Die Kirche hat die Lehre von den vier Gesetzen entwickelt. Sie sollen zeigen, nach welcher Ordnung das Leben in unserer Welt
aufgebaut ist. Diese Gesetze sind: erstens das Naturgesetz; zweitens das Gesetz der Begierlichkeit; drittens das Gesetz des Alten Bundes durch Moses; und viertens schließlich das Gesetz des Neuen Bundes durch Jesus Christus. Habe ich das richtig erfaßt?
Zunächst muß man sehen, daß diese Gesetze nicht auf gleicher
Stufe stehen. Das Naturgesetz besagt, daß die Natur selbst eine moralische Botschaft enthält. Der geistige Gehalt der Schöpfung
ist nicht nur mathematisch-mechanisch. Das ist die Dimension,
die die Naturwissenschaft in den Naturgesetzen erhebt. Aber es
ist mehr an Geist, an »Naturgesetzen« in der Schöpfung. Sie trägt eine innere Ordnung in sich und zeigt sie uns auch an. Wir können aus ihr die Gedanken Gottes und die richtige Art ablesen, wie wir leben sollen.
Punkt zwei: Das Gesetz der Begierde will sagen, daß die Botschaft der Schöpfung verdunkelt ist. Ihr tritt eine Art Gegenrichtung entgegen, die durch die Sünde in der Welt ist. Es drückt die Tatsache aus, daß der Mensch, wie man so sagt, gegen den Stachel löckt.
Paulus sagt es so: Der Mensch spürt ein Gesetz in sich, das ihn
treibt, oft das Gegenteil von dem zu tun, was er eigentlich möchte.
Dieses ist also eine andere Ebene. Während das Naturgesetz die
innere Botschaft der Schöpfung ausdrückt, bedeutet das Gesetz
der Begierde, daß der Mensch sich seine eigene Welt gebaut und
damit einen Gegentrend in die Welt hereingebracht hat.
So hat es vor allem Thomas von Aquin formuliert und ausgebaut.
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Ja, Thomas ist in allem die Synthese und die Summe.
Dritter Punkt: das Gesetz des Alten Bundes. Auch dieses Gesetz hat wieder eine mehrschichtige Bedeutung. Der Kern sind die
Zehn Gebote vom Sinai. Zudem werden aber auch die ganzen
fünf Bücher Mose, die die Rechtsordnung Israels bilden, als »Das
Gesetz« bezeichnet. Sie stellen Israels Lebensordnung, seine Ge-betsordnung und zugleich seine sittliche Ordnung dar. Paulus hat diese Ordnung dann kritisch hinterfragt. Er hat dabei festgestellt, daß dieses Gesetz zwar eine Ordnungsmacht gewesen ist – und
es bei unseren jüdischen Mitbürgern und auch bei uns in vieler
Hinsicht bleibt, wie wir sicher noch besprechen werden – , daß es andererseits aber dann doch auch den Menschen nicht vollends befreien konnte. Und der Grund hierfür ist: Je stärker der Anspruch des Gesetzes ist, um so größer wird der Trieb dagegen.
Es ist Jesus Christus, der schließlich von Paulus als die Befreiung vom Gesetz in die Freiheit des Glaubens und der Liebe hinein
angesehen wird. Thomas von Aquin hat im Anschluß an Worte des
hl. Paulus dennoch auch von einem Gesetz gesprochen, nämlich vom Gesetz Christi, das aber nun ganz anderer Natur ist. Thomas sagt, das neue Gesetz, das Gesetz Christi, ist der Heilige Geist, das heißt, es ist eine Kraft, die uns von innen her treibt, und uns nicht nur von außen her auferlegt ist.
Insofern haben wir also vier ganz verschiedene Ebenen: erstens
die Botschaft der Schöpfung. Zweitens die Gegenbewegung des
Menschen in seiner Geschichte, in der er sich gewissermaßen gegen Gott seine eigene Welt zu bauen versucht. Drittens die Anrede durch Gott im Alten Testament, das dem Menschen zwar den
Weg vorgibt, gegen den er aber im Widerstand und irgendwie ohn-mächtig bleibt. Das Gesetz des Alten Bundes bleibt so vorläufig, es weist über sich hinaus. Und da ist schließlich viertens Christus, der uns über die äußeren Gesetze hinaus von innen her anrührt,
und uns damit die innere Richtung unseres Lebens anbietet.
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Da ist eine Geschichte, die mich irritiert: Jesus sagt: »Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben.
Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.
Amen, das sage ich auch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird
auch nicht der kleinste Buchstabe des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.«
Christus kommt nicht als Gesetzesbrecher. Er kommt nicht, um
das Gesetz für ungültig oder sinnlos zu erklären. Das tut im übrigen auch Paulus nicht, auch wenn einige in den paulinischen Positionen eine Spannung zu dem bei Matthäus überlieferten Jesuswort zu finden glauben. Er sagt, das alte Gesetz habe seine wesentliche pädagogische Bedeutung bis in seine Details hinein.
Christus kommt, um es zu erfüllen. Das heißt aber auch, um das
Gesetz auf eine höhere Ebene zu heben. Er erfüllt es in seinem
Leiden, in seinem Leben, in seiner Botschaft. Und nun bewirkt dieses, daß in ihm das ganze Gesetz seinen Sinn gefunden hat. Alles, was darin gemeint und gewollt ist, ist wirklich in seiner Person
verwirklicht.
Das ist der Grund, warum wir nun eben nicht mehr die Buchstaben des Gesetzes, wie es bis ins Detail durch die vielen Vorschriften geregelt ist, zu erfüllen brauchen. Die Gemeinschaft mit Christus bedeutet, daß wir dort sind, wo das Gesetz erfüllt ist; wo es seinen richtigen Ort gefunden hat; wo es im wörtlichen Sinne »aufgeho-ben«, also aufbewahrt und zugleich verwandelt ist.
Es gibt Bibliotheken voller Gesetzestexte über das Zusammenleben und richtige Verhalten der Menschen in den einzelnen Staaten.
Im Gegensatz dazu hat es Christus offenbar vermocht, in nur wenigen Sätzen konzentriert für alle Menschen auf Erden verständlich und nachvollziehbar auszudrücken, was das Hauptgesetz der Welt ist.
Als man ihn fragte: Meister, welches Gebot im Gesetz ist das
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wichtigste, gab er folgende Antwort: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all
deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« Und er sagt, um es quasi auch für den letzten verständlich zu machen, noch dazu: »An diesen beiden Geboten hängt das
ganze Gesetz samt den Propheten.«
Das ist in der Tat der große Durchbruch, die große Synthese,
die Jesus gebracht hat. Von den verschiedenen Blickwinkeln und
Details her wirft er den Blick aufs Ganze und sagt uns: in diesem Doppelgebot ist wirklich alles enthalten. Gott und der Nächste,
das gehört untrennbar zusammen. Jesus hat damit eine ungeheure
Vereinfachung vollzogen, die gleichwohl keine Verbilligung oder
eine Banalisierung ist, sondern eine Verwesentlichung. Hier tritt exakt der Kern zum Vorschein, der alles trägt, um den sich alles
dreht und auf den allein es ankommt, wie Paulus sagt. Wenn wir
das nicht als Grundgebot haben, ist alles Reden nur Geplapper
und tönernes Erz und keine Wirklichkeit. Frömmigkeitsübungen
und Aktivitäten aller Art sind leer, wenn in ihnen nicht beseelend die Liebe da ist. Sie bringen den Menschen nicht in die Berührung mit Gott und helfen auch dem Nächsten nicht. Insofern ist diese
Konzentration, diese Vereinfachung, die die Einfachheit Gottes
und zugleich auch die Größe und Schönheit seines Anspruchs
zeigt, wirklich der wesentliche Durchbruch.
Wir müssen natürlich hinzunehmen, daß im alten Israel Rechtsordnung sowie sittliche Ordnung des Staates und kultische Ordnung ineinandergriffen. Mit dem Jesusereignis wird dieses Gefüge getrennt. Die Religion erhält sozusagen ihr eigenes Wesen. Sie beseelt zwar den Staat und sein Recht und gibt ihm die moralischen Maßstäbe vor, aber das staatliche Recht ist von dem, was Moral oder
was Glaube uns sagt, unterschieden.
Von daher gesehen wird es in den Staaten immer eigene Rechts-153
ordnungen und Rechtsnormen geben müssen. Diese würden allerdings ins Leere greifen, wenn sie keine innere Beseelung hätten; wenn Menschen nicht von innen her den wesentlichen Anspruch
an ihr Leben erkennen würden und auf diese Weise die Rechtsordnungen aus bloßen äußeren Verkehrsregeln umwandeln in eine gerechte Weise des Miteinanderseins.
Ist es das, was Sie einmal mit dem Satz meinten, das eigentliche Naturgesetz ist ein moralisches Gesetz?
Ja. Die Natur hat, wie schon gesagt, nicht nur Ablaufgesetze,
wie sie die Naturwissenschaft erforscht, sondern sie trägt eine
tiefere Botschaft in sich. Sie gibt uns Wegweisungen. Und wenn
die Kirche von Naturgesetz redet, meint sie nicht die Gesetze im
naturwissenschaftlichen Sinn, sondern die innere Weisung, die uns aus der Schöpfung entgegenleuchtet.
Die Zehn Gebote
In der Wüste Sinai zog Moses eine Grenze um den Berg Horeb.
Niemand durfte diese Grenze überschreiten, nur er alleine. Am
dritten Tage begann es zu blitzen und zu donnern, dichtes Gewölk verhüllte den Berg, Posaunen erklangen. Der ganze Berg rauchte, flammte und bebte, und nur Moses stieg auf den Gipfel des Berges, um von Gott die Zehn Gebote, das göttliche Gesetz, zu
empfangen. Moses schrieb alle Worte des Herrn in das Buch des
Bundes.
Soweit der Mythos. Die Zehn Gebote gelten der Kirche als Ausdruck der Sorge Gottes um den Menschen, sie sollen den Weg zu einem guten Leben weisen. Zunächst einmal: Sind diese Gesetze
wirklich durch Gottes Erscheinen Moses am Berge Sinai übergeben worden? Als steinerne Tafeln, wie es heißt, »die vom Finger Gottes beschrieben waren«?
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Vielleicht müssen wir hier das Wort »Mythos« ein bißchen auf-klären. Was uns hier gesagt wird, ist zweifellos in einer Bilder-sprache gesagt. Diese Sprache sagt Dinge aus, die man nur sehr schwer beschreiben kann. Daß uns diese Botschaften in Bildvi-sionen mitgeteilt werden, darf gleichwohl nicht bedeuten, daß es sich gleichsam nur um einen Traum, um Sagen oder gar Märchen
handelt.
Wir haben hier ein Bild, das auf wirkliches Geschehen verweist,
auf ein wirkliches Hereintreten Gottes in die Geschichte, auf eine wirkliche Begegnung zwischen Gott und diesem Volk – und durch
dieses Volk hindurch wiederum mit der Menschheit. Dieses Bild
wird vermittelt durch einen Menschen, der Gott nahe ist, dem
gegeben war, Gott wirklich zu hören, mit ihm, wie die Bibel sagt, wie ein Freund zu reden, und der aus dieser inneren Freundschaft
heraus zum Mittler werden und die Botschaft Gottes weitergeben
konnte. Wir haben hier also einen Ereigniskern, der in visionärer Bildsprache geschildert wird.
Aber inwiefern sollten diese Gebote nun wirklich von Gott kommen?
Wir wissen heute, daß die Zehn Gebote, wie sie in den Büchern
Moses stehen, durchaus mit der Geschichte der umliegenden Völker verflochten sind. Ähnliche Anläufe, in denen das Ringen der Geschichte anwesend ist, gibt es auch im assyrischen Bereich. Dennoch, daß das Gesetz diese Form erhalten hat und in dieser Gestalt in der Schrift festgehalten ist, geht über bloße gegenseitige Einflußnahmen hinaus. Da ist eben der Mensch, den Gott angerührt hat,
und der aus dieser Freundschaftsberührung heraus den Willen
Gottes, der bislang nur fragmentarisch und in anderen Überlieferungen gesagt wurde, in eine Gestalt bringen konnte, in der wir wirklich das Wort Gottes vernehmen.
Wie weit es tatsächlich steinerne Tafeln gegeben hat, ist eine andere 155
Frage. Sie wissen ja, daß Moses nach der Sinai-Erzählung diese
Tafeln zunächst im Zorn zerbricht und schließlich Ersatztafeln
bekommt. Wesentlich ist, daß sich hier wirklich Gott selber durch den Freund hindurch verbindlich zu erkennen gibt. Insofern ist
diese Vermittlung mehr als menschliches Erdenken oder auch
menschliche Feinfühligkeit für die Botschaft der Schöpfung.
Sind die Zehn Gebote heute noch gültig – ohne Einschränkung?
Sie sind gültig. Wir haben ja schon ein Gebot besprochen, das
durch die Begegnung mit Christus sozusagen ein neues Gesicht
bekommen hat und neu gefaßt wurde: »Du sollst dir keine Bilder
machen«. Dieses Gebot wird in dem Augenblick neu, in dem Gott
sich selber in seinem Bild darstellt. Insofern sind diese Gebote
auch auf dem Weg, sie erhalten durch Christus ihre endgültige
Gestalt.
Auch das Sabbat-Gebot, das ja auf den Schöpfungsbericht zurückgreift, behält seine grundlegende Gültigkeit, bekommt aber eine neue Form, indem nun der Auferstehungstag Jesu der eigentliche
Bundestag wird. Der Weg führt vom Sabbat zum Sonntag – und
erfährt damit auch eine Vertiefung.
In diesem Sinne sind das keine mechanisch schon fertig abgeschlossenen Worte, sie gehören ins Licht Christi hinein und finden darin ihre definitive Gestalt. In ihrem Kern aber sind und bleiben sie
gültig.
Wurden die Zehn Gebote nie abgeändert?
Nein. Es gibt zwar zwei Fassungen, eine im Buch Exodus und die
andere im Deuteronomium. Sie weichen in geringfügigen Äußerlichkeiten voneinander ab, bleiben aber in ihrer Substanz gleich –und stehen natürlich auch nicht zur Disposition des Menschen.
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Als Moses vom Heiligen Berg zurückkehrt, tanzt das Volk um das berühmte Goldene Kalb. Voller Zorn über den Götzendienst zertrümmert der Gottesstreiter die Gesetzestafeln. Nur die Leviten, die Nachkommen von Levi, die später die Priesterkaste bilden,
scharen sich um ihn und stellen sich damit auf die Seite Gottes.
»Zieht hin und her im Lager, von Tor zu Tor!«, befiehlt Moses, »es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten.«
Die Geschichte der Zehn Gebote begann also im Grunde mit
einem riesigen Frevel gegen Gebot Nr. 5. Du sollst nicht töten.
Moses müßte es eigentlich besser gewußt haben.
Sie begann zunächst mit einem Frevel gegen das erste, das tragende Gebot: Du sollst keine fremden Götter anbeten.
Der Mensch ist dann im Lot, wenn er Gott als Gott anerkennt
und in der Anbetung Gottes lebt. Und er begibt sich in die Verkehrung, in die Perversion seines Daseins, wenn er das, was nicht Gott ist, anbetet. Wenn er sich selber seine Gottheiten macht und damit letztlich sich selber anbetet. Von diesem Grundfrevel her
ist das Volk zerfressen und innerlich entstellt. Es hat sich in den Tod hineingegeben. Denn von Gott weggehen, der die Quelle des
Lebens ist, heißt ja, aus dem Leben weggehen.
Die Geschichte, die sich daran anschließt, klingt freilich unerhört grausam und ist für uns kaum noch verständlich. Auch da müssen
wir wiederum auf Christus vorausschauen. Er macht das Umgekehrte. Er nimmt seinerseits den Tod auf sich und tötet nicht die anderen. In dieser Stunde der Geschichte am Sinai aber vollstreckt Moses sozusagen das, was schon da ist: die anderen haben selber
ihr Leben pervertiert. Inwieweit dieses Geschehen wörtlich zu
nehmen ist, ist eine andere Frage. Das Volk Israel bleibt ja vorhanden. Das Geschehen ist ein Ausdruck dafür, daß der, der von Gott abfällt, der sich nicht nur aus dem Bund, sondern aus dem
Raum des Lebens weggibt, das Leben selbst zerstört, und insofern
bereits in die Todeszone hineingetreten ist.
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Das erste Gebot
»Ich bin der Herr, Dein Gott.
Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.«
Wenn man genau hinsieht, war der Tanz ums Goldene Kalb vielleicht in der ganzen Geschichte der Menschheit noch nie so wild und berauscht wie in unserer Zeit.
Es gibt heute zwar keine Götter, die explizit als solche deklariert wären, es gibt jedoch Mächte, vor denen sich die Menschen beugen. Das Kapital etwa ist eine solche Macht, und der Besitz ganz generell. Oder nehmen wir die Geltungssucht. Das Goldene Kalb
hat in vieler Hinsicht in unserer westlichen Welt eine große Aktualität. Die Gefahr ist einfach da.
Aber es geht um mehr. Immer häufiger wird auch das Antlitz des
einen Gottes verwischt. Das geschieht, indem man sagt, na ja,
im Grunde meinen ja alle Götter schließlich denselben Gott. Jede
Kultur hat eben ihre spezielle Ausdrucksform, und es kommt nicht
so sehr darauf an, ob man Gott nun als Person oder als nichtper-sönlich nimmt, ob man ihn Jupiter, Shiva oder sonstirgendwie nennt. Und immer mehr zeigt sich, daß man Gott nicht mehr ernst
nimmt. Daß man von Gott weggegangen ist und sich nur noch
Spiegelungen zuwendet, in denen man nur sich selber sieht.
Wir sehen: In dem Augenblick, in dem der Mensch Gott beiseite
legt, sind die Versuchungen des Götzendienstes sehr groß. Im
Moment ist es unsere große Gefahr, daß man Gott als ziemlich
überflüssig ansieht. Er ist so weit weg, heißt es, und ihn anzubeten bringt scheinbar auch nichts. Was wir weniger beachten ist: Wenn
wir den Grundpfeiler herausreißen, auf dem die Ordnungen des
menschlichen Lebens beruhen, wird sich der Mensch zunehmend
desintegrieren.
Das zweite Gebot
»Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren!«
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Man fragt sich allerdings: Wenn Gott so groß ist, wieso ist er nicht erhaben über meine kleine Lästerung, den Frevel eines winzigen Erdenwurmes?
Es geht nicht darum, daß wir Gott etwas antun könnten und er
sich dafür rächen müßte. Es geht darum, daß wir im richtigen Lot
bleiben. In dem Augenblick, in dem wir Gott verunehren, sein
Gesicht entstellen und ihn in der Welt so unzugänglich machen,
daß er nicht mehr leuchten kann, leuchtet auch der Mensch nicht
mehr.
Martin Buber hat einmal gesagt, kein Wort ist so mißbraucht
worden wie das Wort GOTT. Das Wort sei so befleckt und entstellt, daß man es eigentlich nicht mehr gebrauchen könne. Ich denke,
so sagt er weiter, wir dürfen dieses Wort dennoch nicht vermeiden und auslassen, sondern sollen versuchen, es mit aller Ehrfurcht
vom Boden aufzuheben und es wieder richtig hinzustellen.
Man erinnere sich alleine daran, daß auf den Koppeln des deutschen Militärs in der Zeit der Nazidiktatur die Wörter »Gott mit uns« eingeprägt waren. Während man damit scheinbar Gott
in Ehren hielt, wurde er in Wirklichkeit für die eigenen Zwecke
mißbraucht.
Jeder einzelne Mißbrauch des Namens Gottes aber, jedes Verstellen von Gottes Antlitz, so daß er nicht mehr erkennbar werden kann, hinterläßt Schmutz und ungeheure Spuren. Die große Macht
des Atheismus oder die Ablehnung und Gleichgültigkeit gegenüber Gott ist ohne diese Mißbräuche des Namens Gottes gar
nicht erklärbar. Sein Gesicht wurde so entstellt, daß der Mensch
sich davon abwenden mußte. Insofern hat sich längst gezeigt, wie
furchtbar folgenreich für die Geschichte die Verletzung dieses
Gebotes werden kann.
Das dritte Gebot
»Gedenke, daß du den Sabbat heiligst.«
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Manche mögen den Sonntag sehr gerne und genießen es, daß er
anders ist. Andere wollen ohne Pause einkaufen, arbeiten und
lärmen. Aber vielleicht haben wir einfach auch vergessen, was mit dem Sonntag gemeint war.
Der Sabbat ist im Schöpfungsbericht als eine Zeit eingeführt, in der der Mensch für Gott frei wird. In Verbindung mit dem Dekalog
ist er obendrein das Zeichen für den Bund mit seinem Volk. Die
Uridee des Sabbat ist damit eigentlich eine Vorwegnahme der
Freiheit und der Gleichheit aller.
Am Sabbat ist selbst der Sklave kein Sklave, auch für ihn gilt
die Ruhe. In der kirchlichen Tradition war dies immer einer der
Hauptaspekte. Was die Freien betraf, so war ihre Betätigung ja
keine Arbeit im eigentlichen Sinne, das konnte weiterhin getan
werden. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, daß an diesem Tag die
Schöpfung ihre Ruhe haben soll. Das war so urtümlich gefaßt,
daß das Gebot sogar für das Vieh galt.
Heute ist es so, daß der Mensch über seine Zeit komplett und
ausschließlich alleine verfügen möchte. Wir haben in der Tat vergessen, wie wichtig es ist, Gott in die Zeit hereinzulassen und die Zeit nicht nur als Verfügungsmaterial für die eigenen Belange zu
gebrauchen. Es geht darum, aus Nützlichkeiten und Zweckmäßigkeiten herauszutreten – und damit den anderen und sich selber
freizugeben.
Wir haben bereits angedeutet, daß der Sabbat im Auferstehungs-morgen Christi eine neue Form erhält. Nun ist es der Morgen, an dem der Auferstandene unter die Seinen hereintritt, an dem wir
uns mit ihm versammeln, an dem er uns zu sich einlädt – in den
Tag der Anbetung und in die Begegnung mit Gott hinein, wo er zu
uns kommt und uns aufsucht und wir ihn aufsuchen können.
Das vierte Gebot
»Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß
es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden.«
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Auffallend ist, daß dieses Gebot als einziges mit einer Verheißung verbunden ist. Jesus betont immer wieder, wie wichtig es ist.
Ich möchte hier gerne eine kleine Geschichte erzählen. Es war in unserem Urlaub, und es freute mich sehr, wie meine Jungs waren.
Paul fischte stundenlang nach kleinen Fischen und winzigen Lan-gusten, Jakob grub Löcher in den Sand. Wir hatten ein kleines Boot, und Paul schwamm sehr lange neben dem Boot her. Er hatte plötzlich keine Angst mehr, und er war sehr stolz, daß er es gut und alleine bewältigen konnte. Einmal saß ich ein Stück weiter oben auf einem Felsen und sah auf meine Frau und die Kinder, und sie waren alle so jung und kräftig und schön. Und ich dachte, jetzt beginnen die besten Jahre meines Lebens, und ich will sie nicht vertändeln, und daß es herrlich ist, das zu sein und sein zu können.
Und plötzlich mußte ich dabei auch an meine Eltern denken und
an meine Großeltern – und eben auch an dieses vierte Gebot.
Dieses Gebot ist in der Tat die Magna Charta der Familie. Hier ist eine Grundordnung festgestellt. Die wesentliche Zelle der Sozialität und der Gesellschaft, sagt sie uns, ist die Familie, sind Eltern und Kinder. Und nur in dieser Grundordnung können die
menschlichen Grundtugenden eingeübt werden. Nur darin wächst
das rechte Verhältnis der Geschlechter und der Generationen zueinander.
Das Gebot enthält einerseits den Auftrag der Erziehung. Es bedeutet, den anderen in seine Freiheit richtig hineinzuführen, so daß er ihre inneren Gesetzlichkeiten lernt, daß er das Menschsein richtig erlernt. Der Gehorsam steht dabei im Dienst dieser Einübung in
die eigene Freiheit. Und umgekehrt verlangt es selbstverständlich von seiten der Kinder, diese Erziehung anzunehmen.
Das vierte Gebot enthält aber auch ein stilles Kapitel über den
Umgang mit dem alten, dem nicht mehr nützlichen, dem machtlos gewordenen Menschen. Es wird großer Wert darauf gelegt, die altgewordenen Eltern zu ehren. Wir sollten uns nicht nach
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Nützlichkeit orientieren, sondern in den Alten immer noch die
Menschen ehren, die mir das Leben geschenkt haben. In ihnen
kann ich auch die Würde des Menschen ehren, gerade dort, wo
er sich selbst nicht mehr helfen kann. Diese grundlegende, bleibende Ehrfurcht vor dem Menschen ist ein ganz wichtiger Aspekt dieses Gebotes. In ihm liegt eben auch die Bedingung der eigenen
Zukunft, um später auch selbst vertrauend ins Alter hineingehen
zu können.
Das fünfte Gebot
»Du sollst nicht töten.«
Kaum jemand würde den Sinn dieses Gebotes bestreiten wollen.
Seltsam nur, daß es so unentwegt verletzt wird.
Zweifellos ist im Menschen eine Urevidenz vorhanden, daß ich
den anderen nicht umbringen darf. Selbst wenn ich vergessen habe, daß jeder Mensch ausschließlich in Gottes Verfügung steht, weiß
ich zumindest, daß er ein eigenes Lebens-und Menschenrecht hat,
und daß ich mich am Menschsein als solchem vergehe, wenn ich
ihn umbringe.
In den Grenzfällen allerdings wird diese Einsicht, wie wir sehen, immer undeutlicher. Das gilt besonders für den Beginn der Existenz, wo das Leben noch schutzlos, manipulierbar ist. Hier taucht die Versuchung auf, nach Nutzgesichtspunkten vorzugehen. Man
will auswählen, wen man überleben lassen will und wen nicht,
weil er der eigenen Freiheit und Selbstverwirklichung im Wege
steht. Da, wo das Menschsein noch nicht in seiner äußeren Gestalt mit Rede und Antwort dasteht, da erlischt dann leicht das Bewußtsein für dieses Gebot.
Dasselbe gilt für das Ende des Lebens. Man empfindet nun den
Kranken, den Leidenden als lästig und redet sich ein, daß der Tod 162
ja auch für ihn gut sei. Daraus wird der Vorwand, bevor es sozusagen zu »schwierig« wird, ihn ins Jenseits hinüberzubefördern.
Und von da an geht es Stück für Stück weiter. Heute kommen
erneut Gedanken der Menschenzüchtung hoch, die wir in einer
unglückseligen Zeit bereits kennengelernt haben. Es entsteht die
Überlegung, ob Menschen, die kein Bewußtsein mehr haben und
keine soziale Funktion mehr erfüllen können, eigentlich wirklich
als Menschen anzusehen sind.
Die Weiterungen gehen relativ zügig voran, vor allen Dingen,
wenn ich bei der Euthanasie anfange. Sofort taucht die Frage auf, ab wann ist ein Leben so dem Schmerz ausgeliefert, so beschwer-lich in meinen Augen, daß ich es auslöschen darf. An den Grenzen des Lebens also erlischt dann allzu leicht dieses eigentlich men-schenurtümliche, moralische Bewußtsein, daß der Mensch über den anderen nicht verfügen darf. Um so mehr müssen wir gerade heute um diesen Inhalt des fünften Gebotes streiten – um das Gottesrecht auf das Menschenleben, von der Empfängnis bis zum
Tode.
Das sechste Gebot
»Du sollst nicht Unkeuschheit treiben.«
Unsere Welt hat aus der ständigen Verfügbarkeit des Eros eine
Tugend gemacht. Man muß allerdings kein Sexmaniak sein, um
sich zu fragen: Muß denn Unkeuschheit wirklich Sünde sein?
Der Urtext dieses Gebotes lautet im Alten Testament: »Du sollst
nicht ehebrechen.« (Ex 20,14; Dtn 5,18) Dieses Gebot hat also
zunächst einen sehr spezifischen Sinn. Es geht um die Unverletz-lichkeit des Treueverhältnisses von Mann und Frau, das nicht nur die Zukunft des Menschen hütet, sondern auch die menschliche
Geschlechtlichkeit in die Ganzheit des Menschseins integriert und ihr damit erst ihre menschliche Würde und Größe gibt.
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Das ist der Kern dieses Gebotes. Nicht in einem beiläufigen Kontakt, sondern in dem Kontext eines Ja zweier Menschen zueinander, die damit zugleich ein Ja zu Kindern sprechen, in der Ehe also liegt der wahre Ort, an dem Sexualität ihre menschliche Größe
und Würde empfängt. Nur dort wird der Geist sinnlich und die
Sinne werden geistig. Hier geschieht das, was wir als Wesen des
Menschen gekennzeichnet haben. Es hat die Brückenfunktion,
daß die beiden Enden der Schöpfung ineinandertreten und sich
gegenseitig ihre Würde und ihre Größe geben.
Wenn nun gesagt ist, der Ort der Sexualität ist die Ehe, das heißt eine Bindung in Liebe und in Treue, die gegenseitige Fürsorge und Bereitschaft für die Zukunft mit einschließt, also auf die Menschheit im ganzen hingeordnet ist, ist natürlich mitgegeben, daß nur dort Sexualität auch ihre eigentliche Würde und Vermenschlichung erhält.
Zweifellos ist die Kraft des Triebes, vor allen Dingen in einer Welt, die ganz von Erotik gezeichnet ist, gewaltig, so daß die Bindung
an diesen Urort der Treue und der Liebe kaum noch verständlich
ist. Sexualität ist längst im großen Stil zu einer Ware geworden, die man einkaufen kann. Aber es ist doch auch einsichtig, daß sie damit entmenschlicht ist, daß ich hier obendrein den Menschen
mißbrauche, von dem ich mir Sex nur als eine Ware abhole, ohne
ihn als Mensch zu respektieren. Menschen, die sich selbst zur
Ware machen oder hierzu gezwungen und verschachert werden,
werden regelrecht ruiniert. Und inzwischen ist über den Markt
der Sexualität sogar ein neuer Sklavenmarkt entstanden. In dem
Augenblick also, in dem ich Sexualität nicht mehr in eine sich
selber bindende Freiheit gegenseitiger Verantwortung binde, sie
nicht mehr in Ganzheit des Seins hineinknüpfe, entsteht ganz
zwangsweise eine Logik der Vermarktung des Menschen.
Noch einmal zum Kern des Gebotes.
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Hier ist folgende Schöpfungsbotschaft gesprochen: Mann und
Frau sind einander zugeordnet. Sie werden Vater und Mutter verlassen und ein Fleisch werden, haben wir in der Genesis gehört.
Nun könnte man, rein biologisch betrachtet, natürlich auch sagen, die Natur hat Sexualität erfunden, um die Art zu erhalten. Aber
das, was wir zunächst als pure Naturalie, als bloße biologische
Realität vorfinden, bekommt in der Gemeinschaft von Mann und
Frau menschliche Gestalt. Es ist eine Weise, wie der Mensch sich
dem andern aufschließt. Wie sich nicht nur Bindung und Treue
entwickeln, sondern insgesamt der Raum entsteht, in dem Menschen von der Empfängnis an ins Leben hineinwachsen können.
In diesem Raum entsteht vor allem das richtige Miteinander des
Menschen. Was zunächst eine biologische Gesetzlichkeit, ein Trick der Natur ist (wenn man so sagen will), erhält eine menschliche
Gestalt, in der Treue und Liebesbindung von Mann und Frau
entstehen, die zugleich wiederum die Familie ermöglicht.
Dieses ist der aus der Schöpfung heraus uns ansprechende Kern
des Gebotes. Je tiefer man ihn lebt und durchdenkt, desto mehr
wird auch einsichtig, daß andere Formen der Sexualität nicht
die eigentliche Höhe der menschlichen Berufung erreichen. Sie
entsprechen nicht dem, was vermenschlichte Sexualität sein will
und soll.
Wir werden in einem späteren Kapitel noch über Sex reden. Bei
den Zehn Geboten hat man allerdings auch den Verdacht, sie
könnten ein Gesetz gegen die Gesetze der Natur sein. Es fällt uns ja gerade deswegen so schwer, sie einzuhalten, weil sie unseren menschlichen Trieben, unseren Neigungen so oft entgegenlaufen.
Gewiß. Freilich trägt gerade das sechste Gebot die Botschaft der
Natur selbst in sich. Die Natur regelt über das Vorhandensein
zweier Geschlechter, daß sich die Art erhält – und das wieder auf besondere Art bei Lebewesen, die, wenn sie aus dem Mutterschoß
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hervortreten, noch lange nicht fertig sind und einer langen Pflege bedürfen.
Der Mensch ist ja kein Nestflüchter, sondern ein Nesthocker. Rein biologisch gesehen ist die menschliche Rasse so beschaffen, daß
der erweiterte Mutterschoß der Liebe von Vater und Mutter erhalten bleiben muß, damit über das erste biologische Stadium hinaus das weitere Hineinwachsen ins Menschsein ermöglicht wird. Der
Mutterschoß der Familie ist quasi eine Existenzbedingung.
Insofern zeigt sich hier von der Natur her selbst das Urgesicht
des Menschseins. Es bedarf einer bleibenden Bindung aneinander.
In dieser Bindung geben Mann und Frau zunächst sich selbst –
und dann sich auch den Kindern, damit auch sie in das Gesetz
der Liebe, des Sichgebens, des Sichverlierens hineinfinden. Bei den Nesthockern braucht es eben die nachgeburtliche Treue. Insofern
ist die Botschaft von der Ehe und Familie durchaus ein Gesetz
aus der Schöpfung selber und nicht der Natur des Menschen
entgegengesetzt.
Es fällt uns dennoch erheblich schwer, es einzuhalten.
Richtig bleibt, daß hier – wie auch in allen anderen Bereichen,
die wir besprochen haben – ein Gegentrend vorhanden ist. Es
gibt hier einen Überschuß an biologischer Macht. Wir können in
den modernen Gesellschaften – aber auch in den jeweils späten
Gesellschaften früherer Epochen, etwa im Rom der Kaiserzeit –
eine öffentliche Erotisierung beobachten, die diesen Überschuß
an Trieb noch weiter befördert und damit die Bindung an die Ehe
schwermacht.
Kommen wir zurück auf das, was wir über die vier Gesetze gesagt
haben. Hier sehen wir zwei unterschiedliche Ordnungen von Natur. Die Botschaft der Natur ist, daß sie uns auf das Zueinander von Mann und Frau als die innerste Naturbewegung verweist, die
schließlich eine menschliche Bewegung wird und die den Raum
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schafft, wo sich Menschsein erst entwickeln kann. Die andere
Botschaft ist, daß wir in gewisser Hinsicht auch auf Promiskuität hintendieren, jedenfalls auf eine Verfügung über die Sexualität,
die sich nicht in den Rahmen einer Familie hineinbinden will.
Die Unterschiedlichkeit dieser beiden Ebenen von Natürlichkeit
können wir vom Glauben her ganz gut erkennen. Das eine stellt
sich wirklich als die Botschaft der Schöpfung dar – das andere
als die Selbstverfügung des Menschen. Aus diesem Grunde wird
dieses Sichhineinbinden in die Ehe immer ein Ringen bleiben. Wir
sehen allerdings auch, daß dort, wo es gelingt, Menschlichkeit reift und Kinder Zukunft lernen können. In einer Gesellschaft, in der
Ehescheidung normal geworden ist, liegt der Schaden immer bei
den Kindern. Von daher entsteht eigentlich schon von den Kindern
her gesehen noch einmal ein Beweis dafür, daß das Beieinandersein, das Stehen in der Treue, das eigentlich Richtige und den Menschen wirklich Gemäße wäre.
Das siebte Gebot
»Du sollst nicht stehlen.«
Das Eigentum des anderen zu achten, ist ein banaler Grundsatz, was steckt noch dahinter?
Die Lehre von der universalen Bestimmung der Güter der Schöpfung ist nicht nur eine schöne Idee, sie muß auch funktionieren. Ihr zugeordnet ist deshalb die Wahrheit, daß der einzelne seine Sphäre an Grundbedarf des Lebens braucht und es daher die Ordnung
des Eigentums geben muß, die jeder einzelne zu achten hat. Hier
entsteht natürlich ein großer Bedarf für die Sozialgesetzgebung,
die den Mißbrauch des Eigentums entsprechend beschneiden und
überwachen muß.
Wir sehen ja im Augenblick deutlich wie selten zuvor, wie sich
Menschen selber zerstören, indem sie nur noch für ihren Besitz,
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für die Sache leben, wie sie untergehen darin und der Besitz zu
ihrer eigentlichen Gottheit wird. Wer sich zum Beispiel ganz den
Gesetzen der Börse unterwirft, kann im Grunde an nichts anderes
mehr denken. Wir sehen die Macht, die nun die Besitzwelt über
die Menschen ausübt. Je mehr sie haben, desto mehr werden sie
auch versklavt, weil sie ständig der Wahrung und Vermehrung
dieses Besitzes hinterhersein müssen.
Die Problematik des Eigentums ist auch in dem gestörten Verhältnis zwischen Erster und Dritter Welt deutlich zu sehen. Hier ist das Eigentum nicht mehr in der richtigen Weise der Universalbestim-mung der Güter untergeordnet. Auch da müssen Rechtsformen gefunden werden, damit dieses im Lot bleibt oder auch erst ins
Lot kommt.
Sie sehen nun, wie hinter dem Wort vom Achten des fremden Besitzes eine ungeheure Last von Wirklichkeit zum Vorschein kommt.
Es umfaßt beides, sowohl den Schutz dessen, daß jeder das bekommen muß, was er zum Leben braucht (und dann auch darin geachtet werden muß). Aber auch die Verantwortung, sein Eigentum so zu verwenden, daß es dem Gesamtauftrag der Schöpfung und der Nächstenliebe nicht widerspricht.
Das achte Gebot
»Du sollst nicht lügen« oder
»Du sollst kein falsches Zeugnis geben.«
Lügen schreiben die besten Geschichten, manchmal aber werden
selbst kleine Lügen so groß, daß sie beinahe den Präsidenten einer Supermacht oder auch staatstragende Parteien und Medienfürsten stürzen können. Und das seltsame ist: Nichts bleibt verborgen.
Ich meine, hier ist einfach die Bedeutung der Wahrheit als ein
grundlegendes Gut des Menschen verankert. Alle Gebote sind ja
Gebote der Liebe oder Ausfaltungen des Liebesgebotes. Sie haben
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insofern alle ganz explizit auch mit dem Gut der Wahrheit zu
tun. Wenn ich mich von der Wahrheit wegstehle oder Wahrheit
verfälsche, in die Lüge verfalle, schade ich häufig dem anderen –ich schade aber immer auch mir selber.
Aus der kleinen Lüge wird bekanntlich leicht eine Gewohnheit, ei-ne Weise, sich durch das Leben zu schwindeln, sich überall mit der Lüge zu helfen und selber dann in die Lüge verstrickt zu sein und damit gegen die Wirklichkeit zu leben. Mit inbegriffen ist zudem, daß jede Verletzung dieser Würde der Wahrheit den Menschen
nicht nur erniedrigt, sie ist auch ein grober Verstoß gegen die Liebe.
Denn wenn ich dem anderen die Wahrheit vorenthalte, enthalte
ich ihm ein wesentliches Gut vor und führe ihn auf den falschen
Pfad. Wahrheit ist Liebe, und Liebe, die gegen die Wahrheit stehen würde, würde sich selber entstellen.
Das neunte und zehnte Gebot
»Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib.«
»Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Hab und Gut.«
Diese beiden Gebote, die zusammengehören, gehen weit über das
Äußere, das Faktische hinaus und berühren die inneren Gesinnungen. Hier wird uns gesagt, daß die Sünde nicht erst in dem Augenblick beginnt, in dem ich den Ehebruch vollziehe oder dem
anderen unrechtmäßig Eigentum wegnehme, sondern daß Sünden
aus Gesinnungen heraus geboren werden. Es reicht daher nicht,
sozusagen bloß vor dem letzten Faktum haltzumachen, weil das
dann gar nicht mehr möglich ist, wenn ich nicht in mir die innere Ehrfurcht vor der Person des anderen, vor seiner Ehe oder seinem
Besitz, gewahrt habe.
Die Sünde beginnt also nicht erst in äußerlich greifbaren Aktionen, sondern sie beginnt bereits in ihrem Nährboden, in Gesinnungen
des Neides, der inneren Absage an das Gut des anderen und an
ihn selber. Eine menschliche Existenz, die nicht die Gesinnungen
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reinigt, kann folglich auch in den Fakten nicht in Ordnung bleiben. Hier wird deshalb unmittelbar an das Herz des Menschen appelliert. Denn das Herz ist der eigentliche Urort, von dem her
sich die Taten eines Menschen entfalten. Es muß allein schon aus
diesem Grund sozusagen hell und rein bleiben.
Als Moses am Berg Sinai unter Blitz und Donner die Gesetzestafeln in Empfang nahm, schlug gleichsam auch die Geburtsstunde des freien Individuums. So lautet jedenfalls die These des deutsch-jüdischen Publizisten Hannes Stein. Jeder Mensch hatte sich und seine Taten von nun an vor Gott direkt zu verantworten, ob Herr oder Sklave, Mann oder Frau. Mit dem Bund am Sinai entsteht
quasi das autonome Rechtssubjekt. Ist es eine kühne Behauptung, wenn man sagt, der Grundstein der freiheitlichen, demokrati-schen Gesellschaften kommt nicht aus dem antiken Griechenland, sondern aus der jüdisch-christlichen Tradition?
Ich habe das Buch von Hannes Stein auch gelesen und würde
sagen, darin ist sicher ganz Wesentliches gesehen. In der Würde
jedes einzelnen, der für sich einzeln vor Gott steht, von Gott
angeredet und in den Bundesworten als Person getroffen ist, ist in der Tat der Kernpunkt der Menschenrechte – nämlich die gleiche
Würde des Menschen – und damit das eigentliche Fundament der
Demokratie gegeben.
In Israel selbst sollte es zunächst keine Könige geben, sondern
nur Richter, die das Gottesrecht anwenden und darüber wachen,
daß es in Geltung bleibt. Beabsichtigt war also im Grunde eine
vollkommen egalitäre Gesellschaft, eine Art Anarchie in einem
positiven Sinn: niemand herrscht, nur Gott alleine. Und er herrscht durch sein Recht, durch sein Wort und durch die Gebote hindurch.
Diese frühe Gesellschaftsordnung mußte schließlich dem Pragmatischen weichen, wie wir früher schon besprochen haben. Ich würde deswegen jetzt aber nicht die Bedeutung der griechischen
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Demokratie verflüchtigen, auch hier ist etwas Wichtiges gewachsen und ein praktisches Modell entwickelt worden, an das man später anknüpfen konnte. Allerdings müssen wir uns darüber klar
sein, daß in der griechischen Demokratie nur die freien Männer
stimmberechtigt waren. Frauen waren nicht Subjekt der Politik,
und damit vom Stimmrecht ausgeschlossen, wie auch die Sklaven.
Weil die Freiheit begrenzt ist, bietet Griechenland das Beispiel einer begrenzten Demokratie. Das biblische Wort umgekehrt spricht
nun tatsächlich jedem, der Mensch ist und als Mensch Gottes
Ebenbild ist, diesen vollen Subjektcharakter zu. Es trägt damit,
das ist wahr, in der Tat eine weitergreifende Fundamentierung für demokratische Verfassungen in sich.
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