Und erst wenn es hier nicht gelungen ist, die Glaubensgemeinschaft mit Jesus in der Identität mit der Glaubensgeschichte Israels herzustellen, geht der Weg zu den
Heiden. Gerade Paulus, der große Überwinder der Schwellenangst,
sagt, die Botschaft gilt immer zuerst für die Juden und dann für
die Heiden.
Es wird also ein Gesetz der Heilsgeschichte eingehalten. Gott
bleibt sich treu, und Jesus ist treu. Auch wenn er das jüdische
Gesetz von innen her erneuert und umwandelt, ist er nicht einfach ein Rebell, der alles anders macht, sondern handelt aus dieser innersten Treue heraus. So nimmt die Bestätigung der Treue Gottes dem zwingenden Übergang zu den Heiden den Anschein des Verrates – und läßt ihn im Gegenteil als die Logik seiner Auferstehung erscheinen, in der letztlich das Gestorbensein des Weizenkorns
zum Übergang ins Große und Weltweite wird.
Jesus zieht über Land. Er mahnt zu Demut und Buße, er lehrt
beten, warnt vor Genußsucht und Hartherzigkeit. Er erzählt das Gleichnis vom armen Lazarus, der in den Himmel kam, während
der reiche Prasser in die Hölle muß – ein richtiger Wanderprediger eigentlich.
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Er ist ein Wanderprediger, das ist schon richtig. Er predigt zu-nächst in Galiläa und versucht dort die Menschen in sein Wort hineinzusammeln. Dann dehnt er seine Predigttätigkeit auch nach
Jerusalem aus. Er weiß sich zu Israel gesandt und will dort allen die neue Botschaft bringen, die er auszurichten hat. Ihr Kern ist das Reich Gottes, die Erneuerung der Welt durch die Erbarmungen
Gottes.
Die einzelnen Elemente, die Sie angedeutet haben, fügen sich alle dieser großen Perspektive ein. Jesus lebt einerseits in der Treue zu der Heilsgeschichte Gottes, er hält auch die Feststruktur Israels ein, macht Wallfahrten, hält das Ostermahl. Er lebt durchaus als
ein frommer und gläubiger Jude. Und zugleich als der Sohn, der
der neue Moses ist. Der über Moses steht. Der nun das Gesetz nicht mehr bloß wie die Gelehrten interpretiert, sondern der als
der Sohn, der selbst der Gesetzgeber ist, es auf eine neue Stufe
hebt.
Ein Rebell?
Es ist nicht einfach Liberalität oder Rebellion, Anrennen gegen
dies und jenes, Herumrempeln und nicht annehmen wollen, sondern es ist die Perspektive des Gesetzgebers, des Schöpfers selbst, die das Vorläufige aufreißt und in das Endgültige hineinbringt,
und gerade darin eine tiefere Treue vorlebt. Ich glaube, dieses Miteinander von scheinbarer Rebellion und wirklicher Treue müssen wir sehen, wenn wir die Gestalt Jesu richtig verstehen wollen. Sie hebt das Vorangegangene nicht auf – »Kein Jota, kein Häkchen
soll verschwinden«, sagt er – , sondern bringt es erst zu seiner
ganzen Tiefe.
Besondere Freude hat Jesus offenbar an den Kindern und den einfachen Gläubigen. Er ist regelrecht, was bei ihm selten vorkommt, begeistert davon: »Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und 226
der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast.«
Ja, da ist wieder diese geheimnisvolle Struktur des Handelns Gottes: Das ganz Große wird von den Einfachen leichter erfaßt, als von denen, die mit tausend Unterscheidungen, mit vielfältigem
intellektuellen Gepäck, alles einzeln abtasten und sich von dem
Großen gar nicht mehr überwältigen lassen können.
Das ist keine Absage an die Intellektuellen oder an die Schrift-kenntnis, aber doch eine Mahnung, eine innerste Einfachheit nicht zu verlieren, die tragende Mitte des Ganzen wahrzunehmen und
sich überwältigen zu lassen, das Unerwartbare anzunehmen.
Daß diese Versuchung unter Intellektuellen groß ist, ist kein Geheimnis. Wenn wir auf die Geschichte der Ideologien des vergangenen Jahrhunderts zurückblicken, sehen wir, daß die einfachen Menschen oft klarer geurteilt haben als die Intellektuellen. Sie
wollen immer noch weiter differenzieren, erst mal in Ruhe dieses
und jenes herausfinden – und lassen dabei den Blick fürs Ganze
dann untergehen.
»Euch ist es gegeben«, meint Jesus zu den Jüngern, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen. Zu den anderen Menschen aber wird nur in Gleichnissen geredet; denn sie sollen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen. Das ist der
Sinn der Gleichnisse: Der Samen ist das Wort Gottes.« Immerhin muß etwas Besonderes in der Sprache des Evangeliums liegen.
Alle Menschen der Welt, unabhängig von ihren Kulturen, und
auch unabhängig, in welchem Jahrhundert sie leben, können sie
verstehen.
Das Wort, das Sie zitiert haben, stammt ursprünglich von dem
Propheten Jesaja. Es ist ein Augenblick des Versagens, als er diese Gerichtsdrohung ausspricht. Er meint darin, ihr hört die Wahrheit 227
zwar alle, aber am Schluß wird sie euch offenbar doch nur gegeben, damit ihr sie nicht versteht.
Ein geheimnisvolles Wort.
Jesus sagt, am Ende wird das, was zum Verstehen gegeben ist, bei
euch zur Verhärtung ins Nichtverstehen hinein. Ihr könnt euch
ruhig hinter den vordergründigen Worten verschanzen; bleibt nur
bei ihnen – und schließt euch so vom Verstehen aus. Hiermit
wird das angebotene Wort gleichsam zum Gerichtswort, weil die
Menschen sich an die vordergründige Schale des Wortes halten
und nicht mehr in seine Tiefe hineinhören wollen.
An sich sind die Gleichnisse dazu gegeben, dem Menschen das
Unfaßbare anzunähern. Sie sind schon rein pädagogisch eine großartige Sache. Die großen, ewigen Geheimnisse werden uns in Geschichten des Alltags erzählt, die plötzlich für Gottes Geheimnis transparent werden. Und im Einfachsten, in Saat und Ernte, in
Geschichten wie denen von Lazarus oder dem Samariter, zeigt sich
wiederum das Große.
Gott geht in Christus auf den Menschen zu, er macht ihm das
Wort mundgerecht, er übersetzt es in das, was der Mensch selber
erlebt und erkennt, was seinen Alltag strukturiert, so daß er durch das Vordergründige und Alltägliche den Schritt und den Blick auf
das Wesentliche gewinnt. In diesem Sinne haben wir hier in der
Tat überzeitliche, alle Kulturen betreffende Worte, weil sie an die Urvorgänge des menschlichen Lebens anknüpfen.
Die Gleichnisse haben offenbar eine weitere Ebene, einen zu-sätzlichen Code eingebaut. Sie sagten einmal, daß das Verstehen »an das Mitsein mit Christus« gebunden sei: »Sie verweigern sich demjenigen, der sie nur intellektuell und historisch oder spekulativ in Griff zu nehmen versucht.«
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Wenn ich die Schrift nur in ihrem vordergründigen Erscheinungs-bestand lese und den Sinn für die Transparenz verliere, die in den einfachen Vorgängen liegt, dann mache ich mich nicht auf den
Weg, in den mich das Gleichnis hineinziehen will.
Ein Gleichnis bringt mich auf einen Weg. Ich sehe zunächst das,
was alle sehen, was ich immer schon weiß. Nun werde ich darauf
aufmerksam, daß da mehr drinsteckt. Ich muß also lernen, über
das täglich Wahrgenommene hinauszugehen. Wenn ich mich hingegen an das Oberflächliche hefte und mich diesem Weg versage, dann sehe ich die tiefere Wahrheit dieser Geschichten nicht, zumal auch die Gleichnisse immer in einem Lebenszusammenhang mit
dem Leben Jesu selbst stehen. Manche werden geradezu zu einer
Art verschlüsselter Autobiographie Jesu, die sich erst in seinem
eigenen Leben und Leiden entschlüsselt.
Wunderbare Brotvermehrung
Eine Geschichte ist im Evangelium besonders schlicht erzählt,
ohne Drumherum und tiefsinnige Sätze: die Speisung der Fünftausend.
Es geschieht an einem abgelegenen Ort irgendwo in Galiläa, und sehr viele Menschen haben sich um Jesus versammelt. Sie mögen
ihm fasziniert zugehört haben. Plötzlich ist es Abend, und irgendwie hat es keiner so richtig bemerkt. Die Jünger fordern Jesus auf, er solle umgehend die Leute in ihre Dörfer zurückschicken, hier draußen gebe es nichts zu essen und nichts zu kaufen. Jesus bleibt ruhig. Er sagt nur: »Gebt ihnen zu essen.«
Es sind gerade mal fünf Brote und zwei Fische, also sieben Teile vorhanden. »Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische«,
heißt es in der Heiligen Schrift, »blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern. Auf diese Weise konnten alle satt werden, fünftausend Männer und eine
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Zahl an Frauen und Kindern. Als man die Reste einsammelte,
waren sogar noch genau 12 Körbe übriggeblieben.«
Wir haben zum einen das Faktum, zum anderen die tiefere symbolische Dimension, die in dieser Geschichte liegt. Man erwartete ja von der messianischen Zeit, daß sich das Manna-Wunder wiederholen würde. Der Messias, so glaubte man, würde sich dadurch ausweisen, daß alle zu essen haben, und daß das Brot nun wieder
vom Himmel selber kommt.
Jesus hat nun vor, dieses Manna-Wunder auf eine ganz andere Ebene zu transponieren. Und zwar mit der Eucharistie. Mit dem Brot, in dem er sich selber gibt und in dem nachfolgend die Brotvermehrung über die ganze Geschichte hin stattfindet, bis in unsere Tage hinein. Er ist gewissermaßen unerschöpflich austeilbar.
Auf dieses erneuerte Manna-Wunder macht Jesus in dieser Brotga-be einen Anlauf, indem er das alte Manna wiederholt und zugleich auf ein ganz anderes, sagen wir demütigeres, anspruchsvolleres
hinführen will. Es ist in der Tiefe ein viel größeres Wunder. Und zwar auch darin, daß hier nicht einfach Brot vom Himmel fällt,
sondern das Austeilen, das Mitsein des Menschen, das Einander-Geben – das eben nicht einfach vom Himmel herunterfällt – , mit einbezogen wird.
Mit diesem Wunder ist jedenfalls eine vielschichtige Perspektive in das menschliche Leben und in die kommende Kirche hineingegeben. Diese Geschichte führt ja auch zu einer Scheidung der Geister.
Da gibt es dann die, die sagen, er ist also doch der Messias, und die ihn dann zum König machen und ihn in die politische Macht
zwingen wollen. Und nachdem er dies nicht annimmt, entsteht
auch die Unzufriedenheit mit dem Wunder, kommt die Meinung
auf, nun, dann ist er eben doch nicht der Erlöser. Und von diesem Zeitpunkt an datieren auch die getrennten Wege: der eine in die
Verweigerung, der andere zur Passion.
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Ist es nur Symbol oder Wirklichkeit?
Heute sind viele Exegeten, die an die Naturgesetze glauben und
so etwas für unmöglich halten, versucht, diese Speisung nur als
eine bildhafte Darstellung zu nehmen, und in der Tat ist der symbolische Gehalt sehr weitreichend. Wir sollten aber auch nicht zu voreilig Gottes Möglichkeiten beschneiden. Es gibt auch in der
Kirche ähnliche Vorgänge.
Ich war neulich in Turin, und da hat uns einer der alten Patres
erzählt, wie sich im Leben von Don Bosco zweimal ganz ähnliche
Dinge abgespielt haben. Einmal waren durch ein Versehen nicht
genügend Hostien konsekriert. Obwohl eine riesige Zahl von
Kommunikanten gekommen war, junge Leute, gab es nur etwa
zehn oder zwanzig Hostien. Don Bosco machte allerdings kein
Aufsehen. Er sagte: »Seid nur ruhig und teilt, und sie reichen für alle.« Und so war es dann auch.
Das andere Mal verspricht er nach einem harten Arbeitstag den
Buben, daß sie alle gedörrte Kastanien kriegen würden. Er sagt
also seiner Mama, sie soll die Kastanien herrichten. Sie aber versteht es falsch und dörrt nur eine Menge, die für gerade mal zehn Jungen ausreichen würde. Die Mama ist entsetzt, als sie ihren
Irrtum bemerkt. Er sagt aber nur: »Keine Sorge, teilt aus, und sie reichen, sie können sogar nachfüllen.« Und in der Tat, so war es
auch diesmal. Dafür gibt es eine ganze Anzahl Zeugen, die das
miterlebt haben.
Insofern sollten wir Gott nicht im voraus absprechen, daß er auch einmal machen kann, was normalerweise nicht geschieht.
Jesus und die Frauen
Jesus hat häufig konventionelle Schranken überwunden. Demonstrativ läßt er sich mit Sündern und Armen ein. Und ein ganz 231
besonderes Verhältnis hat er offenbar zu den Frauen. Jesus »war kein Asket, sondern er war den Freuden des Lebens durchaus
zugetan«, glaubt der jüdische Bibelwissenschaftler Schalom Ben-Chorin. Wie auch immer, Frauen fanden umgekehrt den Menschensohn sehr faszinierend. Kann man sich bei Jesus nicht auch ein erotisch-sexuelles Verhältnis vorstellen?
Das Sexuell-Erotische ist nicht Teil seiner Weise der Freundschaft.
Hier gehört Jesus einfach einer anderen Ordnung zu. Aber daß er
zu wirklich tiefer menschlicher Freundschaft und auch wirklicher
Liebe fähig war, das sehen wir an seinen Beziehungen, die uns die Evangelien schildern. Und richtig ist auch, daß gerade die Frauen ein besonderes Gespür haben für das Neue, Andere, Große, Geheimnisvolle, das in ihm auftritt, und er sie auf besondere Weise in seine Gemeinschaft hereinzieht. Gegenüber dem zeitgenössischen jüdischen Gebrauch, wonach die Frauen als zweitrangig angesehen werden, vollzieht Jesus so etwas wie eine Emanzipation
der Frau. Die Frauen gehörten aufgrund ihrer sozialen Stellung
irgendwie in diese Kategorie des Kleinen, der Gott seine besondere Liebe und seine besondere Zuneigung versichert. Er weckt damit
auch das Charisma der Frauen. In der Begegnung mit ihm rücken
speziell die beiden Frauen von Betanien in unser Blickfeld. Sie
zeigen uns, wie von da aus konstitutiv die Frauen als lebendige
Mitträger in den Aufbau der Kirche hineingehören.
Es waren die Frauen, die Jesus treu begleitet hatten, bis unter das Kreuz. Im Gegensatz zu ihnen hatten alle Jünger längst das Weite gesucht. Aus Maria Magdalena hatte Jesus sieben böse Geister
ausgetrieben, die sie seelisch verwüstet hatten. Ausgerechnet sie, nicht Johannes und nicht Petrus, wird nun der erste Mensch, der die Auferstehung Jesu verkünden darf. Ein starkes Stück, wenn
man bedenkt, daß Frauen im Orient vor Gericht keineswegs als
zeugnisfähig galten. Der hl. Augustinus nannte von daher Maria Magdalena die Apostelin der Apostel .
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Und das ist eigentlich geblieben. Noch bis 1962 wurde in der
Liturgie die Apostel-Präfation an ihrem Tag gelesen, weil sie als die »Apostolin« galt. Daß Maria Magdalena den Aposteln als
erste die Botschaft von der Auferstehung Jesu bringt, zeigt noch
einmal das besonders herzliche und innige Verhältnis, das Jesus
zu dieser Frau gehabt hat. Das ist auch in diesem Dialog spürbar, wo er einfach nur, da sie ihn nicht erkennt, den Namen »Mariam«
sagt. Und dann erkennt sie ihn wieder und fällt zu seinen Füßen:
»Rabbuni, mein Meister.« Darin ist die Ehrfurcht, die Distanz vor seiner Größe und zugleich diese tiefgehende Liebe vor dem, der als Mensch Gott ist und als Gott doch ganz Mensch ist, mit enthalten.
Auf die Position der Frau in der Kirche würde ich gerne an späterer Stelle eingehen. Hier noch kurz: Gibt es bestimmte Jesus-Erzählungen oder Geschichten im Evangelium, von denen wir uns künftig verabschieden müssen, weil sie von neuen Erkenntnissen der Forschung oder etwa auch von neuen Funden, zum Beispiel in Qumram, widerlegt wurden?
Ich kenne keine. Vielleicht gibt es gewisse Schattierungen, die uns die Texte anders verstehen lassen. Aber das, was die Evangelien
sagen, ist ja unmittelbar in jener Zeit formuliert worden und kann daher durch neue zeitgenössische Erkenntnisse gar nicht umge-stoßen werden. Das Zeugnis der Evangelien über Jesus Christus bleibt und behält seine Gültigkeit.
Von der Begegnung
Eminenz, Sie sprachen einmal davon, daß der Glaube an Jesus
Christus dem Menschen auch die Welt erschließt. Er zeige einem, wie alles aufgebaut ist, wie sich die Dinge zueinander verhalten.
Kann man damit auch lernen, besser zu leben?
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Die entscheidenden Stationen unseres Lebens liegen ja nicht in unserer Hand. Wir bestimmen weder unsere Geburt, noch unseren
Tod. Aber es gehört zur Aufgabe einer Biographie, herauszufinden, wer man ist und was für eine Berufung man hat, welchen Weg man gehen soll. Kann der christliche Glaube dem einzelnen Menschen wirklich auf die Sprünge helfen?
Natürlich ersetzt der Glaube nicht die eigene Besinnung. Oder das Lernen mit und durch die andern im Ganzen der Geschichte. Gott
nimmt uns die eigene Mühe nicht ab. Glaube ist kein magisch
wirkendes Zaubermittel. Er gibt uns aber den Schlüssel, damit
wir selber lernen können. Damit wir uns erforschen und erfragen
können, wer wir sind.
Ganz allgemein gilt, daß der Mensch sich immer erst am anderen, durch den anderen erkennt. Niemand kann zu sich selber finden, wenn er nur in sich hineinschaut und sich aus sich selber herausgrübeln und herauskonstruieren will. Der Mensch ist als
Beziehungswesen so geschaffen, daß er am anderen wird. Daß in
den Begegnungen mit anderen sich auch sein Sinn, seine Lebens-aufgabe, sich seine Lebensforderung und -möglichkeit erschließt.
Von dieser Grundstruktur der menschlichen Existenz her können wir dann auch den Glauben und die Begegnung mit Jesus verstehen. Glaube ist nicht einfach ein System von Wissen, von
Mitteilungen, sondern in seinem Kern vor allem Begegnung mit
Christus. Von ihm her öffnet sich auch sein Wort. Und das, was ich damals zu formulieren versuchte, bedeutet, daß diese Begegnung
mit Jesus unter allen unseren Begegnungen, deren wir bedürfen,
die entscheidende, die eigentlich aufschließende ist. Alle anderen Beziehungen lassen letzten Endes unklar, woher wir kommen, wohin wir gehen. In der Begegnung mit ihm geht das grundlegende Licht auf, durch das ich Gott, den Menschen, die Welt, die Sendung und den Sinn verstehen kann – womit sich dann alle anderen Begegnungen ordnen.
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Von der Wüste
Die Lehre von Jesus Christus wird von den Aposteln wörtlich als »Der neue Weg« bezeichnet. Dieser neue Weg beginnt, nachdem
Jesus getauft ist, ausgerechnet in der Wüste. Sie ist quasi der letzte Boxenstop, bevor Christus öffentlich zu seiner großen Passion
anhebt. 40 Tage Wüste – wieder ein großes Symbol.
Die Zahl 40 hat in der Tat große symbolische Bedeutung. Auch
Elias, um nur ein Beispiel zu nennen, war 40 Tage zum Heiligen
Berg unterwegs. Diese Spanne ist immer wieder die Zeit des Lernens, der Bereitung, des Werdens. Das Urbild ist die Wüstenzeit Israels, in der dieses Volk die Ordnung Gottes und seinen Willen
kennenlernt, und damit darauf vorbereitet wird, überhaupt ein
Volk zu sein und Träger der Verheißungen zu werden.
Jesus nimmt in den 40 Wüstentagen die 40 Wüstenjahre Israels
noch einmal auf. Er durchschreitet sozusagen noch einmal den
ganzen Weg dieser Geschichte und zeigt damit auch uns, daß ohne
eine Zeit der Verzichte, des Stillewerdens, des Herausgehens und
der Sammlung große Sendungen nicht reifen können. Fastend und
betend setzt sich Jesus der ganzen Abgründigkeit der Wüste aus.
Sie steht einerseits symbolisch für die besondere Begegnung mit
Gott, aber zugleich auch für die Gefährlichkeit der Welt. Sie ist der Ort, wo es kein Leben, keine Nahrung gibt, der Ort der Einsamkeiten. So durchschreitet er damit auch die ganze Wüste der Gefährdungen, des versagten Lebens, des Verzichtes, die Wüste
von Hunger und Durst. Jesus nimmt gleichsam die Versuchungen
der Menschheit auf, durchleidet sie, um von da aus das große
Wort und die große Botschaft zu bringen.
Nach 40 Tagen und Nächten des Fastens wird Jesus vom Teufel in Versuchung geführt. Zuerst will der Satan, daß Jesus aus Steinen Brot macht. Ein dummer Teufel offenbar.
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Diese Geschichte zeigt die Gegenprogramme, die Versuchungen,
denen Jesus als der Erlöser während seines ganzen dreijährigen
Weges ausgesetzt ist, und die die ständigen Versuchungen in der
Kirchengeschichte sind. Jesus sagt folglich auch an einer anderen Stelle: »Ihr habt in meinen Versuchungen mit mir ausgehalten.«
Und zu Petrus sagt er: »Du bist jetzt der Satan, trägst diese Versuchungen an mich heran.« Auch die gesättigten Fünftausend, die ihn zum König und damit zum Brotgeber machen wollen, tragen
die Versuchung an ihn heran. Wir sehen darin Vorentwürfe von etwas, was auf dem Weg Jesu und auch in der Kirche immer wieder neu bestanden werden muß.
Was meinen Sie damit?
Ich meine zum Beispiel, sich damit als nützlich zu erweisen, daß
man die Sozialordnungen der Welt reformiert und den Idealstaat
schafft. An der Sozialreform mitzuwirken ist für die Kirche sehr
wichtig, aber die eigentliche Heilung des Menschen kann nicht
von äußeren Sozialstrukturen, sondern nur vom Innern her anhe-ben. Auch wenn der Kirche alle Zeiten hindurch der Hunger der Menschen zu Herzen gehen muß, wenn sie darum ringen muß,
daß sich die Hände finden, die Brotvermehrungen schaffen – so
darf sie doch nicht dahin ausweichen, bloß ein Sozialverein zu
sein, sich nur auf das Materielle zu konzentrieren, als ob dies das eigentlich Erlösende wäre, und dabei vergessen, daß der Mensch
eben nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort aus dem
Munde Gottes lebt.
Das gleiche gilt für die beiden anderen Versuchungen, die Auf-forderung, sich von der Tempelzinne herabzustürzen, um Gott auf die Probe zu stellen, daß er sich zeigen muß, und schließlich die ungeheure Versuchung, die Herrschaft über die Welt an sich
zu reißen: »Bete mich an, dann gebe ich dir die Weltherrschaft«,
verspricht der Teufel. Das will sagen, eine Weltherrschaft, die
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durch Macht erreicht werden soll, und sei es auch zu noch so
idealen Zwecken, aber ohne Gott gesucht wird, die verdirbt den
Menschen.
In der Geschichte sind diese Experimente zur Genüge exerziert
worden, Gott abzusagen und durch das reine Machen, durch die
Strukturen der Macht dem Menschen zu geben, was er will. Al-le diese Experimente haben darin vom Negativbild her geklärt, worum es geht. Sie können immer wieder der Kirche und auch
jedem einzelnen den Spiegel vorhalten: Dort, wo auf Gott verzich-tet wird, wo wir selber mit unserem Kalkül an ihm vorbei die Welt einzurichten versuchen, wo wir meinen, die Befriedigung der
materiellen Bedürfnisse sei die eigentliche Lösung der Probleme,
da erlösen wir nichts, sondern da zerstören wir, da tun wir das
Werk des Satans.
Nach seiner Erfahrung in der Wüste beginnen sich die ersten
Jünger um Jesus zu sammeln. Sie fragen ihn: »Meister, wo wohnst du?« Und Jesus gibt eine extrem kurze Antwort: »Kommet und
sehet.«
Ja, da ist das Experiment des Mitseins notwendig. Jesus ist nicht an einem Punkt fixierbar. Er wohnt im Unterwegssein, im Voraus-gehen. Erst in der Nachfolge, indem wir uns mit ihm auf einen Weg begeben, lernen wir, wo er wohnt. Und dann werden wir
ihn auch sehen. Wenn wir ihn und seine Lehre bloß aufgrund
von Theorie, von Reflexion verstehen wollen, lernen wir ihn nicht kennen.
Die ersten Jünger, die Jesus zu »Menschenfischern« machen will, sind Andreas und Johannes, später kommt Petrus hinzu, Andreas’
Bruder. Auffallend ist, daß der Meister sich nicht mit Gelehrten umgeben hat, sondern mit aufrechten, einfachen Leuten. Sie waren nicht besonders klug, sie waren noch nicht einmal besonders 237
tapfer und wachsam, und predigen konnten sie ohne Hilfe des Heiligen Geistes offenbar auch nicht. Immer wieder sind sie geplagt von Zweifel und Unglauben. Hatte Jesus eine schlechte Hand bei der Auswahl seiner Leute?
Es waren jedenfalls keine Formate, die aus eigenem Wissen und
Können eine Weltmission entzünden konnten. Wenn sie, wie der
heilige Chrysostomos sagt, gleichsam »den großen Würfel geworfen haben«, dann durch eine andere Kraft. Insofern scheint mir die Wahl dieser einfachen Leute, die keine Politiker, keine Gelehrten waren, sehr vielsagend. Es wird sichtbar: sie hätten das aus Eigenem nicht eingerichtet. Sie waren von einem Größeren berührt und von ihm getragen und geführt.
Trotzdem kann man in dieser vielschichtig zusammengesetzten Gesellschaft auch eine gewisse Apologie der Jünger erkennen. Einerseits sind darunter antirömische Fanatiker, die auch gewaltbereit sind. Simon der Zelot etwa. Die Zeloten sind ja die Partei derer, die den messianischen Zustand mit Gewalt herbeiführen wollen.
Auch bei Judas Iskariot deutet der Name auf eine bestimmte Par-teizugehörigkeit gleicher Art. Es sind also Männer der extremen Linken, wie man das heute nennen würde. Sie sind zum Wider-standskampf bereit und erwarten von Jesus wohl ähnliches. Auf der anderen Seite haben wir Levi, den Zöllner, der wiederum zu
den Kollaborateuren gehört, jenen von Haus aus reichen Leuten,
die mit der Macht verfilzt sind.
Eine Art Proporz-Zusammensetzung.
Jesus hat gleichsam schon in der Konstituierung dieses Kreises eine Versöhnungsarbeit getan. Von allen Seiten her kann man kommen,
und von jedem Ausgangspunkt her kann ein Weg zu ihm hin-oder
wegführen. Insofern können wir uns auch die inneren Spannungen
in dieser Jünger-Gemeinschaft vorstellen.
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Zum anderen sind alle diese Jünger, wie Sie sagten, doch auch
gestandene Mannsbilder. Petrus zum Beispiel hat eine Fischerei-Kooperative und ist in dem Sinn ein kleiner Unternehmer. Es sind Leute, die im praktischen Leben stehen, die Sinn für das Reale haben, aber nicht im Banausischen des bloß pragmatischen Realismus ertrunken sind. Sie haben sich eine höhere Erwartung
behalten. Diese Menschen sind nicht einer Art Verzauberung verfallen, sondern haben all ihre Kräfte in den Dienst der Berufung gestellt. Sie geben uns ein Beispiel dafür, daß Gott durch einfache Menschen hindurch das tut, was nur er selber tun kann, aber auch
dafür, daß Größe in einfachen Menschen steckt.
Ganz anders als diese Jünger in der Nachfolge Christi haben
Menschen heutzutage die Vorstellung, sie könnten sich ihren Weg, ihre ganze Biographie, ausschließlich selber zusammenbauen. Es gebe ohnehin keine eindeutige Identität mehr. Das Leben bestünde aus einem fließenden Wechsel von Illusionen, je nachdem, welche Aufgaben, welche Inszenierung gerade vorliegt – oder welche
Lust. Die Entscheidung von Entweder-Oder sei in der modernen
Welt ohnehin passé, es gebe statt dessen die neue Möglichkeit des Weder-Noch.
Flexibilität ist heute zu einem tragenden Stichwort geworden. Wir wollen auf neue Herausforderungen reagieren können und hoffen,
durch häufigen Berufswechsel auch möglichst schnell und gut
aufzusteigen. Ich denke aber, es gibt nach wie vor Berufe, die einen Menschen ganz fordern. Der Arztberuf etwa, oder auch der Beruf
des Erziehers, ist nicht etwas, was ich mal für zwei Jahre mache, sondern er ist eine Berufung, die mich für mein ganzes Leben
fordert. Das heißt, es gibt auch heute Aufgaben, die nicht Job sind, die sozusagen neben meinem Leben herlaufen, um mir das nötige Geld für meinen Unterhalt zu sichern. Bei echten Berufungen ist
auch nicht das Einkommen das Kriterium, sondern das Ausüben
eines Dienstes in der Menschheit.
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Was würde Jesus dazu sagen?
Jesus würde niemanden daran hindern, auf flexible Herausforderungen zu reagieren. Seine Jünger selber mußten flexibel genug sein, ihr Leben vom Alltag des Fischers in das Mitgehen auf einen noch offenen und geheimnisvollen Weg hin umzustellen – um
schließlich den Sprung aus dem Innern des Judentums, in dem sie
alle tief verankert waren, in die Heidenmission zu wagen.
Zugleich aber mußten sie in der wesentlichen Grundoption Be-ständigkeit und Treue haben. Wir sollten insofern Flexibilität und Treue nicht in einen Gegensatz stellen. Gerade auch Treue
muß sich in wechselnden Situationen bewähren. Jemand, der heute fünfzig Jahre hindurch Priester oder in einer Ehe bleibt, muß durch eine sehr wechselvolle Geschichte hindurchgehen. Er muß
in den jeweiligen Veränderungen reifen und seine Identität zu ihrer Fülle bringen.
In der modernen Situation ist es leider vielfach so, daß nur noch der Wechsel, die Flexibilität an sich, etwas zählt. Dem möchte ich widersprechen. Gerade heute brauchen wir das Stehen zu einer
Sendung, zu einem Beruf; gerade heute brauchen wir Menschen,
die sich selber ganz geben. Denken wir wieder zurück an Entwicklungshilfe. Es ist nützlich, wenn es Leute gibt, die zwei, drei Jahre etwas machen, aber man braucht auch sehr viele, die sich ganz
geben. Es gibt Berufungen, die den ganzen Menschen verlangen.
Diese Lebensentwürfe sind kein Zeichen für Phantasielosigkeit
oder Erstarrung. Gerade in dieser Beständigkeit sind Menschen
innerlich so weit und so reif und so groß, daß Veränderung und
Kontinuität ineinandergreifen. In ihrem Miteinander sind sie das
eigentlich Große.
Um bei den Lebensentwürfen zu bleiben: Viele Menschen haben
die Vorstellung, ihr Leben sei eine Art Film. Und in diesem bio-graphischen Streifen könnten sie alle Schnitte, alle Inszenierungen 240
selber in Szene setzen. Die Überlegung drängt sich wirklich auf: Wieso sollte ich in meinem Leben eigentlich Umwege machen,
mich anstrengen, mich auf die Suche begeben, Selbstbegrenzung
üben oder Beständigkeit zeigen? Also diesen schwierigen Weg einschlagen, den die Jünger mit Jesus gehen. Warum sollte das Leben nicht einfach nur leicht sein?
Das könnten sich nur Leute leisten, die am gedeckten Tisch des Lebens aufwachen. Das ist eine Phantasie der Besitzenden, die nicht wahrnimmt, daß für die große Mehrheit der Menschen das Leben
ein Ringen ist. Ich würde dieses Sichselbermachen deshalb als
einen Egoismus und als einen Verschleiß der Berufungen ansehen.
Wer meint, bei ihm ist alles schon vorhanden, er kann infolgedessen aus dem vollen schöpfen und sich alles selber zurechtrichten, der versagt sich dem, was er geben könnte. Der Mensch ist ja nicht nur dazu da, damit er sich selber macht, sondern damit er sich
herausfordern läßt. Wir alle stehen im Großen einer Geschichte
und sind aufeinander verwiesen. Der Mensch sollte sich deshalb
nicht nur ausdenken, was er möchte, sondern sich vielmehr fragen, wozu er gut ist und was er beizutragen vermag. Dann wird er sehen, daß nicht in der Bequemlichkeit, der Leichtigkeit und
im Sichtreibenlassen die Erfüllung liegt, sondern daß sie gerade
in diesem Sichfordernlassen, in dem schwereren Weg liegt. Alles
andere wird auch irgendwie langweilig. Nur der Mensch, der sich
»dem Feuer aussetzt«, der einen Ruf in sich erkennt, eine Berufung, eine Idee, der er genügen muß, der einen Auftrag für das Ganze
annimmt, der findet auch Erfüllung. Wie gesagt, nicht im Nehmen,
nicht auf dem bequemen Weg werden wir reich, sondern erst im
Geben.
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Von Macht und Besitz
Es gibt von Jesus das Wort »Vom Herrschen und Dienen«. Christus spricht so: »Ihr wißt, daß die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen mißbrauchen. Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und
sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.« Dienen und Gehorchen sind wesentliche Merkmale aus der Lehre Christi und aus dem Leben der Kirche. Die Begriffe sind heute nicht sonderlich populär. Was verbirgt sich dahinter?
Vom Evangelium her gesehen gibt es tatsächlich einen Gegenent-wurf zum führenden Lebenstrend der Moderne, eine Art heilsame Unmodernität, die uns aus dem Trend des Herrschens und Verfügenwollens herauszieht. Und derjenige, der selbst nicht zu den Mächtigen gehört, wird dankbar dafür sein, wenn er sehen darf,
daß der Mächtige sich nicht selber bedient am Tisch des Lebens.
Daß er die Macht oder die Habe, die ihm gegeben ist, als einen
Auftrag ansieht, um darin ein Dienender zu werden.
Ich glaube, in diesen Worten von dem Herrscher, der ein Diener
sein soll, und in den Gesten, mit denen Jesus dieses selber tut, liegt die eigentliche Revolution, die die Welt verändern könnte und
sollte. Solange Macht und Besitz an sich als Zielwerte angesehen
werden, wird Macht immer auch eine Macht gegen die anderen
sein, und wird der Besitz wiederum immer andere ausschließen.
In dem Augenblick, in dem nun der Herr der Welt kommt und den
Sklavendienst der Fußwaschung tut – wiederum nur ein Exempel
dafür, daß er uns das ganze Leben über die Füße wäscht – , erhalten wir ein ganz anderes Bild. Der Gott, der die Macht schlechthin ist, er will uns nicht treten, sondern er kniet sich vor uns hin, um uns 242
zur Höhe zu bringen. Das Geheimnis der Größe Gottes zeigt sich
gerade darin, daß er klein sein kann. Er muß nicht auf den hohen
Sessel kommen und in den oberen Etagen sitzen. Gott will uns
damit von unseren Macht-und Herrschaftsideen abbringen. Er
zeigt, daß es eigentlich das Kleine ist, wenn ich über eine Menge gebieten kann und alles habe, was ich möchte – und daß es das
Große ist, wenn ich in den Dienst der anderen getreten bin.
Eine ungeheure Provokation.
Dies anzunehmen ist und bleibt sicherlich immer eine Revolution.
Sie ist nie einfach nur getan, weil sie immer wieder eine innere
Umkehr verlangt – aber es ist die heilsamste und die wesentlichste Bekehrung, die es gibt. Nur wenn Macht von innen her geändert
wird, wenn das Verhältnis zum Besitz sich von innen her ändert
und wir die Lebensfigur Jesu annehmen, der mit seinem ganzen
Sein der Gestus der Füßewaschung ist, dann kann eine Welt heil
werden und können Menschen recht miteinander leben.
Ein Manifest.
Jesus stellt dar, was der Mensch sein sollte, wie er sein sollte, und worauf wir zugehen müssen.
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