Die Kirche sagt, der Mensch könne von sich aus weder der Welt
noch sich selbst einen Sinn geben. Schwer zu glauben angesichts der riesigen Bibliotheken voller Bücher, die von klugen und weniger klugen Leuten schon über das Leben und seinen Sinn geschrieben wurden.
Wenn in der Welt nicht schon Sinn läge, dann könnten wir auch
keinen machen. Wir können zwar Handlungen vollziehen, die im
Rahmen eines Zweckgefüges etwas bedeuten, aber einen Lebens-sinn selbst ergeben sie nicht. Sinn gibt es – oder es gibt ihn nicht.
Insofern kann er nicht einfach ein Produkt von uns sein. Was wir
produzieren, kann uns einen Augenblick Genugtuung verleihen,
aber doch nicht das Ganze unseres Lebens rechtfertigen und mit
Sinn erfüllen.
Natürlich haben Menschen aller Zeiten und aller Orte nach Sinn
gefragt und werden es auch weiter tun. Sie werden dabei immer
auch Stücke von Antworten finden können. An diesen Antworten
bleibt wiederum nur das gültig, was Menschen nicht erfinden,
sondern finden, was sie in dem Geschöpf Mensch als solches entdecken. Und was ihnen damit helfen kann, sich selber richtig
zu verstehen, ihr Leben sinnvoll zu leben.
Das, was die Kirche sagt, daß nämlich der Sinn nicht von uns
gemacht, sondern von Gott gegeben wird, ist in dieser Weise zu
verstehen: Sinn ist etwas, was uns trägt, was uns voraus – und
über unsere eigenen Gedanken und Entdeckungen hinausgeht –
und nur so hat er auch die Kraft, unser Leben zu tragen.
Wenn man den Sinn des Lehens wirklich in einem einzigen Wort
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ausdrücken könnte, stünde hier das Wort LIEBE. Sie sei, sagen
uns die Dichter und Gelehrten aller Zeiten, nicht nur der Sinn, sondern auch das Grundprinzip des Lehens, das eigentliche Geheimnis. Jemand meinte, erst wer die Unendlichkeit dieser Liehe spürt, ist auch in den Kern des Glaubens eingedrungen.
Daß unser Leben letzten Endes darauf hinausläuft, Liebe zu entdecken, zu empfangen und zu geben, ist uns, glaube ich, auf der Wegstrecke dieses Gesprächs immer wieder begegnet. Und der
gekreuzigte Christus, der die Liebe bis ans Ende darstellt, wie er selber im Johannes-Evangelium sagt, hebt dieses Prinzip ins ganz
Reale. Gott selbst ist Liebe. In diesem Sinn ist Liebe tatsächlich das Grundgesetz und das Grundziel des Lebens.
Wir sind hier wieder beim Geheimnis des Weizenkorns, beim
Sichverlieren und Sichfinden. Damit müssen wir nun verbinden,
daß man die Liebe, wie wir wissen, nicht machen kann. Sie wird
uns geschenkt. Sie ereignet sich, sie geht vom andern her auf mich zu, sie geht in mich ein.
Die menschliche Liebe enthält immer einen Ewigkeitsanspruch
in sich. Liebe ist ein Widerspruch gegen den Tod, wie der französische Philosoph Gabriel Marcel einmal gesagt hat. Diese Liebe
wird folglich aus einem Versprechen erst dann zu einer eingehal-tenen Realität, wenn sie von einer wirklich Ewigkeit gebenden Liebe umfangen ist. Marcel meinte, einem Menschen zu sagen
»ich liebe dich« heißt: ich weigere mich, deinen Tod anzunehmen,
ich protestiere gegen den Tod.
So sehen wir, daß die menschliche Liebe an sich ein uneinlösbares Versprechen ist. Sie will Unendlichkeit und kann doch nur Endlichkeit geben. Aber andererseits weiß sie, daß dieses Versprechen nicht sinnlos und widersprüchlich und damit zerstörerisch ist, da in ihr letztlich ja doch die Unendlichkeit lebt. Liebe ist also schon rein menschlich betrachtet tatsächlich das, wonach wir Ausschau
halten und auf das zuleben. Von ihren eigenen Dimensionen her
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aber trägt sie letzten Endes den Ausblick auf Gott und das Warten auf Gott in sich.
Liebe, das sagt sich manchmal so leicht. Aber wer weiß denn
schon, was Liebe ist? Wie liebt uns Gott zum Beispiel? Wir haben bereits vom angeblich »zornigen Gott« gesprochen. Es gibt Menschen, die sagen, er verkündet auch eine Drohbotschaft. Wie sieht denn diese göttliche Liebe aus, die uns geschenkt wird?
Zunächst einmal muß Zorn nicht unbedingt der Liebe widersprechen. Ein Vater zum Beispiel, Sie wissen es besser als ich, muß manchmal seinem Sohn auch zornig ins Gewissen reden, gerade
weil er ihn liebt. Und er würde seiner Liebespflicht und seinem Liebeswollen nicht genügen, wenn er, um es dem andern und
auch sich selber bequemer zu machen, nicht manchmal kritisch
eingreifen würde in sein Leben, ihn nicht zurechtweisen würde.
Wir wissen ja, daß verzogene Kinder, denen alles gestattet worden ist, am Schluß häufig mit dem Leben gar nicht zurechtkommen
können, weil das Leben später anders mit ihnen umgeht, und weil
sie es nicht gelernt haben, sich selber in Zucht zu nehmen, sich auf den richtigen Weg zu bringen. Oder wenn ich zum Beispiel einem
Drogenabhängigen, weil ich nett zu ihm sein möchte, die Drogen
verabreiche, die er möchte, anstatt ihn davon wegzuführen (was
für ihn sehr hart wäre), kann man nicht von wirklicher Liebe
sprechen.
Anders ausgedrückt: Liebe im richtigen Sinn ist nicht einfach
immer Nachgeben, Weichlichkeit und bloßes Süßtun. Insofern ist
ein bloß versüßlichter Jesus oder ein Gott, der zu allem ja sagt, der immer nur nett ist, nur eine Karikatur der wirklichen Liebe. Weil Gott uns liebt, weil er will, daß wir in die Wahrheit hineinwachsen, darum muß er uns auch fordern und uns auch korrigieren. Gott
muß das tun, was wir in einem Bildwort »Zorn Gottes« nennen,
das heißt er muß uns Widerstand leisten, wo wir von uns selber
abfallen und wo wir gefährdet sind.
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Klingt sehr ernst.
Es ist wichtig zu erkennen, daß die echte Liebe eben auch einen
großen Ernst in sich trägt. Sie will dem andern das wirklich Gute, und darum hat sie den Mut, sich ihm entgegenzustellen, wo er das
Gute nicht sieht, wo er blind ins Unglück hineinrennt.
Damit haben wir bereits auch das Positive der Liebe gesagt. Sie
mag den anderen. Sie will, daß es ihm gutgeht, daß er glücklich
ist, daß er sich selber findet. Und daher ist die Liebe gut zu ihm.
Aber gut zu ihm sein kann ich nicht anders, als daß ich mich vom
Guten her, von dem, was wirklich gut ist, leiten lasse und mich
mühe, ihm zu helfen, daß er gut wird. Ein wahrer Liebesakt ist
also derjenige, der aus dem Guten kommt und damit ins Gute
hineinmündet. Und so gehört zum Lieben einerseits immer wieder
auch der Selbstverzicht, das Sichweggeben für den andern, und
andererseits die Hilfe an den anderen. Eine Hilfe, damit er sich
nicht in sich verschließt und alles nur in sich hineinnimmt, sondern damit auch er den Weg dieses Herausgehens, den Weg des Weizenkorns findet.
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber beschrieb einmal
ein wichtiges Attribut an der Liebe Gottes, er nannte es »das
Herausholen«. Buber sagt: »Das Herausholen gehört zum Wesen
Gottes von Anfang an. Das Herausholen aus Verstrickungen,
das Herausholen aus der Stumpfheit, das Herausholen aus der
Vereinsamung und Isolation.«
Hierfür können wir gewissermaßen den Exodus der Israeliten aus
der ägyptischen Gefangenschaft als ein Modell betrachten. Aber
es beginnt bereits mit der Berufung Abrahams. Gott holt Abraham heraus aus seiner Familie und bringt ihn auf einen Weg. Im Grunde muß jeder Mensch seinen Exodus machen. Er muß nicht
nur aus dem Mutterboden heraustreten und selbständig werden,
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sondern auch aus der Verschlossenheit in sich selber. Er muß aus
sich weggehen, sich selber überschreiten, nur dann kommt er sozusagen ins Gelobte Land – in den Raum der Freiheit, in dem er nun die Welt mit aufbauen hilft. Dieses Grundgesetz der Überschreitung haben wir als Wesen der Liebe kennengelernt. Natürlich ist auch der Akt dessen, der mich liebt, ein solcher Akt. Er muß mich herausziehen aus dem bequemen Trieb, in mir selber bleiben zu
wollen.
Ein großer Lehrer der menschlichen Seele, Erich Fromm, hat sich die Frage nach dem Warum der Liebe gestellt: Warum müssen wir
lieben?
Fromm glaubte herausgefunden zu haben, daß der Grund in dem
entsetzlichen Erlebnis der Einsamkeit, des Getrenntseins generell liegt, das seit der Vertreibung aus dem Paradies entstanden ist.
Nur deshalb gebe es bei den Menschen das starke Bedürfnis nach Konformität bis hin zu orgiastischen Erlebnissen in der Gruppe.
Umgekehrt sei die Verbreitung von Alkoholismus, Rauschgift-sucht und Selbstmord in der gegenwärtigen Welt ein Symptom für dieses relative Versagen der Konformität.
Fromm geht dann einen Schritt weiter. Er sagt, wir können dieses Problem des Getrenntseins eben nicht mit Arbeit, Erfolg, Anpas-sung oder eben orgiastischen Erlebnissen lösen, alle diese Befriedigungen seien nur vorübergehend. Die eigentliche Antwort auf die existentielle Frage liege eben ausschließlich in der Vereinigung mit einem anderen Menschen, in der Liebe. Fromm: »Das Verlangen
nach zwischenmenschlicher Vereinigung ist das stärkste Streben im Menschen. Es ist das grundlegendste Verlangen, die Kraft, die die menschliche Rasse zusammenhält, den Clan, die Familie und
die Gesellschaft. Sein Versagen bedeutet Wahnsinn oder Vernichtung – Selbstvernichtung oder Vernichtung anderer. Ohne Liebe könnte die Menschheit nicht einen einzigen Tag existieren.«
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Interessant ist, daß Fromm von der Einsamkeit als dem Gegensatz
zur inneren Bestimmung des Menschen spricht. Wenn Einsamkeit
ein Nichtgeliebtsein, ein Verlassensein, das Bloß-ich-Sein bedeutet, und wenn damit mein Leben leer bleibt, ist dieser Zustand tatsächlich die Furcht auf dem Grund aller Befürchtungen. Von
da aus sieht man erneut, daß der Mensch von innen her, als Bild
Gottes, dazu geschaffen ist, daß er geliebt werde und selber ein
Liebender sei.
Ich glaube, man muß hier wirklich die Gottebenbildlichkeit ins
Spiel bringen. Gott ist Liebe. In der Dreifaltigkeit stellt sich die wesentliche Liebe selbst dar. Der Mensch ist Gottes Bild, er ist
damit einer, dessen innerste Dynamik darauf angelegt ist, ebenfalls Liebe zu empfangen und zu geben.
Der Weg in die wirkliche Liebe hinein ist mit dem Sichverlieren
verbunden, also mit der Mühsal eines Exodus. Insofern liegen auf
dem Weg dahin die Versuchungen zu den schnelleren Erfüllungen,
in Ersatzbefriedigungen, die Sie gerade genannt haben.
Erst später ahnt man, daß dieser Ersatz nur ungeheure Täuschungen bietet, und erst recht den Absturz in die unerträgliche Einsamkeit, in die Frustration des absoluten Leerseins nach sich zieht.
Sie sind im Grunde Bilder der Hölle. Denn wenn wir uns fragen,
was denn das Verdammtsein eigentlich bedeutet, dann ist es eben dieses: an nichts mehr Geschmack finden können, nichts mehr
mögen, niemanden mögen und selber nicht gemocht sein. Aus
der Liebesfähigkeit und damit aus dem Raum des Liebenkönnens verstoßen zu sein – das ist dann die absolute Leere, in der der Mensch im Widerspruch mit sich selbst lebt und das Dasein
wirklich gescheitert ist.
Wenn es also wirklich der Wesenszug des Menschen ist, Gott
ähnlich zu sein, ein Liebender zu sein, dann kann die Menschheit
und kann jeder einzelne von uns nur bestehen, wenn Liebe da ist,
und wenn der Weg zu dieser Liebe auch gelehrt wird. Wir können
wieder auf Christus kommen: Die erlösende Tat Christi besteht
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gerade darin, daß er uns das Geliebtsein von Gott greifbar macht.
Er trägt es jedem von uns zu und begleitet uns selbst mit seinem
Kreuzweg auf den Weg des Sichverlierens. Und indem er damit aus
dem Gesetz der Liebe nun die Gabe der Liebe macht, überwindet
er die Einsamkeit der Einsamkeiten, die die Unerlöstheit wäre.
Wie lernt man lieben?
Aber ist es nicht merkwürdig, daß man trotz der tiefverwurzelten Sehnsucht nach Liebe alle anderen Dinge für wichtiger hält: Erfolg, Sex, Prestige, Geld, Macht. Beinahe unsere ganze Energie brauchen wir dazu, um zu lernen, wie man diese Ziele erreicht.
Und fast nichts verwenden wir darauf, um die Kunst des Liebens zu erlernen.
Vieles von dem, was Sie genannt haben, sind Abkürzungs-und
Ersatzwege. Damit soll das Abenteuer des Sichverlierens einge-spart werden, um sein gewünschtes Ziel schneller zu erreichen.
Das ist das eine. Daneben steht, daß es durchaus zur Berufung
des Menschen gehört – und sozusagen auch seine Sendung als
Liebender erst erfüllt – , daß er auch sein Können entfaltet.
Der Mensch soll die Möglichkeiten, die in ihn hineingelegt sind,
aktualisieren und erlernen, er soll etwas tun in dieser Welt. Insofern ist das Lernen des Berufes und das Sicheinsetzen dafür durchaus nicht dem Grundauftrag der Liebe entgegengesetzt, sondern dessen Konkretisierung. Ich erfülle sozusagen meine Sendung auch als Liebender erst ganz, wenn ich ganz der werde, der ich
sein kann. Wenn ich das gebe, was ich geben kann. Wenn ich in
der Schöpfung und im Geflecht der menschlichen Beziehungen die
Möglichkeiten eröffne, die uns helfen, miteinander das Leben zu
bestehen und die Fruchtbarkeit der Welt und des Lebens so zu
gestalten, daß sie ein Garten wird, in dem wir Geborgenheit und
Freiheit zugleich finden.
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Der Grundauftrag wird dann schief, wenn die Berufsausbildung
nur noch auf das Erlernen von Fähigkeiten abzielt; wenn die Beherrschung der Welt und die Fähigkeit, Besitz zu erwerben, Macht auszuüben, sich von dem inneren Auftrag der Liebe – des Daseins
aller für alle – abkoppeln. Wenn die Macht die Überhand über die
Gabe gewinnt. Wenn damit dann auch wieder die Selbstbehaup-tung, die Selbstverschließung, das Ansammeln von Dingen um sich selber das Primäre wird und insofern die Liebesfähigkeit im
Menschen erstickt wird. Der Mensch wird dann von den Dingen
beherrscht und weiß diese nicht mehr richtig zu werten.
Wichtig ist, daß wir unser Können, die Berufsausbildung, nicht an sich für etwas eher Nebensächliches anschauen. All unser Können
und auch alles technische Vermögen des Menschen muß allerdings
seinen inneren Ort behalten und darf sich nicht verselbständigen.
Wenn Macht sich verselbständigt und schlechthin die Kategorie
des Menschen wird, dann wird sie zur Versklavung, und damit
zum Gegenpol zur Liebe.
Fragen wir konkret: Wie ist es denn bei einem Kardinal? Konnten Sie die Kunst des Liebens lernen?
Liebe muß man ja nicht so lernen, wie man beispielsweise Klavier
spielen lernt oder wie man mit einem Computer umzugehen lernt.
Man muß sie sozusagen immer mit-lernen in den einzelnen Dingen.
Und natürlich lernt man sie auch von exemplarischen Menschen.
Zunächst einmal von den Eltern, die einem Vorbild und Führer
sind und in denen man das Menschsein richtig verwirklicht sieht.
Später lernt man sie in den Begegnungen, die einem das Leben
zuspielt. Man lernt sie in einer Freundschaft, lernt sie mit einer Aufgabe, die mich mit dem anderen verbindet, mit einem Auftrag.
Es geht in all dem darum, nicht in erster Linie sich selbst zu suchen, sondern den Weg des Gebens und damit auch das richtige Empfangen zu erfahren.
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Nun, ich will nicht über mich selber urteilen, aber jedenfalls habe ich versucht, von dem Bild Christi und der Heiligen her die Liebe und, sagen wir es bescheidener, die Güte zu erlernen, und habe
von daher meine Schritte und Taten abzumessen versucht. Gott
wird richten, Menschen werden richten, wie weit ich das wirklich
erlernt habe.
Manchmal wird man auch verkannt. Mir geht nicht aus dem Sinn,
was ich in einem früheren Porträt einmal über Sie geschrieben ha-be. Ich hatte dabei den Schriftsteller Stefan Andres zitiert. Andres hatte in einer Novelle den spanischen Großinquisitor, der sich von dem großen Maler El Greco porträtieren ließ, mit folgenden Worten skizziert: »Er ist nicht in der Liebe beteiligt.«
Ja, so kann ein Amt von außen aussehen. Wir versuchen jedenfalls
dort, wo wir sozusagen kritisch mit Leuten umgehen müssen,
es im Sinn einer Liebe zu tun, die ja nicht nur Schmeichelei ist, sondern die auch Grenzen setzt, wo Schaden angerichtet wird,
wo die inneren Gesetzlichkeiten der Liebe verletzt werden. Meine
Mitarbeiter und ich bemühen uns, den betreffenden Menschen
selbst im Auge zu behalten und das Ganze in einer Weise zu tun,
daß er selber erkennen kann, worum es uns geht. Wir möchten
nicht einfach einen Bannstrahl gegen ihn schleudern, sondern der
Gemeinschaft im ganzen und dabei letztlich auch ihm dienen. Und
wir fühlen uns vor allen Dingen verpflichtet, den Glauben der
Kleinen zu schützen. Mir hat erst neulich ein bedeutender Bischof erzählt, daß er in einem asiatischen Land gesehen hat, wie einer der berühmten Gegner der Glaubenskongregation mit unglaublicher
Arroganz auf dem Glauben der Kleinen herumgetrampelt ist. Erst
dabei, so der Bischof, sei ihm aufgefallen, daß wir doch einen
wichtigen Auftrag haben, die Kleinen gegen diese Arroganz zu
schützen.
Das Wort war natürlich nicht nur auf das Amt gemünzt, sondern
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auch auf den Amtsinhaber persönlich, auf den das Amt abfärben
könnte.
Ja, natürlich gibt es diese Gefahr. Man kann nur versuchen, immer wieder auch Korrekturen anzubringen und dieser Gefahr möglichst nicht zu erliegen.
Die meisten Menschen sehen in dem Problem des Liebens in erster Linie das Problem, selbst geliebt zu werden , und nicht so sehr den Anstoß, selbst zu lieben .
Mit dieser Einstellung ist das Wesen der Liebe freilich schon verdorben. Wenn man Liebe nur haben will, dann genau empfängt man sie nicht, dann wird sie egoistisch, verdorben, und das spürt selbstverständlich auch der andere. Zum Weg des Liebenlernens
gehört, daß man auch die Überwindung und die Freigabe seiner
selbst lernt, daß man sich schenken lernt, und zwar gerade auch
da, wo man nichts dafür bekommt. Daß man sich vor allen Dingen auch dem Unsympathischen gibt und dem, der mich einfach braucht, dem Leidenden. Denken wir an den Samariter. Gerade
dann ist man ein Liebender, wenn man nicht immer für sich selber
einheimsen will, sondern ein Gebender zu werden versucht, der
speziell jene sieht, denen niemand ein gutes Wort schenkt, auch
wenn oder gerade weil sie einem unsympathisch erscheinen.
Aspekte der Liebe
Erich Fromm meint, die wichtigste Sphäre des Gebens sei nicht
die Sphäre der materiellen Dinge. Ein Mensch gebe dem anderen
dann am meisten, wenn er von sich selbst, also von dem Kost-barsten, was er besitzt, von seinem Leben gibt. Er gibt von seiner Freude, von seinem Interesse, von seinem Verständnis, von seinem 181
Wissen und natürlich auch von seinem Humor und von seiner
Traurigkeit – kurzum von allem, was in ihm lebendig ist.
Geben kann nicht primär heißen, daß man Geld gibt, das ist eine
Binsenwahrheit. Natürlich kann Geld auch sehr notwendig sein.
Aber wo nur Geld gegeben wird, ist das für den anderen oftmals
beleidigend. Ich habe das in der Dritten Welt immer wieder gesehen. Wenn ihr uns nur Geld schickt, sagen einem die Menschen, schadet ihr uns oft mehr als ihr uns nutzt. Geld wird schnell irgendwo mißbraucht und verschlimmert die Situation noch. Ihr müßt schon mehr geben. Ihr müßt selber kommen, ihr müßt euch
selber geben, und dann auch helfen, so daß die materiellen Gaben, die ihr bringt, richtig angewandt werden können, daß sie nicht etwas nur aus dem Säckel Herausgeworfenes sind, mit dem ihr euch auch irgendwie loskauft von der Frage, die wir an euch stellen und für euch sind.
Solange wir nur Geld oder Know-how geben, geben wir immer
zuwenig. Insofern waren dann doch die Missionare ein Vorbild,
die den Menschen Gott gegeben haben, die ihnen Liebe glaubhaft
gemacht haben, die ihnen einen neuen Weg des Lebens geschenkt
haben, die sich selber ganz gegeben haben, die nicht für zwei,
drei Jahre, für ein interessantes Abenteuer, sondern für ihr Leben hingegangen sind, um für immer den Menschen dort zu gehören.
Wenn wir diese Fähigkeit eines Selbergebens nicht wieder erlernen, werden die anderen Gaben zuwenig sein.
Was jetzt im Weltmaßstab gesagt ist, gilt natürlich auch im Verhältnis zum einzelnen Menschen. Es gibt da eine schöne Geschichte von Rilke. Der Dichter erzählt, daß er in Paris immer an einer Frau vorüberkam, der man ein Geldstück in den Hut hineingeworfen
hat. Die Bettlerin blieb dabei immer total unbewegt, als wenn sie keine Seele haben würde. Rilke gibt ihr nun eines Tages eine Rose.
Und in dem Augenblick blüht ihr Gesicht auf. Er sieht zum ersten
Mal, daß sie Empfindungen hat. Sie lächelt, dann verschwindet
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sie und ist acht Tage lang nicht mehr da, um zu betteln, weil ihr etwas gegeben worden ist, das mehr ist als Geld.
Ich glaube, das ist so eine schöne, kleine Begebenheit, an der man sehen kann, daß manchmal eine Rose, ein Akt von Zuwendung,
von Herzlichkeit, von Annahme des anderen mehr sein kann als
viele Geldstücke oder sonstige materielle Gaben.
Das Neue Gesetz , das mit dem Messias verheißen war, war ein Evangelium der Liebe. Kann man sagen, daß der Alte Bund alles
in allem auch ausgelaugt, irgendwie am Ende war; in seinem Gottesdienst, in seinem Opfer und auch im Verständnis vom gemein-schaftlichen Leben? Denn offenbar war nun die Zeit gekommen, etwas Neues zu beginnen. Malachias, der letzte Prophet des Alten Bundes, hatte verkündet: »Der Herr der Heerscharen spricht: Ich habe kein Wohlgefallen an euch und nehme keine Opfer mehr an
aus eurer Hand.«
Ich würde nicht sagen, daß der Alte Bund ausgelaugt war. Die
Juden leben ja noch immer in ihm und ziehen aus dem Alten
Testament noch immer großen geistigen Reichtum. Wohl aber
werden wir als Christen sagen, er war ein Unterwegssein, das auf
ein Ziel zuging, und das nun allmählich kommen mußte, damit
dieser ganze Weg seinen Sinn behielt. Das Vorherige wird insofern nicht einfach abgebrochen oder als verbraucht beiseite gelegt,
sondern es ist ein Weg, der zu einem Ziel führte, und der sozusagen in dem Ziel immer gegenwärtig bleibt. Ohne ihn können wir in
das Ziel nicht hineinkommen.
Die Opferkritik gibt es im Alten Testament von Anfang an. In
den Psalmen sagt Gott zum Menschen: Wenn ich etwas zu essen
wünschte, würde ich es ja wohl nicht dir sagen; ich mag deine
Stiere und deine Brandopfer nicht, das ist es ja nicht, was ich
brauche, ich brauche das Herz.
In den Opfergaben steckte immer auch das Bemühen, Gottes Herrschaft anzuerkennen und wenigstens zeichenhaft das Eigene zu 183
geben. Zugleich war den Menschen irgendwie bewußt, daß Gott
mit Stieren und mit verbrannten Kälbern eigentlich nichts anfangen kann. In diesem Sinn überschreiten sich die alttestamentlichen Kulthandlungen von innen her auf den hin, der nun das wirkliche
Opfer ist, der Sohn, der sich uns gibt und uns dem Vater gibt,
der also sozusagen anfängt, die Welt in Liebe umzuwandeln. Die
Liebe ist dabei das wirkliche Opfer. Sie löst die verzweifelte Geste, die in den Tieropfern lag, ab und macht sie sinnlos.
Insofern ist es dann eben doch kein Zufall, daß tatsächlich 40 Jahre nach dem Kreuz der Tempel für immer aus der Geschichte verschwindet, weil das, was darin gemeint war, nun wirklich da
ist.
War es Liebe zu den Menschen, daß Gott nun seinen Sohn
schicken wollte – oder war es vielleicht doch nur Mitleid?
Ich würde Mitleid und Liebe nicht gegeneinandersetzen. Wirkliches Mitleiden ist ja mehr als bloße Sentimentalität. Es ist eine Art von Identifikation mit dem Leiden des anderen, und damit ein
wesentlicher Akt der Liebe.
Die alte Welt der Griechen hatte die Unveränderlichkeit Gottes
herausgestellt und ihn damit auch als reinen Geist, der nicht fühlen kann, noch viel weniger leiden, dargestellt. Das hat die Christen veranlaßt zu fragen, wie ist es denn nun wirklich mit Gott? Und
Origenes hat einmal das schöne Wort gesagt: Gott kann zwar
nicht leiden, aber er kann mitleiden. Das heißt, er kann die Identifikation mit uns, den Leidenden, vollziehen. Sie ist der große Akt der Liebe, in der er sich mit uns bis ins Körperliche hinein in Christus identifiziert – und damit uns mit ihm identifiziert und in seine Liebe hineinzieht.
Ich würde also sagen, gerade dadurch, daß das Christentum gegen
die stoische Ethik der absoluten Ausschaltung des Leidens nun
die Kraft des Mitleidens stellt, hat es auch die Liebe proklamiert.
Mitleiden im richtigen Sinn ist ein Akt der Liebe.
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