5 Von den Testamenten

Der Alte Bund

Der Alte Bund ist die Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk. Gott selbst gibt ihm einen Namen. Es war an jenem Tag,

als er mit dem Stammvater Jakob im Fluß Jabbok gekämpft hatte.

Jakob ließ sich dabei auch vom Herrn des Weltalls nicht niederrin-gen, deshalb sollte er von nun an »Israel« heißen, Gottesstreiter.

Warum aber hat Gott sich überhaupt ein Volk auserwählt? Und

warum speziell dieses?

Im Alten Testament wird das Besondere speziell dieser Wahl immer wieder herausgestellt, etwa im Deuteronomium. Durch Mose sagt Gott dem Volk: Ich habe euch nicht ausgewählt, weil ihr ein

besonders großes, ein besonders bedeutendes Volk seid, nicht weil ihr diese oder jene Qualität habt, sondern weil ich euch liebe, aus freier Wahl heraus.

Wir können diese Wahl nicht rational hinterfragen, sie bleibt sein Geheimnis. Verbunden ist damit freilich auch: Gott wählt. Er

wählt aber nicht, um die andern auszuschließen, sondern er wählt, um von den einen her zu den anderen zu kommen und konkret

ins Spiel der Geschichte einzutreten.

Dieses auserwählte Volk mußte von seiner 3.000jährigen Geschichte immerhin 2.000 Jahre im Exil verbringen, und noch heute kämpft es um die Sicherheit in einem eigenen Staat. Man

fragt sich: Warum wurde das Ägypten der Pharaonen so groß und

mächtig, und ausgerechnet jenes Volk, mit dem Gott seinen Bund geschlossen hat, wird über die Jahrhunderte verfolgt, vertrieben und gefoltert – bis hin zum Versuch der absoluten Vernichtung

durch den Holocaust?

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Die Kategorien Gottes sind anders. Die Erwählung durch Gott

bedeutet nicht, daß er im Sinn der irdischen Kategorien Größe

verleiht. Er erhebt sein Volk nicht zu einer Großmacht, sondern

er zeigt sich und wirkt wiederum durch das Geringe. Nicht die

Großmacht ist das, was nach Gottes Maßstab zählt, sondern das

Geschehen des Glaubens.

Dazu war offenbar ein Volk berufen, das zwischen den Großmächten, eingespannt zwischen Ägypten und Babylon, stets zermürbt zu werden drohte. Gott macht also gerade in dem, was alles andere ist als eine weltliche Macht, seine eigene Geschichte. Und für die Kirche können wir daraus wiederum lernen, daß auch sie nicht

durch ihre irdische Macht bedeutend ist, sondern nur, indem sie

immer wieder das Andere Gottes verkörpert und darstellt. Ihre

größten Augenblicke sind die Augenblicke des Leidens in der Verfolgung, und nicht die Augenblicke, in denen sie über viel Geld und über irdische Macht verfügt.

Wir können hier auch für uns selber die Ordnung der Kategorien

lernen, das, was das Wesentliche und das Nichtwesentliche im

Leben ist. Aber im einzelnen das Warum Gottes nachzurechnen,

ist wiederum nicht unsere Sache. Er zeigt uns einen Weg, eine

Richtung, und behält sich seine Souveränität.

Es ist eine merkwürdige Geschichte. Obwohl die Juden seit zweitausend Jahren im Exil leben, von Land zu Land gejagt werden, hat sich ihre Religion nicht in Luft aufgelöst. Dieses Phänomen ist in der Menschheit bis heute ohne Beispiel. Stellt sich die Frage, ob nicht die Entwicklung der Welt insgesamt auf geheimnisvolle Weise mit der Entwicklung des jüdischen Volkes zusammenhängt?

Das scheint mir eigentlich ganz offenkundig zu sein. Daß dieses

winzige Volk, das kein Land, keine völkische Existenz mehr hat,

sondern in der Verstreuung über die Welt hin existiert, trotzdem

seine Religion behält, daß es auch sich selbst behält, daß es Israel 138

 

bleibt, daß die Juden die Juden und ein Volk geblieben sind, auch in den zweitausend Jahren, in dem sie ohne Land waren, das ist

ein absolutes Rätsel. Allein dieses Phänomen läßt eigentlich schon sehen, daß hier etwas anderes am Werk ist.

Gott hat das Volk nicht zu einer Großmacht gemacht, im Gegenteil, es ist das am meisten leidende Volk in der Weltgeschichte geworden. Aber es hat immer seine Identität behalten. Sein Glaube konnte nicht untergehen. Und er bleibt immer auch ein Stachel im Herzen der Christenheit, die ja aus der Geschichte Israels her-vorgewachsen und an sie gebunden ist. Man merkt insofern, daß mehr im Spiel ist als geschichtliche Zufälligkeiten. Die Großmäch-te von damals sind alle untergegangen. Es gibt weder die alten Ägypter noch die Babylonier oder Assyrer. Israel bleibt – und zeigt uns etwas von der Beständigkeit, ja vom Geheimnis Gottes.

Israel ist die Wiege des christlichen Glaubens, und ohne Über-treibung wird man sagen können, daß die beiden großen Weltreligionen die Grundlagen des Lebens für weite Teile der Erde entscheidend geprägt haben. Bis in unsere Zeit entwickeln die

Juden die Kultur unterschiedlicher Länder maßgeblich fort, Amerika ist das aufregendste Beispiel hierfür. Sind die Juden bis heute das auserwählte Volk Gottes?

Das ist gerade in letzter Zeit eine extrem diskutierte Frage. Daß die Juden in einer besonderen Weise mit Gott zu tun haben und Gott

sie nicht fallenläßt, ist ganz offenkundig. Und das ist ja auch die Perspektive des Neuen Testaments. Paulus sagt uns im Römerbrief:

am Schluß wird ganz Israel heimgeführt werden. Die andere Frage

ist, inwieweit mit dem Aufstehen der Kirche, des Volkes Gottes

aus allen Völkern, mit dem Geschehen des Neuen Bundes, dann

ein Leben im Alten Bund, das sich dem von Christus kommenden

Neuen nicht öffnet, noch ein in sich gültiger Weg ist.

Es gibt heute die vielfältigsten Theorien darüber. Als Christen

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sind wir davon überzeugt, daß das Alte Testament inwendig auf

Christus hin ausgerichtet ist, und daß es seine eigentliche Antwort, seine ganze Zielrichtung erst findet, wenn es von Christus her gelesen wird. Das Christentum ist ja keine andere Religion gegenüber der Religion Israels, sondern es ist das mit Christus neugelesene Alte Testament.

Wir haben bereits mit einer ganzen Reihe von Beispielen gesehen,

daß alttestamentliche Geschichten und Texte ein Anfang sind,

der noch auf etwas wartet. Sie werden erst vollständig und entschlüsselbar, wenn wir sie vom Neuen Testament her lesen. Das Neue Testament ist also nicht etwas Aufgepfropftes. Und unser

Verhältnis zum Alten Testament besteht auch nicht darin, daß

wir uns sozusagen widerrechtlich etwas, was eigentlich anderen

gehört, zueignen. Sondern es besteht darin, daß da wirklich ein

inneres Unterwegssein da ist und das Alte Testament ein unfertiges Fragment bleibt, wenn es nicht ins Neue übergeht. Das ist unsere

christliche Grundüberzeugung.

Aber mit dieser Überzeugung geht die andere Hand in Hand, daß

Israel auch heute noch seine besondere Sendung hat. Wir warten

zwar auf den Augenblick, an dem auch Israel zu Christus Ja sagen

wird, aber wir wissen auch, daß es in der Zeit der Geschichte

gerade in diesem Stehenbleiben an der Tür eine besondere Sendung

hat, die für die Welt von Bedeutung ist. Insofern bleibt dieses Volk in einer besonderen Weise in den Plänen Gottes.

Gott hat also sein Wort nicht zurückgenommen, nach dem Israel

das auserwählte Volk ist?

Nein, weil er treu ist. Man kann natürlich feststellen, daß Israel noch ein Stück Weges vor sich hat. Als Christen glauben wir, daß

es am Ende mit uns in Christus zusammenfinden wird. Aber es ist

nicht einfach nun abgetan und aus den Plänen Gottes entlassen,

sondern es bleibt weiterhin in der Treue Gottes stehen.

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Heißt das, die Juden müssen oder sollten den Messias anerkennen?

Wir glauben das. Das bedeutet nicht, daß wir ihnen Christus aufnötigen dürfen, sondern daß wir an der Geduld Gottes teilhaben müssen. Wir müssen auch versuchen, die Christusgemeinschaft

so zu leben, daß diese Gemeinschaft nicht mehr gegen sie steht

oder ihnen unzumutbar wäre, sondern ihnen das eigene Zugehen

darauf ermöglicht. Es bleibt allerdings in der Tat unsere christliche Überzeugung, daß Christus auch der Messias Israels ist. Freilich

liegt es in Gottes Händen, auf welche Weise, wann und wie sich

das Einswerden von Juden und Heiden, das Einswerden des Gottesvolkes vollziehen wird.

»Auch ich bin Israelit, ein Nachkomme Abrahams aus dem Stamm

Benjamin«, sagt Paulus in seinem Brief an die Römer, auf einem Teil Israels allerdings liege »Verstockung«. Und weiter: »Vom

Evangelium her gesehen sind sie Feinde Gottes … , von ihrer Erwählung her gesehen sind sie von Gott geliebt.« Starke Worte.

Das ist wiederum eines der Paradoxe, die das Neue Testament vor

uns hinstellt. Das »Nein« zu Christus bringt die Israeliten einerseits in eine Konfliktsituation mit dem weitergehenden Handeln Gottes, zugleich aber wissen wir, daß ihnen die Treue Gottes sicher ist. Sie sind nicht aus dem Heil ausgeschlossen, sondern dienen

ihm in einer bestimmten Weise und stehen damit in der Geduld

Gottes, in die wir uns mit hineinstellen.

Das Buch der Bücher

Die Bibel, aus der wir nun häufig gelesen haben, umfaßt 72 Bücher: 45 aus dem Alten und 27 aus dem Neuen Testament. Das

älteste Buch geht auf Moses zurück und ist über 3.000 Jahre alt.

Und es heißt, der Heilige Geist habe den Verfassern eingegeben, 141

 

was und wie sie schreiben sollten. Er habe sie durch seine Erleuchtung vor Irrtum bewahrt: »Dies sei aufgeschrieben für das kommende Geschlecht, damit das Volk, das noch geschaffen wird, den Herrn lobpreise.«

Aber enthält die Bibel wirklich in allen ihren Teilen das Wort Gottes? Denn daß die Erde keine Scheibe ist, sondern eine Kugel, hätte der Heilige Geist eigentlich wissen können.

Ja, das könnte man witzigerweise wirklich so nachfragen. Aber

sehen Sie, da muß man dann eben doch die Besonderheit der Bibel

bedenken.

Vergleichen wir die Heilige Schrift zum Beispiel mit dem Koran.

Nach der Überzeugung der Moslems ist der Koran direkt von

Gott diktiert. Er geht durch keine Geschichte hindurch, er braucht keine menschlichen Vermittlungen, er ist ein direktes Wort Gottes.

Die Bibel dagegen ist ganz anders strukturiert. Sie ist durch eine Geschichte vermittelt, und sie erstreckt sich als Buch selbst über einen Zeitraum von über tausend Jahren hinweg. Wobei wir die

ganzen textkritischen Fragen, ob Moses nun etwa ein Autor war

oder nicht, hier ruhig beiseite lassen dürfen. Aber es bleibt richtig, daß die biblische Literatur in einer tausendjährigen Geschichte

gewachsen ist und insofern ganz unterschiedliche Geschichts-und

Zivilisationsstufen durchschreitet, die sich alle in ihr spiegeln. In den ersten drei Kapiteln der Genesis etwa begegnen wir einer

anderen Zivilisationsform als später in der exilischen oder in

der Weisheits-Literatur und schließlich in der neutestamentlichen Literatur. Damit wird sichtbar, daß Gott nicht einfach direkt diese Worte diktiert hat, sondern daß sie als Niederschlag einer von ihm geführten Geschichte, als Zeugnis dieser Geschichte entstanden

sind.

Wer damit anfängt, in diesem Buch zu lesen, findet spannende

Geschichten und gute Parabeln für das Leben – allerdings auch

einen Berg voller Widersprüche.

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Ich kann die Bibel als Wort Gottes nur verstehen, indem ich sie in der Spannung ihrer Einheit lese, in dem Miteinander des Ganzen –und nicht in einzelnen Wörtern oder Sätzen. Das ist etwas sehr

Wesentliches und etwas sehr Dramatisches. Die Bibel enthält eben

deshalb widersprüchliche oder jedenfalls spannungsreiche Texte,

weil der Glaube ja nicht als fertiges System vor uns hingestellt

wird.

Die Bibel ist kein Lehrbuch über Gott und die göttlichen Dinge,

sondern sie enthält Bilder, in denen sich Erkenntnisse und Einsich-ten fortentwickeln und in denen langsam auch ein geschichtliches Werden voranschreitet. Nur indem ich eines auf das andere beziehe und sich die Bilder dann auch gegenseitig korrigieren, verstehe ich sie als Gottes Wort. Wenn ich sie allerdings aus dem Lebenszusammenhang, in dem sie Gottes Wort sind, isoliere, lese ich geschichtliche Texte. Freilich haben auch diese eine besondere Be-wandtnis, aber es sind eben Einzelstücke – und es ist nicht immer unmittelbar das Wort Gottes.

Kompliziert.

Das eine ist, die Bibel als streng historische Lektüre zu betrachten, die sozusagen die menschliche Komponente schonungslos bloßlegt.

Das andere ist, die Bibel nur in ihrer Ganzheit als Wort Gottes zu sehen, in der sich die einzelnen Dinge aufeinander beziehen und

sich im Verlauf des Weges erschließen. Daraus folgt bereits, daß ich das Kriterium der Inspiration und auch der Irrtumslosigkeit nicht mechanisch anwenden kann. Es ist unmöglich, einen einzelnen

Satz herauszunehmen und zu sagen, nun ja, dieser Satz steht im

großen Lehrbuch Gottes, also muß er einfach in sich richtig sein.

Die Ebene, auf der ich die Bibel als Gottes Wort wahrnehme, ist

die Ebene der Einheit der Geschichte Gottes. Das gilt im übrigen

auch für die jüdische Auslegung. Sie unterscheidet ja zwischen

der Thora – die als der eigentliche Kanon der Schrift gilt – und

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den prophetischen und erzählerischen Büchern, die sozusagen die

Umrahmung bilden. Erst recht sind wir in der christlichen Lektüre davon überzeugt, daß, wie schon gesagt, uns das Neue Testament

erst den Schlüssel zum Alten liefert.

Dies ist auch der Grund, weswegen die Väter-Theologie und die

mittelalterliche Theologie die Bibel selbst nie »Offenbarung« genannt hat. Die Offenbarung ist das Größere, das dahintersteht.

Und die Inspiration besteht darin, daß die Menschen, die den Text verfaßt haben – wobei das sehr häufig auch kollektive Werdepro-zesse gewesen sind – , aus dem Volk Gottes und seiner Geschichte heraus sprechen. Sie sind dadurch, daß sie durch viele Vermittlungen hindurch die Geschichte des Gottesvolkes und die Führungen Gottes ins Wort bringen, in dem Subjekt Gott mit verankert.

Es heißt, in den heiligen Schriften sei die Geschichte der Menschheit vollkommen aufgeschrieben, von Alpha bis Omega. Alle Weisheit, alle Geheimnisse, ja auch alle Geschehnisse bis in die heutige Zeit hinein und darüber hinaus. Es sei alles nur verschlüsselt, mit einem bestimmten Code versehen. Man müsse deshalb lernen, den

Bibel-Code zu lesen. Was halten Sie von dieser Theorie?

Wenn man das oberflächlich mechanisch auffaßt, ist es sicher

falsch. Manche glauben, den Code zu haben und finden dann zum

Beispiel in der Apokalypse den Atomkrieg und weiß Gott was

für Ereignisse dargestellt. Natürlich kann man auf diese Weise

ganz verblüffende Entsprechungen entdecken und vermeintlich

alles Geschehen schon dargestellt finden. Daß in der Bibel in verschlüsselter Form alle empirischen Fakten stünden, ist ganz sicher falsch.

Die Ganzheit und die Totalität der Bibel, die es wirklich gibt, ist völlig anderer Natur. Die Bibel spricht zur ganzen Geschichte und gibt auch die wesentlichen Lichter für ihren Weg. Aber Gott ersetzt nicht unser Denken. Er ersetzt nicht die Wissenschaft, ersetzt

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nicht unsere eigene geistige Anstrengung. Er läßt uns, wie wir

schon sagten, die Welt zum Disput, damit wir selber uns mit ihr

auseinandersetzen. Er springt nicht in die Lücken unseres Wissens ein, sondern er gibt uns Weisheit – die natürlich auch Wissen mit sich führt, sonst wäre sie keine wirkliche Weisheit. Er gibt uns

die Orientierungen, die der Mensch braucht, um richtig leben zu

können. Diese Wegweisungen gelten freilich für das Ganze der

Geschichte, für alle Orten und Zeiten, sie müssen aber immer von

neuem verstanden werden.

Es gibt von Gregor dem Großen ein auch im Katechismus zitiertes

Wort, das folgendes sagt: Das Wort der Schrift wächst mit dem

Lesenden. Und auch der Lesende wächst daran, und das Wort zeigt

dann erst seine Größe und wächst gleichsam in die Geschichte

hinein.

Manche glauben, die Bibel strotzt vor Grausamkeit, Intoleranz

und Gnadenlosigkeit. Jemand hat angeblich 250 Stellen in der

Bibel gefunden, die von der Vernichtung von Feinden berichten.

Andererseits hat mir ein schon sehr alter Mönch erzählt, sobald man regelmäßig in den Heiligen Schriften lese, beginne sich der Alltag zu verändern, und zwar auf eine sehr heilsame Weise.

Ja, das würde ich auch sagen. Wenn ich in der Bibel nur lese, um

herauszufinden, was ich alles an Schrecklichem finden kann, oder

um zusammenzuzählen, wo Blutrünstiges vorkommt, dann heilt

sie mich natürlich nicht.

Die Bibel ist zum einen wirklich der Spiegel einer Geschichte, zum anderen aber auch ein Weg, der uns ganz persönlich führt und uns

ins rechte Licht setzt. Wenn ich die Bibel also aus dem Geist lese, in dem sie geschrieben worden ist, eben von Christus her, oder

auch wenn ich sie als gläubiger Jude lese, wenn ich sie also von

der rechten Mitte her und gläubig lese, dann hat sie in der Tat eine verwandelnde Kraft. Sie führt mich in die Christushaltung hinein, deutet mir das Leben aus und ändert auch mich selber.

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Sie sagten einmal, nicht die Gelehrten, sondern das Volk sei der eigentliche Besitzer der Bibel.

Diese Ansicht habe ich mit der Befreiungstheologie gemein. Richtig ist: die Bibel ist vom Volk Gottes geschrieben, die einzelnen Autoren sind inspiriert, und insofern spricht in ihnen das Subjekt Kirche, durch das wiederum Gott redet. Sie ist deshalb gerade

auch dem Glauben der einfachen Menschen übergeben.

Um die rein historischen, wissenschaftlichen Dinge auszulegen,

braucht es natürlich die Gelehrten, die Spezialisten. Den eigentlich entscheidenden Sinn der Bibel aber begreift gerade auch der einfache Gläubige. Sie ist wirklich allen gegeben und auf ihre Weise auch allen verständlich. Der hl. Augustinus hat einmal ein sehr

schönes Wort gesagt: Aus dem Bach, aus der Quelle trinkt der

kleine Hase und trinkt der große Wildesel, und jeder kriegt seinen Durst gestillt. Und so ist es wirklich, daß Hase wie Wildesel trinken und jeder bekommt für seinen Durst das richtige.

Es gibt eine Reihe von verborgenen Schriften, die nicht in die Sammlung des Neuen Testaments aufgenommen wurden. Heute

werden diese als Apokryphen bezeichneten Texte wieder ausge-graben und vielfach zitiert. War der Kanon vielleicht etwas zu voreilig abgeschlossen worden?

Die Kanon-Geschichte ist eines der großen Probleme, selbst im

Alten Testament. Auch hier gibt es einerseits interessante und

wichtige Apokryphen, aber auch unterschiedliche Kanones.

Sehr früh bereits unterschied man zwischen dem Alexandrinischen

Kanon, in dem die Bibel in der griechischen Übersetzung niederge-legt ist, und dem Masoretischen Kanon, der sich im Judentum in der Zeit nach Christus endgültig fixiert hat. Zwar waren bereits

wesentliche Stücke – die Thora oder etwa auch größere Teile der

Propheten – als Kanon vorhanden, die Kanongeschichte insgesamt

aber war zur Zeit Christi noch in Bewegung.

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Vom Neuen Testament her wurde als Kanon des Alten Testamentes dann im großen und ganzen der Alexandrinische Kanon übernommen. Die Rabbinen wiederum haben mit der Masora einen etwas schmaleren Kanon gewählt, weil ihnen der Alexandrinische

Kanon schon zu viel Christliches enthielt. Luther schließlich hat sich für den hebräischen Kanon entschieden, den er als den einzig authentischen ansah, weswegen die Protestanten einen schmaleren

alttestamentlichen Kanon haben als wir.

Die neutestamentliche Kanongeschichte ist im Grunde sehr ver-wickelt und schwierig. Auch wenn wesentliche Teile bereits Ende des 2. Jahrhunderts abgeschlossen waren, zieht sich die Findung

bis in das 5. Jahrhundert hin.

Rein historisch betrachtet, oder aus einer liberalen Perspektive gesprochen, wie es der evangelische Theologe Harnack gesagt hat,

könnte man urteilen, was im Kanon steht, ist zwar eher zufällig

zusammengefaßt worden, aber es ist dennoch die wirklich wichtige und wertvolle Literatur darin vollständig aufgenommen. Aus einer Glaubensperspektive heraus beurteilt, ist der Kanon allerdings nicht von irgend jemand gemacht worden, etwa von einer Gruppe von Gelehrten, die sich zusammengesetzt und studiert

hätten, sondern er ist mit der Kirche im lebendigen Leben der

Schrift nicht nur Stück um Stück gewachsen, er mußte sich vor

allen Dingen auch durch die Liturgie regelrecht bewähren. Die

Fragen waren etwa: Was ist vorlesbar? Was ist universal? Was

ist sowohl in der semitischen als auch in der griechischen und la-teinischen Christenheit anerkannt? In einem schwierigen inneren Prozeß hat sozusagen die Kirche sortiert, was sie gemeinsam als

ihre innere Grundlage erkannt hat (wobei es zwischen Zonen der

Kirche kleine Unterschiede gegeben hat).

Heute gibt es Bestrebungen, den Kanon zum Teil wieder aufzu-knüpfen und von vorne anzufangen. Speziell Bewegungen im Fe-minismus sehen sich eher in den gnostischen Schriften bestätigt, die nicht in die Fassung des Neuen Testamentes aufgenommen

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wurden. Sie möchten von daher nun einen anderen Kanon. Aber

das heißt natürlich, die lebendige Kirche zu bestreiten und an ihre Stelle gelehrte Rekonstruktionen zu setzen. Insofern ist ein Glau-bensentscheid im Spiel. Die Frage ist: Glaube ich, daß es die Kirche gibt, daß sie in ihrem gemeinsamen Glauben erkannt hat, worauf

sie beruht – oder nehme ich an, daß die Auswahl der Texte zufällig und historisch ist? Wenn ich von letzterem ausgehe, möchte ich

mir jetzt natürlich ein anderes Christentum heraussuchen und mir

dafür neue Quellen an Land ziehen.

Andererseits ist keine einzige der Urschriften der Evangelien mehr vorhanden. Und daß beim Abschreiben und Übersetzen Fehler

entstehen, ist nahezu unvermeidlich. Haben wir überhaupt noch

die authentische Heilige Schrift?

Da würde ich uneingeschränkt mit Ja antworten. Natürlich wird

es bei einzelnen Wörtern und Sätzen immer Streit geben. Man

braucht nur die neue kritische Ausgabe des Neuen Testaments von

Nestle-Aland anzuschauen, dann sieht man, wie viele Varianten

es in dem riesigen Apparat gibt. Aber so interessant es ist, die

Varianten zu studieren, so viel man auch lernen kann von dieser

handschriftlichen Überlieferung, in der sich ja auch kirchliche

Bewegungen und Erfahrungen spiegeln, so unveränderlich bleibt

dennoch die Substanz der Heiligen Schrift. Sie ändert sich nicht, ob ich nun andere Handschriften auswählen oder andere Lesarten

wählen würde. Das sind interessante Varianten und Aspekte. Aber

der Text im großen und ganzen, seine eigentliche Substanz ist

da, und er ist gerade dadurch in seiner Treue gesichert, daß er in einzelnen Varianten vorkommt.

Franziskus las nicht nur in der Bibel, er machte mit ihr auch eine Art Roulette. Als er seinen Orden gründete, so wird berichtet, schlug der Heilige wahllos eine Seite auf und sagte dann: »So

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machen wir es!« Und er schlug noch eine Seite auf und sagte: »Das soll unsere Regel sein!« Auch der hl. Augustinus fand einmal eine ganz bestimmte Seite aufgeschlagen vor sich liegen und machte

sich den Text zu eigen; der sollte dann freilich sein Leben radikal verändern.

Das ist eine sehr alte Sache. Bereits Augustinus hat sie als Überlieferung vorgefunden. Er entdeckt damit sein Bekehrungswort, wie auch Franziskus sein Wegwort darin gefunden hat. Mir hat

der König von Belgien, Baudouin, einmal erzählt, daß er das auch

manchmal gemacht hat, und daß es ihm unglaublich geholfen

und ihm erstaunlich genau das Wort gegeben hat, das er brauchte.

Bei einer sehr schweren Kabinettskrise, als er kaum noch eine

Möglichkeit sah, wie er eine Regierung bilden sollte, ging er in die Kapelle, nahm die Schrift zur Hand und fand ein Wort, das ihm

plötzlich eingegeben hat, was er machen muß. Also es kommt vor.

Und ist offenbar bei Regierungsbildungen zu empfehlen …

Gewissermaßen. Aber man kann es nicht einfach zu einem Rezept

erheben, sonst würden wir die Schrift zu einem Orakel machen.

Richtig und wichtig ist, daß wir die Bibel regelmäßig lesen, uns

von ihr begleiten und führen lassen. Im inneren Umgang mit ihr

finden wir dann auch die uns besonders ansprechenden Worte, die

uns in bestimmten Situationen weiterhelfen.

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