Schon merkwürdig: Gott, der Allermächtigste, hat sich zu seinem Erscheinungsort auf Erden das Allerkleinste ausgesucht, einen
armseligen Stall in Betlehem. Und die Kirche argumentiert: Es
ist alles so unglaublich und paradox, daß es allein schon deshalb wahr sein muß.
Diese Argumentation würde alleine genommen als Wahrheitsar-gument natürlich nicht genügen. Aber in der Tat, das Wählen des Kleinen ist schon charakteristisch für die Geschichte Gottes mit
dem Menschen.
Wir sehen dieses Charakteristikum zunächst schon darin, daß
der Schauplatz des göttlichen Handelns die Erde wird, dieses
Staubkorn im Weltall; daß dort wiederum Israel, ein praktisch
machtloses Volk, Träger seiner Geschichte wird; daß dort wieder
Nazaret, ein völlig unbekannter Ort, seine Heimat wird; daß der
Gottessohn schließlich in Betlehem, außerhalb des Ortes, in einem Stall geboren wird. Dies alles zeigt eine Linie.
Gott stellt sein ganzes Maß, nämlich die Liebe, gegen den menschlichen Hochmut. Er ist im Grunde der Kern, der Originalgehalt aller Sünde, nämlich des Sichselber-Gott-machen-Wollens. Die
Liebe dagegen ist etwas, das sich nicht erhebt, sondern herun-tersteigt. Die Liebe zeigt, daß gerade das Heruntersteigen der eigentliche Aufstieg ist. Daß wir in die Höhe kommen, wenn wir
heruntergehen, wenn wir einfach werden, wenn wir uns zu den
Armen, zu den Niedrigen beugen. Gott macht sich klein, um den
aufgeblasenen Menschen wieder ins richtige Maß zu bringen. So
gesehen ist das Gesetz des Kleinseins ein Grundmuster göttlichen
Handelns. Es läßt uns etwas vom Wesen Gottes und auch von unserem eigenen Wesen erkennen. Insofern trägt es eine hohe Logik in sich und wird zu einem Verweis auf Wahrheit.
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Es gibt in diesem Umfeld eine Szene, die Weltruhm erlangt hat.
Musikalisch ist sie verewigt in einem triumphalen Chor aus Fried-rich Händels »Messias«. Den Hirten auf dem Felde nämlich, die bei ihrer Herde Nachtwache halten, erscheint ein Engel, umstrahlt von der Herrlichkeit Gottes: »Fürchtet euch nicht!«, bittet der Engel, »denn ich verkünde euch eine große Freude.« Und noch
während er spricht, gesellen sich Scharen himmlischer Geister zu ihm und singen in einem unerhörten Auftritt wahrlich überirdische Worte: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden, die guten Willens sind.«
Das ist sicher eine der am meisten das Herz bewegenden Szenen
in der Heiligen Schrift. Die Christenheit liebt sie nicht umsonst so.
Wir können das schon von der frühchristlichen Kunst an sehen.
Diese Szene geht zu Herzen, aber die Botschaft reicht weit über
das nur Gemütvolle und Liebenswerte hinaus.
Wiederum sind es zuallererst die Einfachen, die an die Krippe
gerufen werden. Herodes erfährt es nicht. Auch die Gelehrten
erfahren es zunächst nicht. Die Nachricht erreicht die Hirten, die Wartenden, jene, die wissen, daß sie die erlösende Nähe Gottes
brauchen. In ihnen ist die Bereitschaft und Offenheit vorhanden,
da hinzugehen. Diese Menschen verkörpern zusammen mit Maria
und Josef, mit Simeon und Anna, mit Elisabet und Zacharias die
Armen Israels – und damit das Volk Gottes überhaupt. Wir sehen
schon aus den Psalmen, daß der Ausdruck die Milden oder die Armen unmittelbar zu Deckwörtern für die gläubige Mitte Israels geworden war. Und so wie Jesus das Kindsein preist, gilt es, sich diese Einfachheit des Herzens zu bewahren, die sehend werden
und den Engel hören kann.
Die zweite Gruppe, die laut Matthäus-Evangelium in Betlehem
ankommt, sind die Weisen aus dem Morgenlande. Es ist bezeich-nend. Die Einfachen gehen voraus, aber die Weisen sind nicht ausgeschlossen. In ihnen gibt es eine wirkliche, echte Weisheit,
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die den Menschen offen macht für Christus. Und noch eines ist
wichtig. Die Weisen, die zur Geburtsstätte Christi kommen, sind
Heiden. Es ist gewissermaßen die Bewegung der Kirche, der Heiden, die hier bereits zeichenhaft in Gang kommt.
Der wichtigste Moment der Geschichte
Was sich mit diesem Akt zutrug, urteilte einmal der deutsche
Bischof Rudolf Graber, ȟbertrifft die Welterschaffung um ein
Unendliches«. Niemals zuvor sei etwas Größeres geschehen, und
niemals werde es etwas Größeres geben: »Denn daß Gottes einziger Sohn, die zweite göttliche Person, sich bereitmacht, auf dieser kleinen, winzigen Erde Mensch zu werden, übersteigt einfachhin alles.«
Ja, es ist wirklich ein sehr wichtiges Lehrstück, um den Begriff des Großen und des Kleinen ins richtige Lot zu bringen. Von den materiellen Ausmaßen her erscheint uns natürlich die Weltschöpfung als das unermeßlich Größere. Daneben ist dieses kleine Ereignis in Betlehem, das die Historiker zunächst übersehen haben, eigentlich nicht der Erwähnung wert.
Ginge es nach den quantitativen Dimensionen, dann ist das eine
das ganz Große und das andere das ganz Kleine. Wenn wir aber
sehen, daß bereits ein einziges menschliches Herz eine neue Größenordnung gegenüber der ganzen Weite des Kosmos darstellt,
wie Pascal es formuliert hat, dann können wir erst recht begreifen, daß der Vorgang, daß Gott ein Mensch wird, daß der, der der Schöpfer ist, der ewige Logos ist, in dieses Menschsein her-untersteigt und sich an es bindet, so daß er dieser Mensch ist –daß dieses ein Ereignis von einer ganz anderen Größenordnung
ist. Gott selbst tritt herein und wird ein Mensch. Damit ist eine Dimension eröffnet, der gegenüber die scheinbar unermeßlichen
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materiellen Dimensionen eine wesentlich geringere Ordnung von Größe darstellen.
Die Geburt Christi ist über 2.000 Jahre hin zum größten Mythos aller Zeiten geworden. Inzwischen gehört diese Nacht der Nächte längst allen. Nirgendwo tritt der Glaube so sichtbar über die
kirchlichen Ufer wie hier. Weihnachten hat ein unüberbietbares Maß an Symbolik, an Werten, an Moral und Melancholie, ein Maß
an Menschsein schlechthin. Manchmal denke ich, wir kennen zwar Weihnachten, aber Weihnachten kennt uns noch viel mehr.
Vielleicht müssen wir uns kurz noch einmal über das Wort »Mythos« verständigen. Das Wort Mythos wird zwar heute weithin positiv aufgefaßt, als eine Art von visionärem Ausdruck für Wirklichkeiten, die die Sinne übersteigen; so enthalte er eine höhere Wahrheit als die des bloß Faktischen. Aber »Mythos« steht doch
auch in dieser positiven Fassung gegen Geschichte. Er meint Vision, nicht Tatsachen. Die Geburt Christi dagegen ist ein historisches Ereignis, etwas, was historisch wirklich geschehen und Ereignis geworden ist. Diese Bindung an reale Geschichte gehört
in der Religionsgeschichte zum Spezifischen des christlichen Glaubens.
Dies vorausgesetzt, ist es in der Tat erstaunlich, wie diese Nacht im Stall, in dieser Höhle, die erst auf die Botschaft der Engel hin von den Hirten bemerkt wurde, nun auch über die christliche Welt
hinaus zu einem Zeichen geworden ist, an dem kaum jemand vorübergeht. Wir müssen allerdings auch hinzufügen, daß mit dieser
Ausbreitung von Weihnachten weit über den Raum des Glaubens
hinaus auch eine ungeheure Banalisierung Hand in Hand geht.
Heute wird es mehr und mehr zum Trend, dieses Fest vom Christentum unabhängig zu machen und den christlichen Anfang ab-zustoßen wie eine Rakete, die die erste Stufe von sich stößt, wenn sie in die Höhe gekommen ist. In Amerika werden im Zuge der
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Merkantilisierung und Sentimentalisierung Schaufenster großer
Geschäfte, die bislang an Weihnachten mit Krippen dekoriert waren, jetzt mit mythischen Darstellungen, mit Rehen und Hirschen oder Weihnachtsmännern ausgestattet, womit dann wirklich der
Mythos an die Stelle des Christlichen gesetzt wird. Natürlich bleibt noch immer ein Nachglanz dessen, was die Menschen berührt hat,
als sie erfuhren, daß Gott ein Mensch geworden ist. Aber es ist ein Versuch, das Schöne und Anrührende zu behalten und sich von
dem Anspruchsvollen, das darin liegt, zu lösen.
Weihnacht zeigt uns, bei all den großen Gedanken und Gefühlen, eben auch die ganzen Widersprüche, die Verlogenheit in der Welt –und auch unseren eigenen Zweifel und Unglauben.
In diesem Ereignis sind so viele Töne des menschlichen Herzens,
so viel große und wichtige Wertelemente angesprochen, daß man
im ersten Augenblick wirklich meinen könnte, man könnte diese
Dinge einfach für sich alleine wegnehmen und das eigentliche
Ereignis damit entbehrlich machen (womit Weihnachten natürlich
seiner Größe beraubt wird und irgendwie ins Leere fällt). Aber das ändert nichts daran, daß hier in der Tat so vieles gesagt ist, was auch über das Christentum hinaus verständlich und bedeutend
ist, und was Menschen vielleicht auch wieder an den Glauben
heranführen kann. Das Geheimnis des Kindes, der Einfachheit,
der Demut – das alles spricht daraus. Und diese menschlichen
Lehrstücke sollten wir auch ganz wesentlich in den Raum stellen,
um daran die Menschlichkeit Gottes zu zeigen.
An sich liegt dem ursprünglichen Brauchtum eine große Idee zugrunde. Dieses Kind ist das Geschenk Gottes an die Menschen, insofern ist Weihnachten zu Recht der Tag des Schenkens. Wenn
aber das Schenken zu zwanghaften Geschäftsaktionen wird, ist
die Idee des Geschenkes verzerrt. Dann gilt das, was Christus zu
den Jüngern sagt: Macht es nicht wie die Heiden, die andere ein-202
laden, weil sie auch selbst wieder eingeladen werden. Als reiner
Warenaustausch wird Weihnachten zur Herrschaft des Sichselber-Wollens, zu einem Instrument des unersättlichen Egoismus und der Verfallenheit an den Besitz und an die Macht – wo uns doch
dieses Ereignis die genau gegenteilige Botschaft bringt. Weihnachten wieder zurückschneiden ins Einfache, das wäre schon eine große Aufgabe.
Licht der Welt
Christus ist nicht der Erleuchtete, sondern das Licht selbst. Er ist nicht nur der Weg, er will auch das Ziel sein. Sie nannten das Geschehnis von Betlehem einmal den »entscheidenden Durchbruch der Weltgeschichte auf die Vereinigung von Geschöpf und Gott
hin«.
Es ist das ungeheure Ereignis, daß Gott wirklich Mensch wird.
Daß er sich nicht als Mensch verkleidet, nicht eine Zeitlang nur
eine Rolle spielt in der Geschichte, sondern es wirklich ist – und sich letztlich mit seinen ausgebreiteten Armen am Kreuz zu dem
offenen Raum macht, in den wir hineintreten können.
Wenn nun dieser Gottmensch, wie die Schrift sagt, uns alle zu
seinem Leib machen will, uns in eine lebendige Leibeseinheit hineinziehen will, wie Mann und Frau ein Fleisch werden nach der Bibel, dann sehen wir, daß es sich hier nicht um ein Einzelereignis handeln kann, das wieder vergeht wie es gekommen ist. Nein,
es ist ein Durchbruch, ein Anfang, in den uns Christus durch
die Eucharistie, durch die Sakramente, die Taufe hineinziehen
will. In diesem Sinn geschieht hier wirklich etwas über alle Evolution Hinausgehendes, die Verschmelzung von Gott und Mensch, von Kreatur und Schöpfer. Sie geschieht dabei nicht mehr als ein
Schritt der Evolution, aus den Kräften der Natur heraus, sondern
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als ein Einbruch, eine personale Tat der Liebe, die von diesem
Zeitpunkt an einen neuen Raum und eine neue Möglichkeit für
den Menschen aufgetan hat.
Sie sagten einmal, Jesus sei der »exemplarische Mensch, der
Mensch der Zukunft, durch den hindurch sichtbar wird, wie sehr der Mensch noch das zukünftige, das ausstehende Wesen ist«.
Heißt das, die eigentliche, die uns in Wirklichkeit innewohnende Entfaltung und Bestimmung wird genau so aussehen, wie sie in
Jesus Christus abgebildet war?
In der Tat geschieht durch Jesus Christus der Durchbruch auf
den neuen Menschen hin. In ihm hat die eigentliche Zukunft
des Menschen, das Ausstehende, was er sein kann und sein soll,
begonnen.
Ich würde nicht sagen, daß der Mensch nur eine äußere Nach-zeichnung der Geschicke Jesu Christi sein kann. Wohl aber, daß die innere Figur Jesu, wie sie sich in seiner ganzen Geschichte und schließlich in seiner Selbsthingabe am Kreuz darstellt, das Maßbild der künftigen Menschheit bedeutet. Wir sprechen ja nicht von ungefähr von Nachfolge Christi, von dem Hineingehen in diesen
Weg. Es geht gleichsam um die innere Identifikation mit Christus –genauso wie er sich mit uns identifiziert hat. Ich denke, das ist wirklich das, worauf der Mensch zugeht.
In den großen Geschichten der Nachfolge, die sich die Jahrhunderte hindurch zutragen, faltet sich freilich auch erst aus, was in der Gestalt Jesu Christi verborgen ist. Es ist also nicht so, daß uns hier ein Schematismus übergestülpt wird, sondern daß darin alle
Möglichkeiten wahren Menschseins enthalten sind. Wir sehen,
wie eine Theresia von Lisieux, wie ein heiliger Don Bosco, wie eine Edith Stein, wie ein Apostel Paulus oder ein Thomas von Aquin
von Jesus her gelernt haben, wie Menschsein zu machen ist. All
diese Menschen sind Jesus wirklich ähnlich geworden – und sind
doch je anders und original.
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Die Lichter auf dem Adventskranz, erklärten Sie einmal in einer Predigt, sollen die Kinder an die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte vor Jesus Christus erinnern, an die Finsternis einer noch unerlösten Geschichte. Der Zeit seit der Geburt des Herrn haben die Christen seither einen schönen Namen gegeben: »anni salutis reparatae«, Jahre des wiederhergestellten Heiles.
Wenn man sich Heilszeit mechanisch vorstellt, als ein fest eingerichtetes Regime, in dem ich das Heil nur abzuholen brauche, dann haben wir den Begriff sicher verfehlt. Wir sehen ja, wie er
ständig widerlegt wird. Kein Jahrhundert etwa hat so grausame,
so blutige Kriege geführt wie das unsrige. Es ist Böseres geschehen als vorher überhaupt geschehen konnte, weil die Möglichkeiten
nicht vorhanden waren, das Böse so raffiniert, technisch bedacht
und rationalisiert zu begehen.
Das Heil, das uns geschenkt worden ist, ist keine mechanische
und äußerliche Sache. Es ist der Freiheit anvertraut und damit
auch in die Zerbrechlichkeit der menschlichen Freiheit und des
menschlichen Wesens hineingegeben. Das Heil beginnt in jedem
Menschen immer neu, es ist nicht einfach da. Man kann es von
außen her nicht einfach zementieren und durch Macht verfügen,
sondern nur immer in die sich öffnende Freiheit hineingeben. Aber über allem und in allem steht doch der, der auf uns zugeht und der uns eine Hoffnung gibt, die stärker ist als die Verwüstungen, die die Menschen vollbringen.
Was kam mit Christus auf die Erde?
Jesus wird auch als der »neue Adam« bezeichnet. Er sei Mittler und Erfüller der ganzen Offenbarung. Kann man denn in wenigen
Sätzen sagen, was mit Christus Neues in die Welt gekommen ist?
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Greifen wir das Bild vom »neuen Adam« auf. Adam ist zunächst
die Chiffre für den Anfang des Menschseins, für den Stammvater.
Wenn nun Christus der »neue Adam« genannt wird, ist damit
gesagt, daß der eigentliche Beginn kommt. Der damalige Beginn
ist demnach ein Vorentwurf auf Christus hin und erklärt sich auch erst von ihm her. Von daher können wir ruhig sagen, daß in Jesus –gerade weil er nicht nur Mensch ist, sondern Gottmensch – das
Maßbild des Menschseins an sich gesetzt ist, dazu berufen, in die Einheit mit Gott hineinzugelangen.
Die Originalität Jesu sollte man nicht nur an einzelnen Worten
oder Taten messen. Das Kreuz ist in der Form neu, wie er es
annimmt und leidet. Die Auferstehung ist neu. Schon die Geburt
aus der Jungfrau ist neu (auch wenn es Mythen gibt, die darauf
zugehen). Die Botschaft der Gottes-und Nächstenliebe als der
Fülle des ganzen Gesetzes, oder dann die Eucharistie, in der er
sich von seiner Auferstehung her mitteilt – das alles sind große
Neuheiten, die er in die Welt trägt. Sie alle reflektieren das Neue schlechthin: daß Gott nämlich nicht mehr jenseits ist; daß Gott
nicht mehr nur der ganz Andere und Unbegreifbare ist, sondern
daß er auch der ganz Nahe, der mit uns identisch Gewordene
ist, der uns anrührt und den wir anrühren, den wir empfangen
können und der uns empfängt.
Insofern ist die eigentliche Originalität Jesu eben er selbst – als Einssein von Gott und Mensch.
Dieser Gott und Mensch sagt freilich auch: »Ich bin gekommen,
um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde
schon brennen!« Und weiter: »Meint ihr, ich sei gekommen, um
Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung.«
Das ist ein gewaltiges Wort. Wenn er vom Feuer spricht, meint er
zunächst seine eigene Passion, die ja eine Passion der Liebe und
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insofern ein Feuer ist; der neue Dornbusch, der brennt und doch
nicht zerstört; ein Feuer, das weitergegeben werden soll.
Jesus kommt nicht, um es uns bequem zu machen, sondern er
wirft Feuer in die Erde, das große, lebendige Feuer der göttlichen Liebe, die der Heilige Geist ist, Feuer, das brennt. In einem von Origenes überlieferten apokryphen Jesuswort heißt es: »Wer mir
nahekommt, kommt dem Feuer nahe.« Wer demnach in seine
Nähe kommt, muß bereit sein, sich brennen zu lassen. Wir sollten
diese Aussagen gerade heute einem nichtssagenden, banalisierten
Christentum entgegenstellen, das möglichst anspruchslos und bequem sein will. Christentum ist groß, weil die Liebe groß ist. Es brennt, aber das ist kein Zerstörungsfeuer sondern eines, das hell macht, rein, frei und groß. Christsein ist daher das Wagnis, sich diesem brennenden Feuer anzuvertrauen.
Wir haben das andere Wort von Jesus: »Frieden gebe ich euch,
meinen Frieden gebe ich euch, und nicht wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.«
Beide Worte müssen zusammengehalten werden, um den Sinn
von Gottes Rede aufleuchten zu lassen. Christus ist der, der den
Frieden bringt. Und ich würde sagen, dies ist das übergeordnete
Wort. Aber wir verstehen diesen von Christus gebrachten Frieden nur recht, wenn wir ihn nicht banal als Sich-vorbei-Mogeln an dem Schmerz auffassen, oder an der Wahrheit und an den
Auseinandersetzungen, die sie mit sich bringt.
Wenn eine Regierung jeden Konflikt vermeiden wollte und es jedem recht machen will, oder auch wenn ein einzelner Mensch das tut, dann funktioniert gar nichts mehr. Und so ist es auch in der Kirche. Wenn sie nur auf Konfliktvermeidung ausgeht, damit ja
bloß nirgendwo Aufregungen entstehen, dann kann die eigentliche
Botschaft nicht mehr zum Ziel kommen. Denn diese Botschaft
ist eben auch dazu da, mit uns zu streiten, den Menschen aus
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der Lüge herauszureißen und Klarheit, Wahrheit zu schaffen. Die
Wahrheit ist nichts Billiges. Sie ist anspruchsvoll, und sie brennt auch. Zur Botschaft Jesu Christi gehört eben auch die Herausforderung, die wir in diesem Streit mit seinen Zeitgenossen finden.
Hier wird eine verkrustete Form von Glaube, ein selbstgerechter
Glaube, nicht bequem übertüncht, sondern es wird der Streit damit aufgenommen, damit die Verkrustung aufgebrochen und die Wahrheit zum Ziel kommen kann.
Hat der Friede, den Jesus Christus bringt, zunächst einen streitba-ren Charakter?
Er überführt uns jedenfalls unserer Lügen. Er zieht uns aus unserer Bequemlichkeit heraus in den Kampf, in das Leiden der Wahrheit
hinein. Nur so auch kann der wirkliche Friede gegenüber dem
Scheinfrieden entstehen, hinter dem sich dann Heuchelei und Konflikte aller Art verbergen.
Das Wort vom Feuer gehört dem größeren Friedenswort Jesu zu,
aber es zeigt zugleich, daß der wirkliche Friede streitbar ist. Daß die Wahrheit das Leiden und auch den Streit wert ist. Daß ich
nicht die Lüge hinnehmen darf, damit Ruhe ist. Denn nicht Ruhe
ist die erste Bürger-und Christenpflicht, sondern das Stehen zu
dem Großen, das Christus uns geschenkt hat, und das zu einem
Leiden, zu einem Kampf bis zum Martyrium hin werden kann –
und gerade so friedensstiftend ist.
Frohe Botschaft
Jesus sprach vom Feuer und vom Schwert, aber er sagt auch:
»Lernt von mir!« Denn auf diese Weise »werdet ihr Ruhe finden
für eure Seele«. Er sei in Wahrheit »gütig und von Herzen demütig«. Und weiter: »Mein Joch drückt nicht, und meine Last ist
leicht.« So stellt man sich in der Tat eine Frohbotschaft vor.
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Ja, wobei wir wissen, daß diese tröstenden Worte Jesu auch einen
großen Anspruch enthalten. Aber gegenüber dem, was wir gerade
über das Leiden der Wahrheit, über das Feuer Christi gesagt haben, zeigen sie das, worauf es letztlich ankommt.
Christus verkörpert die große und reine Güte Gottes. Er will es uns nicht schwermachen, sondern er kommt, um mit uns zu tragen.
Er nimmt uns dabei die Last des Menschseins nicht einfach ab, sie bleibt schwer genug. Aber wir tragen nicht mehr alleine, er trägt mit. Christus ist nicht die Bequemlichkeit, die Banalität, aber in ihm finden wir jene innere Ruhe, die davon kommt, daß wir uns
von einer letzten Güte und einer letzten Geborgenheit getragen
wissen dürfen.
Wir sehen, das ganze Gefüge der Botschaft Jesu ist sehr spannungs-voll, es ist eine große Forderung. Sie ist so, daß sie immer mit dem Kreuz zu tun hat. Wer sich nicht brennen lassen will, wer zumindest nicht dazu bereit ist, kommt auch nicht in seine Nähe. Immer jedoch dürfen wir wissen, daß wir gerade darin der eigentlichen
Güte begegnen, die uns hilft, die uns annimmt – und die es mit uns nicht nur gut meint, sondern die auch macht, daß es uns gutgeht.
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