2 Von Gott

Kommen wir zu dem Eigentlichen, wie Sie es nennen, zum Ursprung und Ziel des Lebens, zu Gott. Das Credo des Christen tums beginnt mit den Worten »Ich glaube«. Allerdings glauben Christen nicht allgemein irgendwie an eine höhere Macht, an eine höhere Natur.

Dieses »Ich glaube« ist bewußt ein Akt des Ich. Ein Akt, in dem

Wille und Verstand, Erleuchtung und Führung, die mir gegeben

wurden, ineinandergreifen. Darin liegt dieses Vertrauen oder auch sich Ausstrecken, dieses Aus-sich-Weggehen, sich auf Gott hinbe-ziehen. Und es geht dabei nicht um einen Bezug auf irgendeine höhere Macht, sondern auf den Gott, der mich kennt und mich

anredet. Der wirklich ein Ich ist – wenn auch in einer viel höheren Weise – , auf das ich zugehen kann, und das auf mich zugeht.

Was meinen Sie damit, daß Gott auch ein »Ich« ist?

Ich meine es in dem Sinn, daß er Person ist. Gott ist nicht eine

allgemeine Mathematik des Weltalls. Er steckt nicht irgendwie als Geist in der Welt. Er ist nicht eine unbestimmbare Harmonie der

∗Das Apostolische Glaubensbekenntnis: »Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in des Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige katholische Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.«

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Natur oder ein unnennbares »Unendliches«, sondern der Schöpfer

der Natur, der Ursprung der Harmonie, der Lebendige, der Herr.

Moment bitte, Sie glauben, Gott ist eine Person? Er kann zuhören, sehen, fühlen … ?

… Ja, Gott hat das Wesentliche dessen, was wir mit Person meinen, nämlich Bewußtsein, Erkennen und Lieben. Er ist insofern jemand, der reden und zuhören kann. Das ist, glaube ich, das

Wesentliche an Gott.

Natur kann bewundernswert sein. Der gestirnte Himmel ist großartig. Aber es bleibt eben nur ein unpersönliches Staunen, weil es mich letzten Endes auch zu einem kleinen Element in einer riesigen Maschine macht.

Der wirkliche Gott aber ist mehr. Er ist nicht einfach Natur, sondern ist das, was ihr vorangeht und sie trägt. Er ist ein Wesen, das denken, reden, lieben und hören kann. Und Gott, so sagt uns der

Glaube, ist seinem ganzen Wesen nach Beziehung. Das meinen wir,

wenn wir ihn trinitarisch, dreifaltig nennen. Weil er in sich Beziehung ist, kann er auch Wesen schaffen, die wieder Beziehung sind und die sich auf ihn beziehen dürfen, weil er sie auf sich bezogen hat.

»Wer in dieses Credo eintritt«, meinten Sie einmal, »vollzieht eigentlich die Absage an die Gesetzlichkeit der Welt, in der er lebt.«

Gemeint ist, daß das Geheimnis der Auferstehung Christi uns

über den Tod hinaushebt. Natürlich leben wir als Menschen in

dieser Welt immer unter den Naturgesetzen. In der Natur gilt das

Stirb und Werde. In Christus aber sehen wir, daß der Mensch

etwas Endgültiges ist. Er ist nicht nur ein Element in dem großen Stirb-und-Werde-Prozeß, sondern er ist und bleibt ein eigenes

Ziel der Schöpfung. Er ist insofern aus dem bloßen Wirbel des

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ewigen Unter-und Aufgehens heraus – und in die Beständigkeit

der schöpferischen Liebe Gottes hineingenommen.

Warum wird Gott eigentlich durch ein Dreieck symbolisiert, aus dessen Mitte stechend ein Auge auf uns blickt?

Das Dreieck ist ein Versuch, das Trinitätsgeheimnis der Einheit

darzustellen. Der Mensch will damit ausdrücken, daß diese Drei-teiligkeit zu einer einzigen Wirklichkeit wird und die dreifache Beziehung des Liebens zu einer höchsten Einheit verschmilzt. Das

Symbol des Auges ist das uralte und der ganzen Religionsgeschichte eigene Bild der Erkenntnis schlechthin. Es besagt, daß Gott der sehende Gott und der Mensch ein Gesehener ist, der wiederum

durch Gott selbst auch ein Sehender wird.

Dieses Bild hat natürlich auch seine Gefahr. In der Aufklärung hat das bei der Abwendung von Gott eine große Rolle gespielt.

Denn von einem Gott, der mir unerbittlich überall zuschaut, der mir mein Eigenes – meine »privacy«, würde man heute sagen –nirgends läßt, von so einem Gott will man sich loslösen. Wenn

also das Sehen als Bedrohung erscheint, als ein gefährliches Sehen, das mir meine Freiheit nimmt, dann ist es falsch gedeutet und ein Gegenbild Gottes. Das Auge ist als Bild richtig verstanden, wenn es der Ausdruck der ewigen Zugewandtheit ist, wenn es mir sagt: Ich bin nie allein gelassen, es ist immer jemand da, der mich mag, der mich auffängt und trägt.

In der jüdischen Tradition wird davon gesprochen, daß Gott, ehe

er die Welt erschaffen hatte, nur latent vorhanden war. Seine Züge waren nicht verwirklicht. Gott habe folglich die Welt gebraucht,

um das zu werden, was er ist. Denn wie könnte es einen König

ohne Volk geben? Wie könnte Gott lieben, wenn es niemanden

zu lieben gibt? Die Frage ist, was war eigentlich vor dem Anfang?

Wer hat Gott erschaffen?

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Diese Idee entstammt einer unter vielen anderen jüdischen Traditionen. Ähnliche Gedanken sind später auch in der christlichen Mystik, etwa bei Meister Eckart, aufgetaucht. Sie entsprechen

allerdings nicht dem biblischen Urbild, als ob Gott erst er selber würde, indem er etwas schafft. Nein, der christliche Gott, der

Gott, der sich uns zeigt, ist Gott. »Ich bin der Ich bin«, sagt er. Es erübrigt sich daher auch ein immer weitergehendes Fragen, etwa:

Wer hat ihn geschaffen, wer hat dann jenen geschaffen, der diesen geschaffen hat und so fort. Oder auch die Frage: Ist der Schöpfer-geist überhaupt die Fülle des Seins, die jenseits von Werden und Vergehen steht?

Ich denke, man kann es so sagen: Die Realität selbst in sich ist

schöpferisch. Gott bedarf nicht der Welt. Das hat der christliche und auch der alttestamentliche Glaube immer sehr nachdrücklich herausgehoben. Im Gegensatz zu den Göttern, die die Menschen brauchen, um durch sie unterhalten und genährt zu werden, braucht Gott sie an sich nicht. Er ist der Eine, Ewige, das Ganze des Seins. Der Dreifaltigkeitsglaube sagt uns, daß er der in sich Liebende ist, in diesem ewigen Zirkel der Liebe, der zugleich höchste Einheit und doch ein Gegenüber und ein Miteinander des Lebens

darstellt.

Andererseits bringt der Gedanke »Gott ist Liebe« tatsächlich die

Frage mit sich: wer wird geliebt? Sie löst sich dann in der Drei-einigkeit des Gottes auf, der sich schenkt und darin Sohn wird und der sich zurückgibt und dann ein Heiliger Geist ist. In diesem Sinn ist also die Schöpfung ein durchaus freier Akt, und auch das hat die christliche Tradition (und mit ihr wesentliche Teile der

jüdischen Tradition) immer betont, daß die Schöpfung für Gott

kein Muß ist, sondern daß sie frei ist.

Aber warum sollte Gott dieses Abenteuer der Schöpfung der Welt und des Menschen überhaupt auf sich nehmen?

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Romano Guardini, der all das Leidvolle in der Schöpfung gesehen

und gesagt hat, warum eigentlich macht er denn das, wenn es auch

ohne ginge, hat diese Frage furchtbar gequält. Wir können es nicht beantworten. Wir können nur hinnehmen, daß er das dennoch

gewollt hat; daß er Kreatur wollte, die ihm gegenübersteht, ihn

erkennen kann und sich dadurch sozusagen der Radius seiner

Liebe weitet.

Die Alten haben das mit einer philosophischen Idee auszudrücken

versucht: Das Gute hat in sich den Drang des Mitteilens. Und

insofern überströmt der, der die Güte schlechthin ist. Eine letzte Antwort gibt auch dieses nicht. Wesentlich daran aber ist, daß

Schöpfung ein freies Sich-Schenken ist und nicht sozusagen ein

Bedürfnis Gottes, der ansonsten auch selber nur halb Gott wäre,

und damit auch nur eine halbe Hoffnung sein könnte.

Ist Gott Mann oder Frau?

Ist Gott eigentlich Mann oder Frau?

Gott ist Gott. Er ist weder Mann noch Frau, sondern ist Gott

darüber. Er ist der ganz Andere. Ich glaube, es ist sehr wichtig festzuhalten, daß für den biblischen Glauben immer klar gewesen ist, daß Gott weder Mann noch Frau, sondern eben Gott ist, und daß

Mann und Frau ihn abbilden. Sie sind beide von ihm abkünftig und in ihrer Möglichkeit beide in ihm enthalten.

Das Problem ist allerdings, daß die Bibel Gott als Vater anredet und ihn damit in einem männlichen Bild darstellt.

Zunächst müssen wir sagen, daß die Bibel in der Anrede des Gebetes tatsächlich das Vater-und nicht das Mutterbild verwendet, daß sie ihm aber in den Bildern über Gott immer auch weibliche Attri-bute beigelegt hat. Wenn zum Beispiel von Gottes Mitleiden die 95

 

Rede ist, wird das im Alten Testament nicht mit dem abstrakten

Wort »Mitleid« benannt, sondern mit einem körperlichen Wort,

mit »Rachamin«, dem »Mutterleib« Gottes, der für das Mitleiden

steht. Durch dieses Wort wird die Mütterlichkeit Gottes auch in

ihrer geistigen Bedeutung veranschaulicht. Mit all den Bildworten, die über Gott gebraucht werden, stellt die Bibel im ganzen Mosaik der Bilder klar, daß Mann und Frau von ihm kommen. Er hat sie

beide geschaffen. Beide sind demzufolge in ihm – und dennoch

steht er zugleich auch über beiden.

Bleibt die Frage, warum dieses in der Gebetsanrede nicht zum

Ausdruck gekommen ist.

Ja, warum hat man sich hier streng auf Vater beschränkt? Und die nächste Frage, die das erst weiter verschärft, ist: Warum ist Gott als »Sohn« zu uns gekommen? Warum ist Gott in der Menschwerdung ein Mann geworden? Und warum hat dieser Sohn Gottes uns wiederum gelehrt, gemeinsam mit ihm zu Gott Vater zu sagen, so daß dieses Vater-Sagen nun nicht mehr bloß ein Bild ist, das im Lauf der Glaubensgeschichte sich auch überholen könnte, sondern

das Wort, das uns der Sohn selber in den Mund gelegt hat.

Wissen Sie es?

Ich würde zunächst einmal festhalten, daß das Wort »Vater« selbstverständlich ein Bild bleibt. Es bleibt wahr, daß Gott weder Mann noch Frau, sondern eben Gott ist. Es handelt sich allerdings auch um ein Bild, das uns Christus als Gebetsaussage authentisch und

unauswechselbar gegeben hat, ein Bild, in dem er uns etwas von

der Anschauung Gottes vermitteln will.

Aber warum? Wir sind in dieser Frage im Moment in einer neuen

Phase des Reflektierens, aber ich glaube, man kann sie letzten

Endes nicht beantworten. Was wir sagen können, sind vielleicht

zwei Dinge. Zum einen: Die Religionen um Israel herum kannten

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die GötterPaare, Gott-Mann und -Frau. Der Monotheismus hingegen schloß die Idee des Götterpaares aus und hat statt dessen die erwählte Menschheit beziehungsweise das erwählte Volk Israel

als Braut im Verhältnis zu Gott gesehen. In dieser Erwählungsge-schichte erfüllt sich das Geheimnis, daß Gott das Volk liebt, wie eine Braut geliebt wird. Insofern ist das weibliche Bild gleichsam an Israel und an die Kirche vergeben und wird schließlich in Maria noch einmal in besonderer Weise personalisiert.

Der zweite Punkt ist, daß dort, wo die Bilder der Mutter gottheiten verwendet wurden, diese den Schöpfungsgedanken so verändert

haben, daß aus Schöpfung immer Emanation, Geburt geworden

ist, und damit dann fast zwangsweise pantheistische Modelle entstanden sind. Der Gott hingegen, der im Vaterbild dargestellt ist, schafft durch das Wort – und genau damit tritt die spezifische Differenz zwischen Schöpfung und Geschöpf heraus.

Wie ist Gott?

Auch wenn Gott nicht Mann ist und nicht Frau – kann man

denn sagen, wie er ist? Das Alte Testament berichtet uns von

Zornesausbrüchen und nachfolgenden Strafgerichten. »Denn ich,

der Herr, dein Gott«, so spricht er hier, »bin ein eifersüchtiger Gott: Bei denen, die mir feind sind, verfolge ich die Schuld der Väter an deren Söhnen an der dritten und vierten Generation.« Ist Gott heute noch so zornig wie früher oder hat er sich geändert?

Zuallererst möchte ich das Zitat ergänzen. Da heißt es nämlich:

»Die Strafen führe ich bis in die dritte oder vierte Generation,

meine Erbarmung reicht über tausend Generationen.« Wir sehen, in diesem Prophetenwort ist schon auch ein Ungleichgewicht zwischen Zorn und Erbarmung dargestellt. Die Erbarmung ist mal tausend, verglichen mit dem Zorn, und insofern ist dieses Wort,

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ganz gelesen, ein großes Wort der Hoffnung. Selbst wenn ich Strafe verdient habe und herausgefallen bin aus dieser Liebe, darf ich immer wissen, daß die Erbarmung Gottes tausendmal größer ist.

Aber dieser jüdisch-christliche Gott zeigt sich doch auch zornig.

Der Zorn Gottes ist Ausdruck dafür, daß ich der Liebe, die Gott

ist, entgegengelebt habe. Wer von Gott weg lebt, wer vom Guten weg lebt, lebt damit in den Zorn hinein. Wer aus der Liebe herausfällt, begibt sich ins Negative. Es ist also nicht etwas, was irgendein herrschsüchtiger Diktator einem draufschlägt, sondern

es ist lediglich der Ausdruck für die innere Logik eines Handelns.

Wenn ich aus dem, was meiner Schöpfungsidee gemäß ist, wenn

ich aus der Liebe, die mich trägt, herausgehe, na ja, dann falle ich halt ins Leere, ins Dunkle hinein. Dann bin ich sozusagen nicht

mehr im Raum der Liebe, sondern in einem Raum, den man als

Raum des Zornes ansehen kann.

Die Strafen Gottes sind keine Strafen in dem Sinne, daß Gott

Polizeigebühren festlegt und Lust daran hätte, einem etwas anzu-tun. »Strafe Gottes« ist in Wirklichkeit ein Ausdruck dafür, den richtigen Weg zu verfehlen und damit dann die Konsequenzen zu

spüren bekommen, die sich ergeben, wenn ich auf die falsche Spur

trete und damit aus dem richtigen Leben herauslebe.

Aber muß man nicht auch das Gefühl der Abhängigkeit, ja sogar

der Gängelung haben, wenn es heißt: »Gott ist es, der in euch

das Wollen und das Vollbringen bewirkt.« Was ist das für ein

Gott, der uns immer auch zeigen muß, daß wir nichts sind ohne

ihn? Hat er nicht umgekehrt auch eine Verantwortung für uns?

Denn wer kann schon was dafür, daß er auf der Erde ist? Es gibt genügend, die nicht davon begeistert sind.

Wichtig ist, daß die Kirche das Gottesbild groß genug darstellt und es nicht mit falschen Schreckensdrohungen versieht. Das ist sicher 98

 

in einem Teil der Katechese geschehen und geschieht vielleicht

auch jetzt noch da und dort. Wir müssen im Gegenteil Gott immer

von Christus her in seiner Größe darstellen, einen Gott, der uns

an einer sehr weiten Schnur gehen läßt. Manchmal möchte man

ja sogar meinen, daß er uns eigentlich etwas deutlicher zureden

sollte. Man möchte doch eher fragen: Warum läßt er uns so viel

Spielraum? Warum läßt er dem Bösen so viel Freiheit und so viel

Macht? Warum greift er da nicht besser zu?

Wo ist Gott?

Bleiben wir bei Gott, bei der Frage, wo und wie er zu finden ist.

Es gibt hier eine kleine Geschichte: Einmal brachte eine Mutter ihren Sohn zum Rabbi. Da fragte der Rabbi den Jungen: »Ich

gebe dir einen Gulden, wenn du mir sagst, wo Gott wohnt.«

Der Junge mußte nicht lange überlegen, er antwortete: »Und ich gebe dir zwei Gulden, wenn du mir sagen kannst, wo er nicht

wohnt.« Im Buch der Weisheit heißt es: Gott »läßt sich finden

von denen, die ihn nicht versuchen, und zeigt sich denen, die ihm nicht mißtrauen«. Aber wo genau ist Gott?

Beginnen wir mit dem Weisheits-Buch. Da gibt es ein, wie mir

scheint, sehr aktuelles Wort: »Gott läßt sich nicht finden von denen, die ihn versuchen«, das heißt, er läßt sich nicht finden von denen, die ihn aufs Experiment stellen wollen. Diese Wahrheit

kannte man bereits in der hellenistischen Welt, und sie trifft bis heute sehr genau. Wenn wir Gott gleichsam auf die Probe stellen

wollen – bist du da oder nicht da? – und bestimmte Dinge unternehmen, von denen wir denken, da müßte er reagieren oder nicht reagieren, wenn wir ihn gleichsam zu unserem Experimentierge-genstand machen, dann sind wir bereits in einer Orientierung, wo wir ihn sicher nicht finden können. Gott unterwirft sich eben nicht 99

 

dem Experiment. Er ist keine Sache, die wir in die Hand nehmen

können.

Einer meiner Freunde sagt: Ich spüre nichts, selbst wenn ich sonntags einmal in die Kirche gehe. Ich sehe nur, daß es nichts gibt.

Gott ist eben nicht etwas, das wir zwingen könnten, in bestimmten Momenten zu rufen: »Ah, hier bin ich.« Gott wird gerade dann

gefunden, wenn wir ihn nicht unter die Kriterien der Falsifizier-barkeit des modernen Experiments und der Existenzbewährung stellen, sondern wenn wir ihn als Gott ansehen. Und als Gott

ansehen heißt eben, in einem ganz anderen Verhältnis zu ihm zu

stehen.

Materielle Sachen kann ich operativ untersuchen und sie unter

meinen Zwang stellen, weil sie unter mir sind. Aber schon einen

Menschen kann ich nicht verstehen, wenn ich ihn in dieser Weise

traktiere. Es geht mir im Gegenteil nur dann etwas von ihm auf,

wenn ich mich in einer Art von Sympathie in seine Seele hineinzu-versetzen beginne.

So ist es erst recht mit Gott. Gott kann ich nur suchen, indem

ich diese Herrschaftsgesinnung ablege. Ich muß statt dessen eine

Gesinnung der Bereitschaft entwickeln, des Sich-Öffnens, des Suchens. Ich muß in Demut bereit sein, zu warten – und ihn so sich zeigen zu lassen, wie er es will, und nicht, wie ich es möchte.

Aber wo genau ist Gott?

Er ist nicht, wie es Ihre rabbinische Geschichte sehr schön zeigt, an einem bestimmten Ort. Positiv ausgedrückt: Es gibt nichts,

wo er nicht ist, weil er in allem ist. Negativ ausgedrückt: Er ist auf keinen Fall dort, wo die Sünde ist. Wenn die Negation das

Nichtsein zur Macht erhebt – da ist er nicht.

Gott ist überall, und doch gibt es unterschiedliche Stufen der

Annäherung, weil jede höhere Stufe des Seins ihm näher wird. Wo

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aber Verstand und Liebe aufgehen, wird eine neue Weise der Nähe,

eine neue Form seiner Gegenwart erreicht.

Gott ist also da, wo Glaube und Hoffnung und Liebe sind, weil

sie im Gegensatz zur Sünde der Raum sind, in dem wir uns in die

Dimensionen Gottes hineinbegeben. Insofern ist Gott überall dort, wo Gutes geschieht, in einer spezifischen Weise anwesend, und

zwar über die reine Allseiendheit und Allgegenwart hinaus. Er ist in einer tieferen Art von Anwesenheit genau da anzutreffen, wo

wir uns den Dimensionen nähern, die am meisten seinem innersten

Wesen entsprechen – eben denen der Wahrheit und der Liebe, des

Guten überhaupt.

Diese tiefere Anwesenheit – heißt das, Gott ist nicht irgendwo weit draußen im Weltall, sondern er ist inmitten von uns? Er ist in jedem einzelnen Menschen.

Ja, das sagt bereits der heilige Paulus auf dem Areopag zu den

Athenern. Er zitiert dabei einen griechischen Dichter: In Gott

bewegen wir uns, leben wir und sind wir.

Daß wir uns in der Atmosphäre Gottes als des Schöpfers bewegen

und sind, das gilt zunächst ganz allgemein schon von unserer

biologischen Existenz her. Und es gilt um so mehr, je mehr wir

in das ganz Spezifische von Gott vordringen. Wir können es so

sagen: Wo ein Mensch einem anderen etwas Gutes tut, da ist eine

besondere Nähe Gottes. Wo im Gebet sich jemand für Gott öffnet,

da tritt er in seine besondere Nähe hinein.

Gott ist keine nach physikalisch-räumlichen Kategorien fixierbare Größe. Er ist nicht in hunderttausend Kilometern Höhe oder in

einer Ferne von Lichtjahren. Die Nähe Gottes ist statt dessen eine Nähe nach Seins-Kategorien. Wo das ist, was ihn am meisten

abbildet und vergegenwärtigt, wo Wahrheit ist und das Gute ist,

da berühren wir ihn, den Überallseienden, in besonderer Weise.

Das heißt aber dann auch, Gott ist nicht automatisch da, er ist nicht immer da.

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Er ist insofern immer da, als ich ohne ihn nicht am Stromaggre-gat des Seins angeschlossen wäre, wenn man es so ausdrücken will. In diesem Sinne gibt es eine einfache seinsmäßige Gegenwart Gottes überall. Aber die tiefere Nähe Gottes, die dem Menschen

geschenkt ist, die kann sich verdünnen oder ganz abfallen – und

die kann umgekehrt sehr groß werden.

In einem ganz von Gott durchdrungenen Menschen ist natürlich

eine viel größere innere Nähe und Gegenwart Gottes da, als in

einem, der sich völlig von ihm entfernt hat. Denken wir an die

Verkündigung an Maria. Gott will, daß Maria sein Tempel wird,

ein lebendiger Tempel, und das nicht nur durch die physische

Einwohnung. Aber daß sie wirklich eine Wohnung für Gott wird,

wird nur möglich, weil die innere Eröffnung auf ihn geschieht;

weil sie mit ihrem inneren Sein ihm ganz gemäß wird.

Aber könnte es nicht auch sein, daß Gott sich zurückzieht, zumindest zeitweise. Einstein zum Beispiel verehrte Gott als Baumeister des Universums, aber er war letztlich auch der Meinung, Gott interessiere sich nicht mehr für seine Schöpfung und für das Schicksal der Menschen.

Diese Baumeister-Idee, die Idee vom großen Architekten, rührt

von einem verengten Gottesbegriff her. Gott ist hier nur die Rand-hypothese, die man noch braucht, um die Entstehung des Universums erklären zu können. Er wirft sozusagen das Ganze an, und dann bewegt es sich. Da er der Welt gegenüber aber nichts

anderes war als nur eine letzte physikalische Ursache, ist er damit natürlich auch von der Bühne abgetreten. Nun hat die Natur ihre Eigenständigkeit, Gott aber kann sich nicht mehr bewegen,

und seine Beziehung zum menschlichen Herzen, zu dieser anderen

Dimension des Seins, wird in einer solchen Schöpfungsidee von

vornherein gar nicht gesehen. Dann ist er nicht mehr der »lebendige« Gott, sondern wirklich eine Hypothese, die man letztlich ebenfalls überflüssig zu machen versucht.

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Immerhin sprechen auch Theologen von einer »Abwesenheit Gottes«.

Das ist wieder etwas anderes. Bereits in der Heiligen Schrift gibt es dieses Sich-Verbergen Gottes. Gott verbirgt sich vor dem un-gehorsamen Volk. Er schweigt. Er sendet keine Propheten. Und auch im Leben der Heiligen gibt es diese dunkle Nacht. Sie werden sozusagen in eine Art von Abwesenheit, das Schweigen Gottes,

hineingestoßen, wie etwa Therese von Lisieux, und müssen dann

das Dunkel der Ungläubigen miterleiden.

Das bedeutet allerdings nicht, daß Gott nicht existieren würde.

Es bedeutet auch nicht, daß er keine Macht mehr hätte, daß er

keine Liebe mehr wäre. Es geht hier um Situationen der menschlichen Geschichte oder des menschlichen Lebens, in denen eine Unfähigkeit der Menschen, Gott wahrzunehmen, nun auch ein

»Gottesdunkel« bewirkt, wie Martin Buber es ausgedrückt hat. In

dieser Unfähigkeit oder Unwilligkeit der Menschen, Gott wahrzunehmen oder sich auf ihn zu beziehen, scheint Gott zurückgezogen zu sein.

Was will Gott?

Clemens von Alexandrien, einer der großen Väter der Kirche,

sagte einmal: »Der Mensch ist von Gott geschaffen worden, weil er um seiner selbst willen von Gott erwünscht ist.« Nun gut, wenn nun Gott selbstlose Liebe ist – wieso sollte er dann eigentlich noch darauf bestehen, verehrt und verherrlicht zu werden?

Den Ausdruck »um seiner selbst willen geschaffen« hat gerade

der Heilige Vater in den Enzykliken verschiedentlich aufgegriffen.

Er hat ihn dabei von Immanuel Kant entlehnt und in einer neuen

Weise weitergeführt. Kant hatte gesagt, der Mensch ist das einzige 103

 

Wesen, das ein Zweck in sich selber ist, und nicht Zweck für etwas anderes. Der Papst sagt nun: In der Tat, der Mensch ist ein Ende

in sich selbst und ist nicht seinerseits noch einmal ein Zweck für etwas anderes.

Das ist auch der große Schutz jedes einzelnen. Denn in diesem

Schöpfergott liegt begründet, daß niemand das Recht hat, irgendeinen anderen Menschen, wie arm oder schwach er auch sei, als ein Mittel zu gebrauchen für weiß Gott noch so hohe Zwecke.

Das ist heute in den Menschenexperimenten – wie gerade auch in

den Embryoexperimenten – zu einer ganz wichtigen Wahrheit, zu

einem ganz wichtigen Schutz der Menschenwürde geworden. Das

Menschenrecht schlechthin ist eben dieses, kein Mittel werden zu

dürfen, sondern seine unantastbare Würde zu haben.

Dieser Umstand bedeutet aber nicht, daß der Mensch dann recht

ist, wenn er sich in sich verschließt, wenn er als einzelner sich je zu einem Endzweck für sich selber umgestaltet. Zum Menschen

gehört, daß er ein relationales Wesen ist.

Was heißt das?

In ihm ist zunächst einmal die Tendenz zur Liebe, zur Beziehung

zum anderen eingeschaffen. Er ist kein autarkes, in sich allein

gerundetes Wesen, keine Insel des Seins, sondern seinem Wesen

nach Beziehung. Ohne diese Beziehung, in der Beziehungslosigkeit, würde er sich selbst zerstören. Und gerade in dieser Grundstruktur ist Gott abgebildet. Denn es ist ein Gott, der in seinem Wesen

ebenfalls Beziehung ist, wie uns der Dreifaltigkeitsglaube lehrt.

Die Beziehung des Menschen ist also zunächst zwischenmenschlicher Art, aber sie ist auch angelegt als die Beziehung auf den Unendlichen, auf die Wahrheit, die Liebe selber hin.

Ist das ein Muß?

Dies erniedrigt ihn ja nicht. Diese Beziehung macht den Menschen

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ja nicht zum Zweck, sondern gibt ihm seine Größe, weil er selber

in einer direkten Beziehung zu Gott steht und direkt von Gott

gewollt ist. Man darf deshalb die Anbetung Gottes nicht als ei-ne äußerliche Angelegenheit betrachten, als ob nun Gott gelobt werden will oder als ob er Schmeicheleien bräuchte. Das wäre

natürlich kindisch und im Grunde ärgerlich und lachhaft.

Was aber dann?

Anbetung in einem richtigen Sinn verstanden heißt, daß ich mein

Wesen erst als Beziehungssein richtig lebe, daß ich damit die innere Idee meines Seins richtig lebe. Und dann ist es ein Leben, das auf den Willen Gottes, nämlich auf das Einverständnis mit der

Wahrheit und mit der Liebe zugeht. Es geht nicht darum, irgend

etwas zu machen, damit Gott auch seine Freude hat. Anbetung

heißt, den Pfeilflug unseres Daseins anzunehmen. Zu akzeptieren,

daß nichts Endliches mein Zweck ist und mich daher verpflichten

kann, sondern daß ich hinausreiche über alle anderen Zwecke.

Nämlich in das innere Einssein mit dem, der mich als Beziehungs-partner gewollt hat und mir gerade darin die Freiheit gegeben hat.

Und das ist es, was Gott wirklich von uns will?

Ja.

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3 Von der Schöpfung

Im Anfang war das Wort

»Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde«, heißt es im

Buch Genesis, »die Erde aber war wüst und wirr, Finsternis lag über der Urflut, und der Geist Gottes schwebte über den Wassern.

Da sprach Gott: ›Es werde Licht!‹ Und es ward Licht.«

Niemand von uns ist dabeigewesen, als die Erde entstand. Einer alten jüdischen Überlieferung nach soll es allerdings so gewesen sein, daß der Allmächtige unsere Welt quasi exakt nach der Schrift erschaffen habe: Gott sah in die Thora, sagt man, und schuf

nach diesem Bauplan die Welt. Und auch Johannes beginnt sein

Evangelium mit dem Satz: »Im Anfang war das Wort.«

Ja, und das geht tatsächlich ineinander, eines erklärt das andere.

Im frühen Judentum, also in der Zeit, in der auch Jesus lebt, hat sich der Gedanke ausgebildet, daß der Schöpfung der materiellen

Welt die Thora vorausgegangen ist. Mit der Erde ist sozusagen

eine Stätte für die Thora bereitet worden. Das mag uns als etwas

naiv erscheinen, aber darin liegt doch ein sehr großer Gedanke,

nämlich der, daß die Welt einen geistigen Sinn hat.

Die Welt ist geschaffen, damit ein Raum für den Bund sein könne,

in dem sich Gott mit dem Menschen verbindet. Sie ist sozusagen

nach dem inneren Bauplan des Bundes geschaffen, und die Thora

ist gleichsam die Bundes-und Brauturkunde. Dieser erste Satz

der Thora – »Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde« – ist bei

Johannes ganz bewußt wieder aufgenommen worden, ja der ganze

Schöpfungsbericht wird gewissermaßen in einem einzigen Satz

zusammengezogen: »Im Anfang war das Wort.«

Was heißt das genau?

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Der Johannessatz ist auch ein wichtiger Auslegungsschlüssel für

den Genesis-Bericht. Er macht uns deutlich, daß die einzelnen

Elemente dieses Schöpfungsberichtes Bildelemente sind.

Gott schied Tag und Nacht, er machte Erde und Himmel, Vögel

und Wassertiere …

In diesen Bildelementen wird der Grundverhalt verdeutlicht, daß

die Welt Schöpfung ist und daß sie aus dem Logos kommt, was sowohl »Sinn« wie »Wort« bedeutet. Logos, das heißt die »Sinn

tragende Kraft«, war in der damaligen griechischen und hebräischen Welt eines der großen Urworte gewesen, wobei wichtig ist, daß Logos eben nicht nur Idee, sondern zugleich Rede ist. Mit

anderen Worten: Dieser Gott ist nicht nur Idee, sondern er ist

Rede, er ist Handlung. »Im Anfang war das Wort«, das heißt, der

Welt geht der geistige Sinn voraus, nämlich die Idee der Welt. Die Welt ist sozusagen die Materialisierung der Idee und des Urge-dankens, den Gott in sich getragen hat, und der in ihr zu einem Geschichtsraum zwischen Gott und seinem Geschöpf gemacht

wird.

Mittlerweile liefert die Wissenschaft Erkenntnisse, die die Aussage der Bibel in ein ganz neues Licht rücken. Vor Milliarden von Jahren, so erklärte mir ein Professor die Entdeckung in der Genforschung, wurde eine Art Buch geschrieben, oder besser: ei-ne Schriftrolle. Sie enthält sämtliche Informationen, um Leben entstehen zu lassen, egal in welcher Form, ob als Tier, als Mensch, als Zelle oder als Herpesvirus. Die Wissenschaftler haben diesen chemischen Verbindungen Buchstaben gegeben, nämlich A, C, G

und T. Es ist in der Tat verblüffend, denn alle Wörter auf dieser Schriftrolle bestehen lediglich aus diesen vier Buchstaben. Die Gesamtzahl der menschlichen Gene, das Genom, ist also wirklich ein Buch; ein Buch mit unzählbar vielen Sätzen. Dieses Buch mit 107

 

der Geschichte für das Leben, so der Professor, »ist vor Milliarden von Jahren nur ein einziges Mal geschrieben worden – und die

Schrift ist einheitlich«.

Das ist sicher eines der neuen Anschauungsbilder, die uns die

Wissenschaft zur Verfügung stellt. Mit ihnen können wir sozusagen die Buchstabenstruktur der Schöpfung erkennen. Die Alten hatten ja von der mathematischen Struktur der Welt gesprochen,

jetzt wird diese Version bestätigt. Das Wort ist also wirklich das Zeugende, und die Schöpfung ist damit gewissermaßen die Konkretisierung und das Sichausfalten einer Urkunde.

Die Krone der Schöpfung

Um uns die Zeitdimensionen der Schöpfung vorstellbarer zu machen, hat jemand das gesamte Erdzeitalter einmal mit der Dauer eines Jahres verglichen. Wenn man dieses Muster zugrunde legt, ist der 1. Januar der Tag, an dem die Erde entstanden ist. Am 1. April dann – also real vor nunmehr etwa 3,4 Milliarden Jahren – tauchte in der Form von Einzellern erstmals Leben auf diesem Planeten

auf. Der erste Fisch allerdings entstand erst am 27. November, die Dinosaurier sogar erst am 12. Dezember. Gott muß sie übrigens sehr geliebt haben. Sie beherrschten die Erde immerhin 150 Millionen Jahre lang, und zwar ohne sie zu verwüsten.

Die Säugetiere tauchen schließlich am 27. Dezember auf, und der Mensch erscheint erst am 31. Dezember, also vor 15 bis 20 Millionen Jahren. Die Geschichte des eigentlichen Homo sapiens setzt wiederum erst vor 150.000 Jahren ein. Die Krone der Schöpfung

erblickte also relativ spät das Licht der Welt.

Zunächst sind dies alles natürlich nur Schätzzahlen. Sie haben

ihre guten Gründe, aber man darf sie auch nicht verabsolutieren.

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Trotzdem finde ich gerade diese Chronologie sehr wichtig, weil sie mit dem übereinstimmt, was die Bibel und was die Väter sagen,

daß nämlich am Ende der Zeit auch ihr Ziel erscheint.

Spezifisch über Christus, der ja die Vollgestalt des Menschen ist, wird gesagt, er ist am Ende der Zeit gekommen. Die Heilige Schrift gibt das Bild, daß uns eine ganze Geschichte vorausgeht, über

deren Sinn wir im einzelnen nicht nachdenken können. Sie ist

ja nicht einfach nur Vorbereitung des Späteren. Denn vieles ist

wieder verschwunden oder erwies sich als ein Übergangsstadium.

Aber klar wird, daß es ein unermeßlich langer Weg ist und das

Abenteuer des Menschseins als eine Art Finale erscheint.

Zwischenfrage: Wie lange bleibt uns noch?

Darüber können wir nicht urteilen. Wir wissen nur, daß dieses

Finale von innen her immer im Plan liegt, aber erst spät zum

Einsatz kommt und gewissermaßen das Ganze in sich aufnehmen

wird.

Wenn nun Gott ein liebender Gott ist und wenn er alle Menschen gleich liebt – warum, hat er uns dann so unterschiedlich ausgestattet? Die einen sind schön und begehrt, die anderen eher einsam.

Die einen sind klug und von leichter Auffassungsgabe, die anderen müssen sich jeden kleinen Erfolg mühsam erkämpfen. Ganz zu

schweigen von jenen Menschen, die schwerbehindert schon auf

die Welt kommen. Es kann doch nicht sein, daß die einzelnen

Seelen selbst dafür verantwortlich sind, oder?

Sicher nicht, denn das würde voraussetzen, daß man sein späteres

Leben vorher schon präpariert hat. Andererseits würde mit dieser

Seelenwanderungstheorie auch die Einmaligkeit und Verantwortung des Menschseins entleert werden. Nein, wir wissen es nicht.

Wir können nur eines sagen: Gott hat eine sehr vielfältige Welt

geschaffen, schon im vormenschlichen Bereich, und auch beim

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Menschen liegt offenbar die Vielfalt. Das muß nicht unbedingt negativ sein. Jemand, der keine mathematische Begabung hat, kann eine große künstlerische Begabung haben, jemand, der im intellektuellen Bereich nichts leistet, kann im handwerklichen Bereich eine wertvolle Kraft sein.

Ich glaube, wir haben uns vielleicht auch einen zu einseitigen

Standard dessen gebildet, was der Mensch können soll. Vielfach

wird er nach einem sogenannten Intelligenzquotienten gemessen,

der auch wieder nur eine bestimmte Art von Intelligenz erfassen

kann. Wir fassen den Menschen unter einem bestimmten Bild des

Könnens oder des Erfolgs auf und haben damit gar keinen Blick

mehr für den Reichtum unterschiedlicher Begabungen, die alle

ihren Sinn, ihren Wert und ihre Bedeutung haben.

Natürlich gibt es Grenzfälle, diejenigen, die wirklich benachteiligt sind, die Behinderten, andere, die im Elend aufwachsen, die nie

einen Ort der Verwirklichung finden können. Hier stoßen wir

dann erneut auf das Problem, warum eigentlich so viel Leid in

der Welt ist. Aber ohne daß wir darauf jetzt eine Antwort suchen

wollen, sollte festgehalten werden, daß auch der Behinderte nicht ein Geschöpf ist, das es eigentlich nicht geben sollte. Er hat gerade in seiner Behinderung seinen eigenen Wert. Und der Christus,

der sich die Dornenkrone aufsetzen läßt und von sich sagt, ein

Wurm bin ich und kein Mensch, hat sich auch in die Schar der

Behinderten hineingestellt, die eine Botschaft für die Menschheit haben. Sie können in besonderer Weise als Leidende, unsere Liebe

Fordernde und in Liebe Zurückschenkende auch eine besondere

Sendung haben – wenn wir nur wach dafür werden.

Es gibt genügend Gründe, den Menschen ah eine Krone der Schöpfung zu bezeichnen. Wir haben 19.000 Sprachen erfunden. Wir singen Opern und spielen Instrumente, die wir selbst gebaut haben. Wir durchmessen riesige Weiten – andererseits zeigt diese Krone der Schöpfung sich oft genug als blutrünstiges Geschöpf, 110

 

das sein eigenes Zuhause immer wieder in ein riesiges Schlacht-haus verwandelt. Und kaum ist ein Leid zu Ende, wird das nächste angerichtet. Kaum hat man einen Krieg überlebt, wird der nächste schon vorbereitet. Und diejenigen, die gestern selbst Opfer waren, werden morgen schon zu Tätern.

Sie haben damit die ganze Spannung und auch das ganze Drama

des Menschseins angedeutet. Die Größe des Menschen ist ganz

unbestreitbar. Dieses winzige Geschöpf, das biologisch ja unter die armseligeren Geschöpfe gehört und verminderte Sinnesaktivitäten

hat (auch hier wieder das Große im Geringen), hat Fähigkeiten

entfaltet, die ihm das All erschließen. Der Mensch kann mit seinem Auge ins All hineinschauen und vom All heraus wiederum die

Einzelheiten seines Lebens betrachten. Er ist damit gleichsam in die Brunnenstuben des Seins vorgedrungen, so daß er selber versuchen

kann, es entweder umzumontieren oder es sinnvoll zu nutzen und

fortzuentwickeln.

Ich glaube, die Größe des Menschseins ist uns heute sichtbarer

als je zuvor – und natürlich auch der mögliche Absturz. Denn

je größer das Geschöpf ist, desto gefährdeter ist es auch. Und je größer seine Möglichkeiten, seine Kräfte und sein Können sind,

desto größer sind auch die Gefährdungen, die davon ausgehen

können. Eine Mücke kann das anrichten, was in ihr drinnen ist,

nicht mehr und nicht weniger. Der Mensch aber hält mit der

Menschheit die ganzen Kapazitäten in Händen, die insgesamt im

Menschen verborgen sind. Er kann damit letztlich auch Weisen der

Zerstörung entfalten, die kein anderes Lebewesen in sich trüge.

Das ist diese innere Paradoxie des Menschseins. Er ist zum Größten berufen, aber seine Freiheit kann den anderen Versuch, Größe

gegen Gott haben zu wollen und zu einem Gegengott zu werden, zu einer wirklichen Bedrohung werden lassen. Sie kann sein Absturz sein, so daß er zu einem zerstörerischen Dämon wird.

Manchmal möchten wir zu Gott am liebsten sagen: Hättest Du

111

 

den Menschen doch weniger groß gemacht, dann wäre er auch

weniger gefährlich. Hättest Du ihm die Freiheit nicht gegeben,

dann könnte er nicht so weit abstürzen. Und doch wagen wir es

dann letztlich nicht zu sagen, weil wir auch dankbar sein müssen, daß Gott die Größe geschaffen hat. Und wenn er das Risiko der

Freiheit des Menschen und damit aller ihrer Abstürze auf sich

nimmt, dann können wir zwar schaudern vor dem, was dabei

geschehen kann, und müssen versuchen, alle positiven Kräfte zu

mobilisieren, aber wir müssen auch das Grundvertrauen, das Gott

in den Menschen hat, mitteilen. Und nur im Festhalten an diesem

Grundvertrauen können wir uns auch den Gefährdungen des

Menschen entgegensetzen und sie ertragen.

Als Gott die Erde schuf, schuf er sie als Teil eines Sonnensystems, das wiederum zu einem Milchstraßensystem von einhundert Millionen Sternen in einem Meer von ähnlichen Galaxien gehört, die im Weltraum herumtreiben. Das uns nächstgelegene System

schwebt zwei Millionen Lichtjahre von uns entfernt im Raum. Ist es denn so unvorstellbar, daß außerhalb unserer winzigen kleinen Welt, in diesem unfaßbaren Universum, nicht auch irgendwo anders Geschöpfe Gottes und vielleicht sogar dem Menschen ähnliche Wesen existieren?

Der Gedanke, daß wir in diesem unermeßlichen Meer von Gestir-nen nicht allein sein können, liegt irgendwie nahe. Wir können diese Vorstellung auch nicht absolut ausschließen, weil wir die

ganze Weite von Gottes Gedanken und Schöpfung nicht kennen.

Tatsache ist allerdings, daß bisher alle Versuche, so etwas ausfindig zu machen, gescheitert sind. Eine wissenschaftlich sehr begründete Meinung geht inzwischen dahin, daß außerirdisches Leben in hohem Maße unwahrscheinlich sei. Jacques Monod etwa, der

ja nun wirklich kein Christ gewesen ist, meint, daß nach allem,

was wir naturwissenschaftlich über die Welt erkennen können, die

112

 

Wahrscheinlichkeit außerirdischer Wesen so minimal ist, daß sie

schon an Unmöglichkeit grenzt.

Was wir sagen können ist lediglich: Wir wissen es nicht. Aber

bisher gibt es keine ernsthaften Anhalte dafür, daß anderswo

solche Wesen existieren.

Auf jeden Fall dagegen wissen wir, daß Gott den Menschen auf diesem Staubkorn Erde so wichtig genommen hat, daß er selber hier gelebt und sich ewig an diese Erde gebunden hat. Dem entspricht

schließlich auch das Muster göttlichen Handelns, das wir kennen.

Gott hebt immer gerade das scheinbar Unwichtige auf und zeigt

sich dem Menschen in dem, was scheinbar nur Staubkorn ist, oder,

wie in Nazaret, einem Ort, der quasi nicht existiert. Damit stellt Gott unsere Maßstäbe immer wieder richtig. Es zeigt, daß die

Unermeßlichkeit des Quantitativen eine ganz andere Größenordnung ist als die Unermeßlichkeit des Herzens, wie Pascal es schon gesagt hat. Das Quantitative hat seine unbestreitbare Größe, aber es ist auch wichtig, dieses Quantitative, etwa diese unendliche

Weite des Universums, zu relativieren. Schon ein einziges, verstehendes und liebendes Herz hat eine andere unmeßbare Größe. Es entspricht einer ganz anderen Ordnung als alles Quantitative in

seiner gewaltigen Macht, aber es ist nicht minder groß.

Würde es denn in der Offenbarung stehen, wenn wir Verwandte

hätten im All?

Nicht notwendig, weil Gott uns ja nicht alles erzählen wollte, was es gibt. Die Offenbarung war nicht dazu da, uns ein lückenloses

Wissen über Gottes Ideen und über das Weltall zu geben. Eines

der Weisheits-Bücher, das die Väter viel zitiert haben, sagt darüber einmal: Gott hat die Welt unserer Disputation übergeben. Das

Wissen der Wissenschaft ist sozusagen das Abenteuer, das er uns selber überlassen hat. In der Offenbarung dagegen sagt er von sich aus nur das, was zum Leben und Sterben wesentlich ist.

113

 

Die christliche Lehre hat die Welt in zwei Bereiche eingeteilt, in eine sichtbare und in eine unsichtbare Welt. Sie spricht von »oben«

und »unten«. Was ist damit gemeint?

Oben und unten ist natürlich eine bildhafte Verstehenshilfe, die

sich aus unserer eigenen Lebensanschauung erschließt. Dieser Symbolismus kann freilich auch zu einer naiven Anschauung werden, zu einem Physizismus, mit dem man dann das Wesentliche verfehlt.

Aber als ein Urbild, das aus sich selber spricht, bleibt es wertvoll.

Es lehrt uns unterscheiden, daß es Tiefen und Höhen gibt, daß es

Stufen des Seins gibt, das Größere und das Geringere, daß es die

eigentliche Höhe, den lebendigen Gott gibt.

Auch die Unterscheidung zwischen sichtbar und unsichtbar erfahren wir ganz konkret. Es gibt eben Kräfte, die wir nicht sehen können und die dennoch ganz real sind. Nehmen wir vor allem

die eigentlichen Dinge, die Dinge des Geistes und des Herzens.

Ich kann zwar im Auge eines Menschen, in seinem Ausdruck und

in anderem etwas von seinem Inneren sehen, aber nur als einen

Reflex, der tiefer liegt. So gesehen leuchtet auch durch die materiellen Dinge das Unsichtbare – ein Stück weit durch, so daß wir des Unsichtbaren gewiß werden und wir auf dieses Unsichtbare

hin in Bewegung gebracht werden. Jedenfalls deutet sich uns in

den Kräften, die nicht zu sehen und die doch in ihrer Wirkung zu

spüren sind, an, daß die Welt tiefer reicht als das sinnliche Auge und die sinnlichen Phänomene es erfassen können.

In Verbindung mit »oben« und »unten«, mit »Sichtbarem« und

»Unsichtbarem« erscheinen im Alten Testament geheimnisvolle

Gestalten. Sie treten als Gottes Boten oder als »Engel des Herrn«

auf. Drei dieser Engel, die Erzengel, werden in der Bibel sogar mit Namen genannt. Da ist Michael (der Name bedeutet übersetzt »Wer ist wie Gott?«); dann Rafael (»Gott hat geheilt«) und Gabriel (»Gott hat sie stark gemacht«). In der Schule konnten wir 114

 

früher lernen, Engel seien reine Geister, ausgestattet mit Verstand und Willen. Stimmt das noch?

Ja, das stimmt nach wie vor. Die Schrift sagt uns dies, und irgendwie gibt es auch ein Urwissen des Menschen, daß wir nicht die einzigen geistigen Geschöpfe sind. Gott hat die Welt auch angefüllt mit anderen Geistwesen, die uns nahe sind, weil seine ganze Welt

letztlich doch eine einzige ist. Sie sind auch Ausdruck seiner Fülle, seiner Größe und seiner Güte. In diesem Sinne gehören die Engel

tatsächlich zum christlichen Weltbild, zu der Weite der Schöpfung Gottes, die sich auch in anderen, in nicht-materialisierten Geistge-schöpfen darstellt. Sie sind damit auch eine unmittelbare lebendige Umgebung Gottes, in die wir hineingezogen werden sollen.

Im Reich der Engel gibt es nach kirchlicher Lehre nicht nur Erzengel und Kerubim und Serafim und ganz gewöhnliche Engel, sondern auch die Schutzengel. Kaum zu glauben, daß jeder Mensch wirklich einen eigenen Schutzengel hat, mit dem er sogar zusam-menarbeiten kann.

Das ist ein Glaube, der sich in der Kirche gebildet hat und der sehr gut begründet ist. Niemand ist verpflichtet, daran zu glauben. Es hat nicht den Gewißheitsgrad wie etwa die Aussage über Christus

oder über Maria. Aber es gehört zu den inneren Überzeugungen,

die in der christlichen Erfahrung gewachsen sind, daß mir Gott

irgendwie einen Begleiter an die Seite stellt, der mir in einer besonderen Weise zugewiesen ist und dem ich zugewiesen bin. Sicher, nicht jedem Menschen wird es im gleichen Maße naheliegen, sich

damit innerlich vertraut zu machen.

Kennen sie Ihren Schutzengel persönlich?

Nein. Ich selber fühle mich so direkt auf Gott bezogen, daß ich

zwar dankbar bin, zu glauben, daß es den Schutzengel gibt, aber

115

 

mich direkt mit Gott selber austausche. Das ist nach Temperamenten verschieden. Anderen Menschen ist es gegeben, und für sie ist es eine sehr tröstende Gewißheit. Nur ist dann wichtig, daß man

nicht dabei halt macht, sondern daß man sich davon wirklich zu

Gott hinführen läßt, und daß die eigentliche Beziehungsrichtung

immer Gott selber bleibt.

Das sogenannte Böse

Der Mythos besagt, daß die Geister des Himmels ursprünglich

im Glanze der Gnade und Herrlichkeit waren. Sie durften Gott

anschauen und anbeten und waren vollkommen glücklich. Einer

dieser Engel an der Seite Gottes allerdings, Luzifer, erlag der Versuchung des Hochmutes und lehnte sich gegen den Herrn

auf. Er und seine Gefährten mußten dafür mit dem Höllensturz

büßen.

Über das Phänomen des Bösen, das der biblische Mythos zu er-klären versucht, wird bis heute gestritten. Mittlerweile befassen sich Wissenschaftler mit einer zu beobachtenden »Vermehrung an empirisch meßbarer Grausamkeit und unverständlicher Bosheit«

unter den Menschen. »Ich stoße also auf das Gesetz«, beschrieb bereits der hl. Paulus, »daß in mir das Böse vorhanden ist, obwohl ich das Gute tun will.« Und es heißt, Luther habe das Böse, den Satan, sogar leibhaftig gesehen und ihm ein Tintenfaß an den Kopf geworfen. Die Grundfrage bleibt: Warum sollte Gott Satan

geschaffen haben? Warum sollte der Himmelskönig sich selbst

einen Gegner erschaffen?

Die Geschichte vom Engelsturz ist als solche in der Bibel nicht

direkt erzählt, sondern aus verschiedenen Texten heraus im Laufe

der Zeit entwickelt worden. Wohl aber treten in der Bibel böse

Geister auf. Weniger am Anfang, erst allmählich verstärkt sich

116

 

die Deutlichkeit, daß es nicht nur die guten Engel, sondern auch

Geistwesen gibt, die böse sind und die in die Welt und in den

Menschen hereinwirken, ihn gefährden und ihn sozusagen mit

hinunterziehen wollen.

Keinesfalls aber kann man sagen, daß Gott Satan geschaffen hat.

Die Geschichte vom Sturz Luzifers, die im christlichen Bewußtsein allmählich gewachsen ist, will ja gerade aussagen, daß solche bösen Geistmächte – die in der Umgebung Jesu bei den Teufels-austreibungen ganz sichtbar vorkommen – nicht als solche von Gott geschaffen sind. Gott hat nur das Gute geschaffen. Und das

Böse ist nicht eine selbständige Wesenheit, sondern immer nur als Negation an einem eigentlich guten Wesen überhaupt denkbar.

Nur daran kann es sich festhalten, weil die bloße Negation nicht

existieren könnte.

Wie sieht die Versuchung denn aus?

Noch einmal: Gott hat keinen Gott des Bösen erschaffen, er hat

sich keinen Gegengott an die Seite gestellt. Was er erschaffen hat, ist die Freiheit und der Umstand, daß unsere Einsichtsfähigkeit

dieser Freiheit oft nicht standhält.

Die Wahrnehmung böser Geistmächte wird in der Bibel dahingehend erklärt, es handle sich um kreatürliche Mächte, die uns auch den Spiegel vorhalten. In ihnen können wir gewissermaßen ein

Muster dafür erkennen, wie die Gefährdung der Freiheit aussieht.

Diese Gefährdung wiederum läuft dabei immer auf folgendes hinaus: Je größer ein Wesen ist, desto mehr Autarkie will es besitzen.

Es will immer weniger abhängig und umsomehr selbst eine Art

Gott sein, der niemandes anderen bedarf. Hier entsteht dieser

Wille zur Unbedürftigkeit, den wir Hochmut nennen.

Im geistigen Wesen steckt immer eine Versuchung. Sie besteht in

einer Art Verkehrung, daß man nämlich die Liebe als Abhängigkeit ansieht und nicht mehr als das Geschenk, das mich überhaupt 117

 

erst lebend macht. Daß man diese Beziehung nicht mehr als Leben

stiftend betrachtet, sondern als Begrenzung der eigenen Unabhängigkeit.

Kann man das Böse irgendwie erkennen?

Ich würde sagen, niemand kann den Teufel beweisen. Aber die

Wahrnehmung, daß es über die menschliche Bosheit hinaus Verstörungen und Störungen in der Schöpfung gibt, eine Art Macht des Neides, die uns mitreißt und herunterreißen will, die ist da und wird uns von der Bibel und vom christlichen Glauben in dieser

Weise erklärt. Dabei darf allerdings nie die Vorstellung vom Teufel als einem Gegengott aufsteigen, der Gott die Stirn bieten und ihn zum Kampf herausfordern könnte. Am Ende hat die Negation

keine Macht. Das Böse ist zwar eine ständige Gefährdung und

Versuchung, aber es ist am Ende kein ebenbürtiger Widerpart

Gottes. Wir müssen immer wissen, daß nur Gott Gott ist, und

daß daher derjenige, der auf ihn baut, sich vor den satanischen

Mächten nicht zu fürchten braucht.

Was ist mit Hitler? War er, wie manche meinen, ein »leibhaftiger Satan«? Sartre sagte einmal: »Der Teufel, das ist Hitler, das ist Nazideutschland.« Und die jüdische Philosophin Hannah Arendt

sprach in bezug auf die Greueltaten des Faschismus das berühmte Wort von der »Banalität des Bösen«.

Daß ein Mensch, der aus dem Untersten aufgestiegen war – er

hatte ja als Nichtstuer herumgelebt und eigentlich auch keine

Bildung empfangen – , ein Jahrhundert in Bewegung setzen kann,

daß er mit einer dämonischen Klarsicht politische Entscheidungen

treffen und Menschen sich hörig machen konnte, auch gebildete

Menschen, ist unheimlich.

Hitler war einerseits eine dämonische Gestalt. Man braucht nur

die Geschichte der deutschen Generäle zu lesen, die sich immer

118

 

wieder vornahmen, ihm einmal ihre Meinung ins Gesicht zu sagen,

und dann wiederum so von seiner Faszination überwältigt waren,

daß sie es nicht wagten. Wenn man ihn dann aus der Nähe sieht,

ist dieser gleiche Mensch, dem eine dämonische Faszination eignete, wirklich ein ganz banaler Strolch. Und daß sich schließlich gerade in der Banalität die Macht des Bösen ansiedelt, zeigt auch etwas von der Physiognomie des Bösen: je größer es wird, desto

erbärmlicher wird es, desto weniger wirkliche Größe trägt es in

sich.

Hitler hatte gleichsam auch dämonisch Situationen vorhergesehen.

Ich habe zum Beispiel einen Bericht gelesen, wie der Besuch des

Duce in Berlin vorbereitet wurde. Die einzelnen damit Beauftrag-ten machten ihre Vorschläge, und nach langer Zeit sagte er dann: »Nein, das ist alles nichts. Ich sehe, wie es gehen muß.« Und in

einer Art Ekstase trägt er das vor, und so wurde es dann auch

gemacht. Das heißt also, irgendwie ist da eine dämonische Übermächtigung, die das Banale groß macht – und das Große wieder banal – und vor allen Dingen gefährlich und zerstörerisch.

Sicher kann man nicht sagen, daß Hitler der Teufel war; er war

ein Mensch. Es gibt aber glaubwürdige Berichte von Augenzeugen, die darauf deuten lassen, daß er eine Art von dämonischen Begegnungen hatte, daß er zitternd sagte: »Er war wieder da«

und dergleichen. Wir können das nicht durchforschen. Daß er

allerdings irgendwie in einer tiefen Weise in den Bereich des Dämonischen hineingehalten war, das, glaube ich, kann man in der

Art sehen, wie er Macht auszuüben vermochte, welchen Terror,

welches Unheil seine Macht angerichtet hat.

Ist es denn so ausgeschlossen, daß es nicht auch eine Abgründigkeit in Gott selbst geben könnte? Eine dunkle Seite? Nach dem menschlichen Motto »zwei Seelen schlummern, ach, in meiner

Brust«?

119

 

Diese Frage ist natürlich in der Religionsgeschichte immer wieder aufgetaucht, auch in den sogenannten gnostischen Strömungen

in der Geschichte des Christentums. Carl Gustav Jung hat sie auf

seine Weise erneuert, und gemeint, ob nicht das Letzte dann doch

auch wieder zweiseitig sein muß. Und weiter: Ist dieser Gott nicht zugleich vielleicht auch ein Dämon? Hat das Böse nicht in ihm

selber schon seinen Ursprung? Denn wenn das Böse existent ist,

ist es dann nicht auch etwas von ihm Kommendes?

Dieser Frage, in der die Welt wirklich unheimlich wird, weil Gott unheimlich wird, hat Christus sozusagen den Wind aus den Segeln

genommen. Und zwar, indem er selber für uns stirbt und damit

die Abgründigkeit der Liebe Gottes zeigt. »Es ist kein Dunkel in ihm« (d. h. in Gott), kann von daher der Jakobus-Brief sagen, das Dunkel kommt von anderswo her, auf Gott hingegen können wir

uns ganz verlassen; das Dämonische, das Böse hat keine Verankerung in ihm und deswegen wird das Endgültige, wenn Gott alles im allem sein wird, wirklich die Befreiung von der Bedrängnis des Bösen sein.

Natürlich steht damit zugleich die Frage auf, woher kommt dann

das Böse, wenn es keinen Ursprung in Gott hat? Wie kann es

dann überhaupt existieren? Ist er dann, wenn das Böse ohne ihn

kam, überhaupt der Schöpfer von allem? Hier stehen wir wieder

vor einem abgründigen Problem. Die christliche und biblische

Antwort lautet: Es kommt aus der Freiheit.

Insofern ist das Böse keine neue Kreatur, etwas Selbstwirkliches, das in sich dastünde, sondern es ist in seinem Wesen Negation,

ein Zerfressen der Kreatur. Es ist nicht ein Sein – denn Sein kann tatsächlich nur von der Quelle des Seins kommen – , sondern ein

Nein. Daß das Nein so mächtig sein kann, muß uns schockieren.

Aber es ist, glaube ich, doch auch tröstlich, zu wissen, daß das

Böse keine eigene Kreatur, sondern so etwas wie eine Schmarotzer-pflanze ist. Es lebt davon, daß es das andere ausnimmt, und am Schluß bringt es sich dabei genauso selber um, wie die Schmarot-zerpflanze es tut, wenn sie Herr wird und ihren Wirt umbringt.

120

 

Das Böse ist nicht etwas Eigenes, Seiendes, sondern es ist die Negation. Und wo ich mich ins Böse hineinbegebe, verlasse ich den Raum der positiven Seins-Entfaltung zugunsten des Schmarotzer-zustandes des Seins-Zerfressens und der Seins-Verneinung.

Himmel und Hölle

Zu einem der wichtigsten Bestandteile des Glaubens, die uns

allerdings immer fremder und suspekter geworden sind, gehört

die Vorstellung von Himmel und Hölle und sogar von einem

Fegefeuer.

Das heißt, mit dem Tod ist es nicht aus. Das ist die Grundgewißheit, von der der christliche Glaube ausgeht. Sie ist im übrigen, in unterschiedlichen Formen, der ganzen Menschheit gemeinsam.

Irgendwie weiß der Mensch: da gibt’s noch mehr, da ist noch was.

Das bedeutet, daß wir eine Verantwortung Gott gegenüber haben,

daß es ein Gericht gibt, und daß menschliches Leben entweder

recht werden oder aber auch scheitern kann.

Was das Rechtwerden angeht, auf das wir trotz all unseres Versagens alle hoffen, so spielt hier das Fegefeuer eine wichtige Rolle.

Es wird wenig Menschen geben, deren Leben rundum rein und

erfüllt ist. Und es wird hoffentlich auch wenig Menschen geben,

deren Leben zu einem unheilbaren, totalen Nein geworden ist.

Meistens ist irgendwo trotz vielen Versagens die Sehnsucht nach

dem Guten bestimmend geblieben. Gott kann die Scherben auffangen und etwas daraus machen. Wir brauchen allerdings eine gewisse letzte Reinigung, ein Fegefeuer eben, indem uns der Anblick Christi sozusagen noch mal richtig freibrennt, und erst in diesem reinigenden Blick sind wir quasi gottfähig und können

dann zu Hause sein bei ihm.

Klingt provozierend altmodisch.

121

 

Ich glaube, daß das etwas sehr Menschliches ist. Ich würde sogar

sagen, wenn es das Fegefeuer nicht gäbe, müßte man es erfinden,

denn wer würde schon von sich anzunehmen wagen, daß er direkt

vor Gott hintreten kann. Und doch wollen wir auch nicht, um mit

einem Bild der Schrift zu sprechen, »mißglücktes Töpferwerk«

sein, das man wegwerfen muß, sondern heilbar sein. Fegefeuer

bedeutet im Grunde, daß Gott die Scherben zusammenfügt. Daß

er uns so reinigen kann, daß wir schließlich bei ihm sein und im

erfüllten Leben stehen können.

Und was machen die Buddhisten im Jenseits, oder die Protestanten? In einem altbairischen Volksstück wird gesagt, es gäbe sogar einen eigenen Himmel für Preußen, denn sonst wäre ja der Himmel der Bayern kein Paradies mehr.

Ich würde sagen, sehr menschlich betrachtet besteht das Fegefeuer ja auch darin, diese Partikularismen zu überwinden. Hier wird

von jedem das Unerträgliche und das, was er nicht ertragen kann,

herausgereinigt, so daß dann in jedem der reine Kern zum Vorschein kommt und wir merken, daß wir wirklich alle zu einer großen, gemeinsamen Symphonie gehören.

Und was die Buddhisten angeht, so wollen sie ja, weil alles, was ist, im Grunde Leiden ist, aus diesem leidvollen Rad der Vergänglichkeit heraustreten ins reine Nichts, das aber dann doch irgendwie nicht das pure Nichts ist. Insofern ist auch hier – in einer ganz anderen Vorstellungsweise – so etwas wie eine Hoffnung auf das

endgültig richtige Sein vorhanden.

Mit den protestantischen Freunden teilen wir den Glauben, daß

es Himmel und Hölle gibt. Daß sie das Fegefeuer nicht annehmen

können, hat Gründe unter anderem in der Rechtfertigungslehre.

Und vielleicht sollte man auch gar nicht so viel darüber streiten.

Im Grunde sind wir doch alle froh, daß wir wissen, Gott selber

bringt noch zurecht, was wir nicht zurechtbringen konnten.

122

 

Offenbar hat auch das Gebet für die Verstorbenen hier seinen

Grund.

Es ist ein Urdrang des Menschen, daß er für die Verstorbenen noch etwas tun und daß er nachträgliche Liebesakte setzen möchte, vor

allem wenn er merkt, daß er ihnen vorher etwas schuldig geblieben ist. Wir glauben, es müßte über diese Schwelle hinüber noch die

Möglichkeit geben, sozusagen ein Paket nachzuschicken, eine

Geste zu geben. Wenn es aber nur Himmel und Hölle gibt, dann

wird das ja sinnlos.

Insofern liegt schon in dem Gebet für die Verstorbenen ein tiefes Wissen darüber, daß wir noch etwas Gutes für sie tun können.

Und ich glaube, gerade dieser so menschliche Aspekt zeigt, was

mit dem Fegefeuer gemeint ist. Die Verstorbenen sind noch in

einem Zustand, in dem ihnen unsere Gebete helfen können.

Augustinus unterschied einmal »Erstschöpfung« (creatio prima)

und »fortdauernde Schöpfung« (creatio continua). Die Kirche

spricht vom großen »Heilsplan Gottes«. Ist damit gemeint, daß

Gott nach wie vor, um im Bild zu bleiben, an seinem Buch sitzt und die Geschichte des Lebens weiterschreibt, Kapitel für Kapitel?

Jedenfalls sagt auch Christus im Johannes-Evangelium einmal:

»Mein Vater hat gewirkt, und er wirkt noch immer.« Er verwendet

sogar das Wort »arbeiten«, weil er selber als Arbeiter angesprochen wird und sagt: Gott hat gearbeitet und arbeitet noch immer.

Es ist identisch mit dem, was wir unter dem Begriff »lebendiger

Gott« sehen können. Gott hat sich nicht zurückgezogen. In ihm

ist einerseits alles in einem Augenblick als Ganzes schon da – und doch ist es nie das lieblose Ablaufen eines Räderwerkes, sondern

immerfort lebendige Gegenwart. In diesem Sinne ist es wahr, daß

Gott immer in der Geschichte mit dabei ist. Sie schließt die Einzigkeit seiner Idee, seines Wortes, kurzum die volle Gegenwart Gottes in jeder Stufe ihrer Entfaltung mit ein.

123

 

Man könnte freilich auch auf den Gedanken kommen, daß der

Mensch nun selbst es ist, der die Schöpfung weiterschreibt. Denn wofür die Natur bislang Millionen von Jahren benötigte, das setzen heute Genforscher und Bio-Designer in neuen Lebensmitteln und neuen Lebewesen in einem Lidschlag der Geschichte zusammen.

Diese Montage der Gene stellt natürlich ein großes Problem dar.

Einerseits ist es eine Chance. Wir sind damit so weit in die Ur-struktur des Lebendigen vorgedrungen, daß wir ihren Code erkennen können, und die Gene daher mitbauen oder sogar umbauen können. Soweit es heilend und in Ehrfurcht vor der Schöpfung

geschieht, ist es gut. Soweit der Mensch nun aber glaubt, selber

ein Demiurg, ein Weltenmonteur zu werden, kann er gerade damit

zum Zerstörer werden.

Es ist wichtig, hier ganz deutlich festzuhalten: Die große Ehrfurcht vor dem, was unantastbar zu bleiben hat, muß zu einem Grundgesetz allen menschlichen Handelns werden. Wir müssen wissen, daß der Mensch nicht unseren Montageplänen unterworfen sein

kann und unterworfen sein darf. Wir müssen wissen, daß schon

der Beginn des Montierens zu einer Herrschaftsanmaßung über

die Welt werden kann, die zugleich ihre Zerstörung in sich trägt.

Der Mensch kann ja nichts erschaffen, er kann allenfalls etwas

zusammensetzen. Mit dieser Fähigkeit kann er dort, wo er demütig

und ehrfürchtig den Ideen dient, die in der Schöpfung da sind, ein Helfer und Hüter von Gottes Garten sein. Wo er aber sich selber

zum Macher aufwirft, da ist die Schöpfung bedroht.

Der Baum des Lebens

War schon der Griff nach den Früchten vom Baum der Erkenntnis ein wesensverändernder Frevel, so warnt der Schöpfer im Bericht 124

 

der Bibel ganz eindringlich vor einem weiteren, noch größeren, ja, eigentlich dem absoluten Tabu, nämlich dem Griff nach dem

Baum des Lebens .

In der Genesis heißt es, Gott habe östlich von Eden himmlische Wächter aufgestellt – die Kerubim mit ihren flammenden Schwer-tern – , um den Zugang zu diesem Baum bis zum Jüngsten Tag zu bewachen. »Ja, der Mensch ist jetzt wie einer von uns geworden«, spricht Gott im Text der Heiligen Schrift, »da er Gutes und Böses erkennt. Nun geht es darum, daß er nicht noch seine Hand aus-strecke, sich am Baume des Lebens vergreife, davon esse und ewig lebe!« Ist damit eine letzte Grenze eindeutig abgesteckt? Beginnt dahinter mit absoluter Sicherheit unsere eigene Vernichtung?

Diese großen Bilder der Genesis werden uns letztlich unausschöpf-bar bleiben und nie ganz ausgemessen sein. Sie verbergen über jede Erkenntnis hinaus immer noch weitere Dimensionen.

Zunächst möchte ich die klassische Sicht dieses Bildes zeigen, wie sie bei den Vätern des Glaubens entwickelt wurde. Die Kirchenlehrer verweisen darauf, daß der Mensch vom Lebensbaum erst ausgeschlossen wird, nachdem er durch das Essen vom Erkenntnis-baum sich in eine ihm unangemessene Stellung hineinmanövriert hat. Er hat sich etwas herausgerissen, was ihm, wenn er es sich

eigenmächtig aneignet, nur zum Verhängnis werden kann. Als

Antwort auf diese neue Situation sagt Gott, der Mensch darf jetzt nicht auch noch nach dem Lebensbaum greifen, denn in diesem

Zustand unsterblich zu sein, wäre in der Tat Verdammnis.

Insofern ist das Ausschließen vom Lebensbaum, das mit dem

Todesgeschick verbunden ist, eine Gnade. Wenn wir in der Form,

in der wir jetzt leben, ewig leben müßten, wäre es wahrhaftig

kein erstrebenswerter Zustand. In einem Leben, das durch so viel

Verwirrnis gekennzeichnet ist, ist der Tod zwar immer noch ein

Widerspruch und im einzelnen immer ein tragisches Geschehen –

und doch auch eine Gnade, weil ansonsten aus dieser Art Leben

Ewigkeit und die Welt vollends unbewohnbar würde.

125

 

Muß die Botschaft dieses Bildes heute nicht noch ernster genommen werden als je zuvor?

Natürlich kann man in solchen Bildern auch viel tiefer gehen.

Wenn wir jetzt sehen, wie Menschen mit der Verfügung über den

genetischen Code anfangen, sich wirklich vom Lebensbaum zu

nehmen und sich selber zu Herren über Leben und Tod zu machen,

das Leben neu zu montieren, dann allerdings geschieht genau das,

wovor der Mensch eigentlich bewahrt werden soll: er überschreitet eine letzte Grenze.

Mit dieser Manipulation macht der Mensch den anderen Menschen zu seinem Geschöpf. Der Mensch entsteht dann nicht mehr aus dem Geheimnis der Liebe heraus, über den letztlich ja doch

geheimnisvollen Vorgang der Lebenszeugung und der Geburt, sondern er entsteht industriell als Produkt. Er ist von anderen Menschen gemacht. Er ist damit entwürdigt und seines eigentlichen Schöpfungsglanzes beraubt.

Wir wissen nicht, was in diesem Bereich in Zukunft alles geschehen wird, aber davon können wir überzeugt sein: Gott wird einem letzten Frevel, einer letzten frevlerischen Selbstzerstörung des Menschen entgegentreten. Er wird der Erniedrigung des Menschen durch die Züchtung von Sklavenmenschen entgegentreten.

Es gibt letzte Grenzen, die wir nicht überschreiten können, ohne

zu Zerstörern der Schöpfung selbst zu werden, ohne damit über

den ersten Sündenfall und seine negativen Folgen weit hinaus zu

gehen.

Die Frage der Manipulation menschlichen Lebens ist akut geworden.

Hier gilt unumstößlich: Das Leben des Menschen muß unverfügbar bleiben. Es muß hier eine Grenze unseres Machens, Könnens und Dürfens und des Experimentierens aufgerichtet bleiben. Der

126

 

Mensch ist nicht eine Sache für uns, sondern jeder einzelne Mensch repräsentiert Gottes eigene Gegenwart in der Welt.

Manchmal scheint es, als hätten wir diese Grenze nicht erst noch vor uns, sondern als hätten wir sie bereits überschritten. Mit der Gentechnik ist ein neues Werkzeug entstanden, das erstmals das gesamte Erbmaterial auf diesem Planeten zur Disposition stellt.

Längst wurde damit begonnen, das Leben zu verändern. Schon

leben Zigtausende, wahrscheinlich Hunderttausende von Menschen, deren Biographie absolut nicht mehr mit dem bisherigen Zeugungsakt verbunden ist, sondern die als Eizelle und Samen

außerhalb des Mutterleibes ihr Leben begonnen haben. Es gibt

Kinder, die haben in ihrer Biographie drei Mütter: eine, von der die Eizelle stammt, eine, die den Embryo ausgetragen hat, und ei-ne, die ihn aufziehen will. Manche Kinder haben Väter, die bereits Jahre vor der Geburt gestorben sind.

Ob nun das Kind nach Wunsch, hergestellt nach Geschlecht, Au-genfarbe, Größe und Gewicht, oder die Verlängerung des Lebens in einem anderen Körper – vieles wird in Zukunft möglich sein.

Als eine Gruppe von Wissenschaftlern Ende 1999 erstmals eines

von den 24 Chromosomen des Menschen komplett entschlüsselt

hatte (eins von den kleineren Chromosomen, aber immerhin ein

Speicher mit rund 30 Millionen Erbinformationen), sagte eine Be-teiligte dem Reporter: Na ja, es war schon eine »höllische Arbeit«.

Könnte es sein, daß die Forscherin damit recht behält?

Ja, leider kann das sein. Wir müssen zunächst allerdings unterscheiden zwischen dem, was Menschen gemacht haben, und dem, was Menschen sind. Wer immer auch auf solche Weise ins Menschsein gekommen ist, ist ein Mensch und von uns als solcher zu lieben und anzuerkennen. Daß wir diese Weise der Hervorbrin-gung von Menschen ablehnen müssen, darf nicht zur Folge haben, daß Menschen, die so ins Leben gebracht worden sind, stigmati-127

 

siert werden. Wir erkennen in ihnen trotzdem das Geheimnis des

Menschseins und empfangen sie als solche – das ist, glaube ich,

sehr wichtig.

Mit dem, was Sie geschildert haben, ist in der Tat eine verhäng-nisvolle Bahn beschritten. Die katholische Kirche hat von Anfang an vor dieser Montage des Menschseins gewarnt. Diese Produktion bot sich zunächst in scheinbar ganz unschuldigen Formen dar, wie ja vieles zunächst immer unschuldig anfängt. Zuerst ging es um Hilfe für kinderlose Ehepaare. Hier ist das Problem auch

noch relativ gering, wenn es wirklich Ehepaare sind, die guten

Willens sind und die auf diese Weise ihr Kind empfangen können.

Dennoch wird auch hier bereits eine schiefe Ebene beschritten,

wenn man glaubt, ein Kind unter allen Umständen ertrotzen zu

können, es als ein Recht zu betrachten. Auf diese Weise wird das

Kind zu einer reinen Habe. Es kommt nicht mehr aus der Freiheit

des Schöpfers, die sich auch in der Unberechenbarkeit der Freiheit der Natur darstellt.

Ich denke, es besteht heute generell die große Gefahr, das Kind

als ein Recht, als eine Habe zu sehen. In ihr wollen sich die Eltern nicht nur selbst darstellen, sondern auch das, was ihnen in der

eigenen Biographie noch nicht gelungen ist, verwirklichen – um

sich damit gleichsam selbst zu wiederholen und zu bestätigen. Hier entsteht notwendig die Rebellion gegen die Eltern. Diese Rebellion verteidigt den Anspruch auf das Selbersein, darauf in einer eigenen Rechtssphäre zu stehen.

Jeder Mensch kommt selbst aus Gottes Freiheit und steht mit eigenem Recht in ihr. Die Erziehung durch die Eltern muß Führung zum Eigenen sein, und nicht Beanspruchung für sich selbst, das

ist der wahre Kern an den antiautoritären Programmen. Falsch

ist es allerdings, Erziehung überhaupt zu verwerfen, mit der Be-gründung, damit würde quasi die Freiheit schon manipuliert. Die Freiheit braucht die Starthilfe, braucht die Begleitung. Und eine wirklich verstehende Erziehung manipuliert nicht das Kind in

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mich hinein, sondern sucht danach, ihm seine eigene Gestalt zu

lassen und seinen eigenen Weg zu ermöglichen.

Noch einmal zur Montage des Menschen …

Wie gesagt, es beginnt harmlos, menschenfreundlich, aber wenn

man sich das Kind nicht mehr schenken läßt, sondern es sich

notfalls machen lassen will, ist bereits eine Schwelle überschritten. Anstelle eines Aktes der Liebe tritt der technische Akt, der ja bei der In-vitro-Fertilisation mit hinzugehört. Ab hier entstehen notwendigerweise Folgeprobleme. Zunächst stellt sich schon die Frage, was denn mit den sogenannten überzähligen Föten geschieht, also mit Wesen, die Menschen sind, aber von vorneherein als überzählige Produkte behandelt werden.

Die augenblickliche Praxis ist, sie in Massentötungen zu Tausenden zu vernichten.

Und so gibt es nach und nach vielerlei Folgen, die letztendlich die Beziehung zum Menschsein Schritt für Schritt weiter verändern.

Was noch alles geschehen wird, ab wann das dann zu welcher Art

von Katastrophe führt, wissen wir nicht. Gott sei Dank wissen

wir es nicht. Aber wir wissen, daß wir uns einer solchen Bemächtigung des Menschseins, es selber zu manipulieren und zu verfügen, entgegenstellen müssen. Es geht nicht darum, die Freiheit der

Wissenschaft oder die Möglichkeiten der Technik zu behindern,

sondern darum, die Freiheit Gottes und die Würde des Menschen

zu verteidigen, denn die steht hier auf dem Spiel. Wer diese Einsicht vor allem vom Glauben her gewonnen hat – aber es gibt auch genügend Nicht-Christen, die diese Einsicht haben – , hat auch

eine Verpflichtung, dafür einzustehen, daß diese Grenze gesehen

und als unüberschreitbar anerkannt wird.

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