Herr Kardinal, auch wenn wir durch den Fortschritt der Wissenschaften mehr und mehr in die Geheimnisse der Schöpfung eindringen – letztlich wird sie uns wohl immer ein Rätsel bleiben.
Warum hat Gott sich nicht einfach einmal hingestellt und gesagt: Also, alle mal herhören! Ich sage euch jetzt, wie es genau gewesen ist und wie das alles hier auf eurer kleinen Erde so funktioniert.
In der Tat ist die Schöpfung ein Geheimnis, und je mehr wir von
ihr erkennen, je mehr die Physik in diese feinstrukturierte Materie hineinschaut, desto geheimnisvoller wird sie. Die Geschichte der
Menschheit fügt mit ihren Unwägbarkeiten und Undurchschau-barkeiten noch einmal einen ganzen Kosmos von Geheimnissen hinzu.
Natürlich können wir dieses »Warum hat es Gott so gemacht?«
letztlich nicht erklären. Warum bleibt er so leise? Warum ist er
so schwach in der Welt? Das ist eine Frage, die sich gerade der
glaubende Mensch unweigerlich immer wieder stellen wird. Oder:
Warum ist er nicht eindeutiger, nicht unmißverständlicher? Andererseits müssen wir sehen: Wir stehen in einer endlichen Perspektive. Es würde uns nicht helfen, wenn wir jetzt plötzlich eine völlige Enträtselung, eine Durchschaubarkeit der Welt vor uns hätten,
die unsere Größenordnungen überschreiten würde. Wir können
eigentlich heute nur versuchen, Gott so anzunehmen, wie er ist,
und dem dann Sinn abzugewinnen.
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Welchen Sinn soll das haben?
Ich glaube, daß wir gerade dadurch, indem wir in das Abenteuer
einer nicht ins letzte durchschaubaren, aber doch sicher von seiner Liebe getragenen und geführten Geschichte hineingehen, Stück
um Stück sehend werden. Wir erhalten auf diese Weise die für
uns Menschen angemessene Aufgabe. Es geht nicht darum, ein
fertiges Rechenprodukt vor uns hingestellt zu bekommen, sondern
jeweils so viel, daß wir einen Weg gehen und darin selber etwas
zum Geheimnis und zur Größe der Welt beitragen können. Ich
würde sagen, es ist uns genug gegeben, um leben zu können. Und
die Grenze unseres Erkennens ist nicht nur eine Herausforderung,
sondern auch ein Geschenk. Es führt uns in das Abenteuer des
Weitergehens, des Erlernens hinein, in dem unsere Maße wachsen.
Voraussetzung hierfür ist tatsächlich immer wieder der Demutsakt, uns vor Gott zu beugen, den wir nicht durchschauen können.
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