9 Vom Licht

Schon merkwürdig: Gott, der Allermächtigste, hat sich zu seinem Erscheinungsort auf Erden das Allerkleinste ausgesucht, einen

armseligen Stall in Betlehem. Und die Kirche argumentiert: Es

ist alles so unglaublich und paradox, daß es allein schon deshalb wahr sein muß.

Diese Argumentation würde alleine genommen als Wahrheitsar-gument natürlich nicht genügen. Aber in der Tat, das Wählen des Kleinen ist schon charakteristisch für die Geschichte Gottes mit

dem Menschen.

Wir sehen dieses Charakteristikum zunächst schon darin, daß

der Schauplatz des göttlichen Handelns die Erde wird, dieses

Staubkorn im Weltall; daß dort wiederum Israel, ein praktisch

machtloses Volk, Träger seiner Geschichte wird; daß dort wieder

Nazaret, ein völlig unbekannter Ort, seine Heimat wird; daß der

Gottessohn schließlich in Betlehem, außerhalb des Ortes, in einem Stall geboren wird. Dies alles zeigt eine Linie.

Gott stellt sein ganzes Maß, nämlich die Liebe, gegen den menschlichen Hochmut. Er ist im Grunde der Kern, der Originalgehalt aller Sünde, nämlich des Sichselber-Gott-machen-Wollens. Die

Liebe dagegen ist etwas, das sich nicht erhebt, sondern herun-tersteigt. Die Liebe zeigt, daß gerade das Heruntersteigen der eigentliche Aufstieg ist. Daß wir in die Höhe kommen, wenn wir

heruntergehen, wenn wir einfach werden, wenn wir uns zu den

Armen, zu den Niedrigen beugen. Gott macht sich klein, um den

aufgeblasenen Menschen wieder ins richtige Maß zu bringen. So

gesehen ist das Gesetz des Kleinseins ein Grundmuster göttlichen

Handelns. Es läßt uns etwas vom Wesen Gottes und auch von unserem eigenen Wesen erkennen. Insofern trägt es eine hohe Logik in sich und wird zu einem Verweis auf Wahrheit.

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Es gibt in diesem Umfeld eine Szene, die Weltruhm erlangt hat.

Musikalisch ist sie verewigt in einem triumphalen Chor aus Fried-rich Händels »Messias«. Den Hirten auf dem Felde nämlich, die bei ihrer Herde Nachtwache halten, erscheint ein Engel, umstrahlt von der Herrlichkeit Gottes: »Fürchtet euch nicht!«, bittet der Engel, »denn ich verkünde euch eine große Freude.« Und noch

während er spricht, gesellen sich Scharen himmlischer Geister zu ihm und singen in einem unerhörten Auftritt wahrlich überirdische Worte: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.«

Das ist sicher eine der am meisten das Herz bewegenden Szenen

in der Heiligen Schrift. Die Christenheit liebt sie nicht umsonst so.

Wir können das schon von der frühchristlichen Kunst an sehen.

Diese Szene geht zu Herzen, aber die Botschaft reicht weit über

das nur Gemütvolle und Liebenswerte hinaus.

Wiederum sind es zuallererst die Einfachen, die an die Krippe

gerufen werden. Herodes erfährt es nicht. Auch die Gelehrten

erfahren es zunächst nicht. Die Nachricht erreicht die Hirten, die Wartenden, jene, die wissen, daß sie die erlösende Nähe Gottes

brauchen. In ihnen ist die Bereitschaft und Offenheit vorhanden,

da hinzugehen. Diese Menschen verkörpern zusammen mit Maria

und Josef, mit Simeon und Anna, mit Elisabet und Zacharias die

Armen Israels – und damit das Volk Gottes überhaupt. Wir sehen

schon aus den Psalmen, daß der Ausdruck die Milden oder die Armen unmittelbar zu Deckwörtern für die gläubige Mitte Israels geworden war. Und so wie Jesus das Kindsein preist, gilt es, sich diese Einfachheit des Herzens zu bewahren, die sehend werden

und den Engel hören kann.

Die zweite Gruppe, die laut Matthäus-Evangelium in Betlehem

ankommt, sind die Weisen aus dem Morgenlande. Es ist bezeich-nend. Die Einfachen gehen voraus, aber die Weisen sind nicht ausgeschlossen. In ihnen gibt es eine wirkliche, echte Weisheit,

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die den Menschen offen macht für Christus. Und noch eines ist

wichtig. Die Weisen, die zur Geburtsstätte Christi kommen, sind

Heiden. Es ist gewissermaßen die Bewegung der Kirche, der Heiden, die hier bereits zeichenhaft in Gang kommt.

Der wichtigste Moment der Geschichte

Was sich mit diesem Akt zutrug, urteilte einmal der deutsche

Bischof Rudolf Graber, ȟbertrifft die Welterschaffung um ein

Unendliches«. Niemals zuvor sei etwas Größeres geschehen, und

niemals werde es etwas Größeres geben: »Denn daß Gottes einziger Sohn, die zweite göttliche Person, sich bereitmacht, auf dieser kleinen, winzigen Erde Mensch zu werden, übersteigt einfachhin alles.«

Ja, es ist wirklich ein sehr wichtiges Lehrstück, um den Begriff des Großen und des Kleinen ins richtige Lot zu bringen. Von den materiellen Ausmaßen her erscheint uns natürlich die Weltschöpfung als das unermeßlich Größere. Daneben ist dieses kleine Ereignis in Betlehem, das die Historiker zunächst übersehen haben, eigentlich nicht der Erwähnung wert.

Ginge es nach den quantitativen Dimensionen, dann ist das eine

das ganz Große und das andere das ganz Kleine. Wenn wir aber

sehen, daß bereits ein einziges menschliches Herz eine neue Größenordnung gegenüber der ganzen Weite des Kosmos darstellt,

wie Pascal es formuliert hat, dann können wir erst recht begreifen, daß der Vorgang, daß Gott ein Mensch wird, daß der, der der Schöpfer ist, der ewige Logos ist, in dieses Menschsein her-untersteigt und sich an es bindet, so daß er dieser Mensch ist –daß dieses ein Ereignis von einer ganz anderen Größenordnung

ist. Gott selbst tritt herein und wird ein Mensch. Damit ist eine Dimension eröffnet, der gegenüber die scheinbar unermeßlichen

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materiellen Dimensionen eine wesentlich geringere Ordnung von Größe darstellen.

Die Geburt Christi ist über 2.000 Jahre hin zum größten Mythos aller Zeiten geworden. Inzwischen gehört diese Nacht der Nächte längst allen. Nirgendwo tritt der Glaube so sichtbar über die

kirchlichen Ufer wie hier. Weihnachten hat ein unüberbietbares Maß an Symbolik, an Werten, an Moral und Melancholie, ein Maß

an Menschsein schlechthin. Manchmal denke ich, wir kennen zwar Weihnachten, aber Weihnachten kennt uns noch viel mehr.

Vielleicht müssen wir uns kurz noch einmal über das Wort »Mythos« verständigen. Das Wort Mythos wird zwar heute weithin positiv aufgefaßt, als eine Art von visionärem Ausdruck für Wirklichkeiten, die die Sinne übersteigen; so enthalte er eine höhere Wahrheit als die des bloß Faktischen. Aber »Mythos« steht doch

auch in dieser positiven Fassung gegen Geschichte. Er meint Vision, nicht Tatsachen. Die Geburt Christi dagegen ist ein historisches Ereignis, etwas, was historisch wirklich geschehen und Ereignis geworden ist. Diese Bindung an reale Geschichte gehört

in der Religionsgeschichte zum Spezifischen des christlichen Glaubens.

Dies vorausgesetzt, ist es in der Tat erstaunlich, wie diese Nacht im Stall, in dieser Höhle, die erst auf die Botschaft der Engel hin von den Hirten bemerkt wurde, nun auch über die christliche Welt

hinaus zu einem Zeichen geworden ist, an dem kaum jemand vorübergeht. Wir müssen allerdings auch hinzufügen, daß mit dieser

Ausbreitung von Weihnachten weit über den Raum des Glaubens

hinaus auch eine ungeheure Banalisierung Hand in Hand geht.

Heute wird es mehr und mehr zum Trend, dieses Fest vom Christentum unabhängig zu machen und den christlichen Anfang ab-zustoßen wie eine Rakete, die die erste Stufe von sich stößt, wenn sie in die Höhe gekommen ist. In Amerika werden im Zuge der

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Merkantilisierung und Sentimentalisierung Schaufenster großer

Geschäfte, die bislang an Weihnachten mit Krippen dekoriert waren, jetzt mit mythischen Darstellungen, mit Rehen und Hirschen oder Weihnachtsmännern ausgestattet, womit dann wirklich der

Mythos an die Stelle des Christlichen gesetzt wird. Natürlich bleibt noch immer ein Nachglanz dessen, was die Menschen berührt hat,

als sie erfuhren, daß Gott ein Mensch geworden ist. Aber es ist ein Versuch, das Schöne und Anrührende zu behalten und sich von

dem Anspruchsvollen, das darin liegt, zu lösen.

Weihnacht zeigt uns, bei all den großen Gedanken und Gefühlen, eben auch die ganzen Widersprüche, die Verlogenheit in der Welt –und auch unseren eigenen Zweifel und Unglauben.

In diesem Ereignis sind so viele Töne des menschlichen Herzens,

so viel große und wichtige Wertelemente angesprochen, daß man

im ersten Augenblick wirklich meinen könnte, man könnte diese

Dinge einfach für sich alleine wegnehmen und das eigentliche

Ereignis damit entbehrlich machen (womit Weihnachten natürlich

seiner Größe beraubt wird und irgendwie ins Leere fällt). Aber das ändert nichts daran, daß hier in der Tat so vieles gesagt ist, was auch über das Christentum hinaus verständlich und bedeutend

ist, und was Menschen vielleicht auch wieder an den Glauben

heranführen kann. Das Geheimnis des Kindes, der Einfachheit,

der Demut – das alles spricht daraus. Und diese menschlichen

Lehrstücke sollten wir auch ganz wesentlich in den Raum stellen,

um daran die Menschlichkeit Gottes zu zeigen.

An sich liegt dem ursprünglichen Brauchtum eine große Idee zugrunde. Dieses Kind ist das Geschenk Gottes an die Menschen, insofern ist Weihnachten zu Recht der Tag des Schenkens. Wenn

aber das Schenken zu zwanghaften Geschäftsaktionen wird, ist

die Idee des Geschenkes verzerrt. Dann gilt das, was Christus zu

den Jüngern sagt: Macht es nicht wie die Heiden, die andere ein-202

 

laden, weil sie auch selbst wieder eingeladen werden. Als reiner

Warenaustausch wird Weihnachten zur Herrschaft des Sichselber-Wollens, zu einem Instrument des unersättlichen Egoismus und der Verfallenheit an den Besitz und an die Macht – wo uns doch

dieses Ereignis die genau gegenteilige Botschaft bringt. Weihnachten wieder zurückschneiden ins Einfache, das wäre schon eine große Aufgabe.

Licht der Welt

Christus ist nicht der Erleuchtete, sondern das Licht selbst. Er ist nicht nur der Weg, er will auch das Ziel sein. Sie nannten das Geschehnis von Betlehem einmal den »entscheidenden Durchbruch der Weltgeschichte auf die Vereinigung von Geschöpf und Gott

hin«.

Es ist das ungeheure Ereignis, daß Gott wirklich Mensch wird.

Daß er sich nicht als Mensch verkleidet, nicht eine Zeitlang nur

eine Rolle spielt in der Geschichte, sondern es wirklich ist – und sich letztlich mit seinen ausgebreiteten Armen am Kreuz zu dem

offenen Raum macht, in den wir hineintreten können.

Wenn nun dieser Gottmensch, wie die Schrift sagt, uns alle zu

seinem Leib machen will, uns in eine lebendige Leibeseinheit hineinziehen will, wie Mann und Frau ein Fleisch werden nach der Bibel, dann sehen wir, daß es sich hier nicht um ein Einzelereignis handeln kann, das wieder vergeht wie es gekommen ist. Nein,

es ist ein Durchbruch, ein Anfang, in den uns Christus durch

die Eucharistie, durch die Sakramente, die Taufe hineinziehen

will. In diesem Sinn geschieht hier wirklich etwas über alle Evolution Hinausgehendes, die Verschmelzung von Gott und Mensch, von Kreatur und Schöpfer. Sie geschieht dabei nicht mehr als ein

Schritt der Evolution, aus den Kräften der Natur heraus, sondern

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als ein Einbruch, eine personale Tat der Liebe, die von diesem

Zeitpunkt an einen neuen Raum und eine neue Möglichkeit für

den Menschen aufgetan hat.

Sie sagten einmal, Jesus sei der »exemplarische Mensch, der

Mensch der Zukunft, durch den hindurch sichtbar wird, wie sehr der Mensch noch das zukünftige, das ausstehende Wesen ist«.

Heißt das, die eigentliche, die uns in Wirklichkeit innewohnende Entfaltung und Bestimmung wird genau so aussehen, wie sie in

Jesus Christus abgebildet war?

In der Tat geschieht durch Jesus Christus der Durchbruch auf

den neuen Menschen hin. In ihm hat die eigentliche Zukunft

des Menschen, das Ausstehende, was er sein kann und sein soll,

begonnen.

Ich würde nicht sagen, daß der Mensch nur eine äußere Nach-zeichnung der Geschicke Jesu Christi sein kann. Wohl aber, daß die innere Figur Jesu, wie sie sich in seiner ganzen Geschichte und schließlich in seiner Selbsthingabe am Kreuz darstellt, das Maßbild der künftigen Menschheit bedeutet. Wir sprechen ja nicht von ungefähr von Nachfolge Christi, von dem Hineingehen in diesen

Weg. Es geht gleichsam um die innere Identifikation mit Christus –genauso wie er sich mit uns identifiziert hat. Ich denke, das ist wirklich das, worauf der Mensch zugeht.

In den großen Geschichten der Nachfolge, die sich die Jahrhunderte hindurch zutragen, faltet sich freilich auch erst aus, was in der Gestalt Jesu Christi verborgen ist. Es ist also nicht so, daß uns hier ein Schematismus übergestülpt wird, sondern daß darin alle

Möglichkeiten wahren Menschseins enthalten sind. Wir sehen,

wie eine Theresia von Lisieux, wie ein heiliger Don Bosco, wie eine Edith Stein, wie ein Apostel Paulus oder ein Thomas von Aquin

von Jesus her gelernt haben, wie Menschsein zu machen ist. All

diese Menschen sind Jesus wirklich ähnlich geworden – und sind

doch je anders und original.

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Die Lichter auf dem Adventskranz, erklärten Sie einmal in einer Predigt, sollen die Kinder an die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte vor Jesus Christus erinnern, an die Finsternis einer noch unerlösten Geschichte. Der Zeit seit der Geburt des Herrn haben die Christen seither einen schönen Namen gegeben: »anni salutis reparatae«, Jahre des wiederhergestellten Heiles.

Wenn man sich Heilszeit mechanisch vorstellt, als ein fest eingerichtetes Regime, in dem ich das Heil nur abzuholen brauche, dann haben wir den Begriff sicher verfehlt. Wir sehen ja, wie er

ständig widerlegt wird. Kein Jahrhundert etwa hat so grausame,

so blutige Kriege geführt wie das unsrige. Es ist Böseres geschehen als vorher überhaupt geschehen konnte, weil die Möglichkeiten

nicht vorhanden waren, das Böse so raffiniert, technisch bedacht

und rationalisiert zu begehen.

Das Heil, das uns geschenkt worden ist, ist keine mechanische

und äußerliche Sache. Es ist der Freiheit anvertraut und damit

auch in die Zerbrechlichkeit der menschlichen Freiheit und des

menschlichen Wesens hineingegeben. Das Heil beginnt in jedem

Menschen immer neu, es ist nicht einfach da. Man kann es von

außen her nicht einfach zementieren und durch Macht verfügen,

sondern nur immer in die sich öffnende Freiheit hineingeben. Aber über allem und in allem steht doch der, der auf uns zugeht und der uns eine Hoffnung gibt, die stärker ist als die Verwüstungen, die die Menschen vollbringen.

Was kam mit Christus auf die Erde?

Jesus wird auch als der »neue Adam« bezeichnet. Er sei Mittler und Erfüller der ganzen Offenbarung. Kann man denn in wenigen

Sätzen sagen, was mit Christus Neues in die Welt gekommen ist?

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Greifen wir das Bild vom »neuen Adam« auf. Adam ist zunächst

die Chiffre für den Anfang des Menschseins, für den Stammvater.

Wenn nun Christus der »neue Adam« genannt wird, ist damit

gesagt, daß der eigentliche Beginn kommt. Der damalige Beginn

ist demnach ein Vorentwurf auf Christus hin und erklärt sich auch erst von ihm her. Von daher können wir ruhig sagen, daß in Jesus –gerade weil er nicht nur Mensch ist, sondern Gottmensch – das

Maßbild des Menschseins an sich gesetzt ist, dazu berufen, in die Einheit mit Gott hineinzugelangen.

Die Originalität Jesu sollte man nicht nur an einzelnen Worten

oder Taten messen. Das Kreuz ist in der Form neu, wie er es

annimmt und leidet. Die Auferstehung ist neu. Schon die Geburt

aus der Jungfrau ist neu (auch wenn es Mythen gibt, die darauf

zugehen). Die Botschaft der Gottes-und Nächstenliebe als der

Fülle des ganzen Gesetzes, oder dann die Eucharistie, in der er

sich von seiner Auferstehung her mitteilt – das alles sind große

Neuheiten, die er in die Welt trägt. Sie alle reflektieren das Neue schlechthin: daß Gott nämlich nicht mehr jenseits ist; daß Gott

nicht mehr nur der ganz Andere und Unbegreifbare ist, sondern

daß er auch der ganz Nahe, der mit uns identisch Gewordene

ist, der uns anrührt und den wir anrühren, den wir empfangen

können und der uns empfängt.

Insofern ist die eigentliche Originalität Jesu eben er selbst – als Einssein von Gott und Mensch.

Dieser Gott und Mensch sagt freilich auch: »Ich bin gekommen,

um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde

schon brennen!« Und weiter: »Meint ihr, ich sei gekommen, um

Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung.«

Das ist ein gewaltiges Wort. Wenn er vom Feuer spricht, meint er

zunächst seine eigene Passion, die ja eine Passion der Liebe und

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insofern ein Feuer ist; der neue Dornbusch, der brennt und doch

nicht zerstört; ein Feuer, das weitergegeben werden soll.

Jesus kommt nicht, um es uns bequem zu machen, sondern er

wirft Feuer in die Erde, das große, lebendige Feuer der göttlichen Liebe, die der Heilige Geist ist, Feuer, das brennt. In einem von Origenes überlieferten apokryphen Jesuswort heißt es: »Wer mir

nahekommt, kommt dem Feuer nahe.« Wer demnach in seine

Nähe kommt, muß bereit sein, sich brennen zu lassen. Wir sollten

diese Aussagen gerade heute einem nichtssagenden, banalisierten

Christentum entgegenstellen, das möglichst anspruchslos und bequem sein will. Christentum ist groß, weil die Liebe groß ist. Es brennt, aber das ist kein Zerstörungsfeuer sondern eines, das hell macht, rein, frei und groß. Christsein ist daher das Wagnis, sich diesem brennenden Feuer anzuvertrauen.

Wir haben das andere Wort von Jesus: »Frieden gebe ich euch,

meinen Frieden gebe ich euch, und nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.«

Beide Worte müssen zusammengehalten werden, um den Sinn

von Gottes Rede aufleuchten zu lassen. Christus ist der, der den

Frieden bringt. Und ich würde sagen, dies ist das übergeordnete

Wort. Aber wir verstehen diesen von Christus gebrachten Frieden nur recht, wenn wir ihn nicht banal als Sich-vorbei-Mogeln an dem Schmerz auffassen, oder an der Wahrheit und an den

Auseinandersetzungen, die sie mit sich bringt.

Wenn eine Regierung jeden Konflikt vermeiden wollte und es jedem recht machen will, oder auch wenn ein einzelner Mensch das tut, dann funktioniert gar nichts mehr. Und so ist es auch in der Kirche. Wenn sie nur auf Konfliktvermeidung ausgeht, damit ja

bloß nirgendwo Aufregungen entstehen, dann kann die eigentliche

Botschaft nicht mehr zum Ziel kommen. Denn diese Botschaft

ist eben auch dazu da, mit uns zu streiten, den Menschen aus

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der Lüge herauszureißen und Klarheit, Wahrheit zu schaffen. Die

Wahrheit ist nichts Billiges. Sie ist anspruchsvoll, und sie brennt auch. Zur Botschaft Jesu Christi gehört eben auch die Herausforderung, die wir in diesem Streit mit seinen Zeitgenossen finden.

Hier wird eine verkrustete Form von Glaube, ein selbstgerechter

Glaube, nicht bequem übertüncht, sondern es wird der Streit damit aufgenommen, damit die Verkrustung aufgebrochen und die Wahrheit zum Ziel kommen kann.

Hat der Friede, den Jesus Christus bringt, zunächst einen streitba-ren Charakter?

Er überführt uns jedenfalls unserer Lügen. Er zieht uns aus unserer Bequemlichkeit heraus in den Kampf, in das Leiden der Wahrheit

hinein. Nur so auch kann der wirkliche Friede gegenüber dem

Scheinfrieden entstehen, hinter dem sich dann Heuchelei und Konflikte aller Art verbergen.

Das Wort vom Feuer gehört dem größeren Friedenswort Jesu zu,

aber es zeigt zugleich, daß der wirkliche Friede streitbar ist. Daß die Wahrheit das Leiden und auch den Streit wert ist. Daß ich

nicht die Lüge hinnehmen darf, damit Ruhe ist. Denn nicht Ruhe

ist die erste Bürger-und Christenpflicht, sondern das Stehen zu

dem Großen, das Christus uns geschenkt hat, und das zu einem

Leiden, zu einem Kampf bis zum Martyrium hin werden kann –

und gerade so friedensstiftend ist.

Frohe Botschaft

Jesus sprach vom Feuer und vom Schwert, aber er sagt auch:

»Lernt von mir!« Denn auf diese Weise »werdet ihr Ruhe finden

für eure Seele«. Er sei in Wahrheit »gütig und von Herzen demütig«. Und weiter: »Mein Joch drückt nicht, und meine Last ist

leicht.« So stellt man sich in der Tat eine Frohbotschaft vor.

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Ja, wobei wir wissen, daß diese tröstenden Worte Jesu auch einen

großen Anspruch enthalten. Aber gegenüber dem, was wir gerade

über das Leiden der Wahrheit, über das Feuer Christi gesagt haben, zeigen sie das, worauf es letztlich ankommt.

Christus verkörpert die große und reine Güte Gottes. Er will es uns nicht schwermachen, sondern er kommt, um mit uns zu tragen.

Er nimmt uns dabei die Last des Menschseins nicht einfach ab, sie bleibt schwer genug. Aber wir tragen nicht mehr alleine, er trägt mit. Christus ist nicht die Bequemlichkeit, die Banalität, aber in ihm finden wir jene innere Ruhe, die davon kommt, daß wir uns

von einer letzten Güte und einer letzten Geborgenheit getragen

wissen dürfen.

Wir sehen, das ganze Gefüge der Botschaft Jesu ist sehr spannungs-voll, es ist eine große Forderung. Sie ist so, daß sie immer mit dem Kreuz zu tun hat. Wer sich nicht brennen lassen will, wer zumindest nicht dazu bereit ist, kommt auch nicht in seine Nähe. Immer jedoch dürfen wir wissen, daß wir gerade darin der eigentlichen

Güte begegnen, die uns hilft, die uns annimmt – und die es mit uns nicht nur gut meint, sondern die auch macht, daß es uns gutgeht.

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