Kapitel II

Von Jesus Christus

Herr Kardinal, kann man sich Jesus Christus so vorstellen wie er auf dem Grabtuch von Turin erscheint?

Das Turiner Grabtuch ist ein Geheimnis, ein Gebilde, das noch

keine eindeutige Erklärung gefunden hat, auch wenn sehr vieles

für seine Echtheit spricht. Auf jeden Fall rührt es uns an – mit der eigenartigen Kraft dieser Gestalt, mit den ungeheuren Verletzungen.

Und mit einem sehr eindrucksvollen Gesicht.

Wir können in diesem Antlitz die Passion auf erschütternde Weise

erkennen. Und wir sehen zudem eine große innere Würde darin.

In diesem Gesicht liegen Ruhe und Gelassenheit, Friede und Güte.

Insofern hilft es uns wirklich, uns Christus vorzustellen.

Ein Mann mit großem Selbstbewußtsein …

Wenn es nur ein menschliches Selbstbewußtsein wäre, dann wäre

es ein überstiegenes. Es ist etwas anderes in diesem Ausdruck,

etwas viel Größeres: Jesus weiß, daß er ganz mit einem anderen

eins ist, nämlich mit dem Vater, mit Gott. Diese Einheit ist familiär, sie überschreitet alle anderen Arten von mystischen Einigungen,

die wir kennen. Jesus kann deshalb den Namen Gottes – »Ich bin

es« – mit gutem Grund auf sich anwenden.

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Ein Mann aber auch, der manchmal barsch und ungehalten ist.

Er sagt einmal: »O du ungläubige und unbelehrbare Generation!«

Ganz verzweifelt ruft er aus: »Wie lange muß ich noch bei euch sein? Wie lange muß ich euch noch ertragen!«

Daß es diese Strenge im Herrn und gleichsam eine Ungeduld mit

den Menschen gibt, berührt auch mich immer wieder. Wir können

daraus eine Lektion über die Liebe lernen, die nicht einfach bloß Weichherzigkeit, Nachgiebigkeit ist, sondern fordernd.

Jesus blickt die Menschen mit den Augen Gottes an. Aus dieser

Sicht heraus können wir erkennen, wie enttäuscht Gott eigentlich

von den Menschen ist, welcher Zorn in ihm aufsteigen muß angesichts dessen, wie dieses sein Geschöpf mit sich und mit ihm umgeht. Diese Worte zeigen, wie beunruhigend diese innere Lang-weiligkeit und Gleichgültigkeit Gott gegenüber, diese Hörunfähigkeit und Verschlossenheit des Menschen aus der Perspektive

Gottes tatsächlich aussehen muß.

Jesus’ Lieblingsausdruck ist offenbar »Heulen und Zähneknirschen«. Wann immer er etwas Schlimmes andeuten will, heißt es, dort werde Heulen und Zähneknirschen sein.

Ich würde es nicht gerade als den Lieblingsausdruck bezeichnen.

Dies ist etwas, was bei Jesus in den Grenzworten vorkommt. »Heulen und Zähneknirschen« stellt eigentlich die Bedrohung, die Ge-fährdung, ja letztlich den gescheiterten Menschen dar. Es ist eine Situation, die eine Welt der in die Droge und in die orgiastischen Ekstasen verfallenen Menschen beschreibt, denen im Augenblick

des Herausfallens aus der Betäubung die totale Widersprüchlichkeit ihres Lebens deutlich wird.

Die Hölle wird für gewöhnlich als Feuer, als Brennen dargestellt.

Zähneknirschen entsteht aber eigentlich, wenn man friert. Hier

ergibt sich für den gefallenen Menschen in seinem Heulen und

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Klagen und dem Protestgeschrei das Bild eines Ausgesetztseins in

die Kälte, in die man sich mit der Absage an die Liebe begeben hat.

Es wird einem in der von Gott und damit von der Liebe völlig ab-gekoppelten Welt nun zum Frieren – bis hin zum Zähneknirschen.

Manchmal leistet sich Jesus sogar richtige Zauberkunststücke.

Als seine Jünger wieder einmal kein Geld haben, um die fällige Tempelsteuer zu bezahlen, sagt er zu Petrus: »Geh an den See und wirf die Angel aus; den ersten Fisch, den du heraufholst, nimm, öffne ihm das Maul, und du wirst ein Vierdrachmenstück finden.

Das gib den Männern als Steuer für mich und für dich.«

Jesus hat nicht einfach beliebig Wunder gewirkt, sondern nur im

Zusammenhang des Glaubens. Er hat ausdrücklich gesagt: Ich bin

nicht dazu gekommen, um Wunder zu wirken, sondern das Reich

Gottes zu verkünden.

Die von Ihnen angesprochene kleine Geschichte ist in der Tat von

etwas anderer Art. In ihr geht es darum, etwas Tieferes zu verdeutlichen. Man sieht darin, daß der Herr, der eigentlich keine Steuern zu zahlen braucht, weil der Tempel ja schließlich ihm gilt, es zwar im Gehorsam tut, es dann aber auf eine von Gott besonders geschenkte Weise macht. Ich sehe Jesus leise dabei lachen.

Jesus – eine Erfindung?

Die Zweifel an der Geschichte Jesu Christi werden sicher nie

verschwinden. Für die einen ist Jesus eine reine Erfindung, für die andern eine Art von Sektenführer. Andere wiederum glauben, Christus wäre lediglich eine jener archetypischen Figuren gewesen, die etwas vom Drama des Menschseins auf eine sehr klare Art

auszudrücken vermögen: den Schmerz, die Angst, die Liebe. Und

manche werden sagen: Dieser Meister mag interessant sein, aber was hat Jesus schon mit mir zu tun?

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Natürlich kann man an allem Geschichtlichen zweifeln, wie wir

immer wieder sehen. Da wird zum Beispiel jetzt von einem Pri-vatgelehrten Karl der Große geleugnet, ja, die ganze Geschichte zweier Jahrhunderte wird als gefälscht hingestellt und so weiter.

Gut, wir waren nicht dabei. Und die geschichtliche Urkunde gibt

uns zwar Kunde, aber sie bringt uns nicht mit dem Faktum selbst

in Berührung.

Also doch Raum für Spekulationen?

Nein. Schon wenn wir lediglich die anerkannten historischen Kriterien anwenden, ist die Bezeugung Jesus’ so früh, so umfassend und so gut, daß wir an seiner historischen Gestalt überhaupt nicht zweifeln können. All das, was uns hier überliefert wird, ist zudem ganz anders als das, was man konstruieren oder sich erdenken

könnte. Es durchbricht alle Plausibilitätsschemen.

Und wir können hier sowohl die Spur des Ereignisses wahrnehmen als auch das, was in der Nachfolge aus dieser Begebenheit geworden ist. Beides ist nicht durch Ideenkompositionen erklärbar, sondern nur durch die elementare Wucht von etwas, das wirklich geschehen ist. Zweifel an der historischen Existenz Jesus sind daher in meinen Augen nicht seriös.

Was aber ist an dem Quellenbestand historisch wirklich verläßlich?

Nun, Sie wissen ja, daß jetzt mehr und mehr in die Quellen hinein-und in ihnen herumgebohrt wird. Man versucht, sie immer noch weiter auseinanderzunehmen. Am Ende bleiben dann nur noch

sehr armselige Stücke übrig, und plötzlich wird man sich fragen,

wie aus einer so armseligen Figur überhaupt solche Ereignisse

haben wachsen können.

Wir dürfen eines nicht vergessen: Der erste Korintherbrief, der

uns das Zeugnis über die Auferstehung Jesu und über die Einset-188

 

zung der Eucharistie bringt, liegt in Texten vor, die schon Paulus vorgefunden hat. Der Brief wurde Anfang der 50er Jahre nach

der Geburt Christi geschrieben. Der darin enthaltene Text geht

wiederum auf Jerusalemer Überlieferungen zurück. Es sind also,

wie Paulus das selbst sagt, übernommene Bestände. Auch ihre

Sprachform zeigt, daß wir hier ganz nah an die Ereignisse selbst

herankommen.

Ich muß gestehen, je länger ich diesen Bemühungen der Quellen-forschung zuhöre, desto geringer wird mein Vertrauen zu dem Übermaß an Hypothesen, das da hochgeschossen ist. Und die sich

dann ewig wiederholen und gegenseitig widerlegen. Die ganze

Konstruktion eines bloß historischen Jesus im Gegensatz zu dem

geglaubten Christus, die mit dem Beginn der Aufklärung einsetzte, ist ja schon von Albert Schweitzer so kritisiert worden. Er sagt, da glaubten wir, ihn nun endlich wirklich zu haben, aber er ist an unserer Zeit vorbeigegangen und zu sich selbst zurückgekehrt.

Ich denke, alle diese Versuche sind Rekonstruktionen, in denen

man immer das Bild des Konstrukteurs sieht. Ob Sie Adolf Harnacks Christus nehmen – der den liberalen Menschentypus wider-spiegelt – , oder ob Sie Bultmanns Christus nehmen, der dessen existentialistischen Philosophietypus zeigt. Alle diese Konstruktionen sind unter dem Grundgedanken gemacht: Gott als Mensch kann es gar nicht geben. Die Ereignisse, die ihn voraussetzen würden, können daher nicht historisch sein. Das heißt, hier geht man bereits mit einer Voraussetzung heran, durch die man im Grunde

dem Ereignis seine innere Wucht nehmen muß – und damit gerade

das, was ihm Spannung und Fülle gibt.

Wie würden Sie herangehen?

Ich finde es viel richtiger, daß man einfach mal fragt: Gibt die

Gestalt, so wie sie im Neuen Testament da ist, Sinn? Und meine

Antwort wäre: Nur so, wie sie da ist, gibt sie überhaupt Sinn. Nur 189

 

so hat sie Größe und konnte sie Auslöser solcher Ereignisse werden. Meiner Überzeugung nach ist deshalb – trotz aller Quellen-kritik, von der man auch viel lernen kann – das Vertrauen zu den Evangelien voll gerechtfertigt. Wir können, auch wenn in Details

manche Überlieferungen in späterer Zeit weiter ausgeformt sein

mögen, der Sache nach auf das Zeugnis der Evangelien vertrauen

und dort die wirkliche Gestalt Christi finden. Sie ist viel wirklicher als die scheinbar so sicheren historischen Rekonstruktionen.

Und ich füge noch hinzu: Das Johannes-Evangelium, das lange

Zeit als eine rein theologische Komposition betrachtet worden

ist – Bultmann zum Beispiel hat versucht, es aus den gnostischen

Strömungen zu erklären – , erscheint gerade heute auch historisch in einer erstaunlichen Weise rehabilitiert. Es hat die genauesten geographischen Angaben und enthält die genaueste Kenntnis des

jüdischen Denkens und der jüdischen Lebensgestalt in jener Zeit.

Ein Exeget wie Klaus Berger in Heidelberg möchte es deshalb

sogar als das älteste der Evangelien ansehen. Nun, da würde ich

allerdings nicht mitmachen. Die ganze Überlieferung sagt, es ist

Ende des 1. Jahrhunderts entstanden. Bleiben wir dabei. Aber es ist ein Evangelium, das aus einer sehr präzisen Kenntnis kommt, und

nicht eine theologische Vision darstellt, die sich vom Erdboden

der Geschichte gelöst hätte.

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