4 Von der Ordnung

Die Urevidenzen des Weltalls

Auch wenn wir Gott nicht durchschauen können, vielleicht können wir im folgenden etwas vom Aufbau der Welt und von dem sehen, was Menschen in diesem göttlichen Universum zugedacht

ist. Immer vorausgesetzt, daß Gott überhaupt existiert. Sie haben dabei wiederholt von den objektiven Werten und der »Urevidenz

des menschlichen Lebens« gesprochen, den Botschaften des Alls.

Das Problem der Moderne, meinten Sie, bestehe darin, daß sie

sich von dieser Urevidenz getrennt hat. Es gebe eben Haltungen, die absolut und für immer wahr sind, und andere, die wirklich

und immer falsch sind, weil sie dem Sein widersprechen. Was heißt das?

Das christliche Bild der Welt ist, daß die Welt im einzelnen in

einem sehr komplizierten Evolutionsprozeß entstanden ist, daß

sie aber im tiefsten eben doch aus dem Logos kommt. Sie trägt insofern Vernunft in sich, und zwar nicht nur eine mathematische

Vernunft – niemand kann leugnen, daß die Welt mathematisch

strukturiert ist – , also eine ganz neutrale, sachhafte Vernunft, sondern als Logos auch eine moralische Vernunft.

Aber woher will man das so genau wissen?

Die Schöpfung selbst gibt Weisung, wie sie verstanden und angenommen werden will. Auch für einen Nichtchristen kann das einleuchtend sein. Der Glaube aber entschlüsselt uns deutlich, daß in der Vernunft der Schöpfung nicht bloß eine mathematische,

sondern auch eine moralische Botschaft enthalten ist.

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Eine erste Entschlüsselung gibt es in dem, was wir als das Gewissen bezeichnen. In ihm ist ein Urwissen um bestimmte Dinge vorhanden, die nie gutgehen können. Einen unschuldigen Menschen umzubringen, warum auch immer, ist etwas, was jeder Mensch,

wenn er nicht schon ganz verbildet ist, im Innersten als nicht richtig erkennt. Ganz generell gehört ebenso die Ehrfurcht vor dem Leben mit dazu, oder etwa das Halten des gegebenen Wortes, also

Wahrhaftigkeit und Wahrheit.

Natürlich bleiben diese Werte sehr allgemein. Wir wissen ja, daß

Hans Küng sie in Form eines Weltethos, in einen jedermann zu-gänglichen Codex, umschmelzen will – worüber wir jetzt nicht zu diskutieren brauchen. Aber immerhin, dieser Versuch zeigt auch,

daß wir von einer gewissen Transparenz der Schöpfung, die ihre

Weisungen durchscheinen läßt, sprechen dürfen. Und auch wenn

im einzelnen große Unterschiede auftauchen, ziehen sich Grundkonstanten von Werten durch die großen Religionen und durch die ganze Geistesgeschichte der Menschheit hindurch. Nehmen

wir die Lüge. Es gibt Leute, die sagen, manchmal ist sie richtig, manchmal ist sie notwendig. Aber daß sie in sich das Richtige sei, wird wohl niemand behaupten wollen.

Damit diese Grundevidenzen freilich ihre Wirksamkeit, ihre Klarheit erhalten, brauchen wir einen Nachhilfeunterricht. Diese Hilfe, mit der die allgemeinen, etwas verschwommenen Erkenntnisse

konkretisiert und realisierbar werden, ist ein Teil des Weges, den uns Christus führt. Die Überlieferung der Kirche nennt diesen

Weg Erleuchtung, weil einem langsam die Dinge, die man schon irgendwie ahnte und die doch unklar blieben, klarwerden.

Sind diese »Urevidenzen des Alls«, diese »Grundgesetze des Lebens«, die wir offensichtlich immer wieder ignorieren oder vergessen, in den uralten Mythen von Sintflut, Turmbau von Babylon oder von Sodom und Gomorra enthalten? Ist die Botschaft dieser Geschichten in Wahrheit eine Art Überlebenswissen für die ganze Menschheit?

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Ganz sicher stellen diese Geschichten, die erstaunlicherweise quer durch die Religionsgeschichte gehen, Warntafeln auf. Die Erzählung von der Sintflut gibt es in unterschiedlichsten geographischen Bereichen, die sicherlich nicht miteinander in Berührung standen. Sie drücken irgendwie doch eine gemeinsame Erfahrung und Einsicht der Menschheit aus, eine innere Erinnerung, die dem

Menschen geblieben ist. In diesen Erzählungen werden uns sehr

spezifische Botschaften entschlüsselt.

Denken wir zum Beispiel an den babylonischen Turmbau, mit

dem sich der Mensch durch die Technik eine Einheitszivilisation

verschaffen will. Er will den an sich ja richtigen Traum der einen Welt, der einen Menschheit, durch die Macht des eigenen Könnens und Bauens herbeiführen und versucht über den Turm, der zum Himmel reicht, selber die Macht zu ergreifen und zum Göttlichen vorzustoßen. Im Grunde ist es das gleiche, was auch der Traum der modernen Technik ist: göttliche Macht zu haben, an

die Schaltstellen der Welt zu kommen. Insofern liegen in diesen

Bildern wirklich Warnungen aus einem Urwissen heraus, die uns

anreden.

Bleiben wir beim Turm von Babylon. Die Bibel gibt hier eine

merkwürdige Auskunft: »Der Herr sprach, siehe, sie sind ein

Volk, und nur eine Sprache haben sie alle. Das ist aber erst der Anfang ihres Tuns. Nichts von dem, was sie vorhaben, wird ihnen unmöglich sein. Wohlan, laßt uns hinabsteigen! Wir wollen dort ihre Sprache verwirren, daß keiner mehr die Rede des anderen

versteht.« Hört sich eigentlich nach Willkür an.

Ja, fast nach dem Neid Gottes, der den Menschen nicht hochkom-men lassen will. Natürlich finden wir hier eine Bildsprache, die aus dem Material schöpft, das Israel damals verfügbar gewesen ist.

Gewisse heidnische Elemente sind darin nicht vollkommen ausgetrieben, sie konnten erst im Lauf der Auslegungsgeschichte ganz 132

 

überwunden werden. Worauf es freilich ankommt ist nicht, daß

Gott Angst hat, der Mensch könnte zu groß werden und ihm seinen Thron streitig machen, sondern daß er sieht, wie der Mensch, indem er sich eine falsche Höhe zulegt, sich selber zerstört.

Wir können dieses Bild vielleicht so entschlüsseln: In Babel ist die Einheit der Menschheit und der Versuch, selber Gott zu werden

und dessen Höhe zu erreichen, ausschließlich an das technische

Können gebunden. Eine Einheit auf dieser Basis aber, wird uns

nun gesagt, die trägt nicht, die wird zur Verwirrung.

Wir können diese Lehre in der heutigen Welt gut nachvollziehen.

Einerseits gibt es diese Einheit. Die Stadtkerne sehen in Südafrika so aus wie in Südamerika, wie in Japan, wie in Nordamerika und

in Europa. Es werden überall die gleichen Jeans getragen, die gleichen Schlager gesungen, die gleichen Fernsehbilder angesehen und die gleichen Stars bewundert. Insofern gibt es so etwas wie eine

Einheitszivilisation bis hin zu McDonalds als dem Einheitsfutter

der Menschheit.

Während nun diese Uniformierung im ersten Augenblick eigentlich wie eine Art Versöhnungskraft richtig und gut zu sein scheint –genau wie die Einheitssprache im babylonischen Turmbau – ,

wächst gleichzeitig die Entfremdung der Menschen voneinander.

Sie kommen sich nicht wirklich näher. Wir erleben statt dessen ei-ne Zunahme der Regionalismen, den Aufstand der verschiedenen Zivilisationen, die jede nur noch sie selber sein wollen, oder sich von den anderen unterdrückt fühlen.

Ist das ein Plädoyer gegen die Einheitszivilisation?

Ja, weil man in ihr das Eigentliche und Eigene verliert. Hier geht die tiefere Kommunikation der Menschen untereinander verloren,

die nicht durch diese oberflächlichen, äußeren Verhaltensformen

und durch die Beherrschung der gleichen technischen Apparaturen

geschaffen werden kann. Der Mensch reicht eben viel tiefer. Wenn

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er sich nur in dieser Oberfläche vereinigt, rebelliert zugleich das Tiefe in ihm gegen die Uniformierung, in der er sich dann doch

selber als versklavt erkennt.

Man kann sagen, daß im Bild des babylonischen Turmbaus ei-ne Form von Vereinigung und von Welt-und Lebensverfügung des Menschen kritisch betrachtet wird, die nur scheinbar Einheit

stiftet, und nur scheinbar den Menschen erhöht. In Wirklichkeit

beraubt sie ihn seiner Tiefe und seiner Höhe. Sie macht ihn zudem auch gefährlich, weil er einerseits sehr viel kann, andererseits aber sein moralisches Vermögen seinem technischen Vermögen nicht

standhält. Die moralische Kraft ist nicht mitgewachsen mit den

Fähigkeiten des Machens und des Zerstörens, die der Mensch

entwickelt hat. Das ist der Grund, warum Gott gegen diese Art

von Vereinigung einschreitet und eine ganz andere schafft.

Was meinen Sie damit?

Für uns Christen gehören ja Altes und Neues Testament immer zusammen. Die alttestamentlichen Texte sind dabei ein erster Schritt.

Sie bleiben nach unserer Überzeugung aus sich selbst unverständlich, wenn man nicht den nächsten Schritt dazu liest. Wir werden das an späterer Stelle noch anhand der Verbindung von Adam zu

Christus und an anderen Beispielen sehen können. Die Pfingstge-schichte, in deren Verlauf nun Gott sein Einheitsmodell einsetzt, gehört ebenfalls dazu. Es ist das Gegenstück zum babylonischen

Turmbau, das das Bild erst verstehbar und ganz macht. Die Apostel sprechen hier keine Einheitssprache und dennoch verstehen alle einander. Die Vielfalt bleibt, sie wird nun durch die Einheit des Herzens zu einer inneren Einheit umgeformt.

Pfingsten gibt das Gegenmodell zu Babylon: eine Einheit, in der

der Reichtum der Menschheit bewahrt wird. Gott will Einheit.

Dazu ist überhaupt sein ganzes Handeln in der Geschichte da;

dazu ist Christus in die Welt gekommen; dazu schafft er Kirche.

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Aber er will eben eine Einheit, die in eine andere Tiefe und in eine andere Höhe reicht.

Unweigerlich wird man mit der Warnung von Babylon an die augenblickliche elektronische Revolution erinnert, die unsere Welt so erschüttert und verändert, wie wohl noch keine Revolution zuvor es getan hat. Wir scheinen im Begriff zu sein, einen ganz neuen Kosmos zu schaffen. Die virtuellen Realitäten aus dem elektronischen Netz und die sogenannten E-Commerce-Unternehmen sind nicht nur zu einem Unterhaltungsspiel, sondern auch zu einem

Spiel um sehr viel Geld, um Macht, um ganze Volkswirtschaften

geworden, die das Schicksal von Millionen von Menschen in der

Hand halten.

Und noch eine Entwicklung zeichnet sich ab: Die meisten Menschen der westlichen Welt verbringen heute schon mehr Zeit vor und mit elektronischen Medien als mit »normaler« Realität, also mit Menschen, mit Natur. Es sind Ersatzwirklichkeiten, und es

fordert immer mehr Kraft, diesen Scheinbildern der Simulation in dieser vollkommenen Einheitswelt zu widerstehen.

Hier sieht man erneut, wie sich im Verlauf der Geschichte Intui-tionen eines Bildes enthüllen, an die man vorher gar nicht denken konnte. Natürlich gehört es nicht zum Wortsinn dieses Textes.

Aber wenn wir ihn im Licht unserer Erfahrungen lesen, sehen wir,

daß die Intuition, die dort gegenwärtig ist, sich uns heute konkretisiert. In ihr verstehen wir, was gegenwärtige Entwicklungen bedeuten, warum es eine Bedrohung ist, diese Art von Einheit zu

schaffen.

Von einem anderen großen Mythos aus den Bildern der Bibel,

der Sintflut, könnte man dabei auf andere Fluten schließen, die Überflutung mit Reizen, Bildern, Slogans, der Angebote des kapi-talistischen Marktes …

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Auch das ist ein Bild mit vielen Dimensionen. Es gab ja immer

die zwei Bedeutungen des Wassers. Als Quelle und als Regen

ist es das große Geschenk, das Element des Lebens schlechthin.

In den Ozeanen und in der Flut dagegen ist es eine Gefahr, die

die Erde bedroht, die das Leben verschlingen kann. Die Urflut

wurde so zum Urbild für die zerstörerischen Mächte, die das

Leben unter sich begraben, die die Grenzen, an denen Gott das

Leben gesichert hat, wegreißen. Die Deiche zerbrechen und in ihrer Flut wird Leben begraben. In diesem Sinn bleibt Urflut ein in den Menschen eingezeichnetes Urbild, das sehr weit reicht. Denn daß

es vielfältige Fluten gibt, die Deiche zerbrechen, Leben zerstören, Kultur zerstören, Menschsein zerstören, sehen wir heute.

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