1 Vom Menschen

Der Theologe Hans Urs von Balthasar – ein wunderbarer Na-me für einen Theologen – meinte, alle Dinge ließen sich doppelt betrachten, nämlich als Faktum und als Geheimnis . Als Faktum gesehen sei der Mensch ein Zufallsprodukt am Rande des Kosmos. Als Geheimnis gesehen aber sei er um seiner selbst willen von Gott erwünscht. Gehört das zum Grundverständnis, um dem

christlichen Welt-und Menschenbild überhaupt näherkommen zu

können?

Ja, das würde ich schon sagen. Zunächst nehmen wir ja einfach

Fakten wahr, das, was ist. Das gilt auch für die Geschichte, in

der im Grunde ja alles auch anders gewesen sein könnte. Mit den

bloßen Fakten freilich kann sich kein Mensch begnügen. Schon

deshalb nicht, weil wir selber zunächst auch ein bloßes Faktum

sind und dennoch auch wissen, daß wir mehr sein können und

sollen als bloß da sein durch einen Zufall.

Aus diesem Grunde ist es unerläßlich, hinter die pure Faktizität

zu schauen und zu erkennen, daß der Mensch nicht durch ein

Evolutionsspiel einfach hereingeworfen worden ist in die Welt.

Dahinter steht, daß jeder Mensch gewollt ist. Jeder Mensch ist

ein Gedanke von Gott. In all dem, was zunächst nun faktisch

dasteht, waltet ein Plan und eine Idee – und die macht dann auch

das Suchen nach meiner eigenen Idee und das Miteinander mit

dem Ganzen und dem Weg der Geschichte sinnvoll.

Jeder Mensch ist ein Gedanke von Gott? Was heißt das?

Ja, das ist die christliche Grundüberzeugung. Wenn die Heilige

Schrift die Schöpfung des Menschen bildhaft darstellt – mit Gott

dem Töpfer, der ihn formt und ihm den Geist einbläst – , so ist

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das archetypisch gedacht für jeden einzelnen. In den Psalmen sagt der Mensch von sich: DU hast mich ja mit Lehm gestaltet, DU

hast mir den Atem eingehaucht. Hierin wird dargestellt, daß jeder Mensch eine Direktheit zu Gott hat. Und jeder hat daher auch

eine sinnvolle Funktion im großen Gefüge der Weltgeschichte,

hat seinen Platz, der ihm gegeben ist, und durch den er etwas

Unersetzliches für das Ganze der Geschichte beitragen kann.

Der Atem Gottes

Die Erde war anfangs kahl und leer, Gott hatte es noch nicht

regnen lassen, heißt es in der Genesis. Nun bildete Gott den Menschen, und er nahm zu diesem Zwecke »Staub des Ackerbodens und blies in seine Nase den Lebensatem; so wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen«. Atem des Lebens – ist das die Antwort auf die Frage, woher wir kommen?

Ich glaube, hier haben wir ein ganz großes Bild und eine große

Deutung des Menschen. Der Mensch ist demnach der, der aus der

Erde und ihren Möglichkeiten herauskommt. In diese Darstellung

kann man insofern sogar so etwas wie Evolution mit hineinlesen.

Aber dabei bleibt es nicht. Es kommt da etwas hinzu, was nicht

einfach aus der Erde ist, und was nicht einfach weiterentwickelt

ist, sondern etwas, was vollkommen neu ist: und das ist der Atem

Gottes selbst.

Das Wesentliche an diesem Bild ist die Doppeltheit des Menschen.

Es zeigt sowohl seine Zugehörigkeit zum Kosmos, als auch seine

Direktheit zu Gott. Der christliche Glaube sagt, daß das, was hier über den ersten Menschen mitgeteilt wird, von jedem Menschen

gilt. Daß jeder einzelne Mensch einerseits biologisch entstanden ist, andererseits aber mehr ist als nur ein Produkt vorhandener Gene

und einer DNA, sondern etwas, was direkt von Gott herkommt.

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Der Mensch hat den Atem Gottes. Er ist gottfähig, er kann das

Materielle, das Geschaffene überschreiten. Er ist einmalig. Er steht in Gottes Augen und ist in einer besonderen Weise auf ihn zugeordnet. In ihm ist tatsächlich ein neuer Atem, das göttliche Element, in die Schöpfung hereingetragen. Dieses besondere Geschaffensein

von Gott zu sehen ist sehr wichtig, um die Einzigkeit und Würde

des Menschen und damit den Grund aller Menschenrechte zu

erkennen. Es gibt dem Menschen die Ehrfurcht vor sich selber

und vor dem anderen. In ihm ist Gottes Atem da. Er sieht, daß

er nicht nur eine Kombination von Bausteinen ist, sondern eine

persönliche Idee Gottes.

Der erste Mensch, dem Gott seinen Atem einhaucht, heißt Adam .

Der Name ist einerseits die hebräische Bezeichnung für Mensch, gleichzeitig ist er aber auch ein Wortspiel mit Adama , dem Ackerboden. Für diesen Menschen pflanzte der Herr, wie es heißt, einen Garten in Eden. Sagt dieses Symbolbild schon aus, wozu wir

bestimmt sind?

Es läßt uns jedenfalls eine Ahnung davon bekommen. Der Garten

ist das Bild für die heile Schöpfung und das geborgene Dasein.

Hier wird die Schöpfung nicht zerstört oder mißbraucht, sondern

gepflegt und gehütet – und vom Geist her weitergeformt. Dieses

Bild stellt alles in allem die Weite, die Heiterkeit und die Geborgenheit in der Schöpfung dar. Es sagt, daß Gott uns zugedacht hat, sowohl in der inneren Harmonie mit der Schöpfung zu leben,

als auch in jener Geborgenheit, die das Mitsein mit ihm darstellt.

Insofern sind diese zwei Bestimmungen, Hüter der Schöpfung zu

sein und zugleich im direkten Austausch mit Gott zu stehen, um

von ihm her die Schöpfung mittragen zu können, darin wirklich

angedeutet.

Die Genesis zeigt uns, daß die Schöpfung ein Prozeß ist. Alles geschieht Schritt für Schritt. »Es ist nicht gut«, hatte Gott in 73

 

diesem Prozeß eingesehen, »daß der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Hilfe machen als sein Gegenstück.« So bildete der Herr aus der Erde zunächst allerlei Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und brachte sie zum Menschen, um zu sehen, wie er sie

benennen würde.

Eine gute Gelegenheit eigentlich, um auch über die Tiere zu sprechen, unsere nächsten Begleiter. Adam gab jedem von ihnen einen Namen. Dürfen wir Tiere gebrauchen und sie sogar essen?

Das ist eine sehr ernste Frage. Jedenfalls sieht man, daß sie uns auch zur Hut gegeben sind, daß wir mit ihnen nicht beliebig umgehen dürfen. Auch die Tiere sind Geschöpfe Gottes, wenn auch nicht in der gleichen Direktheit wie der Mensch, aber doch Wesen, die er gewollt hat und die wir als Begleiter der Schöpfung und als wesentliche Elemente der Schöpfung respektieren müssen.

Es gibt bezüglich der Frage, ob man Tiere töten und essen darf,

eine merkwürdige Anordnung in der Heiligen Schrift. Wir können

nachlesen, daß zunächst nur von den Pflanzen als Nahrung des

Menschen die Rede ist. Erst nach der Sintflut, also dem neuen

Bruch zwischen Mensch und Gott, wird dem Menschen auch an-heimgestellt, Fleisch zu essen. Das heißt, es wird eine Ordnung hingestellt, die zweitrangig ist und die wiederum auch erst zweitrangig mitgeteilt wird. Immerhin sollten wir, auch wenn es einen schon verletzen muß, daß wir die Tiere in dieser Weise gebrauchen, auch wieder nicht zu einer Art von sektiererischem Tierkult voranschreiten.

Dem Menschen ist eben auch diese Möglichkeit gegeben. Er soll

dabei immer die Ehrfurcht vor diesen Geschöpfen bewahren, aber

doch auch wissen, daß ihm nicht versagt ist, von ihnen Nahrung

zu nehmen. Freilich, die Art von industrieller Verwendung, indem

man Gänse so züchtet, daß sie eine möglichst große Leber haben,

oder Hühner so kaserniert, daß sie zu Karikaturen von Tieren

werden, diese Degradierung des Lebendigen zur Ware scheint mir

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tatsächlich dem Zueinander von Mensch und Tier zu widersprechen, das durch die Bibel durchscheint.

Die Tierwelt selbst ist freilich eine Schöpfung mit erheblicher Grausamkeit. Jeder weiß, daß Schmusekätzchen im nächsten

Moment Artgenossen jagen, quälen und töten können. Nur der

kommt durch, der offensichtlich die größten Chancen hat, andere zu vernichten.

Es gehört in der Tat zu den Rätseln der Schöpfung, daß es ein

Gesetz der Grausamkeit zu geben scheint. Der katholische Schriftsteller Reinhold Schneider, der an sich zu Depressionen neigte, hat all das Schreckliche in der Natur und in der Tierwelt mit dem wirklich mikroskopischen Blick des Leidenden bloßgelegt. Er ließ

sich dadurch geradezu zu einer Verzweiflung an Gott und an der

Schöpfung hinreißen.

Die Kirche hat es in ihrem Glauben immer so gesehen, daß sich

auch in der Schöpfung die Verstörung des Sündenfalles auswirkt.

Die Schöpfung spiegelt nicht mehr den reinen Willen Gottes, das

Ganze ist irgendwie verzerrt. Wir stehen da vor Rätseln. Die Ge-fährdungen des Menschen jedenfalls sind bereits in der Tierwelt vorentworfen.

Von Männern und Frauen

Jetzt kommt in der Genesis der Augenblick, der die Welt vielleicht erst zur Menschenwelt macht. Das Prinzip des Gegenstückes wird entwickelt, und die Bibel kleidet diesen Akt in ein sehr schönes Bild: »Aber für den Menschen fand sich keine Hilfe als ein Gegenstück«, heißt es. Da ließ Gott einen Tiefschlaf auf den Menschen fallen, dann entnahm er ihm eine seiner Rippen und verschloß die Stelle mit Fleisch. Gott der Herr baute die Rippe zu einer Frau 75

 

aus und führte sie Adam zu. Da sprach der Mensch: »Das ist

nun endlich Bein von meinem Gebein und Fleisch von meinem

Fleisch.« Künftig werde ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und beide würden zu einem

Fleisch.

Adam, also wörtlich »der Mensch«, nannte seine Frau Eva . Eva bedeutet Leben, und so wurde Eva die Mutter alles Lebendigen.

Vielleicht haben die Männer diese Knochenspende bis heute nicht ganz verkraftet, in dieser Chiffre scheint jedenfalls ein großes Geheimnis zu stecken.

Auch dies ist eines der ganz großen Urbilder, die uns die Bibel

schenkt, damit wir durch sie hindurch Dinge ahnen können, die

man schwerlich auf den Begriff bringen kann. Zunächst einmal

ist darin die Seinsgleichheit von Mann und Frau ausgedrückt. Sie

sind ein Wesen und haben eine Menschenwürde. Jedenfalls ist hier bereits auf eine großartige Weise die Gleichheit der Würde

dargestellt. Der andere Punkt ist die Verwiesenheit aufeinander.

Sie zeigt sich in der Wunde, die in uns vorhanden ist und die uns zum andern hinführt.

Das Bild, das uns hier in der Schrift begegnet, geht in Variationen durch die ganze Religionsgeschichte hindurch. Auch Platon er-zählt den Mythos, daß der Mensch halbiert und daraus Mann und Frau geworden seien. Jeder ist so gesehen nur eine Hälfte – und

daher immer auf der Suche nach seiner anderen Hälfte. Die Übersetzung »Rippe« ist ja nicht sicher. Es ist hier vielleicht das gleiche Bild ausgesagt, daß der Mensch sich teilt und auf den andern hin

erschaffen ist. Der Mann auf die Frau, die Frau auf den Mann

hin. Sie sind auf der Suche zueinander, um darin ihre Ganzheit zu finden.

Und anders ist diese Ganzheit nicht zu haben?

Der Mensch ist in der Bedürftigkeit des anderen geschaffen, damit 76

 

er sich überschreite. Er bedarf der Ergänzung. Er ist nicht auf das Alleinsein hin geschaffen, das nicht gut ist für ihn, sondern in das Zueinander hinein. Er muß sich im andern suchen und finden.

Es folgt in diesem Genesis-Text dann ja auch der prophetische

Spruch, deshalb werde der Mann Vater und Mutter verlassen und

mit der Frau ein Fleisch werden. Sie werden ein Fleisch miteinander sein, ein einiges Menschenwesen. Dieses ganze Drama der Bedürftigkeit der Geschlechter, der Verwiesenheit aufeinander, der Liebe, ist darin enthalten. Obendrein ist auch gesagt, daß sie beide dazu da sind, sich einander zu geben, um darin selbst neues Leben zu schenken und sich schließlich wieder diesem neuen Leben zu

widmen. In diesem Sinne ist das Geheimnis der Ehe enthalten und

im Grunde auch die Familie mit anvisiert.

Manchmal könnte man denken, Frauen sind, quasi als zweiter

Versuch, als verbesserte Schöpfung, besser gelungen als Männer.

Sie scheinen nicht nur die schöneren, sondern möglicherweise

auch die entwickelteren Menschen zu sein.

Ich möchte diesen Streit ungern aufrollen. Daß den Frauen besondere Gaben gegeben sind, daß sie in mancher Hinsicht leidensfähiger und stärker sind, ist unbestreitbar. Daß sie gerade mit dieser besonderen Weise des Lieben-Könnens, die ihnen mitgegeben ist, einen anderen Menschen in sich tragen und sich selbst, Fleisch und Blut ihm geben können, das alles gibt der Frau eine

bestimmte Auszeichnung und eine ganz eigene Größe. Im übrigen

sollten wir uns, Mann und Frau, Gott überlassen und versuchen,

im Miteinander das Ganze des Menschseins zu erfüllen.

Die Frage ist, ob Mann und Frau in Wirklichkeit nicht vielleicht zwei grundverschiedene Wesen sind?

Ja, aber der wollen wir widerstehen. Es ist der eine Mensch. Und

weil der Körper nicht nur eine äußere Zutat zum Menschen ist, ist 77

 

die leibliche Verschiedenheit natürlich eine Verschiedenheit, die den ganzen Menschen durchdringt und sozusagen zwei Weisen

des Menschseins darstellt. Ich denke, man muß sowohl falschen

Egalitäts-Theorien wie falschen Unterscheidungs-Theorien widerstehen.

Falsch ist, wenn man Männer und Frauen über den gleichen

Kamm scheren und sagen will, diese winzige biologische Differenz besagt überhaupt nichts. Das ist ja eine Tendenz, die heute herrscht. Es schaudert mich persönlich immer noch, wenn man

die Frauen zu Soldaten wie die Männer machen will, wenn sie, die

doch die Hüter des Friedens waren und in denen wir eigentlich die Gegenkraft gegen den männlichen Rauf-und Kriegswillen gesehen haben, jetzt auch mit Maschinengewehren herumlaufen und zeigen, daß sie genauso kriegerisch sein können. Oder daß Frauen

nun auch das »Recht« haben, Müllabfuhr zu machen und ins

Bergwerk zu gehen, alles, was man ihnen eigentlich aus Respekt

vor ihrer Größe, ihrem größeren Anderssein, ihrer eigenen Würde

nicht antun sollte, das wird ihnen nun im Namen der Gleichheit

auferlegt. Das ist meiner Meinung nach auch eine leibfeindliche,

manichäische Ideologie.

Aber sie ist beileibe keine Erfindung unserer Zeit.

Platon hatte gesagt, man soll Männer und Frauen in die gleichen

Kasernen tun, sie sollen alle das gleiche machen, denn die Biologie zählt nicht. Was alleine am Menschen zählt sei der Geist, und wenn dann Kinder entstehen, so soll man diese in eine Staatskrippe geben. Im Grunde ist diese Gleichheitsideologie ein Spiritualismus, eine Art von Leibverachtung, die nicht anerkennen will, daß gerade der Leib selber der Mensch ist. Deswegen, finde ich, erhöht dieser Typ von Egalitarismus die Frau nicht, sondern nimmt ihr

ihre Größe. Er reißt sie herunter ins Gewöhnliche, indem sie vermännlicht wird.

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Andererseits gibt es natürlich auch eine falsche Differenzideologie.

Durch sie wurde es dann üblich, Frauen als die niedrigeren Wesen

anzusehen, die nur zum Kochen und Putzen da sind, während die

Herren der Schöpfung reden und Kriege führen und sich als eine

Kaste fühlen, die das Höhere tut. Frauen wurden von daher als nur fleischlich, sinnlich, dem Geistigen nicht offen, nicht schöpferisch und was auch immer angesehen. Damit ist die Differenzideologie

zum Kastenwesen übersteigert. Mit dieser Vorstellung wird die

Einzigartigkeit der Schöpfung Gottes nicht gesehen, die in der

Verschiedenheit doch Einheit und Komplementarität ist.

Nicht selten enden Partnerschaften allerdings wirklich in einem geschlechtsspezifischen Zwist.

Mann und Frau gehören zueinander. Sie haben ihre Gaben, die sie

entfalten sollen, um auf diese Weise die ganze Weite des Menschseins zur Erscheinung und zur Reife zu bringen. Daß gerade diese Verschiedenheit in der Einheit auch Spannung enthält und zu Zer-reißproben führen kann, wir wissen es. Das ist ja auch in jeder Freundschaft so. Je näher man sich ist, desto mehr kann man sich

auch in die Haare kriegen.

Die Liebe ist ein Anspruch, der mich nicht unberührt läßt. In ihm kann ich nicht einfach schlicht ich bleiben, sondern ich muß mich immer wieder verlieren, indem ich zugehobelt werde, verwundet

werde. Und gerade dieses, denke ich, gehört auch zur Größe, zur

heilenden Macht der Liebe, daß sie mich verwundet, um meine

größeren Möglichkeiten hervorzubringen. Insofern darf man sich

Liebe nicht nur romantisch vorstellen, daß sozusagen der Himmel

auf beide herabkommt, wenn sie sich gefunden haben und von da

an alles nur noch gut ist.

Die Liebe muß man sich als Passion vorstellen. Nur wenn man

bereit ist, sie als Passion zu ertragen und sich so immer wieder

neu ineinander anzunehmen, dann kann auch eine lebenslange

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Partnerschaft reifen. Wenn man dagegen dann, wenn es kritisch

wird, sagt, das möchte ich vermeiden und auseinandergeht, dann

versagt man sich gerade die wirkliche Chance, die in dem Zueinander von Mann und Frau und damit in der Realität der Liebe liegt.

Jenseits von Eden – der Sündenfall

Wir haben bereits von einer gewissen Störung in der Schöpfung

gesprochen. Dieser Annahme liegt die Lehre von der Erbsünde

zugrunde, die durch Augustinus ausgeprägt wurde. Sie war und ist in ihrer Schärfe auch innerhalb der Kirche immer wieder umstritten. Die Geschichte besagt, daß durch die Sünde Adams, der sich von Gott abgewendet und durch die Verführung Evas vom Baum

der Erkenntnis gegessen hatte, der Tod und die Sünde in die Welt gekommen sind. In der Genesis heißt es sogar, plötzlich hatten die Menschen Angst vor Gott. Kann der Sündenfall wirklich als das

Wesensmerkmal des Menschen schlechthin gelten?

Als das Wesensmerkmal schlechthin nicht, aber als eine Realität, deren Gegenwart wir wahrnehmen können, – auch wenn wir

deren Ursprung nur in Bildern erkennen können. Ein mittlerweile

verstorbener Freund von mir, ein sehr kritischer Mensch, hat mir

einmal gesagt: Also mit vielen Dogmen habe ich Schwierigkeiten.

Aber es gibt eines, das ich gar nicht glauben brauche, weil ich es jeden Tag erlebe, das ist die Erbsünde.

Bei unseren Überlegungen über den Menschen wird uns immer

wieder eine Bruchlinie zu Gesicht kommen, eine gewisse Störung

im Menschen, daß er nicht der ist, der er sein könnte. Diese Störung wird uns in der Genesis sozusagen als ein Anfangsdatum der

Geschichte angedeutet. Im Alten Testament wurde daraus noch

nicht die Konsequenz der Erbsündenlehre gezogen, wohl aber hat

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sich zunehmend deutlicher ein Bewußtsein dahingehend ausgebildet, daß die Menschen immer wieder zum Bösen neigen. Und der biblische Gott selbst sagt vor und nach der Sintflut: »Ich sehe schon, sie sind ja Fleisch, sie sind schwach, sie sind zum Bösen

geneigt.«

Die Erbsündenlehre ist von Augustinus thematisiert worden, das

ist richtig, sie ist aber in ihrem Kerngehalt bereits im Römerbrief des hl. Paulus enthalten. Paulus liest die Genesis-Geschichte im

Licht Christi noch einmal. Und er erkennt, daß diese Anfangsge-schichte bereits die ganze Geschichte erzählt. Von Anfang an sei beim Menschen dieser Hochmut vorhanden gewesen, selber den

Schlüssel der Erkenntnis zu haben, Gott nicht zu brauchen und

auch den Schlüssel zum Leben zu haben, nicht sterben zu müssen

und so weiter. Aus dem Sichzurückziehen vor Gott folgt schließlich ein Sichverstecken vor Gott. Die Vertrautheit der Liebe wird plötzlich zur Furcht vor dem gefährlichen und übermächtigen

Gott.

Heißt das, der Mensch war von Anfang an von der Obsession des

Wissens beherrscht, und das ist sein ganzes Unglück?

Die Erzählung der Genesis ist für Paulus jedenfalls ein Bild dafür, daß es diese Störung auf geheimnisvolle Weise von Anfang an gibt.

Sie ist ein Befund der ganzen menschlichen Geschichte, mit dem

wir rechnen müssen. Dieser Befund konnte allerdings erst in dem

Augenblick voll ausgesprochen und gedacht werden, in dem die

Gegenkraft in Erscheinung getreten war. Erst nachdem Christus

gekommen war und den Gegenschritt gesetzt hatte, konnte das

andere ertragen und konnte sozusagen zugegeben werden, daß es

so ist.

Zum Römerbrief des Paulus kommt auch noch der Philipperbrief,

zweites Kapitel, ein urchristlicher Hymnus, den Paulus schon

vorgefunden hat. Die Bewegung Adams ist demnach die, nun

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selber den Erkenntnisschlüssel an sich zu reißen und damit das,

was Gott sich vorbehalten hatte, zu haben. Er will sich gleichsam auf die Höhe Gottes erheben und seiner nicht bedürfen.

Gott wiederum macht eine Gegengeschichte, indem er sich in Christus herunterbegibt bis in die Armseligkeit des Menschseins und zum Tod am Kreuz. Er stößt uns damit erneut die Tür auf, durch

die wir wieder zu Gott kommen können, und läßt uns den Hochmut als den eigentlichen Kern aller Sünden erkennen. Zugleich leidet er mit, um uns auch wieder in die Familiengemeinschaft mit Gott hineinzuziehen. Ich glaube deshalb, man darf den Genesis-Bericht nie lesen, ohne zugleich die Christusgeschichte mitzudenken.

Aber die Erbsünde ist doch seit dem Kreuzestod Christi nicht aus der Welt geschafft.

Nein, das sehen wir alle, sie ist da. Aber was vorher nur eine

rätselhafte Barriere und eine Störung gewesen ist, über die wir

nicht hinüberkommen konnten, hat seine Antwort gefunden in

dieser vergebenden Kraft Gottes. Sie macht unsere Aktion, unser

Leben, unser Handeln nicht unwichtig, stellt es aber in einen

anderen Kontext und gibt uns damit selber auch ein Lebensmodell

des Glaubens vor, das gleichsam im Mitgehen mit Christus auch

ein Weg der Überwindung dieser Störungen ist.

Gott hat allerdings nicht nur Adam und Eva von der heiligmachenden Gnade ausgeschlossen, sondern das ganze Menschenge-schlecht. Warum? Was können wir Nachgeborenen dafür?

Es ist wirklich die große Frage, wie dieses Wort vom Erbe, von der kontinuierlichen Präsenz dieser Störung, eigentlich zu verstehen

ist. Sicher bleiben auch hier unsere Antworten irgendwo stecken.

Aber lassen Sie uns Ihr Stichwort von der heiligmachenden Gnade aufgreifen.

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Der Verlust dieser Gnade bedeutet ja eine Beziehungsstörung. Die

ursprüngliche, vertrauensvolle, lebendige Beziehung mit Gott, die zugleich auch die Beziehungen der Menschen untereinander heilt,

wird zerrissen, die Beziehung ist gestört, Gott wird dunkel. Wir

verstecken uns vor ihm, und weil wir unsere eigenen Verstecke so

gut gebaut haben, sehen wir ihn auch nicht mehr.

Es ist diese Beziehungsstörung, die beziehungsgestörte Welt, in die wir bei unserer Geburt hineintreten. Und wir sehen ja dann, das

ist in der Bibel psychologisch großartig dargestellt, wie nach dem Sündenfall in dem Gespräch mit Gott Adam und Eva sich sofort

gegenseitig beschuldigen und einander die Schuld zuschieben. Die

gestörte Beziehung zu Gott bringt sie also sofort gegeneinander

auf. Denn wer gegen Gott aufgebracht ist, der ist es dann auch

gegen den andern.

Der Verlust der heiligmachenden Gnade als Kern der Erbsünde

will also sagen, es ist eine Beziehungsstörung eingetreten, die zu einem Bestandteil des menschlichen Geschichtsgefüges geworden

ist. Eben weil wir nicht einzeln daran schuld sind, sondern schon in sie hineintreten, brauchen wir dann den, der die Beziehung

wieder richtigstellt. Und weil Gott den Menschen ja nicht irgendwie einfach martern oder foltern oder positivistisch bestrafen will, macht er sich selbst zu dem, der die Beziehung wiederherstellt

und somit die Störung überwindet. Sobald wir Erbsünde sagen, eine gestörte Beziehung, in deren Störungen wir hineingeworfen

werden, müssen wir immer dazu sagen, daß Gott sofort begonnen

hat, die Beziehung neu zu knüpfen und zu heilen. Wenn wir den

Begriff der Erbsünde ohne diese Antwort Gottes bereden, geraten

wir tatsächlich ins Absurde hinein.

Da gingen beiden die Augen auf, heißt es weiter in der Bibel,

»und sie erkannten, daß sie nackt waren. Sie hefteten Feigenlaub zusammen und machten sich Schürzen daraus«. Ich denke, es

ist kaum anzunehmen, daß ein so alter und elementarer Mythos

etwas mit zimperlicher Moral zu tun hat?

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Nein, sicher nicht. Es kommt darin zum Vorschein, daß der

Mensch, der nicht mehr im Glanz Gottes steht und auch den

andern nicht mehr in diesem Glanz sieht, auch voreinander wie

nackt ist und nicht mehr einfach einer den anderen annehmen

kann. Auch hier hat die Normalität der Beziehungen gelitten. Wir

verstecken uns durch das Kleid voreinander – oder müssen uns

dadurch sozusagen sozial ausweisen. Das Kleid ist damit eine symbolische Darstellung des Selberseins, mit der wir unsere Würde, die inwendig verletzt ist, äußerlich wieder herstellen wollen.

Mit einer Theologie oder Philosophie des Gewandes, die darin

steckt, ist sicher auch eine tiefe anthropologische Einsicht angesprochen, über die man im einzelnen, glaube ich, noch reflektieren muß. Aber bestimmt geht es nicht einfach darum, eine prüde Moral als Folge der Erbsünde zu statuieren.

Von der Seele

Nicht nur woher wir kommen, auch wie wir sind, bleibt eine Grundfrage des Menschen. Der hl. Augustinus hat diese Sehnsucht formuliert. In allem hatte sein Interesse, lange vor Sigmund Freud, vornehmlich zwei Dingen gegolten, wie er selbst sagt: »Gott und die Seele will ich kennen, sonst nichts.«

Die Schöpfungsgeschichte unterscheidet dabei zwei große Reiche.

Das Reich der körperlichen Dinge und das Reich der Geister. Der Mensch steht in der Mitte, er nimmt folglich an beiden Reichen teil.

Er ist zusammengesetzt aus Leib und Seele, als Körper und Geist.

Und seine Seele ist ein geistiges Wesen. Ist das kurz gesprochen so etwas wie unsere Grundausstattung?

Gewissermaßen. Der Mensch ist eben diese Brücke. Er ist dieses

Ineinandertreffen von materieller und geistiger Welt und nimmt

damit im ganzen Gefüge der Schöpfung eine besondere Stellung

ein.

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Durch den Menschen hebt sich die Materie in den geistigen Bereich hinein, und durch diese Verbindung erscheint beides miteinander

auch als kompatibel. Die Materie ist nicht mehr eine Sache, neben der untrennbar und unverbindbar der Geist stehen würde. Die

Einheit der Schöpfung kommt gerade darin zum Vorschein, daß

im Menschen beides sich miteinander verbindet. Das gibt ihm

eine ganz ausgezeichnete Funktion, nämlich Miteinheitsträger der

Schöpfung zu sein, in sich Geist zu inkarnieren, und umgekehrt in sich die Materie zu Gott mit hinaufzuheben – und damit alles in

allem zu der großen Symphonie der Schöpfung beizutragen.

Der Gen-Code des Menschen gilt nunmehr als nahezu entschlüsselt. Eines aber werden die Wissenschaftler vermutlich immer noch fragen müssen: Wo ist der Sitz unserer Seele? Weiß es der Glaube?

So wie man Gott nicht geographisch irgendwo ansiedeln kann,

sagen wir oberhalb des Mars oder sonstwo, so kann man auch die

Seele nicht geographisch festmachen, weder im Herzen noch im

Hirn, wie es ja die beiden großen anthropologischen Positionen

der Antike getan haben. Die Seele ist anders. Sie ist nicht körperlich fixierbar, sondern durchdringt den ganzen Menschen. Das Alte Testament hat eine vielfältige seelische Symbolik entfaltet. Es spricht von der Leber, von den Nieren, vom Mutterschoß, vom

Herzen, also von den vielfältigsten Organen. Der ganze Körper

ist gleichsam in seelischen Funktionen präsent. Organe drücken

symbolisch Aspekte des menschlichen Seins und der menschlichen

Seele aus, zeigen aber auch, daß der ganze Körper beseelt ist und die Seele im ganzen sich auf ihre spezifische Weise ausdrückt. Insofern kann man sagen: Es gibt Konzentrationspunkte, aber eine Geographie der Seele gibt es nicht.

Ist das Gewissen, das einen manchmal schrecklich plagt, auch ein 85

 

Teil der Seele? Oder ist das Gewissen, wie manche glauben, nur anerzogen?

Natürlich ist das Gewissen in seinem Funktionieren etwas Lebendiges. Es kann daher in einem Menschen verkümmern oder in ihm reifen. Daß das Gewissen auch von den sozialen Realitäten,

die mich umgeben, in seiner konkreten Funktionsweise bestimmt

wird, das kann man gar nicht leugnen. Im sozialen Umfeld liegen sowohl die Hilfen, damit es erwacht und sich bildet, aber auch die Gefährdungen, die es abstumpfen oder in eine falsche

Richtung weisen – die sozusagen ein falsches Gewissen, sei es ein skrupulöses, sei es ein laxes, ausbilden können.

Gibt es gewissenlose Menschen?

Ich wage zu sagen, es kann nicht ein Mensch beliebig Menschen

umbringen und nicht wissen, daß das böse ist; irgendwo weiß

er es. Es kann nicht sein, daß ein Mensch, der einen andern in

extremer Not sieht, nicht spürt, daß er jetzt eigentlich etwas tun sollte. Es gibt sozusagen einen Urappell, der im Menschen da ist, ein Urgefühl für das Gute und für das Böse.

Und selbst wenn man den SS-Leuten anzuerziehen versuchte, daß

man für die germanische Rasse auch umbringen muß und daß

das dann etwas Gutes ist, und wenn Göring gesagt hat, unser

Gewissen heißt Adolf Hitler, und nur noch er der Maßstab war,

so haben diese Leute auch gewußt, daß das nicht etwas Gutes

ist. Und insofern wird in solchen elementaren Situationen der

Verletzung des Menschseins auch wieder deutlich, daß der Mensch

wirklich ein tiefstes, inneres Elementarwissen hat. Insofern ist

Moral nicht nur etwas ihm äußerlich Anerzogenes, sondern ist

als die Grundunterscheidung von Gut und Böse ein Teil seiner

geistigen Ausstattung.

In der Heiligen Messe heißt es an einer Stelle: »Und sprich nur ein 86

 

Wort, so wird meine Seele gesund.« Kann nur Gott unsere Seele

heilen?

Letztlich nur er, ja. Aber damit sie geheilt wird, hat er auch heilende Kräfte rund um uns herum aufgestellt. Auch hier gilt wieder, daß unser Gottesverhältnis sich über Menschen entwickelt. Gott

wollte es so, daß er durch Menschen zu uns kommt – und durch

sie gibt er dann im Bußsakrament auch das Wort, das im Grunde

nur er geben kann. Nur Gott kann letztlich sagen, diese Sünde ist vergeben, weil sie ja letztlich gegen ihn gerichtet ist.

Heilungen freilich brauchen auch immer das Mitgetragenwerden

von den anderen, ihr Verzeihen, ihr Annehmen, ihre Güte. Nur

in einem solchen, vom Glauben an Gott erleuchteten Prozeß des

Miteinanders bewirkt Gott auch die Heilungen, die wir brauchen.

Kritiker des Glaubens, die von einer verheerenden Gesamtbilanz des Christentums für die Zivilisation reden, bezeichnen Vorstellungen wie die von der Erbsünde als einen der »Geburtsfehler«

einer »alt gewordenen Weltreligion«. Solche Ideen seien reine Erfindungen und obendrein auch menschenverachtend, weil sie uns einimpften, wir hätten uns für »verderbt« zu halten.

Und eine moderne Lebensphilosophie sagt: Du schaffst alles,

wenn du nur willst; sorge dich nicht, lebe. Die christliche Grund-lehre vom Sündenelend und von Buße mutet hier ziemlich schwächlich an. Die wenigsten vermissen sie.

Das hatte ja vor allen Dingen auch Nietzsche gesagt, daß das Christentum eine Religion der Ressentiments ist, der zu kurz gekom-menen, die sich nun rächen, indem sie die Größe des Kleinseins erklären und die Ordnungen auf den Kopf stellen, indem sie nicht

den Starken verherrlichen, sondern den Leidenden. Es sei insofern die Philosophie der Sklaven, die sich hier rächen, indem sie den

Menschen mit der Sünde beladen.

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Der Gedanke, daß uns das Christentum verknechtet und die Kirche uns in ihrer Macht hält, indem sie uns die Sünde einredet und sich dann als die Vergebungsinstanz präsentiert, ist weitverbreitet.

Richtig ist, daß da, wo Gott aus dem Blickfeld des Menschen verschwindet, selbstverständlich auch der Begriff Sünde seinen Sinn verliert. Denn wenn Gott mich nichts angeht, wenn er sich nicht

für mich interessiert, dann kann es auch kein gestörtes Verhältnis zu ihm geben – weil es eben gar keines gibt. Damit scheint die Sün-de zunächst beiseite geräumt zu sein. Und im ersten Augenblick kann man meinen, dann wird das Leben wieder ganz lustig und

ganz leicht, es nimmt sozusagen die Operettendimensionen an.

Es hat sich allerdings sehr schnell gezeigt, daß der Operettenaugen-blick des Daseins nur ganz kurz dauert. Auch wenn der Mensch von Sünde nichts mehr wissen will und eine Plage seines Bewußtseins scheinbar losgeworden ist, merkt er doch, daß es Schuld gibt. Er kann es letzten Endes überhaupt nicht bestreiten, daß

es zwischen Du und Ich unausgeglichene Rechnungen gibt und

Schuldkonten zu begleichen sind. Nunmehr rücken gerade auch

die kollektiven Schulden ins Blickfeld.

Sehen wir uns das Panorama der Gegenwart an. Hier ist zwar die

Sünde gegen Gott weitgehend aus dem Bewußtsein gestrichen, um

so nachdrücklicher können wir aber die Schulden der Geschichte

aufzählen – das deutsche Volk kaut ja sozusagen an seinem Schuld-konto herum und leidet daran – , so daß man sieht, so einfach kann man das Problem nicht lösen. Indem man Gott und einen

Willen Gottes leugnet, kann man zwar den Begriff Sünde, aber

nicht die Problematik des Menschseins, die darin ausgedrückt war, beiseite schieben.

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Von der Freiheit

Die Gaben sind nach christlicher Lehre Geschenke Gottes für das Leben. Damit es einem gutgeht. Ist denn Freiheit auch eine Gabe –oder ist sie eher eine Gnade Gottes?

Unter Gnade verstehen wir eine Zuwendung Gottes zum Menschen. In ihr befaßt sich Gott auf eine neue, spezifische Weise mit ihm und gibt ihm etwas, was sozusagen nicht schon in der Schöpfung enthalten ist. Freiheit dagegen gehört zur Schöpfungs konstitution, zur geistigen Existenz des Menschen. Wir sind ja nicht einfach nach einem bestimmten Muster festgelegt und vorbestimmt. Die Freiheit ist dazu da, daß jeder einzelne sein Leben selbst entwerfen und mit seinem eigenen inneren Ja schließlich den Weg gehen kann, der seinem Wesen entspricht. In diesem Sinne

würde ich Freiheit nicht als eine Gnade bezeichnen, sondern eher

als eine Schöpfungs gabe.

Es fragt sich allerdings, was diese Freiheit wirklich wert ist. Wenn man’s drauf anlegt und sich auch die Freiheit nimmt, etwas zu tun, was Gott nicht gefällt, wird man bestraft bis in alle Ewigkeit.

Nun, was bedeutet denn Strafe in der Rede Gottes eigentlich?

Ist es etwas, was er einem aufbrummt, weil er seinen eigenen

Willen durchsetzen will? Nein, Strafe ist der Zustand, in den der Mensch gerät, wenn er sich von seiner eigentlichen Wesensgestalt

entfernt. Wenn er, um ein Beispiel zu sagen, jemanden umbringt.

Oder wenn er die Würde eines anderen Menschen nicht achtet,

wenn er der Wahrheit entgegen lebt und so weiter. Dann hat der

Mensch zwar seine Freiheit gebraucht, aber er hat sie zugleich

auch mißbraucht. Er hat das, woraufhin er entworfen ist, das

Konzept seiner Existenz, zerstört und zertrampelt – und zerstört

sich damit auch selber.

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Freiheit bedeutet, daß ich aus eigenem Wollen die Möglichkeiten

meines Seins annehme. Dabei ist es beileibe nicht so, daß es dann nur noch ein Ja oder Nein gibt. Denn auch oberhalb des Nein

eröffnet sich eine unendliche Spielart von schöpferischen Möglichkeiten des Guten. Im Grunde ist also unsere Idee, daß, wenn ich nicht nein zum Schlechten sage, mir die Freiheit schon genommen

ist, eine Pervertierung der Freiheit. Die Freiheit findet den großen schöpferischen Raum ja erst in dem Bereich des Guten. Die Liebe

ist schöpferisch, die Wahrheit ist schöpferisch – erst in diesem

Bereich gehen mir die Augen auf, da erkenne ich so vieles.

Wenn wir das Leben der großen Menschen, der Heiligen, betrachten, sehen wir, wie sie im Lauf der Geschichte schöpferisch ganz neue Möglichkeiten des Menschen zum Vorschein bringen, die ein

innerlich blinder oder stumpfer Mensch niemals wahrgenommen

hat. Mit anderen Worten: Die Freiheit kommt zu ihrer wirklichen Wirkung, wenn sie das Unentdeckte und Entdeckbare in dem großen Bereich des Guten entfaltet und damit die Möglichkeiten

der Schöpfungen erweitert. Sie verliert sich, wenn sie nur im Nein-Sagen den eigenen Willen bestätigt glaubt. Denn dann habe ich Freiheit zwar gebraucht, aber sie zugleich auch verzerrt.

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