Der französische Theologe Henri de Lubac sagte einmal, der bevorzugte Platz des Mysteriums sei das Leben Christi . Die Taten darin seien zwar einerseits echte menschliche Taten, aber es seien eben auch Taten einer göttlichen Person. De Lubac wörtlich: »Den Sinn des Lebens Christi fassen, heißt eindringen in die göttliche Wirklichkeit.« Heißt das, Gott und auch unsere ganze menschliche Existenz werden sichtbar und faßbar, wenn wir das Leben Christi lesen lernen?
Ich glaube, das Wesentliche ist, daß man im allmählichen Eindringen und Mitleben des Lebens Christi überhaupt erst den Lebens-stoff und die Lebensgrundlage hat, in der einem das Verstehen Gottes zuteil werden kann. Die Worte Jesu sind gewiß von einer
unersetzlichen Bedeutung, aber wir dürfen Christus nicht auf Worte allein reduzieren. Das Fleisch, wie Johannes sagt, gehört mit dazu, es ist das gelebte Wort, das dann eben bis ins Kreuz hineinführt. Nur wenn wir den ganzen, vitalen Zusammenhang der Gestalt Jesu betrachten, sprechen auch die Worte in jener Größe,
die ihnen innewohnt. Insofern ist die Betrachtung des Lebens und
Leidens Jesu Christi zum Verstehen seiner Botschaft in der Tat
grundlegend.
Propheten und Vorboten
Dann lassen Sie uns bitte Gestalt, Leben und Botschaft Jesu Christi etwas genauer nachzeichnen. Beginnen wir mit Johannes. »Im Anfang war das Wort«, so fängt sein Evangelium an, und weiter
heißt es: »Und das Wort ist Fleisch geworden / und hat unter uns 191
gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.«
Dieser Prolog gehört mit Sicherheit zum Erhabensten, was in der Welt jemals aufgeschrieben wurde.
Die ersten Worte des Johannes-Evangeliums schlagen die Brücke
von der Schöpfungsgeschichte, dem Urgrund der Dinge, in das
Geschehnis in Palästina hinein. Sie zeigen uns folgendes: Jener Logos, jener schöpferische Sinn, aus dem die Welt geworden war, ist in diesem Menschen Jesus persönlich da. Jene Kraft, die die Welt
erschaffen hat, tritt damit selber in die Welt herein und redet mit uns. Es ist das große Paradox, das hier auf uns zukommt: Gott ist so groß, daß er klein werden kann. Und zwar so klein, daß er uns
in einer menschlichen Person begegnet. Gott fällt dabei aber nicht einfach vom Himmel herunter und stellt sich uns vor, sondern er
fügt sich ganz konkret in einen Geschichtszusammenhang ein, der
ein Weg auf ihn hin ist. Ein Weg, an dem er sozusagen erwartet ist und in dem uns seine Botschaft vernehmbar werden kann.
Als unmittelbarer Vorbote von Jesus Christus gilt Johannes der Täufer. »Er kam als Zeuge«, heißt es im Evangelium, »um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen.«
In diesem Geschichtszusammenhang gibt es einen letzten Propheten, einen letzten Zeugen, der Jesus historisch vorausgeht. Der Täufer ist dabei der Vertreter einer Art Erweckungsbewegung.
Die Frage nach dem Retter, dem Messias, ist in dieser aufgewühlten Stunde Israels zu einer brennenden Frage geworden. Israel steht unter Fremdherrschaft, es trägt aber nach wie vor die Verheißungen in sich und wartet darauf, daß sie Wirklichkeit werden.
Andererseits ist es eine Zeit ohne Propheten. Es scheint, als ob das Licht der Prophetie erloschen sei.
192
Johannes kam aus der Wüste, und er verkündete etwas Neues.
Er sei, sagte er, »die Stimme, die aus der Wüste ruft«. Er taufte, aber er taufte, wie es geschrieben steht, »auf der anderen Seite des Jordan«. Und als er eines Tages Jesus auf sich zukommen sah, spricht Johannes die geheimnisvollen Worte: »Seht, das Lamm
Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Er ist es, von dem ich gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist,
weil er vor mir war.«
Johannes tritt in der Wüste als ein Gottgeweihter auf. Er verkündet zunächst einmal Buße, Reinigung und Sammlung des Volkes für
das Kommen Gottes. Diese Verkündigung ist gewissermaßen die
Zusammenfassung der ganzen Prophetie in genau den Augenblick
hinein, in dem die Geschichte an ihr Ziel drängt. Seine Sendung
ist, die offene Tür für Gott zu schaffen, damit Israel bereit ist, ihn aufzunehmen und ihm die geschichtliche Stunde zu bereiten.
Das Wichtige sind zum einen seine Bußworte, die die ganze Prophetie aufnehmen, zum andern sein Christus-Zeugnis, das wiederum die Prophetie konkretisiert in dem Bild von dem Lamm, das nun das Lamm Gottes ist. Denken wir zurück an die Abrahams-Geschichte und die Isaaks-Geschichte, an die Tieropfer, in denen das Lamm eine Rolle spielt, besonders an das Osteropfer, das
ein Lammopfer ist. Diese Ersatzversuche finden nun ihre Erfüllung. Das Osterlamm steht im Grunde für uns Menschen. Nun wird Christus von Gott her das Osterlamm, er teilt damit unser
Schicksal und verwandelt es.
Der zweite Satz ist ein stiller Hinweis auf die Göttlichkeit Jesu Christi, auch wenn diese beim Täufer nicht voll durchdacht und
nicht voll ausgesprochen ist. Er sagt, daß hier nicht irgendeine
geschichtliche Person ist, sondern daß es der uns allen Vorausge-hende, der aus der Ewigkeit Gottes Kommende und mit ihr von innen Vertraute ist.
193
Der Patriarch Jakob hatte die Zeit, in der dieser Erlöser kommen würde, tatsächlich in etwa so beschrieben, wie sie sich bei der Geburt Christi darstellte. Viele waren vom Glauben abgefallen, Pharisäer lebten voll Hochmut und Lieblosigkeit, wie es heißt, die anderen fühlten sich wie eine Herde, die keinen Hirten mehr hat. Die Sehnsucht nach dem Meister jedenfalls war bei Juden
und Heiden gleichermaßen groß geworden. »Tauet Himmel den
Gerechten!«, so flehte der Prophet Jesaja, »Wolken regnet ihn
herab!« Und trotzdem: Könnte es nicht auch sein, daß diese Pro-phezeiungen auf Jesus hinkonstruiert wurden, und zwar erst im nachhinein?
Sie spielen mit dem ersten Satz Ihrer Frage wohl auf den sogenannten Jakobssegen an (Gen 49), der aus einer Sammlung von oft rätselhaften Verheißungsworten für die zwölf Söhne Jakobs
besteht. Im Segen über Juda heißt es: »Nicht weicht der Herr-scherstaat von Juda noch der Fürstenstab von seinen Füßen, bis der kommt, dem er gebührt und dem der Gehorsam der Völker
gehört« (49,10). Das wurde dann als Verheißung des Davidskönigtums gedeutet (David gehörte dem Stamm Juda an), und nach
dessen Erlöschen – also zur Zeit Jesu – als Zusage eines neuen Davidssohnes angesehen, des Messias, dem auch die Weltvölker, die Nicht-Juden gehorchen würden. Daß die Christen diesen Vers im
Davidssohn Jesus erfüllt fanden, liegt auf der Hand. Aber die Zeit Jesu ist noch nicht beschrieben, die Worte (über deren Ursprungs-zeit die Gelehrten streiten) weisen geheimnisvoll ins Kommende und ergeben erst im Licht Christi einen klaren Sinn.
Nehmen wir nun den Propheten Jesaja. Bei ihm heißt der Text
ursprünglich ja: »Tauet, ihr Himmel, die Gerechtigkeit.« Und erst nachdem die Gerechtigkeit als Person gekommen war, haben die
Christen diesen Satz personalisiert gelesen. So kann man auch
in dieser Beziehungseinheit von Altem und Neuem Testament
den Wegcharakter des Schriftwortes sehen. Die Worte gehen ihm
194
entgegen, sie suchen ihn gleichsam noch aus dem Dunklen heraus.
Natürlich kann man das Alte Testament auch von Christus weg
lesen, so eindeutig ist der Finger nicht, den es auf Christus richtet.
Und wenn die Juden es in ihm nicht erfüllt finden können, kommt
das ja nicht einfach aus Bosheit heraus, sondern doch auch aus
der Dunkelheit der Worte und dem Spannungsverhältnis zwischen
der Gestalt Jesu und diesen Worten. Jesus gibt ihnen eine neue
Bedeutung – und doch bekommen sie von ihm her auch alle erst
Zusammenhang, Richtung und Sinn.
Man kann also mit guten Gründen Christus das Alte Testament
absprechen und sagen, nein, das ist nicht das, was er sagte. Und
man kann es ihm mit guten Gründen zusprechen – das ist der
Streit, der zwischen Juden und Christen besteht. Aber nicht nur
hier. Auch ein Großteil der rein historisch-kritischen Exegese liest das Alte Testament ebenfalls nicht in diesem Weg-und Verweis-charakter und sieht die christliche Deutung als etwas an, was dem historischen Ursinn nicht gemäß ist, oder jedenfalls weit über ihn hinausgeht.
Es bleibt zu sagen: Das Alte Testament ist keine Wahrsagerei,
sondern es ist ein Weg. Die Freiheit, es abzulehnen, bleibt bestehen.
Ich würde sagen, gerade die Tatsache, daß sie bestehen bleibt, ist uns eine Gewähr dafür, daß diese Worte in sich stehen. Das Alte
Testament geht historisch ganz klar Christus voraus, der Glaube
der Juden und ihre Schriften machen das auch für einen Blinden
klar. Die Kirchenväter haben es geradezu als die geschichtliche
Sendung der Juden angesehen, daß sie mit ihrem Ja zum Alten
Testament und ihrem Nein zu Jesus die Authentizität und das Alter ihrer heiligen Bücher für jedermann klar verbürgen. Deshalb, so
meinten die Väter, mußten sie Juden bleiben und wurden nicht
Christen. Die Texte stehen in sich, aber sie ergeben einen neuen
Sinn und eine ganzheitliche Sicht, wenn wir sie mit Christus lesen.
Hat Gott sich korrigiert?
195
Mit dem Erscheinen Christi werden Vorschriften des Alten Bundes, ob nun gewisse Opferriten oder auch das unselige »Auge um Auge, Zahn um Zahn«, außer Kraft gesetzt. Müßte man von daher nicht
auch sagen können, Gott hat sich korrigiert?
Ich würde in all dem wieder von einem geschichtlichen Weg sprechen. »Auge um Auge, Zahn um Zahn« klingt ja schauerlich, war aber zunächst doch schon ein Prinzip, das die Rache sozusagen
kanalisiert und rationalisiert hat. Die Vergeltung muß dem anderen entsprechen, sie darf nicht überwuchern, sondern muß sich an das Maß der Tat halten. Insofern war das ein Fortschritt, der im
übrigen in der Rechtsprechung noch immer gilt. Zu diesem Fortschritt im Rechtsbewußtsein mußte freilich hinzukommen, daß nur durch eine Liebe, die die Kette der Vergeltungen durchbricht, überhaupt etwas Neues Wirklichkeit werden kann.
Wir hatten uns ja in diesem Gespräch bereits mit dem Wort ausein-andergesetzt: »Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzuheben, sondern es zu erfüllen.« In der Frage des Tempelopfers begegnen
wir diesem Wort ganz konkret. Die Opfergaben waren immer
nur ein Ersatz. Und wenn nun der kommt, der das gibt, was das
Eigentliche ist und damit den Menschen dazu bringt, daß er sich
Gott geben kann, dann ist der ganze Sinn dieser Opfervorgänge in
ihm zur Erfüllung gelangt. Dann ist das, was der Tempel war und
sein sollte, in ihm als dem lebendigen Tempel da. Es ist also nicht einfach etwas abgeschafft, sondern es ist an sein Ziel gebracht.
In diesem Sinn ist das, was der Tempel wollte, in der Eucharistie gegenwärtig geblieben. Aber nun in der Sinngestalt, auf die es
vorher nur Anläufe gegeben hatte. Ich würde also nicht sagen,
Gott hat sich korrigiert. Wir sehen statt dessen, wie ein Weg, in dem er den Menschen zunächst jene Formen läßt, über die sie
noch nicht hinauskönnen, eine innere Dynamik in sich trägt und
weiterführt. Was der Weg wirklich meinte, wird nun erfüllt und
erhält seinen richtigen Platz.
196
In den Schriften ist die Rede vom »neuen Israel, dem Volk Gottes, das Du gerufen hast«. Heißt das, daß mit dem Erscheinen des
Heilandes nun diejenigen, die ihm nachfolgen, die Christen, das neue und damit ebenfalls ein auserwähltes Volk Gottes sind?
Ja, das kann man schon sagen. Sie sind sozusagen das vergrößerte
Israel. Paulus sagt ausdrücklich, Abrahams Kinder sind nicht einfach die, die blutsmäßig, sondern die aus seinem Glauben heraus von ihm abstammen. Deswegen reicht durch die Gemeinschaft mit
Christus die Breite Israels nun weiter als die Breite der blutsmäßigen Abstammung. Diese Gemeinschaft ist aus einem geistigen
Grundentscheid (und vor allem aus einer Gabe heraus) zu einem
Volk geworden, in dem die Verheißung nunmehr auf Universalität
hindrängt.
Das Wort auserwählt hat bei uns deswegen einen schlechten Bei-geschmack, weil wir es als Abgrenzung, als den Dünkel des Bes-serseins auslegen. Im ursprünglichen biblischen Sinn bedeutet es, daß ein Volk gewählt wird, um ihm etwas zuzumuten, um etwas
zu tragen und etwas für die andern auszurichten. Insofern ist eine Erwählung immer eine Erwählung für etwas. In gewisser Hinsicht wird einem damit sozusagen die Sache schwerergemacht, weil
man Verantwortung für die andern übernimmt.
In diesem Sinn geht die Erwählung und der Begriff Israel nun auf
diejenigen über, die durch Christus zu Abraham, zum lebendigen
Gott gehören. Sie sind allerdings zu einem Leben für die anderen nicht deshalb ausgesucht, damit sie ein Spezialbillett für den Himmel bekommen, sondern damit sie sich am Dienst Christi, am
Dienst Israels für die Geschichte beteiligen.
197